Einwanderer aus Afrika "Mein Sohn wird eine bessere Zukunft haben als ich"
Carole aus Kamerun, sie lebt heute bei Grenoble, Frankreich:
"Ich war nie in der Schule. Mein Vater glaubte, dass Mädchen nicht in die Schule gehören. Er sagte, ich solle mich lieber auf die Hausarbeit konzentrieren und darauf zu heiraten. Und doch wusste ich immer, dass mein Vater nicht recht hatte. Ich sehnte mich danach, etwas zu lernen. Freunde motivierten mich, darüber nachzudenken, mein Land zu verlassen. Sie sagten, wenn ich ginge, könne ich ein besseres Leben haben. Also verließ ich Kamerun und landete für zwei Jahre in Algerien. Ich bekam einen Sohn. Als er drei Monate alt war, stieg ich auf ein Schiff Richtung Europa. Drei Tage waren wir auf See. Es war sehr kalt. Wir hatten keine Westen, keine Decken, keinen Schutz, wenig zu essen. Ich würde nicht mal meinen ärgsten Feind auf diese Reise schicken. Danach verbrachte ich sechs Monate in einem italienischen Camp. Die Bedingungen waren unmenschlich. Am Ende schaffte ich es nach Frankreich. Es gefällt mir hier. Ich wünsche mir eine Arbeitserlaubnis, damit ich etwas anderes als Haarstyling lernen kann. Egal was passiert, ich weiß, dass mein Sohn eine bessere Zukunft als ich haben wird." Befragt wurden sie und rund 3000 weitere Einwanderer aus Afrika im Auftrag der UNDP. Ihre Angaben sind nun in die Studie "Scaling Fences" einflossen - mit erstaunlichen Ergebnissen. mehr...
Vivan (Mitte) mit ihren Töchtern, sie kommt aus Nigeria und lebt in Spanien:
"Ich lebe seit fast 20 Jahren in Europa. Meine Eltern schickten mich damals nach Spanien zu einer Tante. Als ich ankam, war ich einen Monat im Flüchtlingscamp, bevor ich eine Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung bekam. Als meine Tante mich abholte, sollte ich ihr die Dokumente übergeben. Ich verstand schnell: Meine Tante und ihr Mann betrieben einen Sexhandel und lockten mit ihren Tricks junge afrikanische Frauen in die Prostitution. Ich selbst habe meine Kunden abgewiesen - und so fast kein Geld verdient. Also entschied meine Tante, sie könne mich nicht bei sich behalten. Wir einigten uns, dass ich nach Valencia gehen und Geld verdienen solle, um ihr meine Schulden für den Weg nach Europa zurückzuzahlen: 20.000 Dollar. Nach einigen Monaten traf ich einen Mann. Er half mir, das Geld zurückzuzahlen. Danach habe ich jeden Kontakt zu meiner Tante unterbunden. Ich bekam meine erste Tochter im Jahr 2003, meine zweite sieben Jahre später. Die beiden will ich schützen, damit sie niemals in die Prostitution abrutschen. Und ich setze mich für die Rechte von Migranten ein."
Miguel aus Kamerun, er lebt in Frankreich:
"Ich bin in Armut aufgewachsen, das Leben im Dorf war hart. Hätte ich dort eine Arbeit gefunden, hätte ich meine Heimat nicht verlassen. Aber wenn es nicht gut läuft, wenn du feststeckst, musst du gezwungenermaßen aufbrechen - um bessere Bedingungen woanders zu finden. Es bleibt keine Wahl. Es geht ums Überleben. Ich bin glücklich mit meinem neuen Leben in Frankreich. Ich habe alles, was ich mir erträumte: einen Job, ein Haus, ein Auto, Zugang zu sozialen Dienstleistungen. Es geht mir gut. Es ist nicht selbstverständlich, hierher zu kommen, eine Arbeit zu finden und Geld zu verdienen. Es ist eine Schande, dass man Tausende Kilometer reisen muss, in ein anderes Land, um ein besseres Leben zu finden. Ich mache vor allem die afrikanischen Regierungen verantwortlich: Es wäre so einfach: Schafft Chancen für die jungen Leute. Schickt die Kinder in die Schulen. Gebt unseren Mädchen und Frauen eine Stimme. Gebt uns Zugang zur Gesundheitsvorsorge. Meiner Familie zu Hause erzähle ich die Wahrheit über mein Leben hier. Wie schwer es ist, sich zu integrieren und Erfolg zu haben. Ich fühle mich verantwortlich, ehrlich zu sein. Denn ich kenne ihre Situation. Ich weiß, wie es sich anfühlt, gefangen zu sein."
Helen aus Nigeria, sie lebt heute in Italien:
"In Afrika zu bleiben hieß entweder: früh heiraten. Oder: früh ein Kind bekommen. Beides hätte meine Träume platzen lassen, ich wollte das nicht. Über Libyen kam ich nach Europa. Ein Jahr arbeitete ich in Libyen als Putzfrau bei einer spanischen Familie, die mich sehr gut behandelte. Als der Konflikt dort größer wurde, kehrte die Familie zurück nach Spanien und fragte mich, ob ich mit wolle. Zu dem Zeitpunkt hatte ich leider noch keinen Pass. Also nahm ich die Dinge selbst in die Hand und landete irgendwann in Italien. 2014 war das, und noch immer schlage ich mich hier irgendwie durch. Ich beschwere mich nicht darüber. Manchmal fühle ich mich akzeptiert, manchmal aber auch wie eine Fremde. Die Sprache ist eine große Barriere, wenn man sich integrieren oder sich für einen Job oder ein Studium bewerben will. Ich hatte Glück. Ich arbeite als Sekretärin. Außerdem singe und schreibe ich, und leite einen Chor in einem Flüchtlingscamp."
Kone, von der Elfenbeinküste, er lebt in Frankreich:
"Ich wünschte mir ein Leben, in dem ich Geld verdienen und meine Mutter und Geschwister versorgen kann. Mein Land bietet jungen Leuten diese Perspektive nicht. Also musste ich mein Leben selbst in die Hand nehmen. Ich bin seit zwei Jahren in Frankreich. Hier habe ich ein paar Freunde aus verschiedenen Teilen Afrikas gefunden, aber auch Franzosen sind darunter. Es kann hier sehr einsam sein. Ich hätte nicht gedacht, wie schwer es sein würde, in der französischen Gesellschaft Fuß zu fassen. Wenn du von Europa hörst, denkst du, es ist voll unbegrenzter Möglichkeiten. Wenn du da bist, merkst du: Du wirst nicht wie ein Bürger behandelt. Da sind viele Hürden, bevor du ein normales leben beginnen kannst. Für mich war es eine harte Zeit, bis ich endlich eine Aufenthaltsgenehmigung bekam. Ich vermisse meine Mutter sehr, rufe sie oft an. Ich sage ihr, alles sei okay, auch wenn es nicht immer stimmt. Ich arbeite als Koch. Ich würde gern eines Tages ein eigenes Restaurant führen. Vielleicht nenne ich es 'Chez Kone', 'Bei Kone'. Was ich sicher weiß: Ich würde afrikanisches Essen kochen."