Modeschöpfer Ernst Dryden - DER SPIEGEL
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Modeschöpfer Ernst Dryden Der unbekannte Zweite

Grace Moore, Jane Wyatt und Marlene Dietrich trugen seine Modelle - über die wahre Identität ihres Kostümbildners Ernst Dryden wussten sie wahrscheinlich nichts. Sowohl dessen Vorleben als auch sein Nachlass unter dem Namen Deutsch blieben lange unentdeckt - bis 1976 seine frühere Geliebte starb. Von Fred Bergmann
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Das mondäne Leben: Während das mondäne Leben der Goldenen Zwanziger seinen Höhepunkt erreicht, gelingen dem prominenten Designer Ernst Dryden die spektakulärsten Mode-Entwürfe und Werbegrafiken. Seine Werke repräsentieren nicht nur den Lifestyle dieser Zeit - sie beflügeln ihn förmlich: Elegant, extravagant und exklusiv sind die Attribute seiner Kunst.

Als diese Illustration von Dryden auf der Titelseite der Zeitschrift "Die Dame" im November 1929 erscheint, hat die Börsenglocke der Wall Street am Schwarzen Freitag gerade die Zeitenwende eingeläutet. Alles wird sich dramatisch verändern - auch die Karriere von Ernst Dryden.

Foto: Fred Bergmann/MARKENSCHAETZE.DE
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Haute Couture aus Paris: Wie schon zuvor bei Knieze in Wien und Chanel in Paris entwirft Ernst Dryden auch für das aufstrebende Pariser Modehaus Jane Regny nicht nur die Mode, sondern liefert die Werbegrafik gleich dazu.

Diese Werbeanzeige erscheint 1928 in der September-Ausgabe der deutschen Vogue. Der selbstbewusste Polo-Spieler mit seiner lässigen Haltung am teuren Hispano-Suiza sorgt für ein sportliches und elegantes Image: Modelle von Jane Regny gehören zur Haute Couture.

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Glimmstengel für die moderne Frau: Eine spektakuläre Werbekampagne entwirft Ernst Dryden 1928 für Waldorf-Astoria. Unter dem Namen "Blaupunkt" will die Tabakfirma eine Zigarettenmarke für die moderne Frau der Goldenen Zwanziger etablieren. Drydens Werbegrafiken zeigen diesen Frauentyp in mondäner Modeszene, als sportliche Autofahrerin, Polospielerin bei einer Zigarettenpause oder als waghalsige Pilotin.

Waldorf-Astoria wird 1929 vom Haus Neuerburg, dem damals größten deutschen Tabakkonzern, übernommen und liquidiert. Von dem Werbegrafiker trennt sich der Neue Eigentümer allerdings nicht, sondern beauftragt ihn mit der Fortsetzung seiner sogenannten Frauenwerbung für die eigene Marke "Ravenklau". Atemberaubende Werbemotive kreiert Dryden zwischen 1929 und 1930 für diese Zigarettenmarke.

Die kreative Zigarettenwerbung für die Damenwelt findet Anfang der dreißiger Jahre ein jähes Ende. Zum einen passt ihre elitäre Bilderwelt nicht mehr zur Realität der Weltwirtschaftskrise und zum anderen das moderne Frauenbild nicht mehr zu dem der Nazis. Der Reemtsma-Clan übernimmt das Haus Neuerburg und setzt sich mit ganz anderen Zigaretten-Positionierungen auseinander: Die Wettbewerbsmarken heißen Sturm, Trommler, Alarm und Neue Front.

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Mit dem Zeichenstift bewaffnet: Seit Dezember 1915 setzt die österreichische k.u.k. Armee den prominenten Zeichner Ernst Deutsch bei der Luftwaffe ein. In seiner deutschen Wahlheimat zerstört währenddessen das Buch "Die Schwarze Liste" von Hans Reimann seine Bilderbuchkarriere als Berliner Plakatkünstler mit schweren Plagiatvorwürfen.

Diese einfache Skizze aus dem Soldatenleben von 1917 verwendet der Motorenhersteller Austro-Daimler noch als Werbegrafik. Das Motiv gehört zu den letzten bekannten Arbeiten, die die Signatur von Ernst Deutsch trägt. Der Künstler startet nach dem Krieg seine neue Karriere 1919 in Wien unter dem Namen Ernst Dryden.

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American Bar: Die Mainzer Sektkellerei Kupferberg beauftragt 1911 den Newcomer Ernst Deutsch mit einer Serie von Werbeanzeigen für seine Marke Kupferberg Gold. Menschen in Sektlaune und elegantem Ambiente - das ist die Szenerie, in der der Auftraggeber seine Marke zeigen möchte.

So entsteht auch die Anzeige mit dem Titel "American Bar", die im Oktober 1912 in der Zeitschrift "Jugend" veröffentlicht wird. Die angesagte Bar des Stararchitekten Adolf Loos in der Wiener Innenstadt wird zur Bühne für die Sektmarke. Elegant gekleidete Nachtschwärmer in ausgelassener Flirtstimmung freuen sich auf den prickelnden Genuss des Abends.

Bereits in diesen frühen Zeichnungen von Ernst Deutsch wird sein Gespür für die Elegante Welt und die Mode deutlich - ein Talent, auf das seine weitere Karriere gründen wird.

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Göbbels Rotstift: Die Creme de la Creme der zeitgenössischen Kunstszene gestaltet in den Goldenen Zwanzigern die Umschlagseiten der legendären Ullstein-Zeitschrift "Die Dame". Wenn es jedoch um die Titelseiten der wichtigen Frühjahrs- und Herbstmoden-Hefte geht, setzt der Verlag auf seinen Art Director Ernst Dryden. Er ist selbst prominenter Modedesigner für die Pariser Haute Couture und ein begnadeter Zeichner.

Zwischen 1926 und 1933 illustriert er mit unzähligen Zeichnungen die Pariser Modelwelt für das deutsche Blatt und entwirft zum Teil spektakuläre Titelseiten - zur Freude der Leserschaft und zum Wohl des Verlagsgeschäftes. Nach der Machtübernahme durch die NSDAP und Abschaffung der Pressefreiheit in Deutschland, beendet der Künstler seine Mitarbeit bei Ullstein. Seine letzte Titelseite für "Die Dame" erscheit im September 1933 - zwei Monate später emigriert er in die USA.

Im gleichen Heft finden wir unter dem Titel "Herbst- und Wintermode - deutsche Modelle" von Prof. Sigmund von Weech eine Erklärung für Drydens Emigration:
"Wir Deutsche litten von jeher an einem zu kleinen Selbstvertrauen und an einem unverbesserlichen Autoritätenglauben dem Ausland gegenüber. Ich möchte jedoch der eleganten modischen deutschen Frau an dieser Stelle sagen, dass unser deutsches Volk ausgezeichnet künstlerisch-modeschöpferische Persönlichkeiten besitzt."

Göbbels Rotstift hat die Pariser Haute Couture gestrichen.

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Bugattiwerbung in Bauhaus-Ästhetik: Eigentlich hält Ettore Bugatti nichts von Werbung. Die Qualität seiner sportlichen Automobile und ihre Rennerfolge seien ja bereits die beste Empfehlung für seine Marke. Bisweilen greift der Automobilbauer jedoch selbst zum Zeichenstift, um eine Werbeanzeige zu gestalten oder beauftragt Künstler vom Kaliber eines Ernst Dryden damit.

Der Autonarr und Bugatti-Fan Dryden gestaltet insgesamt drei Werbegrafiken für seinen Auftraggeber - 1927 eine davon im Sinne der neuen Bauhaus-Ästhetik: Als dominantes Stilmittel verwendet der Künstler Kobaltblau, die Markenfarbe von Bugatti. Auf diesem Hintergrund wirken die weißen Silhouetten der Fahrzeuge und Buchstaben des Markennamens wie Skulpturen - kein überflüssiges Bildelement stört die Inszenierung. Auch Drydens eigener Typografiesatz lässt die Grundidee funktionalistisch ausgerichteter Formen erkennen und verzichtet auf Großbuchstaben.

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Zeichen der Zeit: Die obere Bildreihe zeigt typische Signaturen von Ernst Deutsch zwischen 1911 und 1918. Unter dem neuen Namen Ernst Dryden entwickelt der Künstler seine Signatur systematisch zur Marke für Grafik und Modedesign weiter. Ab 1929 signiert Dryden nur noch mit seinem Monogramm: Das stierende Monokel-Auge wird zum unverwechselbaren Markenzeichen seiner Werke.

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Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?