Montagsdemonstranten - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Erinnerungen an '89 Was wurde aus den Demonstraten?

Sie rangen die Diktatur nieder, doch was wurde dann aus ihnen? Vor 20 Jahren brachten Zehntausende Montagsdemonstranten die SED-Herrschaft zu Fall. Vier Fotografen haben mutige Leipziger von damals auf alten Bildern ausfindig gemacht - und ihre Lebensläufe seither begleitet.
1 / 16

Kämpfen für Veränderung: Jens Eßbach demonstriert im Herbst 1989 mit Tochter Franziska auf den Schultern auf dem Leipziger Karl-Marx-Platz für eine Erneuerung der DDR. "Wir wollten Veränderung für dieses Land, doch spätestens ab Ende Oktober 1989 dominierten die Forderungen nach dem Anschluss an die BRD", meint Eßbach heute.

Foto: transit/ Christiane Eisler / transit
2 / 16

Die Fahne hochhalten: Zehn Jahre, nachdem ein Pressefotograf Jens Eßbach uns seiner Tochter Franziska als Montagsdemonstranten im Leipziger Herbst knipste, posieren die beiden 1999 in ihrer Wohnung noch einmal für die Kamera. Das kleine Transparent, das Franziska damals schwenkte, hat sich über die Wende gerettet - manche Träume von 1989 nicht. Dennoch ist die Bilanz für Vater Jens unter dem Strich eher positiv: "Mir hat das Ende der DDR Entwicklungsmöglichkeiten gebracht, die ich vor der Wende nicht hatte."

Foto: Christiane Eisler/transit
3 / 16

Vater und Tochter: Fast 20 Jahre ist es her, dass Jens Eßbach mit seiner kleinen Tochter auf dem Leipziger Karl-Marx-Platz für Reformen in der DDR demonstrierte. Inzwischen heißt der zentrale Ort der Montagsdemos längst wieder Augustusplatz und Franziska ist so alt wie damals ihr Vater. Der leitet heute das Sozialmanagement der städtischen Wohnungsbaugesellschaft. "Meine Arbeit füllt mich aus und ich habe das Gefühl, das Richtige zu tun", sagt Jens Eßbach. Für Deutschland wünscht er sich, dass das Volk "sich seiner Kraft, die 1989 alles veränderte, wieder bewusst" wird.

Foto: Christiane Eisler/transit
4 / 16

Mit Kind, Kerze und Kamera: Lutz Knauth (r.) und seine Frau Katja Schürpel am 18. Dezember 1989 mit Kind, Kerze und Kamera bei einer Montagsdemo auf dem Leipziger Augustusplatz. Es war die erste Demonstration, zu der Knauth seine Frau und die kleinen Tochter Louise mitnahm. "Wir hatten auch irgendwie Angst, es war ein mulmiges Gefühl", erinnerte sich Katja Schürpel später. "Aber ich wollte unbedingt hin, und es waren einmalige, bewegende Momente, mitten unter diesen 100.000 Menschen auf dem damaligen Karl-Marx-Platz zu sein."

Foto: transit
5 / 16

Angekommen: Lutz Knauth und Katja Schnürpel 1999 in ihrer Leipziger Wohnung. Er hatte schon Anfang 1990 seinen Job als Kameramann beim DDR-Fernsehen aufgegeben und arbeitet seither freiberuflich, sie ist Buchhändlerin. Materiell geht es ihnen bestens. "Wir können uns eine große Wohnung leisten, haben zwei Autos und verreisen oft", sagt Lutz Knauth. Aber er sieht auch Schattenseiten, besonders die soziale Ungerechtigkeit und "dass so viele Fehler noch einmal gemacht werden, die im Westen in den siebziger Jahren verzapft worden sind".

Foto: transit
6 / 16

Hinterm Tor zur Freiheit: Die Familie Knauth 2009 in ihrem Haus. Lutz Knauth hat heute seine eigene TV-Produktionsfirma. Er ist begeisterter Hobbypilot - ein Sport, den er in der DDR nicht ausüben durfte. "Meine Sichtweise auf 1989 ist auch 20 Jahre später noch dieselbe", sagt er. "Wir haben damals das Tor zur Freiheit aufgemacht, haben danach hart für unseren Wohlstand gearbeitet. Das war nicht leicht - aber was wir heute haben und sind, ist unser Verdienst."

Foto: Christiane Eisler/transit
7 / 16

Fröhliche Opposition: Im Januar 1989 musste Jochen Läßig eine Woche ins Gefängnis, weil er gemeinsam mit anderen eine Demonstration organisiert hatte. Er verlor seine Arbeit und verdiente seinen Lebensunterhalt ein Jahr lang als Straßenmusiker - für die DDR-Behörden galt er als "Asozialer". Die Wende war für Lässig ein Aufbruch zu einem anderen Leben: "Es war, als hätte ich eine zweite Chance bekommen."

Foto: transit
8 / 16

Vom Oppositionellen zum Anwalt: Zehn Jahre nach der Herbstrevolution ist Jochen Läßig zugelassener Rechtsanwalt mit eigener Kanzlei in Leipzig. Die Wende hatte ihn zunächst in die Politik gespült, erst als Mitbegründer des Neuen Forums, dann als Fraktionschef von Bündnis 90/Die Grünen im Leipziger Stadtrat. Das Stipendium einer gewerkschaftsnahen Stiftung ermöglichte ihm das Jura-Studium.

Foto: transit
9 / 16

Zurück zu den Wurzeln: Zum 20. Jahrestag der Wende steht Jochen Läßig noch einmal mit seiner Gitarre für den Fotografen vor der Leipziger Thomaskirche, wo er 1989 als 27-Jähriger Straßenmusik machte und auf Veränderungen hoffte. "Uns geht es im Vergleich zu vielen anderen Ländern - auch in Europa - sehr gut", findet Lässig, der für seine Verdienste um den Aufbau der Demokratie 1994 das Bundesverdienstkreuz bekam heute. "Dennoch gibt es noch viel zu tun und die Reformen kommen leider viel zu langsam voran."

Foto: transit
10 / 16

Ausstellung: Konstanze Hollitzer (r.), damals 16 Jahre alt, hält auf der Montagsdemonstration vom 6. November 1989 im strömenden Regen mit einer anderen Demonstrantin ein Transparent hoch, das zum Austritt aus SED und FDJ aufruft. "Ich wusste damals noch nicht wofür ich bin. Wogegen schon eher", sagte sie später. "Ich mochte das Leben, so wie es war, einfach nicht mehr."

Foto: transit
11 / 16

Leben für die Musik: "Jetzt, mehr als zehn Jahre nach der Wende, arbeite ich immer noch Erfahrungen auf, die aus DDR-Zeiten stammen", resümierte Konstanze Hollitzer 1999 im Interview. "Das in jungen Jahren gebrochene Selbstwertgefühl habe ich bis heute immer noch nicht vollständig zurückgewonnen. Aber vom groben Lebensgefühl her gesagt, bin ich einfach glücklicher, meistens." Inzwischen ist Konstanze Hollitzer ausgebildete Pianistin. "Ich wollte immer Musik machen. Ich bin nie auf die Idee gekommen, etwas anderes zu tun."

Foto: transit
12 / 16

Dankbar für die Demokratie: "Vieles ist selbstverständlich geworden in diesem neuen Leben", findet die Pianistin Konstanze Hollitzer 20 Jahre nach dem Wendeherbst. "Trotzdem gibt es auch immer wieder die Momente, in denen ich begeistert Geschehnisse bestaune, persönliche Entwicklungsmöglichkeiten genieße - genauso wie es schwierige Zwänge, Ängste, Zustände gibt. Dass all das in einer Demokratie stattfindet, ist mir allerdings täglich dankbar und glücklich bewusst."

Foto: transit
13 / 16

Der Kanzler kommt: Für die beiden Brüder Matthias (r.) und Jan (verdeckt) Kaufmann war der Auftritt des westdeutschen Bundeskanzlers Helmut Kohl in Leipzig wenige Tage vor den ersten freien Wahlen in der DDR am 18. März 1990 ein "ganz besonderer" Tag, so Matthias. "Ich gehörte mit 14 Jahren zwar noch zu den Küken der Jugendorganisation der CDU, aber ich durfte bei dieser Demo schon als Ordner mithelfen." Der ein Jahr jüngere Jan kann sich später "nur noch an die Menschenmassen erinnern. Diese ganze Stimmung, die Euphorie der Leute, das hat mich beeindruckt."

Foto: transit
14 / 16

Doch noch studieren: Als praktizierende Katholiken hätten Matthias und Jan in der DDR wohl nicht studieren dürfen. "Zum Glück kam dann die Wende", sagt Matthias, der statt "irgendeiner Lehre" sein Abitur machen konnte und ein Wirtschaftsingenieur-Studium begann. Daneben engagiert sich Matthias "sehr stark in der CDU". Jan war in der 8. Klasse, als sich die Wiedervereinigung abzeichnete. "Die Probleme mit FDJ und Jugendweihe, die gab es für mich nicht mehr", sagt er. 1999 studiert er in Dresden Architektur und ist sicher: "Ohne die Wende hätte ich den Studienplatz nie bekommen."

Foto: Christiane Eisler/transit
15 / 16

Ausstellung: Matthias Kaufmann 2009 mit seinem 2008 geborenen Sohn. Der Wirtschaftsingenieur ist beruflich viel in anderen Ländern unterwegs. "Meine Auslandsaufenthalte in den letzten Jahren haben meine Sicht auf unser Leben hier verändert", sagt er. "Uns geht es in Deutschland unheimlich gut - leider ist das den meisten von uns nicht bewusst." Sein politisches Interesse hat nicht nachgelassen, aber die Zeit, die Matthias Kaufmann für aktives Engagement aufbringen kann, ist deutlich geringer geworden.

Foto: transit
16 / 16

Geboren in Freiheit: Auch Jan, der jüngere der Kaufmann-Brüder, die im März 1990 West-Kanzler Helmut Kohl beim Wahlkampfauftritt in Leipzig bestaunten, ist gerade Vater geworden - 2009 wurde seine kleine Tochter geboren. "Uns geht es gut und ich bin froh, dass alles so gekommen ist", sagt er rückblickend. Anders als sein Bruder Matthias ist Jan nicht parteipolitisch aktiv, auch wenn er "sehr an politischen Themen interessiert" geblieben ist.

Foto: transit
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?