Mord im Hotel Adlon: Ein Dichter und Mörder - DER SPIEGEL
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Mord im Hotel Adlon Ein Dichter und Mörder

Kurz nach Silvester kam es im nobelsten Hotel Berlins vor genau 100 Jahren zu einem grausigen Mord. Ein falscher Baron erdrosselte einen Postbeamten - und offenbarte seine Tat in einem Theaterstück.
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Der Täter: Wilhelm Blume ermordete zu Jahresanfang 1919 im Hotel Adlon den Geldbriefträger Oskar Lange, der eine Nachnahmesendung abgeben wollte und sehr viel Geld dabei hatte. Blume hatte sich als falscher Baron ausgegeben und konnte flüchten, wurde aber dreieinhalb Jahre später gefasst.

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Der Tatort: Das Hotel Adlon war das vornehmste der Hauptstadt, direkt am Pariser Platz. Mit seinen Festbällen und rauschenden Partys avancierte das Hotel zu einem der gesellschaftlichen Glanzlichter Berlins.

Foto: ullstein bild/ Keil
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Die Anmeldung: Als Hans von Winterfeldt, angeblich Hausbesitzer aus Hamburg, trug sich Wilhelm Blume auf dem Anmeldebogen ein.

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Das Nobelhotel: Berlins, ach was: Deutschlands erste Adresse - hier verkehrten Könige und Fürsten, Politiker und Diplomaten, Industrielle und Künstler.

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Kellner am Sekt-Kühlschrank: Das Hotel Adlon wurde im Oktober 1907 eröffnet und war weit mehr als nur eine Übernachtungsgelegenheit. Bald schon galt es als Sehenswürdigkeit.

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Post vom Mörder: Diese Postanweisung schickte Wilhelm Blume an Marie Rühle, seine Zimmervermieterin in der Spandauer Straße, um unauffällig den Geldbriefträger kennenzulernen.

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Der Berliner Hotelier Louis Adlon und seine Frau Hedda mit ihrem Hund Dixi: Die Deutsch-Amerikanerin Hedda Adlon führte Tagebuch und beschrieb später in ihrem Buch "Hotel Adlon" detailliert die großen und kleinen Vorfälle, Klatsch und Tratsch inklusive.

Foto: ullstein bild/ Süddeutsche Zeitung
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Das Hotel Adlon (Aufnahme von 1928) überstand später den Zweiten Weltkrieg unbeschädigt, brannte dann aber aus. Die Reste wurden 1952 abgerissen. Ein Seitenflügel war übriggeblieben und stand noch jahrzehntelang.

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Festgesellschaft im Adlon: Erst in den Neunzigerjahren entstand ein Hotelneubau und wurde im August 1997 eröffnet.

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Legendärer Kriminalist: Ernst Gennat ermittelte auch zum Geldbriefträger-Mord. Er leitete die von ihm gegründete Berliner Mordinspektion und wurde wegen seiner Körperfülle "der Buddha vom Alexanderplatz" oder "der volle Ernst" genannt.

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Frühbesprechung bei der Mordkommission: Gennat, der sich hier über den Tisch beugt, verfügte über ein phänomenales Gedächtnis und großes psychologisches Gespür. Er revolutionierte die Ermittlungsarbeit und konnte mit Unterstützung seines Teams die unglaubliche Zahl von 298 Morden aufklären.

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"Mordauto": Nach den präzisen Vorgaben von Ernst Gennat wurde auch der "Spezialwagen der Mordkommission", das so genannte Mordauto, 1927 von der Daimler-Benz AG entwickelt. Es war ein perfekt ausgestattetes fahrbares Labor und diente der Ermittlung am Tatort oder Fundort von toten Menschen, die möglicherweise einem Verbrechen zum Opfer gefallen waren. Gennats Sitzplatz war rechts hinter dem Fahrer, dort wurde vorsichtshalber die Bodenplatte aufgrund seines beträchtlichen Gewichts verstärkt.

Foto: picture alliance /Rolf Kremming
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Der erste Profiler: 40 Jahre, bevor der Begriff "Profiler" geprägt wurde, betrieb Ernst Gennat diese Ermittlungsmethode bereits. 1926 richtet er die "Zentralkartei für Mord/Todesermittlungssachen" im Berliner Polizeipräsidium ein. Hier wurden systematisch erkennungsdienstliche Angaben und wichtige Informationen über Täter und Opfer gesammelt. Bis 1945 soll keine andere Polizeibehörde der Welt eine derart umfassende Datenbank zu Fallbeschreibungen besessen haben.

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Unter den Linden hieß und heißt der Prachtboulevard in Berlin-Mitte, hier eine Aufnahme von etwa 1925.

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Wo war was? Eine Karte mit einigen wichtigen Orten im Berlin der Zwanziger- und Dreißigerjahre

Foto: Peter Palm, Berlin
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"Die Bestie vom Schlesischen Bahnhof": Frey verteidigte auch zwei Serienmörder, darunter Carl Großmann, verantwortlich für mindestens 23 Mordfälle Anfang der Zwanzigerjahre. Schätzungen gehen sogar von 100 Opfern aus. Großmann hatte in der Gegend um den Schlesischen Bahnhof alleinreisende Frauen und Prostituierte angesprochen, sie in seine Wohnung gelockt und sich grausam an ihnen vergangen. Bei seinem letzten Opfer wurde er auf frischer Tat ertappt. Am Tag vor der Urteilsverkündung nahm sich Großmann in der Zelle das Leben.

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"Das ist Kunst!" Erich Frey vertrat ebenso Deutschlands erste Nackttänzerin, Lola Bach, 1921 vor Gericht. Die junge Frau hatte sich in ihrer Tanzvorstellung ganz entblößt, als auch Polizeispitzel anwesend waren. Die Anklage lautete: "Erregung öffentlichen Ärgernisses". Frey überredete die Strafkammer damals zu einem Ortstermin, damit die Männer erkennen können, "dass Schönheit nie unsittlich sein kann". Lola Bach wurde daraufhin zu einem Monat Gefängnis auf Bewährung verurteilt. Nicht nur sie erregte...

Foto:

Hamburger Anzeiger

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...im vermeintlich sündhaften Berlin der Zwanzigerjahre Aufsehen, sondern auch die leicht bekleideten Tänzerinnen aus den Revue-Vorführungen. Erich Frey selbst galt als Freund des bunten Berliner Nachtlebens.

Foto: General Photographic Agency/ Getty Images
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Dandyhafter Stil: Frey war ein Lebemann mit exquisitem Geschmack. Großkarierte Mäntel, Pelzkragen, Lackschuhe; der Staranwalt zog gern die Blicke der Berliner auf sich. Der Medienliebling genoss seinen Ruhm, arbeitete allerdings auch hart dafür, wie er schrieb. Er sei besessen gewesen vom Kriminalgericht Moabit, es sei zum "Schauplatz und Inbegriff" seines Denkens geworden.

Foto: Bildagentur für Kunst, Kultur und Geschichte / Kunstbibliothek, SMB, Photothek
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Buch aus dem Exil: Anfang 1933 wurde der damals 54-jährige Erich Frey vor seiner drohenden Verschleppung durch die Nationalsozialisten gewarnt und konnte in letzter Minute fliehen. Frey war Jude und Strafverteidiger; das NS-Regime aber wollte selbst Recht sprechen und das Judentum auslöschen. In seinem Exil in Chile schrieb Frey später seine sehr lesenswerten Memoiren, Titel: "Ich beantrage Freispruch".

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Keine Angst vor der Unterwelt: Regelmäßig hatte Frey mit den Größen der Unterwelt zu tun, die seinen Rat und, wenn nötig, seine Verteidigung sehr schätzen. Insbesondere führende Köpfe des Ringvereins "Immertreu", einer Verbrecherorganisation, hatten ihm ihre Freiheit zu verdanken.

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Das Buch zu den "Goldenen Zwanzigern": SPIEGEL-TV-Journalistin Nathalie Boegel erzählt über die Hauptstadt der Weimarer Republik, über die Geschichte von Berlins wildesten Jahren und die spektakulärsten Kriminalfälle. "Berlin - Hauptstadt des Verbrechens" gibt es jetzt überall, wo es Bücher gibt, auch hier bei Thalia und bei Amazon.

Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?