Am laufenden Band Das Tape
Musikalische Früherziehung: Anfang der achtziger Jahre lebte ich mit meinem Vater in Kiel, während meine Mutter mit meinem Bruder in West-Berlin wohnte. Zweimal im Jahr besuchte ich die beiden. Die Reise mit der Bahn war eine Tortur und dauerte damals rund sechs Stunden. Für einen Achtjährigen ein aufregender Ausflug, deshalb könnte ich am ersten Abend in Berlin oft nicht einschlafen. Mein Bruder gab mir irgendwann eine blaue Original-Kassette der Band Kraftwerk: Die monotonen und sphärischen Klänge des Albums "Radio-Aktivität" von 1975 hatten auf mich eine äußerst entspannende Wirkung - allerdings erzielten sie nicht sofort den gewünschten Effekt. Weil der Kassettenrecorder meiner Mutter nicht über eine Auto-Reverse-Funktion verfügte, musste das Tape manuell umgedreht werden. Ich war so begeistert von der Musik, dass ich unbedingt bis zur zweiten Seite durchhalten wollte. Erst dann konnte ich beruhigt einschlafen. Von Roman Büttner
Woodstock in Pfaffenhofen: Am 23. September 1983 wurde ein Mitschüler namens Alexander Gonschior zum Helden. "Der Gonschior", wie wir ihn nannten, war das personifizierte Phlegma, in das allerdings eine enorme Bewegung kam, sobald es um Belange der Rockmusik ging. Da wurde aus dem Phlegma Gonschior in Sekunden ein Sanguiniker. Er jedenfalls hatte es geschafft. Er hatte unsere Heroen nach Pfaffenhofen geholt, einen kleinen Bauernort zwischen Neu-Ulm und Weißenhorn im Schwäbischen. "Schwoißfuaß" live in der Gemeindehalle von Pfaffenhofen - unser Woodstock. Und weil man dieses Ereignis nicht einfach verstreichen lassen konnte, lief am Mischer ein Tape Deck mit, heimlich. Hinterher haben wir überspielt - ein gutes Dutzend Kassetten vom Mutter-Tape. Ich besitze eines dieser seltenen Boot-Legs, immer noch. "Schwoißfuaß live in Pfaffenhofen", eine BASF C 90 Chromdioxid II, mit juvenil geschwungener Handschrift persönlich beschriftet. Vor der letzten Zugabe sind die fordernden Zurufe aus dem Zuschauerraum zu hören. Bis heute erkenne ich die Schreihälse. Erst Olli, ein ansonsten ruhiger Mitschüler, in Ekstase und mit tiefer Stimme. "Oinr isch emmr dr Arsch!", dann meine angebetete Sonja zwei Oktaven höher, aber nicht weniger begehrlich: "Oinr isch emmr dr Arsch!" Und endlich intoniert Gitarrist Didi Holzner einem Orgasmus gleich das erlösende Riff unserer Pubertätshymne, die von unserem dringlichsten Problem handelte: den (wenigen) Coolen in der Disco einerseits, und nun ja, den (mehrheitlichen) Onanisten zu Hause andererseits, zu denen wir uns ehrlicherweise rechnen mussten. Der Holzner aber, der dieses schweinische Riff spielte, als sei er Jimmy Page und Jimi Hendrix in einer Person, der war auf eindeutig auf der Seite der Wenigen, dort, wo wir so sehnsüchtig hin wollten. Von Christoph Schwennicke
Tapes mit Liebesschwüren: 16 Jahr, braunes Haar ... so stand er vor mir! Auf Mallorca, in meinem ersten Urlaub ganz allein (mit 16). Er war Schotte, hieß John McDonald und hatte hinreißende Sommersprossen. Wir trafen uns jeden Tag (wenn er sich von seinen Eltern loseisen konnte) und jeden Abend in der Disco. Nach einem tränenreichen Abschied versuchten wir uns an einer Beziehung Hamburg-Glasgow. Endlose Briefe, dann Tapes mit geflüsterten Liebesschwüren, Alltagsleid und Lieblingsmucke - The Blow Monkeys, Deacon Blue (die ich später mal interviewen durfte, was bei der Vorgeschichte einen sehr hohen persönlichen Wert bekam), Depeche Mode, Lloyd Cole, Black. Es ging vier Jahre fast wöchentlich hin und her - per Schneckenpost, es gab noch keine E-Mails, mp3-Files etc. Jeder dicke Umschlag enthielt neben dem Tape noch ein Herzrasen extra. Einmal habe ich ihn mit 20 Jahren noch besucht. Es war romantisch wie am ersten Tag, doch wir konnten zueinander nicht kommen, Glasgow war einfach zu weit weg. Es sind die einzigen Briefe und Tapes von einem Ex-Lover, die ich aufgehoben habe. Mein Mann lacht jedes Mal und meine kleine Tochter wird später ihren Spaß damit haben, festzustellen, dass Mama auch mal jung und töricht war. Ich schiebe die "Schatzkiste" alle Jubeljahre im Keller hin und her, wiege sie schwer in meinen Händen und entscheide mich jedes Mal wieder gegen das Wegwerfen. Es geht nicht. Die erste große tragische Liebesgeschichte in Musik und Worten wirft man nicht weg.
Steinzeit-iPod: DC Basehead, Masters at Work, The Brooklyn Funk Essentials - das sind die drei Kassetten, die ich immer noch nicht durch CDs ersetzt habe. Das Skurrile ist, dass alle Alben aus den neunziger Jahren stammen, ich sie also eigentlich auch auf CD hätte haben können. Aber für mich sind diese drei Alben mit Erinnerungen verbunden, mit dem Hin- und Herspulen auf der Suche nach dieser einen Stelle, die ich so gern gehört habe, mit dem "Klack", wenn der automatische Stoppmechanismus zwischen zwei Stücken das Band anhielt. Vielleicht hat das Überleben der drei Kassetten auch etwas mit Dankbarkeit zu tun, denn die Kassette war es, die Musik mobil gemacht hat. Der Sony Walkman war 1979 eine Revolution, ein Vorläufer des Discman, des iPod. Mit seinem Metallgehäuse sah er besser aus als seine Plastikkopien, die alle anderen dann auf den Markt brachten. Man könnte die These aufstellen, dass auch die Apple-Leute aus der Erfolgsgeschichte des Walkmans ihre Lehren gezogen haben: Das erste iPhone hatte auch ein Gehäuse aus Metall. Von Marianne Wellershoff
Fita-Trophäe: Meine Lieblingskassette fiel einem Heizlüfter zum Opfer. Erbarmungslos verschmorte der Radiator an einem Wintertag in Barcelona die "Fita 1", ausgesprochen: "fita uum". Mein Schmerz war unermesslich. Die gute "Fita" (Kassette) kam nämlich aus Brasilien, sie war mir 1985 als Abschiedsgeschenk von einem Freund überreicht worden. Am meisten fehlten mir die Balladen von Marlui Miranda, eine Frau mit einer tiefen Voodoo-Stimme und einer enormen Bandbreite von Percussionsinstrumenten. Ich lernte Brasilianer in Barcelona kennen, 1989. Ich kannte auch hinterher Brasilianer, in Berlin. Ich fuhr sogar nach Brasilien, 1992. Überall fragte ich nach meiner Muse mit der kehligen Stimme. "Marlui Miranda? Nie gehört", sagten mir die Brasilianer. Schließlich, am Ende meines Aufenthalts in Südamerika riskierte ich mein Leben beim letzten Versuch, sie zu finden. Mit Erfolg: Im abgewracktesten "Shopin" (Einkaufscenter) von São Paulo, wo die Rolltreppen mangels Strom reine Gehtreppen waren, fand ich einen Second-Hand-Verkäufer. "Marlui Miranda?" Er lachte und zog eine Vinylplatte hervor, die Vinylplatte, mit den seit Jahren vermissten, in Barcelona versengten Liedern. Damals kosteten Platten höchstens 20 Mark, er aber forderte 50. Ich feilschte, aber er schüttelte den Kopf: "Die kriegen Sie sonst nirgends." Einsichtig zückte ich mein Portemonnaie, zahlte und lief davon. Es dämmerte schon; "Piiiwettschiiies" (pivetes), "Straßendiebe", gellte es plötzlich auf der Straße, und da waren sie schon, eine Horde kleiner Jungs mit Mützen bis zum Kinn, ein Schwarm, der alles verschlang und leer geraubt ausspie, was in seinen Sog kam. Ich schaffte es zu fliehen, meine Trophäe fest an mich gepresst. Von Annette Bruns
"Mein Vater ist ein Freak": Mein Vater schenkte mir die Kassette für eine Rundreise an der Westküste der USA. Wir hörten Scott McKenzies "San Francisco" als wir über die Golden Gate Bridge fuhren und "Hotel California" im Death Valley. Auch Stevie Nicks "Edge of Seventeen" packte mein Vater auf die Kassette. Wir machten die Reise kurz vor meinem 17. Geburtstag, im Jahr 2000. Die Kassette ist eine von rund 70, die mir mein Vater geschenkt hat. Dutzende Sonntage verbrachte er damit, aus seinen 2500 Platten und 5000 CDs Songs auszuwählen, sie auszusteuern, die Übergänge auszutarieren. Die erste Kassette bekam ich zu meinem zehnten Geburtstag. Das Motto der Feier war "Rock'n' Roll". Während auf anderen Kindergeburtstagen Rolf Zuckowski "Nackidei" sang, tanzten wir zu Bill Haley und Elvis Presley. Mein Vater ist ein Freak - und ich bin darüber sehr froh. Mittlerweile brennt er mir CDs. Von Laura Himmelreich
Bilderbuchlandschaft mit Begleitmusik: Ich hatte in meiner Kassettengeschichte einige Lieblingstapes, aber mit einem verbinde ich ganz besondere Erinnerungen. Anfang der neunziger Jahre war ich für vier Jahre aus Hamburg ins Exil gegangen, aufs Internat in Plön, einer schönen, aber schrecklich langweiligen Kleinstadt in Schleswig-Holstein. Sobald ich den Führerschein hatte, fuhr ich, so oft ich konnte, mit meinem alten Ford Taunus am Wochenende zurück in die Großstadt. Meistens flüchteten irgendwelche Internatler mit. Einer von denen muss irgendwann ein Techno-Tape bei mir im Radio vergessen haben, und ich liebte es vom ersten Tag an. Die Sphärenteppiche, die damals, in den Anfangszeiten des Techno, über fast jeden Track großzügig ausgekippt wurden, ergaben zusammen mit den harten Beats die perfekte Soundkulisse für das an den Wagenscheiben vorbeiziehende Panorama der Holsteinischen Schweiz. Es war, wie durch ein Bilderbuch zu fahren, nur mit Begleitmusik. Irgendwann war das Auto weg, ich hatte es in jugendlichem Leichtsinn mit Schmackes auf die Anhängerkupplung eines VW-Busses gesetzt, und mit der Karre war auch die Kassette verschwunden. Zumindest dachte ich das. Tatsächlich habe ich sie neulich bei einem Streifzug auf dem elterlichen Dachboden wiedergefunden - und sofort wieder im Tapedeck meines Autos versenkt. Natürlich ist der Steinzeit-Trance heute total peinlich, die Sphärenteppiche, die mich damals nach Hamburg und zurückgetragen haben, untragbar. Trotzdem höre ich das Tape ab und zu immer noch - weil es die Wetterbedingt oft grauen Fassaden von Hamburg sofort in eine Bilderbuchlandschaft verwandelt. Von Michail Hengstenberg
Manchmal muss es eine Kassette sein: Einer der härtesten Jobs der Welt ist Zeitungen austragen. Gerade als Zeitungsjunge auf dem Dorf im tiefsten Winter brauchte man deswegen einen guten Soundtrack zum Überleben - und ich hatte den besten. Das erste Album der Melodycore-Kombo Pennywise. Ein Freund hatte mir das Tape aufgenommen. Die Musik war kämpferisch, hart und vor allem rasend schnell, während ich mich Samstag für Samstag unendlich langsam durch den Schnee schleppte und still mein Schicksal beklagte. Ich hörte die Kassette jede Woche auf meinem Sony-Walkman, bis sie den Geist aufgab. Noch am selben Tag zog ich los, um mir die CD zu kaufen - und erlebte die Enttäuschung meines Lebens. Die Musik auf der Silberscheibe wirkte lahm, die Stimme des Sängers irgendwie leierig. Der Grund: Auf der Kassette waren die Songs auf magische Weise ein bisschen schneller abgelaufen, als auf dem Original. So war meine Lieblingsplatte trotz CD im Schrank für immer verloren - weil es manchmal eben eine Kassette sein muss. Von Benjamin Maack
"Basement-Tape": Mein Uraltauto hat noch ein Kassettenrecorder, und ab und an schiebe ich ein altes Mixtape ein. Nur meine liebste Kassette macht mir da keinen Spaß - entweder kommt dünner Gesang mit Schlagzeug aus den Boxen oder Gitarre, Bass und Keyboards spielen rückwärts. Sie hat nicht je zwei Stereospuren für Seiten A und B, alle vier Spuren sind in eine Richtung aufgenommen. Auf dem Tape habe ich Mitte der achtziger Jahre mit einem Fostex-Recorder selbstgestrickte Songs aufgenommen. Die kleine Fostex war für Hobbymucker damals eine Revolution, denn mit ihr ließen sich Demos direkt auf normale, preiswerte Audiokassetten bannen. Man spielte drei Spuren ein, kopierte die auf die vierte Spur, nahm noch zwei Spuren auf, die man wieder auf eine freie Spur kopierte - und konnte so ganz alleine zuhause anspruchsvolle Arrangements aufnehmen. Am Ende musste man die Songs dann nur noch für normalen Gebrauch auf zwei Spuren abmischen. Hab' ich bloß nie gemacht. Ich konnte sie ja auf der Fostex hören. Nur gab's die irgendwann nicht mehr. Und so höre ich meine Meisterwerke von damals heute entweder halb oder rückwärts. Von Hans-Michael Kloth
Selbst ist der Meister: Meine Mutter fand, dass Star-Wars-Filme nichts für Zehnjährige seien, vor allem wegen Darth Vader. Deshalb kaufte ich mir im Spielzeugeschäft die Hörspielkassetten der Firma Remus. Die Tapes waren zusammen mit einem Booklet in Plastikfolie eingeschweißt. Hüllen und Cover fehlten. Die bastelte ich mir selber, indem ich Meister Yoda und andere Jedi-Heroen auf Butterbrotpapier durchpauste. Das Logo schnitt ich aus einer Spielzeugpackung aus. Das Hörspiel ist eine zusammengeschnittene Version der deutschen Synchronfassung des Films, mit den Original-Kinostimmen. Die meisten Menschen haben "Das Imperium schlägt zurück" oder "Rückkehr der Jedi-Ritter" fünf- oder zehnmal gesehen. Ich habe jeden der Filme mehr als hundertmal gehört. Als ich Star Wars später im Kino sah, konnte ich alles mitsprechen - und das ist bis heute so geblieben. Von Thomas Hillenbrand
Wanderlieder: Am liebsten waren meine Tapes und ich mit dem Auto unterwegs. Mitte der neunziger Jahre lebten die meisten meiner Freunde in Berlin. Oft ging es nach Feierabend direkt auf die Autobahn. Dort holte ich meine Freundin ab, und wir gingen auf einen Drink zu Mister Hu. Später, so gegen ein, 2 Uhr nachts fuhr ich wieder heim. Eine Kassette reichte nie pro Fahrt, daher stand neben mir auf dem Beifahrersitz immer ein Schuhkarton verschiedener Mixtapes griffbereit. Diese Kassette, die mir ein Bekannter aus Kreuzberg geschenkt hatte, war der Soundtrack für unzählige dieser Fahrten. Während sich draußen der Himmel von rosig bis dunkellila verfärbte, glitt ich mit DJ Shadow, Krush, Roy Ayers und anderen Stücken in den Sonnenuntergang ... Hörensehenfahren. Zeit und Raum verschmolzen, nachts, die Lichter an einem vorbei flogen. Und eine Zeile kommt mir sofort ins Ohr, wenn ich die Kassette sehe (und das, obwohl ich den Mix jetzt seit Jahren nicht gehört habe): "We live in Brooklyn Baby". Von Andrea Jonischkies
Muttis Recorder: Als ich im Alter von sechs Jahren endlich die REC-Taste auf Muttis Recorder entdeckte, habe ich tagelang alles aufgenommen, was mir vor die Nase kam. Mein erstes selbstkompiliertes Tape hatte allerdings nur eine Dauerschleife aus je einem (!) Song auf jeder Seite. A-Seite: Europe mit "Final Countdown", Seite B: "Eye of the Tiger" von Survivor - jeweils volle 30 Minuten. So sah für mich damals die perfekte Playlist aus. Als nächstes habe ich dann die MIDI-Melodien meiner Nintendo-NES-Spiele mitgeschnitten. Auch komplette Partien Autoquartett gegen meinen Kumpel wurden gnadenlos mitgeschnitten. Später hab ich dann in einer Band Schlagzeug gespielt und natürlich haben wir jede noch so bescheuerte Songidee sofort auf Tape dokumentiert. Mit 14 Jahren habe ich dann mal vor einem Mädchen damit angegeben, dass wir jetzt mit der Band bald coole Rock-Stars werden. Sie war total hingerissen und wollte unbedingt was von uns hören. Wir waren aber damals so scheiße, dass ich ihr aus Scham die Musik von der (wesentlich besseren) Band meines Kumpels geschenkt habe und behauptete, das wären wir. Keine Ahnung, ob sie es jemals gecheckt hat. Ich habe jedenfalls nie wieder was von ihr gehört. Von Samuel Jackisch
Bunte Musikgalaxien: Mein Leben hat einen Soundtrack, und es gab eine Zeit, da besaß die Musik Farben. Lila, gelb, orange, rot. Es muss 1972 gewesen sein, als meine Eltern mir einen Philips Radio-Kassettenrekorder schenkten. Ich ging damals in die 5. oder 6. Klasse im hessischen Steindorf. Es war die Zeit der Pop-Art und ich fütterte meinen Rekorder bevorzugt mit den knallbunten Kassetten von Agfa-Gervaert. Mit meiner silbergrauen Kiste und ihrem plärrenden Monolautsprecher war ich damals ganz weit vorne. Wir mussten mit dem Schulbus in das kilometerweit entfernte Nachbardorf fahren und ich unterhielt meine Freunde mit Musik, die wir nicht immer verstanden. Ich bin mir sicher, dass Deep Purples "Made in Japan" auf einer gelben Kassette war und auf einer lilafarbenen Black Sabbaths erstes Album, das mir mein älterer Bruder aufgenommen hatte. Abends stand der Rekorder am Kopfende in meinem Bett, immer mit einer frischen Kassette in der Lade. Doch leider waren Rekorder auch immer Band-fressende Monster. Ein kleiner, silberfarbener Schlitzschraubenzieher war deshalb das wichtigste Werkzeug zur Rettung der Schätze. Konnte ich ihn mal wieder nicht finden, verbog ich die Spitze des Kartoffelmesser beim Öffnen der Kassette. Der Bandsalat wurde rausgeschnitten. Die beiden Enden mussten unbedingt schräg angeschnitten sein, sollte das Band später halten. Auf dem Küchentisch lag ein Stück Tesa mit der Klebefläche nach oben, die Enden drauf, ein zweites Stück Tesa drüber und dann mit der Nagelschere die überstehenden Ränder säuberlich beseitigt. Es war eine fisselige und nervenaufreibende Operation. Ich weiß übrigens nicht mehr, wann die Musik ihre Farbe verlor. Die paar Tapes, die in meinem Keller überlebt haben, sind schwarz oder aus getöntem Plastik.
"TKKG"-Fraktionsmitglied: Die Plastikdinger hießen zwar Musikkassetten, und ein paar davon standen auch in meinem Regal. Die meisten Kassetten waren aber, natürlich, Hörspiele: "TKKG" und "Drei Fragezeichen". Der Freundeskreis spaltete sich in zwei Lager, je nach dem, was man lieber mochte. Ich gehörte eindeutig zum "TKKG"-Lager, auch wenn mir hin und wieder eine ahnungslose Tante eine "Drei Fragezeichen"-Kassette schenkte. Solche Kassetten waren überhaupt das beste Geschenk: Ein Hörspiel kostete nur 6,95 Mark. Das neueste Abenteuer von "Tarzan, Karl, Klößchen und Gaby", den Namensgebern von "TKKG" war also immer ein leistbares Mitbringsel. Und es war deshalb keine Unverschämtheit, sich zum Geburtstag gleich zwei oder drei davon zu wünschen. Irgendwann besaß man alle, aber glücklicherweise wurden in nicht allzu großen Abständen neue Geschichten produziert. Hörspiele waren eine ganz eigene Welt, jeder meiner Freunde hörte sie, liebte sie. Es war ein kleines Drama, wenn das Band sich nach unzähligem Abspielen im alten Recorder verhedderte und irgendwann nicht mehr brauchbar war. "Warum wünschst du dir Kassetten, die hörst du doch nur einmal und dann nie wieder!", sagten manche Eltern ihren Kindern. Hatten die eine Ahnung: So eine Kassette wurde durchaus 20, 30 Mal gehört - und dann, natürlich nur im Tausch gegen ein anderes Stück, an Freunde verliehen. Selbst die, die nichts für Kriminalgeschichten übrig hatten, besaßen umfangreiche Kassettensammlungen: "Bibi Blocksberg", "Hui Buh, das Schlossgespenst" und anderes Zeug. Die fanden meine Freunde und ich aber nicht so gut. Und weil die in unseren Ohren weniger wert waren, musste uns jemand schon zwei Hörspiele davon für eine "TKKG"-Kassette bieten. Denn auch wenn wir Hexen- und Gespenstergeschichten weniger gern hörten, nahmen wir doch alles, was uns geboten wurde. Von Hasnain Kazim
Nachmittage des Spulens: 1988. Mein erstes Schuljahr, mein erster bester Freund und mein erster Kassettenrecorder. Arne und ich mochten Hörspiele und "Queen". Die Nachmittage, die wir mit Hin-und-Her-Spulen und Diskussionen über die perfekte Länge der Pause zwischen zwei Liedern vor dem Radio verbrachten, lagen zwar noch in weiter Ferne, aber aufgenommen haben wir trotzdem. Und zwar jede Menge. In meinem Doppeltape-Kassettenrecorder war ein Mikrofon integriert. Wir haben heimlich unsere Eltern und Geschwister "interviewt", Wetterberichte erfunden und selber Musik gemacht. Daraus wurde unsere eigene Radiosendung. Moderiert mit kichernden Stimmen und verziert mit einem Micky-Maus-Rubbel-Tattoo auf dem Cover. Schließlich habe ich nur drei Kassetten aufgehoben. Ein Mixtape mit der Best-of-Musik von allen Freunden aus einem unvergesslichen Zeltlager-Sommer, eine Herzschmerz-Kassette, aufgenommen zur Trennung von der ersten großen Liebe und ein leierndes Band mit Micky vorne drauf. Von Anne Backhaus
"We Are Audio Active": Eines der kostbarsten Tapes materialisierte sich 1995. Unbeschriftet. Lag eines Tages einfach so im Kassettenfach meines Opel Kadett. Ich war 18 Jahre alt und kutschierte gern Freunde und Fremde dem Sonnenaufgang entgegen, jeder hatte stets Musik dabei, wir fühlten uns verdammt cool. Den Soundtrack dazu lieferte unter anderem das anonyme Fundstück mit elektronisch verfrickelten Reggae-Beats und viel Dub-Echo. Im dritten Track rief jemand "Pass me the Rizla", später erzählte eine verzerrte Kinderstimme ein Märchen über einen Paradiesgarten. Wir kopierten die Kassette, bis das Rauschen fast überhand nahm. Das Band riss, ich flickte es mit Tesafilm. Erst fünf Jahre später bekam der Soundtrack meiner Jugend endlich einen Namen. In einem Kölner Plattenladen fischte ich zufällig die japanische Dub-Band Audio Active aus dem Regal. Kopfhörer auf, und ich wurde zurück in den Kadett gebeamt. Als hätte ich am Tag zuvor noch dort gesessen. Von Carola Padtberg
Meine komplette DDR-Stereoanlage: Mein gesamtes Lehrlingsgeld hat Endo Oettinger in diese Stereoanlage S3930 gesteckt. Die einzelnen Komponenten zu besorgen, war schon allein eine logistische Meisterleistung. Ab 1987 kamen bei ihm nur noch Westkassetten in die drei Laufwerke.
Alles für den C 403 Automatic: Der Grundig-Kassettenrecorder war der Grund, mich konfirmieren zu lassen. Dank der Geldgaben von Verwandten und Nachbarn zu diesem in zweierlei Hinsicht einschlägigen Ereignis hatte ich schon am darauffolgenden Montag den C 403 Automatic einschließlich der Zubehör-Kassette (Foto) voll in Betrieb und meine von Wolf-Dieter Stubel anmoderierten NDR-2-Hitparadenmitschnitte fanden zeitlich gesehen nahtlosen Übergang. Technisch nicht immer so. Dennoch werde ich von allen Freunden und Bekannten um meine Kassetten und um meine ab 1974 jederzeit klanglich und dadurch vor allem emotional abrufbare Jugend beneidet, da sie alle mit dem Entsorgen schnell dabei waren. Als ich einen Flohmarktverkäufer fragte, warum meine neuste Errungenschaft - ein Bang-und-Olufsen-Kassettenrecorder aus dieser Zeit - so exorbitant günstig sei, kam die zu erwartende Antwort: "Kassetten hört doch heute keiner mehr." Oder hat sie keiner mehr? Von Andreas Arndt
Von Bee Gees bis Village People: 8-Track-Sammlung aus den sechziger und siebziger Jahren, unter anderem Elvis, Bee Gees, Kraftwerk, Village People und Isaac Hayes. Der Klang ist hervorragend durch die analoge unkomprimierten Aufnahmen.
Tape-Deko: Diese nostalgische Kassetten-Dekoration, die Thomas Gleichner 2009 in einem Anflug von Kunst gebastelt hat, hängt in seiner Berliner Wohnung.
Liebesgeständnis vom Band: Ich kann mich auch noch gut an die Zeit der Tapes erinnern. Meine Eltern waren frisch aus Nürnberg nach Hameln in eine kleine langweilige Stadt gezogen. Ich war noch jung und besessen von Musik. Und ich kann mich noch gut an die Dame meines Herzens erinnern. Meine Eltern hatten Bekannte aus Bielefeld, die wir ab und zu besucht haben. Und als ich das erste Mal da war, eroberte mich ihr Anblick. Sie war 17 Jahre alt und bildhübsch. Und das erste, an das ich denken konnte, war ihr das Tape zu geben, um sie von mir zu überzeugen. Gesagt getan. Als wir nach drei, vier - viel zu kurzen - Stunden nach Hause gefahren sind, mache ich mich abends noch daran, die entsprechenden Kassetten zu suchen, um ihr zu gestehen, was ich mich live nicht traute. Nach einigen Wochen sagte mir mein Vater, ich solle mein Zimmer aufräumen, die Freunde aus Bielefeld würden am nächsten Tag kommen. Ich holte das - in Geschenkpapier eingepackte - Tape aus meinem Kleiderschrank hervor, wartete ungeduldig auf den morgigen Tag. Sie kam nicht. Ich wollte den Eltern das kleine Präsent mitgeben, schämte mich jedoch und ließ es bleiben. Heute habe ich natürlich alle Songs als mp3. Wenn ich die Songs höre, spüre ich zwar immer noch dieses Schamgefühl und die Aufgeregtheit von damals, aber ich denke immer noch an das eingepackte Geschenk, das ich jetzt unheimlich gern in der Hand halten würde! Von Muhammet Yanik
Erinnerungen 90C: Jahre zuvor saß ich noch vor meinem UHER-Tonbandgerät und archivierte das, was so spärlich - anfangs eine Stunde pro Woche, später eine Stunde am Tag - im Radio gesendet wurde. Das war völlig unsystematisch, was kam, das kam und wurde bei halbwegs ausreichender Attraktivität aufgenommen. Da konnte es passieren, dass Hermanns Hermits "No Milk Today" zwischen "A saucerful of secrets" von Pink Floyd und "Me my friend" von Family zu hören war. Die Kassette bot hier eine gänzlich andere Perspektive im Umgang mit seiner Lieblingsmusik. Jetzt stand nicht mehr allein der einzelne Song im Vordergrund, es war nun die Gesamtkomposition - nicht die vorgegebene, nicht die zufällige, sondern die selbstentworfene. Ohne ein Musiker zu sein, ohne selbst ein Instrument zu beherrschen, war es nun möglich, Konzeptalben, ganz individuelle Konzerte, ja musikalische Botschaften zusammenzustellen - und, als logische Konsequenz anderen mitzuteilen, zu verschenken oder auszutauschen. So wuchs das Bemühen, kleine Kunstwerke zu gestalten. Dieses musste eine gewisse Dynamik entfalten, einer wie auch immer gearteten Harmonie gehorchen, die Stücke mussten zueinander passen, aber auch miteinander spielen. Ideal war es, wenn man als Hörer den Übergang von einem zum anderen Stück fast nicht bemerkte oder ein grandioser Kontrapunkt gesetzt wurde, der überraschend war - aber eben genau passend. Klar wollte ich vorwiegend die eigenen (Geheim-)Favoriten und damit meinen besonderen, ausgefallenen, anspruchsvollen, originellen Musikgeschmack präsentieren. Aber ich berücksichtigte auch mit großer Empathie den (oftmals nur vermuteten) Geschmack dessen, dem man die Kassette voller freudiger Spannung überreichte. Die meisten Kassetten bekam natürlich meine damalige Liebste in regelmäßigen Abständen zusammengestellt.
Die Kassette als Leinwand: Die Kassette stirbt. Jeden Tag siecht es dahin, humpelt stetig dem großen Elefantenfriedhof vergessener Aufnahmemedien entgegen. Dort wird es sich einen Platz für den ewigen Schlaf suchen. Vielleicht neben dem DAT oder seiner langjährigen Weggefährtin, der großen VHS-Kassette. Seit 1963 ist das Tape im Dienst. Wurde bespielt, gelöscht, bespielt, beschriftet. Als analoges Speichermedium hat es mehr als nur eine Funktion im Leben diverser Generationen übernommen. Es war der Mitfahrer im Auto, der Mitläufer beim Joggen. Wenn jemand jemanden mochte, wurde ein Mixtape aufgenommen. "Die drei ???" hörten sich auf Kassette am besten. Es drehte sich alles um Klang, um Sound, um den akkustischen Reiz. Um etwas zu hören, dafür braucht man die Kassette heute nicht mehr. Wir haben MP3-Format, Podcasts und LastFM. Die Kassette ist Kunstobjekt geworden, ihre früheren Anhänger mögen den Retro Chic. Bei jedem Mal Ansehen verbinden sich nostalgische Gefühle mit einem visuellen Erlebnis. Eine ganz besondere Art, sich Dinge zu beschauen. Von Helge Doerr