Mythos Rudi Dutschke Kopf und Stimme der Studentenbewegung
Glühender Redner: Rudi Dutschke, geboren am 7. März 1940 in Schönefeld bei Luckenwalde südlich von Berlin, war Kopf und Stimme der Studentenbewegung der Sechzigerjahre. Vor 50 Jahren, am 11. April 1968, feuerte ein Attentäter drei Schüsse auf ihn ab. Dutschke überlebte schwer verletzt.
Liebe in Zeiten des Protestes: Im Sommer 1964 hatte Dutschke die Amerikanerin Gretchen Klotz (hier links neben ihm mit rosafarbener Mütze) kennengelernt. Im darauffolgenden Jahr zog sie nach Hamburg, um dort Theologie zu studieren. Obwohl sein Umfeld eine so "bürgerliche" Beziehung ablehnte, heiratete das Paar im Frühjahr 1966. Rechts ist auf diesem Foto von 1967 der iranische Student Bahman Niroumand zu sehen.
Leidenschaftlicher Sportler: Rudi Dutschke wollte zunächst Sportreporter werden und absolvierte ein Praktikum bei Springers "BZ", wandte sich dann aber der Philosophie zu. Er schloss sich 1962 der Münchner Künstlergruppe "Subversive Aktion" an und trat Anfang 1965 dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) bei. Schnell war er der Wortführer des antiautoritären, radikalen Flügels des SDS.
Rudolf Augstein war fasziniert von Rudi Dutschke und sympathisierte anfangs mit dem rebellierenden Studenten. Der SPIEGEL-Verleger spendete Geld für ihre Anti-Springer-Kampagne, distanzierte sich dann jedoch von der Idee eines öffentlichen Tribunals gegen den Verleger-Kollegen. Nach dem Attentat auf Dutschke unterstützte Augstein die Familie des schwer verletzten Berufsrevolutionärs. Das Foto zeigt die beiden am 24. November 1967 bei einer Podiumsdiskussion im Audimax der Hamburger Universität.
Vietnam-Kriegsgegner: Rudi Dutschke musste nach dem Attentat mühsam wieder sprechen und lesen lernen. "'Vietnam' war eines der ersten Worte", das er wieder gelernt habe, erzählte ein Freund später. Das Foto zeigt Dutschke am 17. Februar 1968 beim Internationalen Vietnam-Kongress in der Technischen Universität Berlin, rechts neben ihm der Sozialwissenschaftler Günter Amendt, der ebenso wie Dutschke den Kriegsdienst verweigert hatte.
Tatort: Nach dem Attentat liegt Dutschkes Fahrrad am Tatort vor der Geschäftsstelle des SDS am Kurfürstendamm in Berlin. Der junge Rechtsextreme Josef Bachmann schoss hier am 11. April 1968 den Studentenführer mit drei Schüssen nieder.
Dutschkes Schuhe: Bachmann hatte Dutschke als "dreckiges Kommunistenschwein" beschimpft, Dutschke verlor am Tatort seine Schuhe. Bachmann flüchtete und verschanzte sich in einer Baustelle. "Ich möchte zu meinem Bedauern feststellen, dass Dutschke noch lebt", gab der Täter Bachmann nach seiner Festnahme zu Protokoll. "Ich hätte eine Maschinenpistole kaufen können. Wenn ich das Geld dazu gehabt hätte, hätte ich Dutschke damit zersägt."
Kollaps vorm Bestattungsinstitut: Schwerverwundet schleppte sich Rudi Dutschke noch bis zu einer Bank vor dem SDS-Zentrum, wo er zusammenbrach. In Todesangst rief er nach seinem Vater und seiner Mutter. Ein Passant sagte: "Sieh mal an, wenn's ans Sterben geht, ruft sogar der nach Vater und Mutter." Ein anderer Frontstädter fand: "Man braucht ja nicht gleich zu schießen, aber dass der mal einen Denkzettel abgekriegt hat, ist ganz gut." In Ost-Berlin dichtete Wolf Biermann: "Drei Kugeln auf Rudi Dutschke, ein blutiges Attentat..."
Dutschke-Attentäter: Josef Bachmann unterhielt enge Beziehungen zu einer rechtsradikalen Gruppe, die später als "Braunschweiger Gruppe" durch Sprengstoffanschläge bekannt wurde. Bei einem Schusswechsel mit der Polizei nach dem Attentat wurde er schwer verletzt, hier transportieren ihn Feuerwehrkräfte ab.
Angeklagt: Josef Bachmann, hier mit seinem Verteidiger vor dem West-Berliner Schwurgericht, beging am 24. Februar 1970 im Gefängnis Selbstmord.
Wütende Studenten: Am Tag nach dem Attentat, dem Karfreitag 1968, stießen linke Demonstranten in West-Berlin auf die überforderte Polizei. Aber nicht nur in der Mauerstadt, sondern in der ganzen westdeutschen Republik kam es zu Ausschreitungen.
"Osterunruhen": Die Proteste nach dem Dutschke-Attentat gingen als heftigste Straßenkämpfe seit der Gründung der Bundesrepublik in die Geschichte ein.
Harter Polizeieinsatz: Staatsanwälte leiteten in der gesamten Republik Ermittlungsverfahren gegen 827 Personen ein. Vor dem Rathaus in Berlin-Schöneberg hatte sich die Polizei mit Wasserwerfern postiert.
Randalierer in West-Berlin: Es waren an Ostern 1968 nicht mehr nur Studenten, die auf die Straße gingen. In München zählte weniger als ein Drittel der 110 Festgenommenen zum akademischen Nachwuchs. Die Revolte hatte nun Schüler, Lehrlinge und junge Arbeiter in ihren Bann gezogen.
"Bild schoß mit": Die Protestierenden machen die Anti-APO-Berichterstattung des Axel-Springer-Verlags für das Attentat mitverantwortlich, vor allem der "Bild"-Zeitung.
Polizei gegen Protestler: Die Demonstrationen, die das ganze Osterwochenende anhielten, richteten sich hauptsächlich gegen Gebäude des Axel-Springer-Verlages, den der SDS als "Zentrum der systematischen Hetzkampagne gegen politische Minderheiten" bezeichnete. Hier drängen Polizisten einen Tag nach dem Attentat auf Dutschke die Demonstranten vom Gelände des Buchgewerbehauses in München ab, wo zuvor die Redaktionsräume der "Bild"-Zeitung demoliert worden waren.
In Flammen: Ein Agent provocateur des Verfassungsschutzes verteilte "Molotow-Cocktails" genannte Brandsätze, mit denen junge Militante Lieferwagen in Brand setzten. Den Vertrieb der Zeitungen konnten sie nicht verhindern. Die "Bild" titelte am nächsten Morgen: "Terror in Berlin".
Neue Heimat: 1970 zogen die Dutschkes nach Dänemark. Hier ist die Familie auf einer Pressekonferenz in Aarhus zu sehen, hinten Ehefrau Gretchen, vorn die Kinder Hosea-Che und Polly-Nicole.
Widerständler: Wegen seiner pazifistischen Ansichten hatte Rudi Dutschke schon in der Schule Ärger bekommen. Er verweigerte den Dienst in der Nationalen Volksarmee der DDR und flüchtete am 13. August 1961, dem Tag des Mauerbaus, nach West-Berlin.
Gegen Atomkraft: 1979 beteiligte sich Rudi Dutschke als Mitglied der "Bremer Grüne Liste" - erste grüne Partei, die in ein Landesparlament einzog - am Wahlkampf, hier am 4. November 1979 in Offenbach.
Mitstreiter: Rudi Dutschke (Mitte) spricht 1977 mit Besuchern der documenta 6 in Kassel. Dutschke wollte die Aktivitäten der APO innnerhalb einer ökosozialistischen Partei bündeln und absolvierte ab Mitte 1979 zusammen mit Joseph Beuys (links)gemeinsame Wahlkampfauftritte.
Begräbnis: Am Heiligabend 1979 starb Rudi Dutschke mit 39 Jahren im dänischen Aarhus an den Spätfolgen des Attentats. Zu Hause hatte er in der Badewanne einen epileptischen Anfall erlitten und war ertrunken. Bei Dutschkes Beerdigung gingen seine Kinder Hosea-Che (links) und Polly-Nicole sowie seine Witwe Gretchen (Mitte) hinter dem Sarg.
Tiefe Trauer: Am Todestag tragen sich Kondolierende in Listen ein - am Kurfürstendamm in West-Berlin, wo Dutschke 1968 niedergeschossen worden war.
Grabstein: Rudi Dutschke liegt auf dem Friedhof Sankt Annen im Berliner Stadtteil Dahlem begraben.
Gedenken: 40 Jahre nach dem Anschlag auf Rudi Dutschke organisierten die Grünen 2008 eine Gedenkveranstaltung und legten zig Fahrräder auf den Kurfürstendamm, Ecke Joachim-Friedrich-Straße. Hier lag auch Dutschkes Fahrrad.