Nachbarschaftsversammlungen in Chile - DER SPIEGEL
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Chile Der Protest geht weiter

Hier berichten Chilenen, warum sie an den Versammlungen teilnehmen und was sie verändern wollen.
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Paula Vásquez, 32 Jahre, Lehrerin aus Vicuña:
"Als der Ausnahmezustand ausgerufen wurde, haben wir uns auf dem Plaza in Vicuña getroffen, weil wir Angst hatten und wütend waren. Seitdem treffen wir uns jede Woche. Endlich haben wir die Möglichkeit eines Wandels. Das spüre ich in den Blicken der Menschen, in den Begrüßungen, in den Gesprächen. Ich habe so lange auf diesen Moment gewartet. Der Aufstand hat zwar in Santiago begonnen, aber sich sehr schnell aufs gesamte Land ausgebreitet.

Foto: privat
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Hier im Elqui-Tal haben wir Probleme wegen der Monokulturen, den Pestiziden und der Wasserverschmutzung. Hier werden vor allem Trauben angebaut. Viele Kinder haben Allergien und viele Plantagenarbeiter sind krebskrank. Hier auf dem Land gibt es außerdem viel Machismo, Gewalt gegen Frauen und Vergewaltigungen. Junge Mädchen werden mit alten Männern verheiratet. Deshalb haben wir auch eine feministische Asamblea gegründet. Die neue Verfassung ist eine Sache, aber wir brauchen einen gesellschaftlichen Wandel." (Paula Vásquez beim Protest in Vicuña, zweite von rechts)

Foto: privat
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Dann Espinoza, 33 Jahre, Betriebswirt aus Valparaíso:
"Ich wohne im Cerro Yungay in Valparaíso, wo wir seit 2016 mit den Nachbarn und Nachbarinnen in einem Gemeinschaftsgarten arbeiten. Diese Struktur war die Grundlage für den Cabildo, den wir wenige Tage nach der Verhängung des Ausnahmezustands gegründet haben. Ich nehme daran teil, weil unser Land keine sozialen Grundrechte garantiert wie Transport, Wohnraum, Ernährung, Gesundheit, Bildung und Renten.

Foto: privat
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Hier in der Region gibt es Dörfer, in denen die Menschen kein Trinkwasser haben, weil sich die Wasserrechte in den Händen der Agrarindustrie befinden. Deshalb kritisiere ich das neoliberale System und möchte mit meinen Nachbarn Formen sozialer und solidarischer Wirtschaft, Kooperativen und Tauschnetzwerke in die Praxis umsetzen."

Foto: privat
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Margarita Dublas, 66 Jahre, Rentnerin aus Coquimbo:
"In der Asamblea haben wir eine Informationsveranstaltung über die Verfassung organisiert. Dort haben wir festgestellt, dass die aktuelle Verfassung wirtschaftliche Interessen vor soziale Rechte stellt. Mich persönlich betrifft das Rentensystem am meisten. Ich erhalte eine Rente von 105.000 Pesos monatlich (rund 120 Euro). Und ich habe fünf Kinder, da musste ich auswählen, welches zur Universität gehen durfte, weil das Geld nicht für alle gereicht hat. Hier in der Region gibt es viel Bergbau, und die Unternehmen verdienen jede Menge Geld, aber am Straßenrand verschenken die Leute ihre Ziegen, weil sie sie nicht ernähren können. Die Politiker haben keine Empathie und keinen Respekt gegenüber den Menschen. Deshalb kämpfen wir für unsere Würde. Die Asamblea gibt mir viel Hoffnung. Die Leute haben Lust, sich kennenzulernen, sich zu unterhalten und ihre Meinung auszudrücken. In der Militärdiktatur konnten wir das nicht. Jetzt wollen wir Teil der neuen Verfassung sein - dieser Prozess darf aber nicht von denselben Politikern angeführt werden, die uns in all diesen Jahren betrogen haben."

Foto: privat
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Jorge Weke, 51 Jahre, Sprecher des Parlamento de Coz-Coz aus Panguipulli:
"Ich bin Mapuche und lebe in einer Gemeinde südlich von Panguipulli in der Región de Los Ríos im Süden Chiles. Wir Mapuche haben schon immer gegen das neoliberale System und den Kapitalismus gekämpft. Der chilenische Staat und die Unternehmen plündern unser Wasser, unser Land, unsere Bodenschätze. Jetzt haben die Chilenen verstanden, wofür wir schon so lange gekämpft haben, weil auch das chilenische Volk so nicht überleben kann. Deshalb unterstützen wir Mapuche diese kollektive Bewegung. Als die Proteste in den U-Bahn-Stationen in Santiago anfingen, haben wir uns sofort organisiert und vier Tage später die Asamblea Plurinacional de Panguipulli gegründet. Mapuche und Chilenen nehmen daran teil - gemeinsam wollen wir ein neues Chile gestalten."

Foto: Sophia Boddenberg
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Paola Palacios, 30 Jahre, Frauenrechtsaktivistin aus Santiago:
"Ich bin vor etwa vier Jahren aus Kolumbien nach Chile eingewandert. Seitdem erlebe ich eine dreifache Diskriminierung: als Frau, als Migrantin und als Schwarze. Chile ist ein rassistisches Land. Viele Migranten leben deshalb isoliert. Ich nehme an der Asamblea teil, damit die Leute merken, dass wir Teil der Gesellschaft sind. Was im Land passiert, betrifft auch uns. Durch die Treffen habe ich viele meiner Nachbarn kennengelernt, die mich jetzt auf der Straße grüßen. Die neuen sozialen Bindungen werden der größte Gewinn dieses Prozesses sein. Früher wurde Chile als Vorbild für das neoliberale Wirtschaftssystem betrachtet, jetzt geht es als Beispiel des sozialen Aufstands in Lateinamerika voran. Das wird in die Geschichte eingehen, und ich bin sehr froh, das mitzuerleben."

Foto: Sophia Boddenberg
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?