Zum Tod von Semyon Rozenfeld Der Mordfabrik Sobibor entkommen
Endstation Sobibor: An diesem Bahnhof machten die Häftlingstransporte in das Vernichtungslager Halt. Tief im Wald an der Ostgrenze des heutigen Polens lag das KZ Sobibor, wo die Nationalsozialisten ab 1942 etwa 185.000 Menschen ermordeten, oft direkt nach der Ankunft. Sobibor war auch Ort eines beispiellosen Aufstandes. Im Oktober 1943 entkamen etwa 300 Zwangsarbeiter, unter ihnen Semyon Rozenfeld, der nun als wahrscheinlich
Semyon Rozenfeld mit einestages-Autorin Anne Lepper bei einem ihrer Treffen im November 2017. Die Historikerin aus Berlin interviewte ihn mehrmals, um seine außergewöhnliche Geschichte sowie die Erinnerung an den industriell betriebenen Massenmord an den europäischen Juden in Sobibor wachzuhalten.
Endlich frei: Semyon Rozenfeld (links) mit Dov Freiberg (2. von links) und zwei Bekannten im polnischen Städtchen Chelm, kurz nach der Befreiung durch die Rote Armee im Sommer 1944. Zusammen war es den beiden gelungen, in verschiedenen Verstecken die Monate zwischen der Flucht aus Sobibor und der Befreiung zu überleben. Kurz nach dieser Aufnahme schloss sich Rozenfeld erneut der Roten Armee an und beteiligte sich am Marsch Richtung Reichshauptstadt Berlin.
Mit der Familie nach Israel: Das Foto zeigt Semyon Rozenfeld mit seinem Sohn Mikhail in den Neunzigerjahren. Am Revers trägt Rozenfeld zahlreiche Auszeichnungen, die er für seine Dienste in der Roten Armee im Zweiten Weltkrieg erhalten hat.
Das Netzwerk der 47: Semyon Rozenfeld (links) mit Alexander Petschersky (Mitte) und Arkady Wajspapir (rechts) bei einem Treffen der Überlebenden von Sobibor im Jahr 1964 in der Sowjetunion. Petschersky galt neben Leon Feldhendler als Kopf des Aufstandes in Sobibor, auch Wajspapir war aktiv an der Durchführung beteiligt.
Kuchen für alle: Die Überlebenden hielten jahrzehntelang Kontakt. Hier freut sich Rozenfeld beim Treffen 1964 über ein Geschenk.
Lageplan von Sobibor: Die Skizze zeigt links an den Bahngleisen das Vorlager. Hier befanden sich das SS-Hauptquartier, das Waffenlager, Versorgungseinrichtungen sowie die Unterkünfte der Wachen. Darüber, im Lager I, waren die Werkstätten und Häftlingsbaracken untergebracht. Im Lager II befanden sich Baracken für Gepäck, Kleidung und Wertsachen der Häftlinge; den Frauen wurden hier die Haare geschoren. Oben rechts auf der Karte ist das Lager III mit den Gaskammern zu sehen. Die Toten wurden hier zunächst in Massengräbern verscharrt und später verbrannt.
Vor der Flucht: Ein Szenenbild aus dem Film "Sobibor" (1987). Beim Aufstand am 14. Oktober 1943 versuchten die Insassen zu fliehen. Sie töteten SS-Wachmänner und rannten die Stacheldrahtzäune nieder, die meisten direkt auf das dahinter liegende Minenfeld zu. Viele starben durch explodierende Minen oder im Gewehrfeuer der Deutschen.
Ausbruch aus der Mordfabrik: Von den etwa 550 Flüchtlingen, Männer wie Frauen, erreichten nur etwa 200 den nahen Wald (Szenenfoto aus dem Film "Sobibor"). Die meisten starben im Zuge einer groß angelegten Hetzjagd der Verfolger. 47 Menschen gelang es, auch der Suche zu entrinnen. Sie mussten sich...
...noch monatelang verstecken, im Wald oder bei Bauern (Szenenfoto aus dem Film "Sobibor"). Am Drehbuch des Films waren die Überlebenden Thomas Blatt und Stanislaw Szmajzner beteiligt. Blatt hatte nur überlebt, weil er sich im Stacheldraht verfing und als einer der letzten doch noch über die Minenkrater flüchten konnte.
Thomas Blatt hat in Sobibor seine Eltern und seinen Bruder verloren, er berichtete über das Geschehen in zahlreichen Vorträgen und Büchern. Zudem sagte Blatt 2010 im Demjanjuk-Prozess aus. Als Nebenkläger sitzt er hier am 30. November 2009 vor Beginn des Prozesses im Landgericht München neben seinem Anwalt.
John Demjanjuk diente im KZ Sobibor als Aufseher in den Hilfstruppen der SS. Ab 1952 lebte er in den USA und wurde 2009 nach Deutschland ausgeliefert, wo er zwei Jahre später wegen Beihilfe zum Mord zu einer fünfjährigen Freiheitssrafe verurteilt wurde. Bevor die Entscheidung über eine Revision fiel, starb er im März 2012.
Karl Frenzel war als Kommandant des Lagers I in Sobibor an der Morden im Zuge der "Aktion Reinhardt" beteiligt. Beim Aufstand erhielt Semyon Rozenfeld die Aufgabe, ihn zu töten, doch Frenzel war zu diesem Zeitpunkt nicht auffindbar - aber kurz darauf feuerte er auf die fliehenden Arbeitssklaven. Eine seiner Kugeln traf Rozenfeld ins Bein. Erst 1966 wurde Frenzel zu lebenslanger Haft verurteilt, 1982 allerdings wegen eines Formfehlers freigesprochen. Thomas Blatt versuchte 1983, in einem Gespräch mit Frenzel die Motive für die Massentötungen zu ergründen.
1949 erkannte Estera Raab (rechts), als sie zusammen mit Samuel Lerer in West-Berlin unterwegs war, auf der Straße Erich Bauer (links); das Foto zeigt beide vor Gericht in Berlin. Als SS-Oberscharführer war Bauer in Sobibor an der Vergasung von Tausenden beteiligt, ein Mann von herausragender Brutalität. Er erklärte sich für nicht schuldig, wurde aber wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zum Tode verurteilt. Daraus wurde eine lebenslange Freiheitsstrafe; tatsächlich saß Bauer bis zu seinem Tod 1980 in Haft.
Philip Bialowitz überlebte gemeinsam mit seinem Bruder; ihre Schwestern wurden in den Gaskammern ermordet. Bialowitz zählte zu den Arbeitssklaven, die gezwungen waren, in Sobibor die Mordmaschinerie der Nazis am Laufen zu halten. Ankommenden musste er vor dem Gang in die Gaskammer die Haare scheren. "Die jungen Mädchen aus Holland baten mich, die Haare nicht zu kurz zu schneiden", sagte er. "Nur wenige Meter von den Gaskammern entfernt haben sie nicht verstanden, dass dies ihre letzte Station ist." Bialowitz starb 2016 in Florida.
Zwischenstation Minsk, Endstation Sobibor: Eine Gruppe jüdischer Frauen und Kinder beim Marsch auf einer Straße - von Minsk aus wurden viele Jüdinnen und Juden ins Vernichtungslager deportiert.
Massenexekutionen: Auf diesem Foto bewachen deutsche Soldaten polnische Juden kurz vor der Erschießung (Foto um 1941).
Massengrab im Graben: Eine Aufnahme von 1942 aus dem KZ Belzec, das neben Sobibor und Treblinka zu den Vernichtungslagern im Zuge der "Aktion Reinhardt" zählte. Alle drei Lager dienten nur einem Zweck: möglichst schnell möglichst viele Menschen zu ermorden.
Siegreiche Sowjetsoldaten in Berlin: Semyon Rozenfeld sah sich in erster Linie als Soldat im Kampf gegen die Nationalsozialisten. Die Rote Armee befreite die Region um Sobibor im Sommer 1944 und rückte danach Richtung Westen vor, bis zur Befreiung von Berlin.
Graffiti der Rotarmisten: Zum Ende des Zweiten Weltkriegs hinterließen viele sowjetische Soldaten ihre Spuren an den Wänden des Berliner Reichstages - unter ihnen auch Semyon Rozenfeld.
Scheinbares Waldidyll: Die Gedenkallee am Ort des ehemaligen Mordlagers Sobibor. Die Arbeitssklaven dort wussten, dass sie keine Überlebenschance hatten. "Wir wollten nicht wie Schafe getötet werden, wir wollten wie Menschen sterben", erklärte der Überlebende Yehuda Lerner nach dem Krieg dem französischen Dokumentarfilmer Claude Lanzmann. "Lieber bei dem Aufstand umkommen, als im Krematorium zu enden."
Vertuschte Spuren des industriellen Mordes: Nach dem Aufstand von Sobibor machten die Nationalsozialisten das Lager dem Erdboden gleich, um alle Hinweise auf ihre Verbrechen zu tilgen. 2007 begannen dort Ausgrabungen, die Wissenschaftler Yoram Haimi (Foto von 2012) und Wojciech Mazurek fanden auch die Fundamente von vier Gaskammern.
Topografie des Terrors: Ein Plan des Lagers, erstellt von den Archäologen. Nachdem die Deportierten an der Rampe ankamen, mussten sie sich ausziehen, Wertsachen und Gepäck abgeben und über die "Himmelfahrtstraße" zu den Gaskammern laufen. Die Toten wurden verbrannt.
An das Unvorstellbare erinnern: Wie andere der wenigen Überlebenden von Sobibor hat auch Semyon Rozenfeld über Jahrzehnte immer wieder von den Schrecken der deutschen Mordlager berichtet (hier die polnische Gedenkstätte in Sobibor). Am Ende war er der Einzige, der es noch konnte - am 3. Juni 2019 ist Semyon Rozenfeld in Israel gestorben.