Rätselhafte Britin Meisterin des Bluffs
Das erste Polizeifoto: Dorothy O'Grady war im britischen Strafsystem keine Unbekannte. Bereits 1918, im Alter von 20 Jahren war sie das erste Mal verhaftet worden, nachdem sie Banknoten gefälscht hatte.
Schwere Kindheit: Als Dorothy elf Jahre alt war, starb ihre Mutter. Ihr Vater heiratete wieder, von der Stiefmutter wurde sie jedoch schlecht behandelt. So kam es, dass sie bald an diese Klosterschule von Notre Dame in London abgeschoben wurde. Schnell war sie hier jedoch als "verkommenes Subjekt" bekannt. Ihre Schullaufbahn fiel entsprechend kurz aus.
Eine neue Aufgabe: 1926 heiratete Dorothy O'Grady den 19 Jahre älteren Feuerwehrmann Vincent O'Grady, mit dem sie auf die Isle of Wight zog, wo das Paar in der Osborne Villa eine kleine Pension führte. 1939 musste Vincent nach London zurückkehren, um bei der Fire Brigade seinen Kriegsdienst zu leisten. O'Grady blieb bis zu ihrer Verhaftung 1940 die Wirtin.
Belastendes Material: Als O'Grady verhaftet wurde, wurden bei ihr Karten wie diese gefunden. Sie hatte darauf nicht nur den Küstenverlauf der Isle of Wight nachgezeichnet, sondern darauf auch genau markiert, wo sich Geschütze, Suchscheinwerfer und Elektrozäune befanden, und wo die britischen Truppen stationiert waren - Informationen von enormem taktischen Wert für die Deutschen.
Angst vor dem Invasor: Nachdem die Deutschen Frankreich besetzt hatten, befürchtete Großbritannien, dass feindliche Truppen auch im Königreich landen könnten. Als ein wahrscheinliches Einfallstor wurde dabei die südlich vor England gelegene Isle of Wight angesehen. Dementsprechend wurde die kleine Insel militärisch gesichert, wie beispielsweise mit dieser Gefechtsstation in Culver Down an der Ostküste, die ebenfalls auf Dorothy O'Gradys Karten eingezeichnet war.
Haftzeit: Nach ihrer Verhaftung wurde Dorothy O'Grady zuerst zum Tode verurteilt, ihr Anwalt schaffte es aber, dass sie nur eine 14-jährige Haftstrafe bekam. So landete sie im Gefängnis in Aylesbury, wo sie bereits als junges Mädchen für Erziehungsmaßnahmen gewesen war.
Aus Spaß ins Gefängnis? Nach neun Jahren wurde Dorothy O'Grady 1950 vorzeitig aus der Haft entlassen. Kurz darauf gab sie dem Reporter Sidney Rodin vom "Sunday Express" ein Interview, in dem sie erzählte, das Ganze sei nur ein Spaß gewesen.
Geheimnisumwittert bis zum Schluss: War Dorothy O'Grady nun eine gefährliche Spionin, oder hatte sie einfach nur zu viel Phantasie? Als 1995 ihre Prozessakten freigegeben wurden, kamen entscheidende neue Details aus dem Leben der als Nazi-Agentin verurteilten Engländerin ans Licht.