Niagara Daredevils Höllenritt im Eichenkoloss
Glücklose Pionierin: Annie Taylor und ihr Eichenfass, mit dem sie 1921 die Horseshoe Falls hinabgestürzt war. Oftmals posierte Taylor auch mit ihrer Katze, die das Fass angeblich in einer Probefahrt getestet haben soll. Der Witwe gelang es nicht, nennenswerten Profit aus ihrem Kunststück zu schlagen. Ihr Manager betrog sie; fürs Kuriositätenkabinett war sie sich zu schade; ein Filmangebot lehnte sie ab. 1921 starb Taylor im Armenhaus.
Niagara Falls (Ontario) Public Library
Der Ideengeber: Ein Böttcher aus Philadelphia begründete die aberwitzige Tradition, sich in ein Fass zu setzen und die tosenden Wassermassen des Niagara River zu bezwingen. Am 11. Juli 1886 sauste Carlisle Graham erstmals die stromabwärts der Fälle gelegenen Great Gorge Rapids hinunter. Graham überlebte die Fahrt, litt fortan jedoch unter Schwerhörigkeit. Insgesamt viermal wiederholte er den gefährlichen Stunt. Seinen Traum, die Niagarafälle in einem Fass hinabzustürzen, verwirklichte Graham jedoch nicht - obwohl er 1886 damit geprahlt hatte, es tatsächlich getan zu haben. mehr...
Stuntwoman: Annie Edson Taylor war der erste Mensch, der Ernst machte. Am 24. Oktober 1901 setzte sich die US-amerikanische Tanzlehrerin in eine Tonne und stürzte die Horseshoe Falls hinab. Das Foto zeigt die 63-jährige Matrone (die stets vorgab, erst 43 Jahre alt zu sein) kurz vor ihrer Fass-Fahrt. Den furchteinflößenden Kopfschmuck legte Taylor ab, bevor sie in die Eichenholz-Tonne namens "Königin des Nebels" kletterte.
"Das darf niemand jemals wieder tun!" Mit diesem Ausspruch soll Annie Taylor die Männer begrüßt haben, die sie aus ihrem Fass befreiten und an Land geleiteten. Sie war nur leicht am Hinterkopf verletzt, hatte jedoch einen schweren Schock erlitten. Angeblich soll der Zirkuspionier P.T. Barnum 1856 als erste Person den Wunsch geäußert haben, die Niagarafälle hinabzubrausen. Als Gefährt schwebte ihm ein Ball aus dem gummiähnlichen Material Guttapercha vor. Bevor Barnum bereit war, sollten zunächst ein Hund - und dann ein Schwarzer - die Fahrt überstehen.
Kindheitstraum: Den Wunsch, sich einmal die Niagarafälle hinabzustürzen, hegte der Kanadier Dave Munday schon als kleiner Junge. Als Neunjähriger lernte er den "Daredevil" Major Lloyd Hill kennen, der die "Whirlpool Rapids" (abwärts der Niagarafälle gelegene Stromschnellen) in einer Tonne bewältigt hatte. Das Foto zeigt Munday im Januar 1986, drei Monate nach seinem erfolgreichen Stunt.
Tour vermasselt: Am 28. Juli 1985 unternahm Dave Munday einen ersten Versuch, die Niagarafälle in einer selbst gebauten Tonne zu bezwingen. Doch die Polizei entdeckte das Gefährt, ließ das Wasserniveau drosseln - und verhinderte den Stunt.
High-Tech-Fass: Als Kfz-Mechaniker war Munday in der Lage, die perfekte Kapsel für sein Abenteuer zu konstruieren. Das 16.000 Dollar teure, gut zwei Meter lange, mit einer Stahlhülle versehene Gefährt verfügte über ein Atemgerät, einen Walkie-Talkie - und eine dicke Styropor-Polsterung.
Blick ins Innere: So sah Mundays erste Wasserfall-Tonne von innen aus. Der Kfz-Mechaniker baute unter anderem einen Motorsport-Gurt und einen Halsriemen ein. Damit er sich beim Aufprall die Arme nicht brach, ließ Munday sie sich tapen. Zudem trug er eine gelbe Schwimmweste - der "Daredevil" kann nämlich gar nicht schwimmen.
Nass und glücklich: Dave Munday unmittelbar nach seinem zweiten Stunt am 27. September 1993. "Die Niagarafälle runterzubrausen fühlt sich im Grunde genauso an wie aus einem Flugzeug zu springen", sagt der heute 79-jährige Kanadier im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.
Der Zorn der Wasserfall-Bezwinger: Das Schiff "Maid of Mist IV" fischt 1993 die laut Munday nur leicht modifizierte, rot-weiße Taucherglocke nach dem Stunt aus den Fluten des Niagara River. Munday musste insgesamt rund 24.000 Dollar an Strafen und Gerichtskosten für seine verbotenen Aktionen zahlen - und ärgert sich, ebenso wie etwa die "Daredevils" Steve Trotter und Peter DeBernardi, sehr darüber, dass Luftakrobat Nik Wallenda 2012 eine Genehmigung für seinen Drahtseilakt über die Niagarafälle erhielt.
Stuntman wider Willen: Der siebenjährige Roger Woodward wird im Niagara General Hospital mit einem Glas Milch versorgt. Am 9. Juli 1960 war der kleine Junge gemeinsam mit seiner 17-jährigen Schwester Deanne in einem Boot oberhalb der Niagarafälle unterwegs gewesen, als der Motor ausfiel und das Boot auf die Klippen zuraste. Kurz vor den Horseshoe Falls sprangen die Kinder von Bord. Deanne konnte noch vor dem Wasserfall gerettet werden. Dagegen brauste Roger, der eine Schwimmweste trug, mit den Wassermassen in die Tiefe - und wurde nahezu unverletzt geborgen. Der Skipper des Ausflugsboots kam ums Leben.
Halte Dein Wort! Am 2. Juli 1984, ein Jahr vor Dave Munday, stieg der tschechoslowakische Stuntman Karel Soucek in diese Tonne und stürzte sich die Horseshoe Falls hinab. Auf seinem Gefährt stand der Satz: "Es geht nicht darum, ob du scheiterst oder triumphierst, wichtig ist, dass du Wort hältst... und es wenigstens versuchst!"
Publikumsmagnet: Schaulustige verfolgen vom Ufer aus die Niagara-Fahrt von Karel Soucek. Das Foto zeigt die rote Kapsel Souceks in dem Moment, in dem sie zu Wasser gelassen wird.
Vom Fass ins Spital: "Daredevil" Karel Soucek erlitt während seines Stunts nur kleinere Verletzungen - dennoch musste er im Niagara General Hospital behandelt werden (Foto vom 2. Juli 1984).
Fatale PR-Show: Das Gefährt von Stuntman Karel Soucek nach geglückter Fahrt (Foto vom 2. Juli 1984). Ein halbes Jahr später starb Soucek bei dem Versuch, die Niagara-Performance im Houston Astrodome nachzustellen: Die Tonne mit Soucek im Innern geriet beim freien Fall ins Schlingern und knallte an den Rand des Wasserbeckens, statt, wie vorgesehen, sanft in dessen gesichertem Zentrum zu landen. Soucek erlag seinen Verletzungen noch während der Stunt-Show.
Held mit Fliege: Am 25. Juli 1911 gelang es dem britischen Zirkusartisten Bobby Leach, in dieser 2,40 langen Stahltrommel das Kunststück von Annie Taylor zu wiederholen. Allerdings brach er sich bei dem Stunt den Kiefer und zertrümmerte sich die Kniescheiben.
Verhängnisvolle Orangenschale: Anders als Annie Taylor wandelte Bobby Leach (hier zu sehen auf einer nachkolorierten Postkarte) seinen Ruhm in finanziellen Wohlstand um. Jahrelang posierte der "Niagara Daredevil" mit seinem Fass und tourte durch England, Kanada und die USA, um von seinem Abenteuer zu erzählen. Sein Glück endete, als der Brite 1926 auf einer Orangenschale ausrutschte. Nach dem Unfall musste sein Bein amputiert werden -Leach starb an den Folgen.
Runterstürzen kann jeder... aber raufkraxeln? Action-Sportler Will Gadd drehte die Niagara-Fass-Sause einfach mal um - und kletterte am 27. Januar 2015 die gefrorenen Niagarafälle hoch. Möglich war ihm das dank des vergleichsweise strengen Winters.
Keine Macht den Drogen: Am 28. September 1989 stürzten sich Peter DeBernardi, 42, und der Student Geoffrey Petkovich, 24, in dieser Kapsel (die im Originalzustand leuchtend gelb war) die Horseshoe Falls hinab. Auf ihrem Gefährt stand in schwarzen Lettern der Spruch: "Gehe nicht bis zum Äußersten. Drogen bringen dich um!"
Daredevil-Duo: So sah das Gefährt von DeBernardi und Petkovitch nach dem Sturz aus. Sie erlitten beide nur leichte Verletzungen. Die Männer waren die ersten, die den Stunt zu zweit meisterten.
Spaziergang über das Naturwunder: Luftakrobat Nik Wallenda überquerte die Niagarafälle am 15. Juni 2012 auf einem rund 600 Meter langen Drahtseil. Über Funk war der Amerikaner mit einem ABC-Reporter verbunden. Als Wallenda kurzzeitig in einer Wolke aus Nebel verschwand, hielt die Welt den Atem an. "Vater unser, du bist mein Retter", hauchte Wallenda ins Mikrofon. Nach 25 Minuten und 21 Sekunden erreichte er die kanadische Seite. Als die Zollbeamtin Wallenda nach dem Grund für seine Reise nach Kanada fragte, antwortete er": "Ich will Menschen in aller Welt inspirieren. Folgt euren Träumen und gebt niemals auf!" Anders als die "Niagara Daredevils" vor ihm erhielt Wallenda eine amtliche Genehmigung für seine Performance.
Der Schnellste: 1887 gelang es dem kanadischen Turmarbeiter Clifford Calverly, den Niagara River auf einem Drahtseil zu überqueren. Während andere Luftakrobaten vor ihm, etwa Jean François Gravelet, Henry Bellini und Stephen Peer, dafür 15 bis 20 Minuten benötigten, bewältigte Calverly den Stunt in einer Rekordzeit von zwei Minuten und 32 Sekunden.
Draufgänger im Doppelpack: Rettungskräfte stützen eine sichtlich angeschlagene Lori Martin nach ihrem Wasserfall-Stunt am 18. Juni 1995. Die junge Frau war zusammen mit ihrem Freund Steve Trotter in eine aus Fiberglas gebaute, mit 60 Zentimeter dickem Schaumstoff ausgekleideten High-Tech-Kapsel gestiegen.
Vom Adrenalinkick geheilt: Lori Martin nach ihrem geglückten Niagara-Abenteuer (Foto vom 18. Juni 1995). Auf die Frage, ob sie den Stunt wiederholen wolle, antwortete die junge Frau: "Nein, niemals. Einmal ist genug." Für Trotter hingegen, der 1995 mit ihr die Horseshoe Falls hinabstürzte, war es bereits das zweite Mal: Der Barkeeper aus Florida hatte bereits zehn Jahre zuvor, am 18. August 1985, die Fälle bezwungen - als bis dahin jüngster Mensch.
Tarzan: Steve Trotter kurz vor seinem ersten Niagara-Stunt 1985. Der damals 22-Jährige erklärte, er habe den Sturz für seinen Vater gewagt - als Vatertags-Geschenk. Zudem hoffte der junge Barkeeper wohl auf eine Stuntman-Karriere. Im November 1985 vollführte er seine zweite Performance: Trotter befestigte eine hölzerne Scheibe am Ende eines Drahtseils, setzte sich auf die Scheibe - und sprang von der Golden Gate Bridge in San Francisco. Wie Tarzan schwang Trotter eine Zeitlang hin und her, bis die Polizei ihn stoppte und kurzzeitig inhaftierte.
Teurer Tonnen-Trip: Wie die "Daredevils" vor ihnen mussten auch Steve Trotter und Lori Martin saftige Strafen bezahlen. Denn seit dem Tod von William "Red" Hill Junior, der 1951 mit einem Gefährt namens "The Thing" die Fälle hinabstürzte und dabei verunglückte, sind Stunts an den Niagarafällen streng verboten - bei Wiederholungstätern wie Trotter ist eine vorübergehende Inhaftierung nicht unüblich.
Todestour mit "Sonny Boy": 1930 wagte der griechischstämmige Koch und Hobby-Schrifststeller George Stathakis in diesem Fass (Foto) die abenteuerliche Fahrt über die Horseshoe Falls. Mit an Bord: seine angeblich 105 Jahre alte Schildkröte namens "Sonny Boy". Stathakis war überzeugt davon, schon vor 1000 Jahren zur Welt gekommen zu sein. Mit dem Stunt wollte er zu Ruhm und Geld gelangen, um sein Buch zu finanzieren. Das Tier nahm er mit, damit es Zeugnis von dem Abenteuer ablegen könnte, falls sein Herrchen dabei sterben sollte. "Es fällt schwer zu glauben, dass Stathakis psychisch völlig gesund war", schreibt Pierre Berton in seinem Buch über die Geschichte der Niagarafälle.
Nur die Schildkröte überlebt: Doch Stathakis hatte Pech. Sein Fass blieb 22 Stunden lang hinter den tosenden Wassermassen stecken, der "Daredevil" erstickte. Das Foto zeigt das Gefährt am Morgen nach der Todesfahrt. Anders als Stathakis soll seine Schildkröte das Abenteuer überlebt haben.
Herr des Gummiballs: Überglücklich blickt der französisch-kanadische Maschinist Jean Lussier (im Zentrum, nur mit Badehose bekleidet) nach geglückter Wasserfall-Fahrt in die Kamera (Foto vom 4. Juli 1928). Zu seinen Füßen befindet sich das Gefährt, mit dem er die Horseshoe Falls bezwang: ein mit Stahl verstärkter, unförmiger Gummiball. Die Wassermassen hinabzurasen, habe sich angefühlt wie ein Skisprung, so Lussier. Tausende von Schaulustigen wohnten seinem Kunststück bei. Um Geld zu verdienen, zerlegte Lussier seinen Gummiball nach geglücktem Stunt und verkaufte ihn Stück für Stück. Als nichts mehr davon übrig war, bot er angeblich Gummi-Souvenirs aus einer nahe gelegenen Reifenfabrik feil.
Der erste Schwarze: Gutgelaunt absolviert Nathan Boya (der mit richtigem Namen William Fitzgerald hieß) nach seinem Niagara-Stunt am 15. Juli 1961 einen Gesundheits-Check im örtlichen Krankenhaus. Wie Lussier benutzte der 30-Jährige einen Gummiball, den er "Plunge-O-Sphere" taufte. Erst 2012 verriet der erste schwarze "Niagara Daredevil", warum er sich ein halbes Jahrhundert zuvor die Wasserfälle hinabgestürzt hatte: Kurz vor dem Stunt hatte er seine Verlobung gelöst, ein Schritt, den er bitter bereute. Die Flitterwochen sollten das Paar an die Niagarafälle führen - weshalb Boya den Stunt dort quasi als Buße vollführte.