NS-Verbrechen Die Spur der Skelette
Seziertisch im KZ Natzweiler: Im November 1942 begann der NS-Mediziner August Hirt im KZ Natzweiler-Struthof bei Straßburg mit Menschenversuchen. Bereits Ende 1941 hatte ein Referent von SS-Chef Heinrich Himmler angewiesen, dass man Hirt "die Möglichkeit geben möge, mit Gefangenen und mit Berufsverbrechern, die sowieso nicht mehr in Freiheit kommen und mit den für eine Hinrichtung vorgesehenen Personen Versuche jeder Art anzustellen".
NS-Mediziner: Der Mannheimer Kaufmannssohn August Hirt erlitt als 18-jähriger Kriegsfreiwilliger im Ersten Weltkrieg einen Kieferdurchschuss, der ihn lebenslang zeichnete. Hirt studierte Medizin in Heidelberg und wurde Professor in Greifswald, Frankfurt am Main und an der "Reichsuniversität" im besetzten Straßburg. Im November 1942 begann das NSDAP-Mitglied mit Menschenversuchen im nahegelegenen KZ Natzweiler-Struthof. Im August 1943 ließ er dort 86 jüdische Frauen und Männer ermorden, weil er aus ihren Körpern Skelette für eine "rassekundliche" Schausammlung präparieren wollte. Nach Kriegsende erschoss sich Hirt am 2. Juni 1945 in seinem Versteck im Schwarzwald.
NS-Opfer: Die am 28. Februar 1878 in Gelsenkirchen geborene Jeanette Passmann, geborene Vogelsang, zählt zu den 86 jüdischen Opfern des Verbrechens von NS-Arzt August Hirt und seiner Helfer. Jeanette Passmann war mit dem Kaufmann Hermann Passmann aus Geldern verheiratet. Das Ehepaar hatte zwei Kinder und emigrierte 1934 in die Niederlande. Sie wurde am 15. Februar 1943 in Mechelen interniert und am 19. April 1943 nach Auschwitz deportiert. Über diese Deportation hat die frühere SPIEGEL-Korrespondentin Marion Schreiber das Buch "Stille Rebellen. Der Überfall auf den 20. Deportationszug nach Auschwitz" verfasst.
Elisabeth Klein, geborene Thalheim, wurde am 29. Mai 1878 geboren. Sie stammte aus Wien und war mit dem Kaufmann Koloman Klein aus Kisnana in Ungarn verheiratet, mit dem sie eine Tochter hatte. Die Familie emigrierte 1938 nach Belgien. Dort wurde Elisabeth Klein am 13. Februar 1943 bei einer Razzia verhaftet. Am 19. April 1943 wurde sie aus dem Internierungslager Mechelen nach Auschwitz deportiert. Dort wurde ssie von einem "Ahnenerbe"-Kommando für die Skelettsammlung des Straßburger Anatomieprofessors August Hirt selektiert und im KZ Natzweiler-Struthof ermordet.
Maurice Francese aus dem griechischen Thessaloniki zählt zu den 86 jüdischen Opfern des NS-Medizinprofessors August Hirt. Der unverheiratete Francese, Jahrgang 1918, wurde nach kurzer Internierung im Ghetto von Thessaloniki Ende April 1943 zusammen mit seinen Eltern und seiner Zwillingsschwester Rachel nach Auschwitz deportiert - und dort für die perverse "Sammlung" des NS-Arztes August Hirt ausgewählt. Er starb in der Gaskammer des KZ Natzweiler-Struthof. Das Foto entstand in Belgien bei einem Verwandtenbesuch.
Frank Sachnowitz aus dem norwegischen Larvik war 17 Jahre alt, als er am 26. Oktober 1942 verhaftet wurde. Vier Wochen später wurde er von Bergen aus per Schiff und Zug nach Auschwitz gebracht. Dort wurden sein Vater und fünf weitere Geschwister ermordet, Frank starb in der Gaskammer des KZ Natzweiler-Struthof im Elsass für die perverse Skelettsammlung des NS-Mediziners August Hirtz. Der einzige Überlebende der Familie Sachnowitz, Franks älterer Bruder Hermann Sachnowitz schrieb nach 1945 das Buch Auschwitz. Ein norwegischer Jude überlebte (Büchergilde Gutenberg, 1980).
Die aus Posen stammende Alice Simon, geborene Remak, lebte ab 1905 in Berlin. Simon, Jahrgang 1887, konvertierte zum Protestantismus und heiratete in der Berliner Gedächtniskirche den ebenfalls konvertierten Rechtsanwalt Herbert Simon. Das Ehepaar lebte mit seinen zwei Kindern in der Joachimsthaler Straße 12. Herbert Simon starb 1936. Ihren Sohn und ihre Tochter konnte Alice Simon in das rettende Großbritannien schicken. Sie selbst blieb in Berlin bei ihrer blinden Schwiegermutter. Alice Simon wurde am 18. Mai 1943 nach Auschwitz deportiert und wenige Monate später im KZ Natzweiler-Strutthof durch Blausäuregas für die pseudomedizinische Sammlung des NS-Arztes August Hirt ermordet.
Eine Besucherin vor einem Verbrennungsofen im ehemaligen KZ Natzweiler-Struthof im Elsass. Von Mai 1941 bis Oktober 1944 wurden hier rund 20.000 Menschen ermordet. Im Auftrag der SS-Wissenschaftsorganisation "Ahnenerbe" wurden hier 1943 auch 86 jüdische Frauen und Männer mit Gas ermordet, deren Leichen jedoch nicht verbrannt wurden - sie waren gezielt für eine "rassekundliche" Skelettsammlung der nahen "Reichsuniversität" Straßburg ausgewählt und getötet worden.
Vor dem ehemaligen KZ Natzweiler-Struthof wurde 1960 eine flammenförmige Gedenkstele für die "Märtyrer und Helden der Deportation" eingeweiht. Fast jeder zweite Natzweiler-Häftling starb, insgesamt mehr als 20.000 Menschen.
Vor dem ehemaligen KZ Natzweiler-Struthof wurde 1960 eine flammenförmige Gedenkstele für die "Märtyrer und Helden der Deportation" eingeweiht, die hoch über die Gräber der hier bestatteten KZ-Opfer ragt. Fast jeder zweite Natzweiler-Häftling verlor sein Leben in dem Lager, insgesamt starben hier mehr als 20.000 Menschen.
Am 11. Dezember 2005 wurde auf dem Jüdischen Friedhof in Strasbourg-Cronenbourg am Grab der 86 Opfer feierlich ein Grabstein mit den Namen der im KZ Natzweiler-Struthof Verstorbenen enthüllt
Ein Prämienschein über 50 Pfennige aus dem KZ Natzweiler im Elsass. 1943 erließ die SS eine "Prämienverordnung", nach der KZ-Häftlingen unter bestimmten Voraussetzungen besondere Vergünstigungen genehmigt werden konnten - etwa, mehr Briefe schreiben und empfangen zu dürfen, ein Friseurbesuch oder Zigaretten. Bezahlt wurden diese Sonderleistungen mit solchen Prämienscheinen, auf die ein Gegenwert in Reichsmark aufgedruckt war. In einigen Lagern waren auch Besuche im KZ-eigenen Bordell möglich, die als "Prämie" abgerechnet wurden.
Anthropologische Propaganda: August Hirt plante eine Schausammlung mit Schädeln bzw. Skeletten von Juden, die der Rassenpropaganda dienen sollte. Zu den Vorbildern gehörte eine Ausstellung, die 1939 österreichische Anthropologen im Naturhistorischen Museum in Wien veranstalteten. Titel: "Das körperliche und seelische Erscheinungsbild der Juden". In diesem Museum meldete man im gleichen Jahr, über "22 Stück Judenschädel" verfügen zu können. Sie stammten aus Ausgrabungen auf dem Wiener Judenfriedhof, deren "Ertrag" 1938 übernommen worden war.
Blick in die Gaskammer, in der im August 1943 in vier Durchgängen 86 Juden erstickt wurden. Der Raum ist 2,40 Meter breit, 3,60 Meter tief und 2,60 Meter hoch. KZ-Kommandant Josef Kramer, der die Gase einleitete, beobachtete durch ein Guckloch die tödliche Wirkung.
Gaskammer: Auszug aus der Aussage von Josef Kramer, dem Leiter des Lagers Natzweiler-Struthof, vor dem Lüneburger Militärgericht am 6. Dezember 1945: "Ich legte eine Handvoll des Produktes in ein Loch, das in den Boden gebohrt worden war. Ich ließ die Frauen in die Gaskammer gehen und schloss die Tür. Dann fingen die Frauen an zu weinen und zu schreien. Von draußen schüttete ich Wasser in den vorgesehenen Trichter. Dieses Wasser floss durch einen Schlauch, der mit einem Verschluss im Loch versehen war und zwar da, wo die Körnchen sich befanden. Nach einer halben Minute gab es in der Kammer keine Schreie mehr."
In einem Nebenraum der Gaskammer im KZ Natzweiler-Struthof wurden Opfer des Arbeitslagers in gekachelten Gruben, die mit Alkohol gefüllt waren, konserviert. Die 86 Leichen wurden wenige Stunden nach dem Verbrechen nach Straßburg in die Anatomie gebracht und im dortigen Anatomiekeller in Becken gelegt.
SS-Anthropologe: Bruno Beger (hier bei bei anthropologischen Messungen in Tibet) wurde am 27. April 1911 in Frankfurt am Main geboren. Er studierte Anthropologie, Geografie und Ethnografie in Jena, promovierte in Berlin und wurde 1937 hauptamtlicher SS-Führer, 1938 Abteilungsleiter im SS-Rasse- und Siedlungshauptamt. 1938/39 Teilnahme an einer Expedition nach Tibet (siehe Bild). Danach in der "Forschungsstätte für Innerasien und Expeditionen" des SS-"Ahnenerbe". Für den "Auftrag Beger" im Juni 1943 im KZ Auschwitz. Vom Landgericht Frankfurt am Main 1971 wegen Beihilfe zum gemeinschaftlichen Mord zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Beger ist am 12. Oktober 2009 in Könistein/Taunus gestorben.
Signatur im Bundesarchiv: Bild 135-KB-15-089