Nürnberger Prozesse Das Weltgericht tagt
Frieden durch Recht: Verhandlung im Großen Saal des Nürnberger Justizpalasts. Das Verfahren der Alliierten gegen die "Hauptkriegsverbrecher" gilt als Geburtsstunde des modernen Völkerrechts. Die historische Bedeutung formulierte US-Chefankläger Robert H. Jackson so: "Dass vier große Nationen, erfüllt von ihrem Sieg und schmerzlich gepeinigt von dem geschehenen Unrecht, nicht Rache üben, sondern ihre gefangenen Feinde freiwillig dem Richtspruch des Gesetzes übergeben, ist eines der bedeutendsten Zugeständnisse, das die Macht jemals der Vernunft gemacht hat." Erstmals in der Geschichte mussten sich Politiker und Militärs für ihre Verbrechen vor Gericht verantworten.
Mammutverfahren: Die vier Siegermächte brachten die in Nürnberg angeklagten NS-Kriegsverbrecher mit ihren eigenen Papieren an den Galgen. Eine Auswahl von 5330 Materialien wurde in jeweils drei Sprachen übersetzt - dank der akribischen NS-Bürokratie waren die Gräueltaten detailliert aufgezeichnet worden. Fünf Millionen Blatt Papier verschlang die Vervielfältigung aller Schriftstücke in den vier Verhandlungssprachen.
"Verstehen, wie so etwas möglich war": Mit diesem Anspruch war George Sakheim, Jahrgang 1923, als Übersetzer zum Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher gefahren. Der gebürtige Hamburger war 1933 aus Nazi-Deutschland geflohen und 1945 als US-Soldat in seine alte Heimat zurückgekehrt.
"Ich versuchte, ruhig zu bleiben und mich zu kontrollieren": Im einestages-Interview berichtet Dolmetscher George Sakheim über seine schwierige Arbeit beim Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess. Der heute 93-Jährige lebt in Gwynedd (Pennsylvania), nach dem Zweiten Weltkrieg war er als Psychologe tätig.
Ein Prozess, vier Sprachen: George Sakheim (unten links) im Saal 600; das Foto ließ sich der gebürtige Hamburger von den hinter ihm sitzenden Anklägern handschriftlich signieren. In Nürnberg zu dolmetschen, war nicht nur eine enorme emotionale Herausforderung, sondern auch eine Premiere: Erstmals wurde simultan in vier Amtssprachen gedolmetscht. Eigens für diesen Zweck entwickelte das US-Unternehmen IBM ein Mikrofon- und Kopfhörersystem.
"Die Ordnung der Welt nach den Grundsätzen des Rechts": Nichts Geringeres versprach Robert H. Jackson, Richter am US Supreme Court und Chefankläger von Nürnberg zu Prozessbeginn in seiner berühmten Rede vom 21. November 1945.
Der Ort des Tribunals: US-Soldaten stehen Wache vor dem Nürnberger Justizpalast. Während die ehemalige "Stadt der Reichsparteitage" zu 90 Prozent zerstört war, war der Justizpalast vergleichsweise gering beschädigt. Dennoch war auch das Gebäude von Bomben getroffen worden, die Kosten für die nötigen Renovierungs- und Umbauarbeiten beliefen sich auf rund zehn Millionen Reichsmark.
Keinerlei Schuldbewusstsein: Diese Repräsentanten des "Dritten Reiches" saßen als Hauptkriegsverbrecher auf der Anklagebank. Niemand von ihnen bekannte sich vor dem Internationalen Militärtribunal für schuldig.
Einzelhaft für die Massenmörder: Hier, im Gefängnisblock hinter dem Nürnberger Justizpalast, waren die Angeklagten inhaftiert (Aufnahme von August 1945). Sie wurden rund um die Uhr überwacht, um Selbstmorde zu verhindern. Dennoch entzogen sich zwei der hochrangigen Angeklagten durch Suizid dem Urteil: Am 25. Oktober 1945, noch vor Prozessbeginn, erhängte sich Robert Ley, Reichsorganisationsleiter der NSDAP und Leiter der Deutschen Arbeitsfront. Suizid beging zudem Reichsmarschall und Luftwaffenchef Hermann Göring am 15. Oktober 1946.
Beispiellose Aufmerksamkeit: Zahlreiche Journalisten aus rund 20 Nationen waren nach Nürnberg gereist, um über den Prozess zu berichten. Zu Beginn des Internationalen Militärtribunals waren rund 250 Reporter anwesend, doch in den folgenden Monaten leerten sich die braunen Klappsessel sukzessive. Als "Citadel of boredom" ("Hochburg der Langeweile") bezeichnete die britische Reporterin Rebecca West die bisweilen lähmende Stimmung im Saal 600.
Trümmerlandschaft: Ansicht der zerbombten Stadt Nürnberg, im Hintergrund die St. Lorenz-Kirche (Aufnahme vom 10. Januar 1946). Besonders verheerend war der Bombenangriff vom 2. Januar 1945, bei dem mindestens 1800 Menschen getötet wurden.
Die Anklagepunkte: L.N. Smirnow (vorn rechts), Hilfsankläger der sowjetischen Anklagedelegation, während der Verhandlungen im Saal 600. Die Anklageschrift des Internationalen Militärtribunals umfasste 71 Druckseiten mit 25.000 Wörtern und war in vier Hauptanklagepunkte gegliedert:
1. Verschwörung
2. Verbrechen gegen den Frieden
3. Kriegsverbrechen
4. Verbrechen gegen die Menschlichkeit.
Diät für die NS-Kriegsverbrecher: Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß (links) und Außenminister Joachim von Ribbentrop beim Mittagessen (Foto vom 26. November 1945). Zu Beginn des Prozesses erhielten die Angeklagten die Hungerrationen eines deutschen Normalverbrauchers - das entsprach 1200 Kalorien am Tag.
Den Menschen die Augen öffnen: Deutsche Zivilisten, die nach Kriegsende im Vernichtungslager Auschwitz direkt mit den NS-Gräueltaten konfrontiert wurden (Foto von 1945). Als Teil der demokratischen Re-Education fungierten auch der Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess sowie die zwölf Nachfolgeprozesse zwischen 1945 und 1949.
Verbrecher samt ihrer Organisationen angeklagt: Der Nürnberger Justizpalast an der Fürther Straße (Foto von 1946). In Nürnberg wurden nicht nur Einzelpersonen angeklagt, sondern auch eine Reihe NS-spezifischer Einrichtungen als "verbrecherische Organisationen". Dazu gehörten das "Korps der Politischen Leiter" und die SA, die Gestapo mit dem SD und die Reichsregierung, die 8,5 Millionen Mitglieder der NSDAP, der Generalstab und das Oberkommando der Wehrmacht, die SS sowie die Waffen-SS.
Angeklagter Nummer eins: Reichsmarschall und Luftwaffenchef Hermann Göring im Gespräch mit seinem Verteidiger Otto Stahmer (Foto von 1946). Nachdem sich Adolf Hitler ebenso wie Propagandachef Josef Goebbels und SS-Reichsführer Heinrich Himmler durch Suizid einer möglichen Verurteilung entzogen hatten, war Göring der Ranghöchste, der noch übrig war.
Minutiös dokumentiert: Dieser Tontechniker des US-Militärs war in Nürnberg zuständig für die Ton- und Filmaufnahmen während des Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozesses. Präzise wurde jeder Moment des Verfahrens festgehalten - auf 27.000 Meter Tonband und 7000 Schallplatten.
Prozessalltag: Verhandlung im Schwurgerichtssaal 600 in Nürnberg. An der Wand: eine grafische Darstellung der Position Ernst Kaltenbrunners, der Gestapo und des SD innerhalb der deutschen Polizei. Auf der Richterbank (von links) Alexander F. Wolchkow, Iola T. Nikitschenko (Sowjetunion), Sir Norman Birkett, Sir Geoffrey Lawrence (Großbritannien), Francis Biddle und John J. Parker (USA), Henri Donnedieu de Vabres und Robert Falco (Frankreich).
Die Urteile: Zwei der Angeklagten, Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht (links) sowie Diplomat und Reichskanzler a.D. Franz von Papen, beim Mittagessen im Nürnberger Justizpalast (Foto vom 29. November 1945). Schacht und von Papen wurden zu Prozessende ebenso freigesprochen wie der Rundfunk-Propagandist Hans Fritzsche. Zwölf der Angeklagten wurden zum Tode verurteilt, sieben von ihnen erhielten langjährige oder lebenslange Haftstrafen.
Der Henker von Nürnberg: Der texanische Master Sergeant John Clarence Woods führte am 16. Oktober 1946 die Hinrichtungen der zum Tod durch den Strang verurteilten NS-Kriegsverbrecher aus. Obwohl Woods zuvor schon mehr als 300 Exekutionen durchgeführt hatte, gab es in Nürnberg Probleme: Die Falltür war zu klein, einige der Verurteilten schlugen mit dem Kopf auf dem Rand der Luke auf, die Fallhöhe wurde zu als gering berichtet.
"Der Gangster, der seine fetten Finger in jedem Kuchen hatte": So umriss US-Chefankläger Jackson zu Beginn des Verfahrens die Rolle des Angeklagten Hermann Göring. Wie elf der Angeklagten wurde Göring zum Tod durch den Strang verurteilt - er entzog sich seiner Strafe jedoch wenige Stunden vor der geplanten Hinrichtung durch Suizid. Am 15. Oktober 1946, gegen 22.45 Uhr, zerbiss der zweite Mann des "Dritten Reiches" eine Zyankalikapsel. Wie sie in seine rund um die Uhr überwachte Zelle gelangen konnte, ist bis heute nicht völlig klar.