Stuttgarter "Orestie" Menschheitsdrama als Familienaufstellung
Die antike Tragödie auf Fernsehformat geschrumpft: Bei Robert Icke spielt die "Orestie" in einem Wohnzimmer mit gläserner Rückfront samt Glasschiebetür.
Fast wie bei "House of Cards": Sylvana Krappatsch spielt Klytämnestra als schneidend ehrgeizige First Lady, Matthias Leja ist der Staatschef Agamemnon, ein wieseliger Karrieristentyp.
Das Eindampfen des Menschheitsdramas aufs sozialpathologische Normalmaß stellt sich bei Regisseur Robert Icke als kluge, temporeiche, höchst unterhaltsame Theaterkunst heraus.
Der Rachemord von Klytämnestra (Sylvana Krappatsch, links) an ihrem Mann und der Rachemord Orests an seiner Mutter werden im Stil einer akribischen Tatort-Rekonstruktion durchgenommen.
Iphigenie (Salome Sophie Ritter, hier mit Peer Oscar Musinowski als Orest) wird wie im antiken Drama geopfert in der aktualisierten Stuttgarter Fassung geschieht das allerdings in einer Sterbeklinik.
Die klirrend-kühle Bestandsaufnahme der "Orestie", die dem Wesen der menschlichen Mordlust nachgeht, endet in einer Gerichtsverhandlung, die Orest zum Weiterleben verdammt.
Orest ringt mit seiner Schwester Elektra (Anne-Marie Lux): Richter und Seelenärzte kommen bei Robert Icke zum gleichen Schluss wie schon der alte Grieche Aischylos: Lernen heißt leiden. Und Leiden heißt lernen.