Ortstermin "Alle haben es gewollt"
Aufmarsch in Northeim: In Northeim wurde das Hakenkreuz "vielfach und gerne stolz vorangetragen" - wie beim Aufmarsch der Bürger am 1. Mai 1933. Das belegen Fotos und Dokumente im Stadtarchiv der niedersächsischen Kleinstadt.
Ernst Fahlbusch: Ernst Fahlbusch, ehemaliger Reichsbannerträger, aus Gillersheim bei Northeim hat sein Mitgliedsbuch von Schwarz-Rot-Gold aufbewahrt. Zusammen mit rund 400 NSDAP-Gegnern nahm er am 19. Februar 1933 an einer Kundgebung auf dem Marktplatz von Northeim teil.
Ekkehard Just: Stadt-Archivar Ekkehard Just hat ein Buch über Northeims "Langen Weg zur Demokratie" geschrieben. Eine seiner Erkenntnisse beim Sichten von Dokumenten aus der NS-Zeit: In Northeim wurde "das Hakenkreuz vielfach und gerne stolz vorangetragen".
Lotte Oppenheim: Der Northeimer Heimatbeobachter berichtete am 25. April 1935: "Hört! Hört! Israels Gesang im Fachberge!
Am Osterfeste trieb es nicht nur unsere eigenen Volksgenossen hinaus in Gottes freie Natur, nein, auch Angehörige des auserwählten Volkes ergingen sich im Fachberge. Dagegen wäre ja nun nichts einzuwenden, wenn sich die Burschen und ihre Damen wenigstens anständig betragen hätten, aber leider war dem nicht so. Als ihnen 2 junge Leute begegneten, die das Hakenkreuzabzeichen trugen, wurden diese von den Juden angepöbelt, sie sangen "Blut muss fließen" und redeten etwas von " Fensterscheiben...". Unter der mutigen Schar der Israeliten befanden sich zum Beispiel Herr Jakobs und Fräulein Oppenheim. Im Gefühl ihrer Übermacht erfrechten sie sich sogar, noch höhnisch "Heil Hitler" hinter den Wanderern herzurufen.
Man sollte es nicht für möglich halten. Dass diese Leute das Gastrecht, das sie noch in unserem Vaterlande genießen, in dieser Form mit Füssen zu treten wagen. Da sollte man sich wirklich nicht wundern, wenn solche "Taten" ihren verdienten Lohn finden."
Gertrude Schulze-Ballin: Der 2. April 1933 brachte für Getrude Ballin und ihre Familie einen großen Schock: Eine zweispaltige Zeitungsanzeige forderte auf: "Northeimer! Meidet diese Juden!" Auf der darunter stehenden Liste von Namen fand sich auch der ihrer Mutter: Martha Ballin.
Gertrude Schulze-Ballin: Als 93-Jährige erinnerte sich Gertrude Schulze-Ballin noch genau an den Tag, an dem sich alle Freunde und Bekannten plötzlich von der Familien abwendeten: Es war der 2. April 1933. in der Zeitung hatte gestanden: "Northeimer! Meidet diese Juden!"
Gertrude Schulze-Ballin mit ihrem Vater: Der jüdische Kaufmann Leopold Ballin betrieb mit seiner Frau Marta, eine Christin, Anfang der dreißiger Jahre eine gutgehende Heilpraxis samt Labor in der Northeimer Altstadt. Nach dem Aufruf in der Zeitung "Northeimer! Meidet diese Juden!" blieb die Stammkundschaft weg. Für die Familie war das eine schockierende Erfahrung, erinnert sich Tochter Gertrude (l. im Bild).
Lotte und Liese Oppenheim: Die Mädchen der Unterteria der Richenzaschule haben sich zum Gruppenfoto aufgestellt. Die Aufnahme zeigt vorn l. und. r. die Oppenheim-Zwillinge. In den dreißiger Jahren wurden sie als Juden beschimpft und angepöbelt, die Mädchen wählten daher als Heimweg von der Schule einen Schleichweg an der Stadtmauer entlang.