"Pardon"-Erfinder Johannes Nikel wird 85 - DER SPIEGEL
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"Pardon"-Erfinder Nikel Nackte Brüste gegen Arschkriecher

Als Teenager kritisierte er den NS-Staat, später geißelte er DDR-Zwang und BRD-Muff: Satiriker Johannes Nikel hat alle Facetten deutscher Politik aufs Korn genommen. Jetzt ist er 85 - und noch immer mit dem Teufel im Bund. Besuch bei Deutschlands oberstem Piesacker.
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Hitler sells:"Pardon"-Cover von 1972. Ein Jahr später schickte das Magazin für die Buchmesse sogar einen Hitler-Imitator durch Frankfurt, um gegen eine "nostalgische Hitlerwelle" auf dem Buchmarkt zu protestieren. "Wir haben das Double extra aus den USA engagiert, wo er sehr erfolgreich war", erinnert sich Nikel. "Er fuhr mit einem großen Auto durch die Stadt, hob grüßend seine Hitler-Hand und verteilte Flugblätter." Dann wurde er festgenommen - ebenso wie Nikel.

Foto: Bärmeier & Nikel
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Deutscher Nationalsport: Immer wieder machte sich "Pardon" über deutsche "Arschkriecher" lustig - und liefert hier schon mal nützliche Hinweise zur besseren Anpassung. In einer Aktion am Niederwalddenkmal enthüllen "Pardon"-Mitarbeiter 1976 ihren Vorschlag für ein neues Nationaldenkmal - ein Arsch mit Ohren.

Foto: Bärmeier & Nikel
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"Reserviert für Nixon": Einem zehnköpfigen "Pardon"-Team gelang es 1973, heimlich ein symbolisches Grab für US-Präsident Richard Nixon auszuheben - auf dem Friedhof in Landsberg, zwischen den Gräbern hingerichteter NS-Kriegsverbrecher. Dies sei, so titelte das Magazin, "der richtige Platz für Nixon", der wegen des Vietnamkrieges international in der Kritik stand.

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Lieblingsfeind:Besonders gerne wetterte "Pardon" gegen die Springer-Presse, wie in dieser Ausgabe von 1967. Ein Jahr später gab das Satiremagazin sogar eine "Extra-Ausgabe" in bester "Bild"-Manier heraus. Erfolglos blieben Versuche Springers, seine Grossisten dazu zu bringen, die "Pardon" nicht mehr zu verkaufen. "Das wäre unser Untergang gewesen", sagt Nikel, "aber das Bundeskartellamt hat das unterbunden."

Foto: Bärmeier & Nikel
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Gegen den Mainstream: Nicht nur die Springer-Presse, auch der SPIEGEL wurde immer wieder Zielscheibe des "Pardon"-Spotts. Kultstatus erlangte ab 1964 die Kolumne "Welt im Spiegel" (WimS) - eine Anspielung auf die "Welt" und den SPIEGEL. In der Rubrik wurden völlig belanglose Meldungen absurd verfremdet und ironisch überhöht. Bekannte Autoren und Karikaturisten waren Robert Gernhardt und F. K. Waechter, der auch das berühmte "Pardon"-Logo mit dem Teufel gezeichnet hatte.

Foto: Bärmeier & Nikel
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Wohlverdientes Bad: Johannes Nikel 1954 im Alter von 24 in der Wohnung seiner damaligen Freundin. Gerade hatte der junge Mann zusammen mit seinem Journalisten-Kollegen Erich Bärmeier den Verlag Bärmeier & Nikel gegründet. Mit 600 Mark und zwei Schreibmaschinen fingen die beiden an, später setzten sie Millionen um.

Foto: Sammlung Hans A. Nikel
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Bewohntes Museum: Johannes Nikel kurz vor seinem 85. Geburtstag in seiner Bad Homburger Wohnung - kaum ein Raum, der nicht mit seinen Skulpturen und Bildern geschmückt wäre. Derzeit plant Nikel, ein eigenes Museum zu gründen. "Phantasie-Arche" soll es heißen und auf drei Etagen Platz für seine Exponate und die anderer Künstler mit poetischen Themen bieten. Ein Grundstück in Bad Homburg ist bereits gefunden - doch noch fehlt es an zusätzlichen Geldgebern.

Foto: SPIEGEL ONLINE
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Mitläufer: Johannes Nikel hegt eine tiefe Abneigung gegen blinden Gehorsam, die er mit dieser Bronzeskulptur auf die Schippe nimmt. Der Fahnenträger merkt nicht, dass er einer Fahne hinterherläuft, die völlig unnatürlich in die falsche Richtung weht, angezeigt durch einen Pfeil. "Eine politische Arbeit, die ich sehr mag", sagt Nikel. Sie steht heute in seinem Wohnzimmer. Für den Bildband "Kunst will erzählen" hat Nikel seine Skulpturen in der freien Natur aufgestellt und selbst fotografiert.

Foto: Hans A. Nikel
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"Der Mondfresser": Nikel promovierte über den berühmten Mystiker Meister Eckhardt. Viele seiner Werke nehmen mystisch anmutende, spirituelle und religiöse Themen auf. Eines seiner Lieblingselemente ist der Mond, auch wenn er ihn in diesem Bild aufessen lässt.

Foto: Hans A. Nikel
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Doppelte Kreuzigung: Die Skulptur zeigt Jesus, dessen halbes Gesicht in den Kopf eines Stieres übergeht. "Jesus hat für jeden gelitten", sagt Nikel, "für mich beinhaltet das auch Tiere. Doch warum hört man davon nie etwas von unseren Pastoren?"

Foto: Hans A. Nikel
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"Der Feuerreiter": Nikel spielt gern mit Gegensätzen. Hier das Pferd, das ungeheuer dynamisch nach vorne prescht. Doch auf seinem Rücken sitzt kein wilder Reiter, sondern ein Mensch, in Meditation versunken - der mit seiner Methode genauso schnell ans Ziel kommt. Das ist auch ein Stück autobiografisch: Seine Liebe zur Meditation entdeckte Nikel schon zu Zeiten als "Pardon"-Verleger - und wurde dafür von manchen Kollegen als Esoteriker angefeindet.

Foto: Hans A. Nikel
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Post von Loriot: Porträt der Verleger Nikel (l.) und Bärmeier von 1958. Auf der Rückseite fordert Loriot, einer der Autoren der "Schmunzelhefte", von den beiden Verlegern ironisch sein Gehalt ein: "Was macht meine Abrechnung? Ich brauche Geld, das Obst ist wieder im Preis gestiegen."

Foto: Sammlung Hans A. Nikel
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Verboten: Mit den "Schmunzelbüchern", sechs mal sieben Zentimeter kleinen Cartoon-Heftchen, feierten die Verleger Nikel und Bärmeier in den Fünfzigerjahren riesige Erfolge. Zu Hunderttausenden verkauften sich die Minis und sorgten für Aufregung. Das Heft "Disziplin ist alles!" von Kurt Halbritter und Werner Finck etwa wurde erst mit DDR-Lizenz im Osten vertrieben. Doch nach dem Verkauf von 10.000 Exemplaren verbot die Stasi die freche Abrechnung mit dem Militarismus - offenbar fühlte man sich selbst angesprochen.

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"Ich bin ein Pekinese!" 1971 nahm "Pardon" die US-Annäherungspolitik an das kommunistische China aufs Korn, die 1972 in Richard Nixons historischem Peking-Besuch mündete. Für die Satirezeitschrift, die in ihren Hochzeiten mehr als 300.000 Exemplare verkaufte, schrieben und zeichneten Größen wie Loriot, Erich Kästner, Alice Schwarzer, Martin Walser, Ernst Bloch Hans Magnus Enzensberger, Friedrich K. Waechter und Hans Traxler.

Foto: Bärmeier & Nikel
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Waffenfeind: Johannes Nikel wurde kurz vor Kriegsende eingezogen und als 14-Jähriger in einem slowakischen Partisanengebiet eingesetzt. Später floh er mit seinen viel jüngeren Brüdern (sechs und 30 Monate alt) ins Erzgebirge. Seit dem traumatischen Erlebnis hegte er eine tiefe Abneigung gegen jeden Militarismus - die sich in "Pardon"-Heften wie diesem von 1972 widerspiegelte.

Foto: Bärmeier & Nikel
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"Schattenengel": Nikels erstes Kunstwerk nach seiner "Pardon"-Zeit war diese janusköpfige Skulptur, vorne die Weisheit der Welt verkörpernd, hinten diabolisch grinsend. Noch ungeübt in der neuen Technik, übernahm er sich hierbei fast, die Vorlage aus Ton brach teilweise auseinander - und musste schließlich zu einer Spezial-Gießerei nach Süddeutschland gebracht werden.

Foto: SPIEGEL ONLINE
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"Die Last des Ich": In dieser Skulptur verfremdet Nikel den berühmten Sisyphos-Mythos und lässt den armen Mann statt eines Felsens fortwährend seinen übergroßen Kopf den Hang hochrollen. Nikels Arbeiten wollen Geschichten erzählen und seien "in Bronze gegossene Lyrik", lobte der preisgekrönte Schriftsteller Rafik Schami einmal.

Foto: Hans A. Nikel
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"Der Fischesser": Fressen und gefressen werden - das Motiv ist alt, Johannes Nikel hat es in dieser Bronzeskulptur und auch in einigen Bildern aufgenommen.

Foto: Hans A. Nikel
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