Politiker-Entgleisungen - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Der Goebbels-Vergleich Die totale Beschimpfung

Nazi-Hetzer Joseph Goebbels hat einen unrühmlichen Platz in der deutschen Geschichte - und einen festen in der Nachkriegspolitik: Der Vergleich mit ihm wurde zum übelstes Mittel im politischen Schlagabtausch. Adenauer zündete die schmutzige Bombe als Erster, Kohl gegen Gorbatschow - und einen traf es sogar mehrfach.
1 / 13

Wie Goebbels operiert: Ungehalten reagierte SPD-Fraktionschef Herbert Wehner, links, im März 1975 in der Sicherheitsdebatte des Bundestages auf den CDU-Zwischenrufer Gerhard O. Pfeffermann: "Wenn Sie das Wort Marxist hören", brüllte er ihn an, "dann geht es Ihnen so, wie Goebbels damit operiert hat, nicht anders. Sie sind nämlich in dieser Frage genauso dumm, wie es jener war. Nur war er ganz jesuitisch raffiniert."

Foto: dpa/Rolf Braun
2 / 13

Von Goebbels gelernt: Die Bundesrepublik war gerade eineinhalb Jahre alt, da griffen die Führer der beiden großen Volksparteien auf NS-Propagandist Joseph Goebbels zurück - zum Zwecke der Verteufelung des politischen Gegners im West-Berliner Wahlkampf. Bei einer Großkundgebung am 28. November 1950 am Funkturm behauptete Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU), Oppositionschef Kurt Schumacher (SPD) habe viel von Goebbels gelernt, und auch das Berliner Schulgesetz diene nur dazu, der SPD nach Goebbelsschem Muster zur Macht zu verhelfen. Schumacher konterte am Tag darauf mit einer anderen Parallele: Adenauer und Goebbels stammten geografisch und geistig aus derselben klerikalen Gegend - Adenauer war in Köln, Goebbels in Rheydt bei Mönchengladbach geboren worden.

3 / 13

Übler Verleudmer: Der CDU-Abgeordnete und spätere Bundestagspräsident Philipp Jenninger (l.) handelte sich am 20. September 1974 im Bundestag einen scharfen Ordnungsruf ein, weil er laut Sitzungsleitung Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) "mit dem nationalsozialistischen Propagandaminister Goebbels verglichen" hatte. In der Beratung des Finanzplans hatte Schmidt der Union vorgeworfen, sie wolle, "dass es wirtschaftlich noch schlechter würde", damit die Regierung schlecht dastehe. Jenninger rief dazwischen: "Unverschämt! Ein übler Demagoge sind Sie, Herr Bundeskanzler! Das ist eine Unverfrorenheit der CDU gegenüber! Goebbels ist das!" Schmidt versuchte, weiterzureden und Jenninger legte nach: "Sie sind ein übler Verleumder, Herr Bundeskanzler. Goebbels sind Sie!"

Foto: AP/Getty images
4 / 13

Starker Mann: Die Rede, die der CSU-Vorsitzende Franz Josef Strauß (l.) im November 1974 vor der Landesgruppe in Sonthofen gehalten und die DER SPIEGEL im März 1975 abdruckte, sorgte bei den regierenden Sozialliberalen für massive Empörung. "Wir erleben gegenwärtig einen Generalangriff von Strauß und Springer, der in der Methode sehr ähnlich ist dem Angriff, den Hugenberg zusammen mit Goebbels gegen die Weimarer Republik geführt hat", meinte der SPD-Abgeordnete Kurt Mattick. Strauß hatte dafür plädiert, eine Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage in Kauf zu nehmen, um die Wahlchancen seiner eigenen Partei zu verbessern, wenn die Regierungspolitik erst einmal gescheitert ist.

Foto: AP
5 / 13

Verbale Hochrüstung: Die Emotionen kochten hoch während der Nachrüstungsdebatte in den achtziger Jahren - auch im Bundestag. Die Sitzung Ende November 1983 wurde zur Verbalschlacht: "Pappminister", "Mickymaus" und "Neandertaler" gehörten dabei noch zu den harmloseren Schimpfwörtern, die sich die Angeordneten an den Kopf warfen. Mehr als ein Dutzend Mal mussten Zwischenrufer verwarnt werden - so auch der CDU-Abgeordnete Dietmar Kansy (r.), der seinen damals noch grünen Kontrahenten Otto Schily einen "Mini-Goebbels" nannte.

Schily-Bild: Signatur im Bundesarchiv: B 145 Bild-F064724-0005

Foto: Das Bundesarchiv/dpa / Engelbert Reineke
6 / 13

Der schlimmste Hetzer: Er galt als "Kohls Kettenhund" - CDU-Generalsekretär Heiner Geißler (r.) führte 1985 die Kampagne zur Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen. Und das nicht gerade zimperlich: "Unanständig und unmoralisch" hatte er die SPD genannt, auch "fünfte Kolonne" Moskaus. Die Friedensbewegung brüskierte er mit der Behauptung: "Der Pazifismus der dreißiger Jahre … hat Auschwitz erst möglich gemacht." Als Kanzler Helmut Kohl und SPD-Chef Willy Brandt am Abend nach der Wahl in der "Bonner Runde" aufeinandertrafen und Kohl Geißler verteidigte, schien Brandt die Fassung zu verlieren. Er hieb auf Geißler ein: "Ein Hetzer ist er, seit Goebbels der schlimmste Hetzer in diesem Land." Die Formulierung schien genau überlegt - sie legte den Vergleich nahe, ohne ihn zu ziehen. Kohl nahm die Aussage weniger differenziert: "Lassen Sie doch solche Vergleiche weg … Sie sollten sich schämen."

Foto: AP
7 / 13

Auf den Punkt gebracht: Kleine Ursache, große Wirkung - Bundeskanzler Helmut Kohl (l.) hatte die USA wohl eigentlich vor den Abrüstungsvorschlägen der Sowjets warnen wollen, er traute dem sowjetischen Parteichef nicht. In einem Interview mit dem US-Magazin "Newsweek" sagte er deshalb im Oktober 1986 über Michail Gorbatschow: "Er ist ein moderner kommunistischer Führer, der sich auf Public Relations versteht. Goebbels, einer von jenen, die für die Verbrechen der Hitler-Ära verantwortlich waren, war auch ein Experte in Public Relations." Die Beziehungen zwischen Bonn und Moskau verschlechterten sich nach Bekanntwerden des Nazi-Vergleichs dramatisch - für Monate.

Foto: dpa Picture-Alliance / picture-alliance / dpa
8 / 13

Verwechslung: Für einen Skandal sorgte Showmaster Hans-Joachim Kulenkampff (l.) als Gast bei der NDR-Talk-Show am 15. Januar 1988, als er den CDU-Generalsekretär Heiner Geißler als einen Hetzer "schlimmer als Goebbels" beschimpfte. "Warum habe ich Rindvieh nur nicht "der schlimmste seit" statt "schlimmer als" gesagt? Kein Aas hätte mir da an den Wagen fahren können", soll Kulenkampff später im privaten Kreis geäußert haben. Erstere Formulierung hatte SPD-Chef Willy Brandt 1985 ebenfalls mit Bezug auf Geißler gebraucht. Kulenkampff entschuldigte sich kurz darauf für den Vergleich. In einem Interview 1992 in der "Zeit" erklärte der TV-Star, der Vergleich sei eine "Verwechslung" gewesen. "Ich hatte Herrn Stoiber gemeint, weil der sagte, die Nationalsozialisten seien auch Sozialisten gewesen."

Foto: dpa/ap
9 / 13

Schmutzige Wahlen: Der SPD-Politiker Egon Bahr ließ sich nach Bekanntwerden des schlechten Abschneidens der SPD bei den Wahlen 1990 in der Noch-DDR zu der Aussage hinreißen, das Wahlbündnis Allianz für Deutschland aus CDU, DSU und Demokratischem Aufbruch habe einen Wahlkampf mit "faschistischen Zügen" geführt. "Das waren die schmutzigsten Wahlen, die ich je in meinem Leben beobachtet habe … Das war reinster psychischer Terror nach Goebbels-Manier."

Foto: AP
10 / 13

Hängen geblieben: Gar nicht einverstanden war der ehemalige CDU-Vorsitzende Wolfgang Schäuble im Frühjahr 2002 mit der Vorladung von Unions-Kanzlerkandidat Edmund Stoiber vor den Spenden-Untersuchungsausschuss des Bundestages. Dem Fernsehsender XXP sagte er damals, dies geschehe nur, "damit die Medien ihre Schau haben, um unbelastete Leute zu verleumden". Schäuble fügte hinzu: "Ich kenne das noch von Goebbels. Der sagte: Wenn man genügend Dreck wirft, bleibt immer etwas hängen."

Foto: AP
11 / 13

Sportpalast-Atmosphäre: Mit der Aussage "Tom Cruise tritt auf wie Goebbels" erregte der TV-Historiker Guido Knopp (l.) im Januar 2008 Aufmerksamkeit. Knopp bezog sich dabei auf ein Video im Internet, das den Hollywood-Schauspieler bei einer Rede vor Scientologen zeigte. Cruise fragt darin seine Zuschauer: "Should we clean this place up?", was Knopp im Interview mit der "Bild am Sonntag" mit "Sollen wir die Welt säubern?" übersetzt. Die Menge antwortet: "Ja". Der Historiker sah darin eine Parallele zur Sportpalastrede von Goebbels, in der der Nazi-Propagandachef 1943 die Frage stellte: "Wollt ihr den totalen Krieg?" und das Publikum begeistert brüllt: "Ja".

Foto: AP
12 / 13

Getäuscht: Brasiliens Außenminister Celso Amorim verursachte im Juli 2008 einen diplomatischen Eklat, als er kurz vor Beginn einer neuen Runde der Welthandelsgespräche den westlichen Industriestaaten vorwarf, die Öffentlichkeit zu täuschen. Amorim wörtlich: "Goebbels sagte, wenn man eine Lüge häufig genug wiederholt, dann wird sie zur Wahrheit." Die USA wiesen die Äußerung als "beleidigend und unglaublich falsch" zurück. Amorims Sprecher entschuldigte sich später für den Vergleich.

Foto: AP
13 / 13

Erinnerungen: Angesichts einer Kampagne der rechtsgerichteten Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ) vor der Europawahl im Sommer 2009 verglich der Vorsitzende der jüdischen Gemeinden in Österreich, Ariel Muzicant (l.), FPÖ-Generalsekretär Herbert Kickl mit dem NS-Propagandaminister: "Dieses Gehetze und die Sprache erinnert mich an Joseph Goebbels", sagte Muzicant in einem Interview mit der Zeitung "Die Presse".

Foto: AP
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?