Projekt "Biosphäre 2" Hölle im Glashaus
High-Tech-Arche: Die "Biosphäre 2" dehnte sich auf einer Grundfläche von 1,3 Hektar aus, im Inneren der Kunstwelt befanden sich 3800 Tier- und Pflanzenarten. Die High-Tech-Arche war konzipiert als kleines Ebenbild der Erde, enthielt allerdings eine ausgefeilte Technosphäre, bestehend unter anderem aus Computern, Messgeräten, Pumpen, Filteranlagen, einem Gezeitensimulator für den Ozean und einer Sprinkleranlage für den Regenwald.
"Pfad ins Weltall": Die acht Teilnehmer des Projekts "Biosphäre 2" schauen am 26. September 1991, kurz nach ihrem Einzug in das luftdicht abgeschlossene Terrarium, noch einmal aus dem Fenster in die Kameras der Reporter. Das Unternehmen war mit hochfliegenden Plänen gestartet. "Wir wollen den Pfad ins Weltall ausleuchten", gab die Managerin des Projekts, Margaret Augustine, im Vorfeld zu Protokoll. Die Nasa und führende Wissenschaftler jedoch zeigten sich kritisch. Träger der vom Amerikaner John Allen gegründeten "Biosphäre 2" war das private Unternehmen Space Biosphere Ventures.
Versuchs-Terrarium: Dieses kleine, hermetisch von der Außenwelt abgeriegelte Gewächshaus diente in der Planungsphase der "Biosphäre 2" als Testmodul. Erste Versuche wurden hier seit Ende 1988 ausgeführt. Der Gründer von "Biosphäre 2", John Allen, verharrte 72 Stunden in dem Glashaus, die spätere Bionautin Abigail Alling schaffte es fünf Tage. Linda Leigh schließlich hielt es drei Wochen in der isolierten Versuchs-Biosphäre aus. Der später entstandene Gebäudekomplex in der Wüste Arizonas wurde etwa 400 Mal so groß.
"Fast wie draußen": Wenn Bionautin Jane Poynter sich entspannen wollte, stieg sie an diesen Mini-Strand hinab und setzte sich unter eine der Palmen. "Ein wundervoller Ort, dort war es fast wie draußen", sagt sie im einestages-Interview. Störend sei allein das geometrische Wabenmuster gewesen, das die Kuppel der "Biosphäre 2" auf den Kunstozean warf.
Verwaister Garten Eden: Nach einem zweijährigen und einem sechsmonatigen Versuch mit Menschen ist die "Biosphäre 2" heute unbewohnt. 1996 bezog die Columbia University den Glasbau, um dort Öko-Forschung zu betreiben, verließ das Gebäude 2003 jedoch wieder, weil der Unterhalt von zehn Millionen Dollar pro Jahr zu teuer wurde. Derzeit ist geplant, auf dem Gelände der "Biosphäre 2" Wohnungen sowie ein Themenhotel zu errichten.
Zurück zur Natur: In dem künstlichen Ökosystem gab es für die acht Bewohner zwar Zimmer mit Fernseher und Videotelefon - auf zivilisatorische Errungenschaften wie Klopapier und Tampons hingegen mussten sie verzichten. Die Bionauten versuchten, möglichst wenig Abfall zu produzieren - schließlich sollte alles im Umlauf bleiben.
Ballons gegen Überdruck: Blick von oben auf das Gebäude der "Biosphäre 2". Um den Überdruck zu verhindern, der entstehen würde, wenn sich die heiße Luft im Glasshaus in der Mittagssonne Arizonas ausdehnt, errichteten die Konstrukteure einen Tunnel, an den zwei gigantische Luftballons angeschlossen waren. Hierhin konnte die erwärmte Luft tagsüber entweichen, um nachts wieder in Richtung Glashaus abgelassen zu werden.
Importiertes Paradies: Ein Holzsteg führt durch den tropischen Regenwald der "Biosphäre 2" (Foto von 2011). Die 3800 Tier- und Pflanzenarten innerhalb des futuristischen Glasbaus stammten aus allen Teilen der Welt. So wurden zahlreiche Pflanzen des Regenwaldes aus Venezuela und Puerto Rico importiert. Die Pflanzen für die Savanne stammten aus Französisch-Guayana und Australien, die Korallen für den Ozean von den Bahamas und der mexikanischen Halbinsel Yucatan.
Zurück auf der Erde: Am 26. September 1993, nach zwei Jahren und 20 Minuten, verließen die Bionauten das Mega-Terrarium, das dichter versiegelt war als ein Space Shuttle. Zurück in der "Biosphäre 1", der echten Erde, störte sich Versuchsperson Jane Poynter vor allem an den vielen Gerüchen in der Luft: "All die Abgase, Deos, Parfüms in meiner Nase, das war einfach ekelhaft", erinnert sich Poynter im einestages-Interview.
Hülle aus Glas und Stahl: Arbeiter setzen im Februar 1991 das Gerüst der "Biosphäre 2" zusammen. Um die gigantische Hülle zu bilden, waren 6.500 Glasscheiben nötig. Insgesamt umfasste die "Biosphäre 2" eine Fläche von 13.000 Quadratmetern, was rund zwei Fußballfeldern entspricht.
"Auf dem Weg zum Mars": Die Baustelle der "Biosphäre 2" im Dämmerlicht. "Für mich war das der erste Schritt auf dem Weg zum Mars", sagt Bionautin Jane Poynter. Tatsächlich versuchten die Gründer der autarken Kunstwelt zu ergründen, ob luftdicht versiegelte Öko-Systeme funktionieren. Nachdem Poynter und die anderen das Glashaus im September 1993 verlassen hatte, erprobte sich eine zweite Gruppe in der künstlichen Arche. Doch zerstritten sich die Versuchspersonen so stark, dass die Mission am 6. September 1994, nach nur einem halben Jahr, abgebrochen werden musste.
Dauerzoff im Glashaus: Waren die acht Versuchspersonen der "Biosphäre 2" (hier am 23. Oktober 1988 vor dem Testmodul) im Vorfeld noch optimistisch, dass sie sich nicht zerstreiten würden, zerbrach die Gruppe bereits nach sechs Monaten in zwei verfeindete Fraktionen, die kaum noch miteinander sprachen. Das eine Lager bestand aus...
...Jane Poynter, Linda Leigh, Roy Walford und Taber MacCallum (von links). Das Foto zeigt die vier Bionauten im Apartment von Roy Walford beim Teetrinken. Jeder Bewohner der "Biosphäre 2" verfügte über ein eigenes Mini-Apartment, bestehend aus Schlaf- und Wohnzimmer - das Bad mussten sich jeweils zwei von ihnen teilen.
Sause am Strand: Die innerhalb der "Biosphäre 2" eingesperrten Versuchspersonen feiern am Wassersaum des Kunstozeans den Geburtstag von Expeditionsmitglied Sally Silverstone - ein seltener Moment der Eintracht. Für die Bionauten waren solche Feste ein willkommener Anlass, um ein wenig mehr zu essen, als dies im Alltag möglich war. Die Niedrig-Kalorien-Kost umfasste Süßkartoffeln, Reis, Fisch, Eier, Getreide, Obst, Gemüse, Schweinefleisch und Ziegenmilch. Da die "Biosphäre 2" nicht genügend Nahrungsmittel produzierte, litten die hier isolierten acht Frauen und Männer von Anfang an unter Hunger, erinnert sich Jane Poynter. Im Laufe der Zeit verschlimmerte sich die Situation, da Milben und Pilze die Nutzpflanzen zerstörten; zudem fraßen die importierten asiatischen Mini-Schweine den Bionauten zu viel weg.
Süßkartoffel-Diät: Jane Poynter bei der Süßkartoffelernte in der "Biosphäre 2". Das längliche Gemüse avancierte mit der Zeit zum Hauptbestandteil der Bionauten-Diät. "Wir aßen so viele Süßkartoffeln, dass unsere Haut von all dem Beta-Karotin völlig orangefarben wurde", erinnert sich Jane Poynter, innerhalb der "Biosphäre 2" zuständig für die Landwirtschaft. Die heute 49-Jährige...
...hat den Traum von einem Leben im Weltall noch nicht aufgegeben. Gemeinsam mit Bionaut und Lebenspartner Taber MacCallum gründete sie in Tuscon, Arizona, das Forschungsunternehmen Paragon, das unter anderem Mini-Gewächshäuser für den Mond entwickelt. "Die Menschheit ist dazu bestimmt, eine Multi-Planeten-Spezies zu werden", sagt Poynter.
Selbst gewählte Isolationshaft: Phil Hawes, Chefarchitekt der "Biosphäre 2", spricht mit den Versuchsteilnehmern über das Besuchertelefon. Die Bionauten litten zunehmend unter der selbst gewählten Isolationshaft, Jane Poynter bekam so starke Depressionen, dass sie sich einer Therapie unterziehen musste. Da keiner der Bionauten das Riesen-Terrarium verlassen durfte, besprach sie ihre Probleme mit einer Therapeutin am Telefon. "Immer wieder packte mich die Angst, den Verstand zu verlieren", erinnert sich Poynter. Sie verließ die "Biosphäre 2" während der zwei Jahre nur ein einziges Mal: Gleich in der zweiten Woche schnitt sich Poynter mit der Dreschmaschine die Fingerkuppe ab und musste das Glashaus für fünf Stunden verlassen, um sich ärztlich versorgen zu lassen.
Prototyp einer außerirdischen Kolonie: Am 26. September 1991, um acht Uhr morgens, betraten vier Männer und vier Frauen die "Biosphäre 2" und blieben für zwei Jahre. Von links: Marinebiologin Abigail Alling (31 Jahre), Arzt Roy Walford (66 Jahre), Ökologin Jane Poynter (29 Jahre), Techniker Taber MacCallum (29 Jahre), Botanikerin Linda Leigh (39 Jahre), Biologe Mark Nelson (44 Jahre), Computerexpertin Sally Silverstone (36 Jahre) und Ingenieur Mark Van Thillo (30 Jahre).