Prominente Wechselfälle Politiker in der Wirtschaft
Martin Bangemann (FDP) war Bundeswirtschaftsminister im Kabinett Helmut Kohls. Von 1989 bis 1999 war er EU-Kommissar, ab 1993 im Ressort Industrieförderung, wo der europäische Telekommunikationsmarkt zu seinen Kerngebieten zählte. Im Juli 1999 wollte er in den Vorstand des spanischen Telekomkonzerns Telefónica wechseln, wurde dafür aber heftig kritisiert und begann seine Beratertätigkeit für den Branchenriesen erst ein Jahr später. Heute bietet er seine Beratungsdienste über die eigene Firma MB Consultants an.
Unter Kanzler Gerhard Schröder war er noch der "Superminister" der SPD für Wirtschaft und Finanzen. Wolfgang Clement galt immer als glühender Verfechter der Hartz-Gesetze. Nach der Abwahl 2005 war er vor allem als Aufsichtsrat unterwegs, unter anderem für Dussmann, RWE Power und den Verlag DuMont Schauberg. Seit Herbst 2006 sitzt er dem Londoner "Adecco Institute" vor, einer Forschungseinrichtung zu Fragen des Arbeitsmarktes, die vom weltgrößten Zeitarbeitskonzern Adecco finanziert wird.
Florian Gerster (SPD) wurde 2002 Leiter der Bundesanstalt für Arbeit (BA), wurde aber nach zwei Jahren entlassen, weil er in der Affäre um millionenschwere PR-Aufträge der BA unglücklich agierte. Gerster kam wenig später bei der US-Beteiligungsgesellschaft Fortress unter, als sie über den Kauf von 80.000 Wohnungen einer Tochter der Bundesversicherungsanstalt für Angestellte verhandelte. Seit 2005 arbeitet er als Headhunter für Ray & Berndtson, die Führungspositionen im Öffentlichen Dienst besetzen.
Otto Graf Lambsdorff (FDP) war von 1977 bis 1982 und von 1982 bis 1984 Bundeswirtschaftsminister. Nach der Bundestagswahl 1980 verfasste er das so genannte Lambsdorff-Papier für eine Wende in der Wirtschafts- und Sozialpolitik, das als einer der Auslöser für den Bruch der sozialliberalen Koalition gilt. Inzwischen arbeitet Lambsdorff für den Investor Terra Firma, der dabei ist, den privatisierten Autobahntankstellenbetreiber Tank & Rast wieder zu verkaufen.
Der parteilose Werner Müller hat den Wechsel zwischen Politik und Wirtschaft in beide Richtungen vollzogen:Der RWE- und Veba-Manager machte sich 1997 als Industrieberater selbständig. 1998 schließlich wurde er als Wirtschaftsminister in das Kabinett von Gerhard Schröder bestellt. 2002 gab er diesen Posten an Wolfgang Clement ab und kehrte wieder in die Wirtschaft zurück. 2003 übernahm er den Vorstandsvorsitz der RAG.
Volker Rühe war von 1992 bis 1998 Verteidigungsminister unter Kanzler Helmut Kohl, außerdem von 1989 bis 1992 Generalsekretär der CDU. Inzwischen arbeitet er als Berater für die Private-Equity-Gesellschaft Cerberus.
Auch ein Ex-Verteidigungsminister (1998 bis 2002), auch ein Cerberus-Berater: Im Gegensatz zu Rühe ist Rudolf Scharping aber SPD-Mitglied und war von 1993 bis 1995 Vorsitzender der Partei. Als rheinland-pfälzischer Ministerpräsident (1991 bis 1993) beliebt, zog er 1994 in den Kanzlerwahlkampf, unterlag aber Helmut Kohl. Heute gilt er als Deutschlands prominentester Radfahrer: Er ist Präsident vom Bund Deutscher Radfahrer.
Der frühere RAF-Anwalt und Mitbegründer der Grünen, Otto Schily, trat 1989 zur SPD über. Von 1998 bis 2005 war er Bundesinnenminister und trieb in diesem Amt die Einführung biometrischer Reisepässe voran. Nach seinem Ausscheiden aus der Regierung - Schily ist weiterhin Bundestagsabgeordneter - wurde er Aufsichtsratsmitglied unter anderem bei der Biometric Systems AG in Mitterfelden und bei der Safe ID Solutions AG in Unterhaching.
Gerhard Schröder galt schon zu Regierungszeiten als "Genosse der Bosse" und "Autokanzler". Nach dem Ende seiner Regierung im Herbst 2005 unterzeichnete er einen Beratervertrag mit der Verlagsgruppe Ringier. Bei dem größten Schweizer Verlagshaus soll er als "Türöffner" bei Auslandsgeschäften behilflich sein. Scharf kritisiert wurde er aber wegen eines anderen Vertrags: Seit Dezember 2005 ist er Aufsichtsratschef der russisch-deutschen Betreibergesellschaft NEGP, an der der russische Energiekonzern Gazprom mit 51 Prozent beteiligt ist.
Lothar Späth (CDU) war von 1978 bis 1991 Ministerpräsident in Baden-Württemberg. Im selben Jahr übernahm er den Vorsitz der Jenoptik, die er 1998 an die Börse führte. Eine mögliche Rückkehr in die Politik deutete sich 2002 mit Edmund Stoibers Kanzlerkandidatur an, scheiterte aber am Wähler. Stoiber hatte Späth als möglichen Wirtschaftsminister vorgestellt. Seit 2005 sitzt Späth der deutschen Geschäftsführung der Investmentbank Merrill Lynch vor.
Alfred Tacke war in der Politik kein Mann der ersten Reihe, sondern Gerhard Schröders langjähriger Berater für Wirtschafts- und Strukturpolitik. Als Staatssekretär wurde er 2004 zum Vorstandsvorsitzenden des Stromversorgers Steag berufen. Die Wogen der öffentlichen Empörung schlugen damals hoch, weil er zuvor eine Ministerentscheidung im Sinne des Eon-Konzerns getroffen hatte, zu dem die Steag gehört.
Theo Waigel (CSU) war von 1989 bis 1995 Finanzminister, CSU-Parteivorsitzender und immer als Anwalt aktiv. 2002 beriet er die Investmentgesellschaft Texas Pacific Group, als sie einen Einsteig bei der Bankgesellschaft Berlin in Betracht zog. Außerdem wurde 2003 bekannt, dass Waigel - wie Helmut Kohl, Christian Schwarz-Schilling, Wolfgang Bötsch und Rupert Scholz - zeitweise Honorarberater für den Medienkonzern von Leo Kirch war. Ab 2005 war er am Aufbau des Berliner Büros der PR-Beratung Brunswick beteiligt.