Protestkultur - DER SPIEGEL
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Aktion Roter Punkt "Wir hatten sogar eine Sekretärin, die unsere Parolen getippt hat"

Sitzblockaden, Tränengas, Schlagstockeinsatz: Für zehn Tage legten Hannovers Bürger im Juni 1969 die gesamte Innenstadt lahm, weil die Straßenbahn den Fahrpreis erhöht hatte. Kurzerhand organisierten sie ihren eigenen Nahverkehr - und zwangen die Behörden in die Knie. Von Andrea Jonischkies
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Amtliches Anhalterwesen: Am Wochenende des 14./15. Juni 1969 hatten die zahlreichen Helfer der Aktion Roter Punkt bereits Routine. Ein hochgehaltenes Papp-Schild mit Punkt und "Mitfahrer-Stop" bemalt, hieß: "Hier halten, wer Platz für Fahrgäste hat." Inzwischen besaß jedes zweite Fahrzeug einen roten Punkt. Die wenigsten waren noch handgemalt, denn mittlerweile druckten auch Zeitungen rote Punkte - zum Ausschneiden; der DGB hatte Punkte beim SDS fertigen lassen, und sogar die Stadt hatte in einer Anzeige alle Bürger zur Mitnahme aufgefordert.

Foto: Historisches Museum Hannover, HAZ-Hauschild-Archiv
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Improvisierter Protest: Manch ein Hannoveraner formulierte seinen Protest ganz individuell. Dieser junge Mann hält ein handgemaltes Schild hoch, auf dem zu lesen ist: "1,5 Millionen Dividende der Üstra - für euch höhere Preise". Hauptaktionär der hannoverschen Verkehrsbetriebe Üstra war zu dem Zeitpunkt die Preussen Elektra AG. Deren Service und Preispolitik bemängelte der Schlachtruf "Üstra Üstra ungeheuer, erstens scheiße, zweitens teuer."

Foto: Privatarchiv Detlef Roßmann
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"Runter mit den Preisen": Auf dem Steintor-Kreisel blockieren Demonstranten eine Straßenbahn in Richtung Goethestraße. Die Menschenmenge ist gemischt, neben jungen Leuten versammeln sich auch Männer in Anzügen. Viele Bürger der Stadt haben sich der Aktion von Schülern und Studenten angeschlossen.

Foto: Historisches Museum Hannover, HAZ-Hauschild-Archiv
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Am Morgen danach: Verlassen und leicht ramponiert steht ein alter Einsatz-Wagen der hannoverschen Verkehrsbetriebe Üstra mitten auf dem Steintor-Kreisel, dem Hauptverkehrsknotenpunkt - ein deutlich sichtbares Zeichen der Blockade. Der Wagen dient als Schwarzes Brett und Bühne zugleich. Der Kabarettist Dietrich Kittner veranstaltete hier allabendlich sein Straßen(bahn)theater. "Heute 21 Uhr Straßentheater" steht vorn auf dem Plakat. Vom Transparent an der Seite hängt nur noch ein Rest: "Üstra stellt Verkehr bis Samstag ein", stand dort einmal zu lesen.

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Sitzblockade auf den Straßenbahnschienen: Friedliche Demonstranten, die Mädchen gar im Mini-Kleid und mit nackten Füßen, sehen sich einer einsatzbereiten und wehrhaften Polizei-Doppelkette gegenüber. Wenn die Polizei mit der Räumung beginnt, wird dieses noch friedliche Bild im Tumult enden. Fotos wie dieses überzeugen auch den Rest der Bevölkerung, dass der Protest Sinn macht. Bei den Tageszeitungen landet säckeweise Leserpost, unter anderen kleine Reime wie "Demonstranten wie die Meisen / hocken auf den Üstra-Gleisen".

Foto: Historisches Museum Hannover, HAZ-Hauschild-Archiv
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Gedränge auf den Gleisen: Am Montag, den 9. Juni 1969, haben sich die Demonstranten nach der Kundgebung zum Steintorkreisel begeben, um diesen wichtigen Knotenpunkt des Schienenverkehrs lahmzulegen und die Bahnen am Weiterfahren zu hindern.

Foto: Privatarchiv Detlef Roßmann
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Hitzige Diskussionen: Bei ihrer Kundgebung am 9. Juni 1969 versuchen die Demonstranten vehement ihre Position gegenüber der Ordnungsmacht zu verteidigen. Die trägt inzwischen Gasmasken und Helm, was eine Kommunikation nicht eben leicht macht. Später setzt die Polizei Tränengasgranaten und Schlagstöcke ein, um den Platz zu räumen. Das gelingt jedoch nicht.

Foto: Privatarchiv Detlef Roßmann
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Jugendliche Aufmüpfigkeit: Junge Leute, wegen ihres betont (nach)lässigen Stylings im Volksmund "Gammler" genannt, in der Grünanlage am Georgsplatz. Der "Georgy" entwickelte sich zum Treffpunkt der Szene.

Foto: Historisches Museum Hannover, HAZ-Hauschild-Archiv
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Protestmarsch durch die Innenstadt: Am 7. Juni 1969, einem verkaufsoffenen Sonnabend, ziehen etwa 300 Demonstranten nach der Kundgebung auf den Schienen spontan durch Hannovers Georgstraße.

Foto: Privatarchiv Detlef Roßmann
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Sieger nach Punkten: Nicht ohne Stolz ließ sich der damalige AStA-Vorsitzende Detlef Roßmann, 23 Jahre, auf seinem Lloyd festhalten. Schließlich lief die Aktion Roter Punkt, die er mit organisiert hatte, reibungslos: "Die ganze Aktion hat unheimlich Spaß gemacht. Man hat fremde Leute mitgenommen, kam ins Gespräch. Und gefeiert haben wir auch. Wir haben nachts an den Maschteichen Party gemacht, mit Freunden und Freundinnen und ein, zwei Flaschen Rotwein. Es gab ja auch ein Leben jenseits der Uni und jenseits des Roten Punktes."

Foto: Privatarchiv Detlef Roßmann
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Zettelwirtschaft: Etliche Straßenbahnhaltestellen in der Innenstadt wie hier am Aegidientorplatz wurden mit handgeschriebenen Zetteln überklebt. Die Hauptforderung des Aktionsbündnisses aus Studentengruppen, Schülern und Lehrlingen: Rücknahme der Fahrpreiserhöhungen. Gewerkschaften und Betriebsräte schlossen sich der Aktion Roter Punkt wenig später ebenfalls an.

Foto: Privatarchiv Detlef Roßmann
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Mitfahrer gesucht: Zweigleisig fahren die privaten Pkw an der Haltestelle Georgstraße/Steintor vor, um Mitfahrer aufzunehmen. Rasch hat sich die Protestaktion über die Stadtgrenzen hinaus herumgesprochen. Der Opel vorn im Bild trägt ein Peiner Kennzeichen und einen gedruckten roten Punkt an der Windschutzscheibe.

Foto: Historisches Museum Hannover, HAZ-Hauschild-Archiv
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Haltestelle Kröpke: So leer waren die Straßen an der Haltestelle Kröpcke nur sehr selten. Kein Auto in Sicht, das Foto muss zu ungewöhnlich früher Stunde an einem Sonntag aufgenommen worden sein. Im Hintergrund das Opernhaus.

Foto: Hans-Georg Pirtkien/ Sammlung Eisenbahnfreunde Hannover
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"Üstra, Üstra, ungeheuer": Das Extrablatt vom Freitag, 13. Juni 1969, enthält einen roten Punkt zum Ausschneiden. In den Artikeln werden die Forderungen der Protestierenden erläutert. Über den eingestellten Nahverkehr heißt es: "Die Üstra schmollt".

Foto: Privatarchiv Detlef Roßmann
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