Punk-Buch: Heute ein Punk - DER SPIEGEL
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Punk-Buch Heute ein Punk

Punk begann vor 40 Jahren als Jugendkultur. Fotograf Tim Hackemack hat 77 gealterte deutsche Punk-Pioniere porträtiert und sie gefragt: Ist von ihrer früheren Haltung mehr geblieben als Tattoos, Iros und Erinnerungen?
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Punk der ersten Stunde: Klaus ist Sänger der Razors, einer der ersten Punkbands Deutschlands, gegründet 1977 in Hamburg. Nach der Hochzeit und der Geburt seiner Tochter 1981 zog er sich für 20 Jahre zurück: "Ich bin wegen meines Jobs nach Köln gezogen und habe ein bürgerliches Leben geführt. Punkrock war immer irgendwie da, aber mit der Szene hatte ich nichts zu tun." Seit einigen Jahren ist Klaus wieder mit den Razors unterwegs. "Jetzt im Alter bin ich viel politischer geworden und mache mir Gedanken, was in der Gesellschaft so passiert. Damals waren wir einfach supernaive, dumme Jungs." Für das Buch "Yesterday's Kids" hat Fotograf Tim Hackemack 77 deutsche Punks der frühen Jahre porträtiert und zeigt, was sie heute machen, wie sie denken.

Foto: Tim Hackemack
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Für Karl war nichts mehr wie vorher, als 1981 der Hausbesetzer Klaus-Jürgen Rattay in West-Berlin bei Auseinandersetzungen mit der Polizei starb: "Ich wollte nicht mehr mitspielen. Job gekündigt, Lederjacke an, leckt mich alle." In den Achtzigerjahren war er unter anderem Mitinitiator der Hannoverschen Chaostage und Teil der Anarchistischen Pogo-Partei Deutschlands. Heute ist der gebürtige Wuppertaler der Meinung, dass das, was er unter Punk versteht, tot ist: "Punk als aufregende, sich ständig wandelnde, vielseitige und völlig undogmatische Idee mit angedockter Szene existiert nicht mehr. Ich empfinde das Ganze schon lange nur noch als Abfeiern der immer gleichen Rituale." Karl betreibt unter anderem ein riesiges Online-Punkfoto-Archiv (www.punkfoto.de ).

Foto:

Tim Hackemack

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Punk im Osten: Kay wuchs in Ostdeutschland in Neuenhagen (bei Berlin) auf und kam 1977 durch einen Zeitungsartikel zum Punk. Zu seiner 2000 Seiten starken Stasi-Akte sagt er: "Es war schon lustig zu lesen, mit was für einer Scheiße sich die Stasi beschäftigt hat. Die wussten, wie viele Schnäpse ich in der Kneipe getrunken habe, und überhaupt so ziemlich alles, was ich unternommen habe." Kay verbrachte damals mehrere Monate im Gefängnis - "wegen asozialem Verhalten". Nach dem Mauerfall habe er sich nicht wirklich freier gefühlt, er habe sich seine Freiheit auch schon vorher genommen. "Aber klar, man hatte keinen Stress mehr mit den Bullen und konnte reisen."

Foto: Tim Hackemack
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Punk in der Kleinstadt: Sie waren Anfang der Achtzigerjahre eine Handvoll Punks in Lippstadt, ein paar Jungs und zwei Mädchen, eine von ihnen Schleimi. "In der Kleinstadt hatte man kein leichtes Leben, wenn man anders aussah", erinnert sie sich. In einer Bar überschütteten sie damals zwei Typen mit Benzin und zündeten sie an - "nur weil ich so aussah, wie ich aussah". Sie hatte Verbrennungen zweiten und dritten Grades. "Die Typen haben nur eine einjährige Gefängnisstrafe bekommen, die zur Bewährung ausgesetzt wurde. Das zeigt, dass man es auf dem Land nicht einfach hatte. Durchgehalten habe ich trotzdem, denn das war und ist mein Leben." Schleimi machte eine Lehre zur Tischlerin und hat inzwischen zwei Kinder. Sie lebt noch in Lippstadt.

Foto: Tim Hackemack
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Von Oberfranken in die Hauptstadt: Ralle zog 1993 aus dem beschaulichen Kulmbach nach Berlin, gründete die Hardcore-Punk-Band Rawside und lebte in mehreren besetzten Häusern. "Zu der Zeit gab's noch so 80 bis 90 besetzte Häuser in Berlin, die meisten lagen in Friedrichshain." Er lebte zuletzt in einem Haus in Lichtenberg, das 1998 als offiziell letztes besetztes Haus geräumt wurde. "Uns war klar, dass die Räumung bevorstand, aber trotzdem haben sie uns überrascht. Am frühen Morgen brach die Polizei die Tür auf." Später kehrte Ralle für einige Jahre nach Kulmbach zurück. Heute spielt er in der Band Troopers und lebt wieder in Berlin - in der Ex-Besetzerstraße Kreutzigerstraße.

Foto: Tim Hackemack
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Kochender Punk: Ole betreibt in Hamburg das Restaurant Olsen, ist Gründer der Cateringfirma Rote Gourmet Fraktion (RGF) und Fernsehkoch. Die RGF begleitete Bands wie die Ärzte, die Toten Hosen oder Rammstein auf Tour. Koch und Punk zu sein, hat sich für ihn nie gebissen. "Für mich darf jeder Punk für sich definieren. Es gibt einen ganzen Haufen Punks, die mit Toleranz so gar nichts am Hut haben." Seine erste Punkplatte war "Pure Mania" von den Vibrators. Ole bevorzugt deutschen Punk, inzwischen hat bei ihm allerdings schon "die Altersmilde eingesetzt": Er hört auch gern mal Jan Delay.

Foto: Tim Hackemack
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Von der weiten Welt nach Uelzen: Uwe gründete seine erste Band 1983. Schon mit seiner zweiten, Nuclear Romance, ging es direkt mit Bad Religion und Negazione auf Tour. Seither hat er in zahlreichen Bands gespielt und war bei Sony Labelmanager für Brian Setzer, Snoop Dogg oder den Wu-Tang Clan. Anfang der Neunzigerjahre arbeitete er in Riad als Bautischler, die Musik führte ihn unter anderem in die USA, nach Spanien, Italien, Kroatien und Polen. Heute lebt er der Liebe wegen in Uelzen, wo er einen Klamottenladen eröffnet hat. Um dort klarzukommen, brauchte er ein Dreivierteljahr. "Anfangs haben die Leute hier ihre Geschäfte abgeschlossen, wenn ich vorbeikam. Jetzt ist es langsam okay."

Foto: Tim Hackemack
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Friseurin statt Rockstar: Sabine wuchs im Künstlerdorf Fischerhude bei Bremen auf, kurz vor dem Abi schmiss sie die Schule, haute später ab und gründete die Band Substral: "Wir waren mehr oder weniger die erste Frauenpunkband Deutschlands." Die Gruppe ging mit ZK, der Vorläuferband der Toten Hosen, auf Deutschlandtour. Sabine jobbte in einem Plattenladen und schlief in besetzten Häusern. Nach dem Ende von Substral machte sie eine Lehre zur Friseurin. Das ist etwa 30 Jahre her. Heute hat sie mit einer Freundin einen eigenen Laden und ist zufrieden. Trotzdem: "Natürlich wäre ich auch gern Rockstar geworden."

Foto: Tim Hackemack
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Wally wuchs im ländlich geprägten Neuwied auf. "Wir hatten wenig Ärger mit Politnazis oder Cops, sondern hauptsächlich mit Rockern, Bauern und Disco-Typen. Das waren unsere Standardfeinde", erinnert er sich. Wally gründete 1980 die Punkband Toxoplasma, mit der er mehrere Alben veröffentlichte und bis heute als Sänger aktiv ist. Wally lebt in Koblenz und ist Vater. Wie er Punk heute sieht? "Mir wachsen mittlerweile weiße Haare aus der Nase, während sich das Lebensgefühl eines 20-Jährigen an mir vorbei definiert. Für mich ist das einfach ein fest bestehender Teil meines Lebens, der aber nicht unbedingt Punk genannt werden muss. Das Gefühl in mir ist immer noch dasselbe, auch wenn sich einiges drumherum geändert hat."

Foto: Tim Hackemack
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Vom Metal zum Punk: Loll wuchs in einem kleinen Ort in Niederbayern auf. Zum Punk kam er, als 1986 das Lied "We Gotta Know" von Cro-Mags im Fernsehen gespielt wurde - bis dahin war er Metal-Fan. Loll begann früh zu boxen, wurde mit 16 Internationaler Deutscher Meister, eine Verletzung pulverisierte seine Pläne für eine Profikarriere jedoch. Später gründete er die Hardcore-Punk-Band Growing Movement, mit der er international unterwegs war. 2003 musste Loll wegen Handel mit Cannabis für mehrere Jahre ins Gefängnis, wo er von seiner Multiple-Sklerose-Erkrankung erfuhr. Heute liegt er "zu 98 Prozent im Bett". Halt geben ihm unter anderem sein Glaube und seine Freundin. "Mit ihr genieße ich das Leben." Er will unbedingt noch seinen Guru, seinen Spiritual Leader finden und mit seiner Band eine Platte einspielen.

Foto: Tim Hackemack
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Ein Leben für den Punk: Willi organisierte schon Ende der Siebzigerjahre im Ruhrgebiet Konzerte, gründete ein Label, ein Fanzine und die Band Pöbel und Gesocks. Nach einem Herzinfarkt im Jahr 2008 musste er kürzertreten: "Vier Kinder, Job, Label, Fanzine, Mail-Order, Alkohol, Drogen und Band ist halt einfach zu viel. Die Band wollte ich beibehalten, das ist mein Leben, und ohne Bier will ich auch gar nicht mehr weiterleben." Er verzichtete auf Laden, Label und Fanzine. Der Name seiner Band ist Programm: "Pöbel und Gesocks - das ist schon ernst gemeint, Asitum ist uns wichtig. Aber sonst ist mir nichts wichtig aus der Szene. Vielleicht ist aber genau das Punk."

Foto: Tim Hackemack
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Punk im Fokus: Der Sex-Pistols-Song "Anarchy in the UK" lenkte Uwes Leben aus dem Küchenradio in andere Bahnen. Er reiste zu Konzerten in ganz Europa, die passenden Klamotten - Nietengürtel und Armbänder - besorgte er sich anfangs in einem SM-Shop für Homosexuelle in Holland. "Anders aussehen und damit provozieren - ich habe das geliebt." Heute liebt er es, außergewöhnliche Menschen zu fotografieren. Viele seiner Shootings sind ungeplant: Für Punklegende Duane Peters hatte er nur wenige Augenblicke Zeit. "Er schlug mit dem Krückstock nach mir… eines der besten Bilder des Shootings." 2010 erhielt er den World Press Photo Award für ein Foto, das er bei der Loveparade-Katastrophe in Duisburg machte. "Die Auszeichnung ehrt mich bis heute, auf das Foto hingegen war ich nie stolz."

Foto: Tim Hackemack
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Fotograf Tim Hackemack hat vier Jahre an seinem Projekt gearbeitet und ist dabei über 15.000 Kilometer gereist. Die Bilder sind nach der Punk-Devise entstanden: "Red nicht - geh los! Keine Maske, keine stundenlangen Bildbearbeitungen. Dass Grundregeln der Fotografie von mir missachtet werden, kalkuliere ich mit ein."

Foto: Tim Hackemack
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Rastlos: "Von 1983 bis 1988 war ich voll in diesem Hardcore-Ding drin und auf tierisch vielen Konzerten." Akoe bereiste ganz Europa, meist als Tourbegleiter von Punkbands. Das Bild zeigt ihn 1988 in Amsterdam.

Foto: Privat
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Vernetzt: Akoe hat sich in der Punkszene ein großes Netzwerk aufgebaut. Er kam viel rum: Portugal, Ukraine, Norwegen, Süditalien - "das hat meinen Horizont gehörig erweitert und gehört bis heute zu den wichtigsten und prägendsten Erfahrungen meines Lebens".

Foto: Tim Hackemack
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Akoe arbeitet heute als Orchesterwart in der Stuttgarter Oper. Dort ist er nicht der einzige Punk: "Wir könnten hier quasi einen Punkrock-Opa-Stammtisch einrichten. Hier landeten 'ne ganze Menge Leute, die in den Achtziger- und Neunzigerjahren in der Szene abhingen."

Foto: Tim Hackemack
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Gelebte Vielfalt: So sah Myriam früher aus (Bildmitte, mit Leoparden-Look). Seit Anfang der Neunzigerjahre arbeitet sie fest im Berliner Club SO36, einem Zentrum des deutschen Punk. Sie erinnert sich an die Anfänge: "Ich, die mein ganzes Leben nie in nur eine Schublade gepasst hatte, fühlte mich plötzlich pudelwohl. Culture-Clash-Doppelveranstaltungen wie Agnostic Front und danach Gayhane liebe ich auch heute noch am meisten."

Foto: Privat
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Myriam findet den Job als Bookerin im SO36 nicht immer leicht: "Ich bekam so manches Mal ungewollt Hotelzimmernummern zugesteckt. Ich musste mich zusammenreißen, nicht loszubrüllen: Ich höre Punkrock, seit ich 13 bin. Ihr glaubt doch nicht im Ernst, dass ich den Job mache, weil hier so viele tolle Typen vorbeikommen!?"

Foto: Tim Hackemack
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Punk-Trio: Mike Froidl (links) mit Waggi (Mitte) und Erich (rechts) 1985 beim Kaltenberger Ritterturnier. Froidl erinnert sich: "Ich wollte dort meine selbst gebaute Ritterrüstung ausprobieren. Erich musste mir mit einer Axt auf den Brustpanzer hauen - zum Entsetzen des Publikums." Ihr Kumpel Waggi starb später bei einem Mororradunfall.

Foto: Mike Froidl
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Als Mike Ende der Siebzigerjahre in München den Punk entdeckte, war das für ihn wie eine Verwandlung: "Ich brach aus meinem Kokon und verwandelte mich in ein wildes, rauschsuchendes Hass-Tier." Neben Punk und Kampfsport galt seine Leidenschaft schon immer der Kunst. Er studierte Malerei an der Akademie der Bildenden Künste in München bei dem kanadischen Künstler Robin Page, der durch Mike seinen Spitznamen "Bluebeard" bekam: "An meinem 21. Geburtstag haben wir ihm den Bart blau gefärbt", er behielt das Markenzeichen bei. Mike lebt heute in Berlin und ist ein renommierter Künstler. Das Publikum seiner Ausstellungen ist unterschiedlich: "Es kommen alle - vom Nietenpunker bis zum Kulturschnösel."

Foto: Tim Hackemack
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Erich ist inzwischen 60 und sieht sich weiterhin als Punk. Was für ihn auch bedeutet, dass er einen Scheiß auf die Meinung anderer gibt: "Ich habe und brauche keinen Boss. Ein unabhängiges Leben ist das höchste Gut. Auf irgendwen hören? Habe ich nie und werde es für den Rest meines Lebens nie tun", sagt Erich.

Foto: Tim Hackemack
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Partner: Inzwischen arbeitet Erich als Hundetrainer, hat insgesamt sieben Hunde und zusätzlich noch Problemtiere aus dem Tierschutz: "Der Job liegt mir im Blut. Ich bin ja selber ein halber Straßenköter."

Foto: Tim Hackemack
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Alphatier: Erich geht in der Arbeit mit Hunden auf. "Ich kann in meinem 3000 Quadratmeter großen Garten mit meinem Rudel relaxen." Seit vielen Jahren kümmert er sich um Hunde fremder Familien und gibt im Hundeverein sein Wissen ehrenamtlich weiter.

Foto: Tim Hackemack
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?