RAF-Terrorismus Mord an Jürgen Ponto - die tödliche "Aktion Daisy"
Tatort in Oberursel: In seinem Haus nahe Frankfurt wurde der Dresdner-Bank-Manager Jürgen Ponto am 30. Juli 1977 erschossen. Das Foto zeigt Krankenwagen und Polizeiautos etwa eine Stunde nach der Tat. Die RAF-Terroristen hatten eine Entführung geplant - als Teil der "Offensive 77" mit dem Ziel, RAF-Häftlinge freizupressen.
Jürgen Ponto, 1923 geboren, begann 1950 bei der Dresdner Bank zu arbeiten und stieg 1969 zum Vorstandssprecher auf. In den Siebzigerjahren beriet er auch Helmut Schmidt. Dass er zu Deutschlands einflussreichsten Managern zählte, brachte ihn ins Visier der linken Terrorgruppe RAF, die ihn als einen Hauptrepräsentanten des kapitalistischen Systems sah. Den Ausschlag gab jedoch Pontos Freundschaft zur Familie von Susanne Albrecht. Sie kannte "Onkel Jürgen" seit ihrer Kindheit und zählte zu den Unterstützern der RAF, die diese Verbindung nutzte, um sich auf besonders heimtückische Weise Zutritt zum Haus der Pontos zu verschaffen. "Wir erfuhren davon, und schnell war klar: Wenn wir da einen Türöffner haben, ist das der beste Zugang", sagt der frühere Terrorist Peter-Jürgen Boock im einestages-Gespräch.
Einflussreicher Bankier: Ponto hinterließ seine Frau Ignes und zwei Kinder; das undatierte Foto zeigt das Ehepaar in ihrem Jagdhaus in Mölln. Nach langen Diskussionen, die "an Gehirnwäsche grenzten", so Boock, erklärte Susanne Albrecht sich bereit, an der Entführung mitzuwirken. Am 1. Juli 1977 besuchte sie die Familie Ponto in Oberursel und fragte beiläufig nach den Sicherheitsmaßnahmen. Für den 30. Juli vereinbarte sie einen weiteren Besuch, kurz bevor das Ehepaar Ponto in Urlaub nach Südamerika fliegen wollte - und erschien mit einem Strauß Rosen in Begleitung von Brigitte Mohnhaupt und Christian Klar, alle mit Sorgfalt gepflegt gekleidet.
Christian Klar (hier 1983 auf dem Weg ins Stuttgarter Gericht) war erst kurz zuvor aus der Karlsruher Unterstützerszene zur RAF gestoßen und war an zahlreichen Anschlägen und Morden beteiligt, bis er erst 1982 verhaftet werden konnte. Klar feuerte den ersten Schuss ab, als der Entführungsversuch, den die Terroristen "Aktion Daisy" nannten, außer Kontrolle geriet. Klar richtete seine Waffe auf den überraschten Jürgen Ponto, der jedoch nicht bereit war, den Entführern einfach zu folgen. Nach den Schüssen aus nächster Nähe rannte das Terror-Trio aus dem Haus. Jürgen Ponto, tödlich getroffen, wurde noch mit dem Hubschrauber in die Frankfurter Universitätsklinik geflogen, starb jedoch etwa eine Stunde später.
Brigitte Mohnhaupt (auf einem undatierten Fahndungsfoto) schoss mehrmals auf Ponto. Laut Gerichtsurteil trafen ihn vier Geschosse, zwei in den Kopf, eines durch die Brust, eines durch die Hand. Mohnhaupt hatte sich bereits 1971 der ersten RAF-Generation angeschlossen und wurde im Jahr darauf verhaftet. Gleich nach ihrer Entlassung aus dem Gefängnis im Februar 1977 wurde sie zur Anführerin der "zweiten Generation" der RAF und war maßgeblich mitverantwortlich für die "Offensive 77": die Anschläge, Morde und Entführungen, mit denen die RAF vor allem die inhaftierten Terroristen freipressen wollte.
Susanne Albrecht kam aus der Hamburger Hausbesetzerszene und zählte zu den "Hamburger Tanten", die für die RAF zunächst logistische Aufgaben erledigten, ohne der Gruppe selbst anzugehören - bis sie einem anderen Unterstützer von ihrer Verbindung zur Familie Ponto erzählte: Ihr Vater und Jürgen Ponto waren Jugend- und Studienfreunde; Susanne Albrechts Schwester Julia war das Patenkind von Jürgen Ponto. Albrecht schoss in Oberursel nicht selbst auf Ponto, ermöglichte dem Terrorkommando aber den Zugang. "Das ist ja ein großes Komitee!", sagte Jürgen Ponto, als er seine Mörder gastfreundlich mit Handschlag begrüßte, bevor Christian Klar als erster seine Pistole zog.
Peter-Jürgen Boock (hier bei seiner Verhaftung 1981 in Hamburg) war der Fluchtwagenfahrer bei der "Aktion Daisy" in Oberursel. In einem Erziehungsheim hatte er 1969 Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Astrid Proll kennengelernt, die alle zu den Mitgründern der Rote Armee Fraktion zählten und zwischen 1970 und 1972 verhaftet wurden. Boock ging später in den Untergrund und war beherrscht von einem Ziel, der Gefangenenbefreiung. "Für mich ordnete sich damals alles dieser einen, der wichtigsten Sache unter", sagte er im einestages-Interview.
Sieglinde Hofmann war nicht unmittelbar beteiligt am Versuch der Entführung Pontos in Oberursel, aber an anderen Aktionen und Anschlägen, darunter die Entführung und Ermordung von Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer im "Deutschen Herbst" 1977. Hofmann (Foto von 1995) zählte zum Führungszirkel der zweiten RAF-Generation und übte nach Boocks Erinnerung besonders starken Druck aus, als Susanne Albrecht überredet wurde, in den Untergrund zu gehen und dem Terrorkommando den Zutritt zum Haus der Pontos zu ermöglichen.
Fluchtfahrzeug: Vier Wochen nach Pontos Ermordung stellte die Polizei zwei Fluchtwagen in Unterliederbach sicher, einen blauen VW-Bus und einen gelbbraunen Ford Granada. Beide waren gestohlen, beim VW-Bus war das Rückfenster abgedichtet - darin sollte Ponto auf dem Weg zu einer konspirativen Wohnung in Hattersheim bei Frankfurt zunächst transportiert werden. Peter-Jürgen Boock wartete in einem der Fluchtwagen nahe dem Grundstück der Pontos und sollte den Transport des Entführten zum Unterschlupf der Terroristen in Hattersheim übernehmen.
Mit Fahndungsplakaten wie diesem war die Bundesrepublik Ende der Siebzigerjahre beinah zutapeziert. Sie hingen an jeder Ecke, auf Postämtern, unübersehbar.
Die Behörden ließen auch Steckbriefe verteilen, wie hier am 20. Oktober 1977 in Liederbach, und setzten hohe Belohnungen für Hinweise zur Ergreifung der RAF-Terroristen aus.
Zwei Mordwaffen, die in einem Wald nahe Frankfurt am Main gefunden wurden, zeigte ein Polizeibeamter 1982. Hanns Martin Schleyer wurde mit der Maschinenpistole ermordet, Jürgen Ponto mit der Pistole.
Die Trauerfeier für Jürgen Ponto fand am 5. August 1977 in der Frankfurter Paulskirche statt. Unter den Trauergästen war auch Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer, der nur wenige Wochen später ebenfalls ermordet wurde. Das Foto zeigt den damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt (links) und Bundespräsident Walter Scheel neben der Witwe Ignes Ponto. Sie befand sich, als die Schüsse fielen, in einem Nebenzimmer, wo sie telefoniert hatte - und dass sie bei heruntergelassenen Rolläden im Schatten hinter dem Telefon saß, rettete ihr wohl das Leben.
Einem Trauerzug in Frankfurt schlossen sich nach Pontos Tod 300 Bankangestellte an. Während die Tatbeteiligung bei vielen anderen RAF-Anschlägen bis heute ungeklärt ist, gibt es zum Ponto-Mord Aussagen von Ignes Ponto und später von Susanne Albrecht; bei Widersprüchen zum Tathergang blieb es allerdings. Später hieß es oftmals, Jürgen Ponto habe Widerstand gegen die Entführung geleistet, der erste Schuss sei in einem Handgemenge gefallen. Er habe "die Pistole in Selbstverteidigung dem Mann entwinden wollen", so schilderte es Ignes Ponto. Dagegen sagte Albrecht fast 15 Jahre später im Prozess aus, dass "Herr Ponto sich in keiner Weise zur Wehr gesetzt hat".
Das Foto von der Beerdigung am 4. August 1977 zeigte Ignes Ponto zwischen ihren Kindern Stefan (damals 25) und Corinna (19), die sich später überwarfen: Als Corinna Ponto 2011 zusammen mit Julia Albrecht das Buch "Patentöchter" veröffentlichte, bezeichnete Stefan Ponto es als "unerträglich" und das Verhältnis zu seiner Schwester und zu seiner Mutter als "nicht reparabel".
Die RAF-Mitgründer Andres Baader und Gudrun Ensslin wurden erstmals 1968 verurteilt, nachdem sie zusammen mit zwei anderen Tätern Brandsätze in Frankfurter Kaufhäusern gelegt hatten. Später dirigierten sie aus dem Gefängnis heraus den Terror der zweiten Generation und ordneten etliche Anschläge direkt an. Ihnen besonders verhasst war die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe.
Buback-Mord: In Kassibern übermittelten RAF-Anwälte Botschaften aus dem Hochsicherheitstrakt in Stuttgart-Stammheim. Der Auftrag zur Ermordung von Generalbundesanwalt Siegfried Buback (Foto vom 7. April 1977) kam einem Befehl gleich. Von einem Motorrad aus wurde auf den Dienstwagen geschossen, dabei starben neben Buback auch sein Fahrer und ein Polizist. Bis heute ist nicht völlig klar, wer die beiden Täter waren.
"Stalinorgel": Mit einem Raketenwerfer wollte die RAF am 23. August 1977, nur gut drei Wochen nach dem Ponto-Mord, aus 42 Rohren auf die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe schießen. Doch die Zeitschaltuhr versagte - als Panne beurteilten Richter das später. Die RAF indes schrieb in einem Bekennerbrief, die "maschine" sei eine "warnung" gewesen. Indes spricht Peter-Jürgen Boock, der das Gerät gebaut hatte, von einem Sabotageakt: Er habe im Gebäude gegenüber nur Sekretärinnen, keine Bundesanwälte gesehen und deshalb bewusst einen kleinen Draht nicht angeschlossen, um den Angriff zu verhindern.
Peter-Jürgen Boock, der auf diesem Foto von 1983 das Gerichtsgebäude in Stuttgart-Stammheim verlässt, wurde im Januar 1981 in Hamburg festgenommen und hatte sich bereits ein Jahr zuvor von der RAF gelöst: Er flüchtete aus einer Wohnung in Paris, Christian Klar und Henning Behr "sind mit Knarren hinter mir her, die hätten mich um ein Haar erwischt", sagt er im Interview.
Wiederholt vor Gericht: Boock wurde zu mehrfach lebenslänglich verurteilt, gestand seine Beteiligung an der Schleyer-Entführung aber erst ein, als...
...Susanne Albrecht und neun weitere RAF-Mitglieder 1990 in der DDR gefasst wurden. Dorthin waren sie Anfang der Achtzigerjahre geflüchtet und hatten sich ein neues Leben unter Decknamen aufgebaut. Nach ihrer Enttarnung wurde sie 1991 zu einer zwölfjährigen Haftstrafe verurteilt, kam aber 1996 auf Bewährung frei. Elf Jahre später gab es in Bremen Debatten um ihre Beschäftigung in einer Stadtteilschule, wo sie als Deutschlehrerin für Migrantenkinder arbeitete. Albrecht hatte umfangreich im Rahmen der Kronzeugenregelung ausgesagt.
Peter-Jürgen Boock hatte 1988 einen Antrag auf Begnadigung eingereicht, den der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker allerdings ablehnte, weil er an Boocks Reue zweifelte. "An meinen Händen klebt kein Blut", beteuerte Boock und sagte in einem SPIEGEL-Gespräch 1988 zur Schleyer-Entführung auch: "Ich war nicht dabei, und ich habe nicht geschossen." Das widerlegten jedoch die Aussagen der in der DDR verhafteten RAF-Mitglieder. Boock wurde erneut unter Anklage gestellt und bekannte 1992, auf Schleyers Beschützer geschossen zu haben.
Umstrittener Film: 2008 wurde der Spielfilm "Der Baader Meinhof Komplex" nach dem Buch von Stefan Aust veröffentlicht; das Szenenfoto zeigt die Ermordung von Jürgen Ponto (dargestellt von Hubert Mulzer). Seine Witwe Ignes Ponto verklagte daraufhin die Produktionsfirma, weil die Darstellung in zentralen Details falsch sei: So sei sie bei der Tat nicht auf der Terrasse gewesen, sondern im Nachbarraum, der dunkel statt lichtdurchflutet gewesen sei; zudem hätten die Täter anders als im Film Schalldämpfer benutzt. Aus Protest schickte Ignes Ponto auch ihr Bundesverdienstkreuz zurück. Das Kölner Landgericht entschied jedoch, dass die filmische Darstellung durch die Kunstfreiheit gedeckt sei.
Annäherung: Jürgen Ponto war der Patenonkel von Julia Albrecht. Und der Vater der Albrecht-Schwestern der Patenonkel von Corinna Ponto (links). Zusammen veröffentlichten Corinna Ponto, die zur Zeit des Mordes nicht im Haus war, und Julia Albrecht, die 13 Jahre jüngere Schwester von Susanne Albrecht und damals ein Kind, das stark beachtete Buch "Patentöchter: Im Schatten der RAF". Einige Jahre zuvor hatten die beiden Autorinnen Briefkontakt aufgenommen. Daraus wurde ein Dialog über eine für beide unfassbare Tat, ein doppeltes Trauma, über Schuld und Verantwortung.
Gedenken: Ein Platz in Frankfurt am Main ist nach dem einstigen Vorstandssprecher der Dresdner Bank benannt. 1977, im schlimmsten Jahr des RAF-Terrorismus in Deutschland, waren die Morde an Siegfried Buback und Jürgen Ponto der Auftakt zum "Deutschen Herbst" mit der Entführung von Hanns Martin Schleyer und der Lufthansa-Maschine "Landshut" sowie dem Selbstmord von drei RAF-Häftlingen in Stuttgart-Stammheim.
Während die meisten anderen Täter bis heute stumm blieben, hat Peter-Jürgen Boock als einziger aus dem Führungskreis der RAF ausführlich gesprochen - wenn auch nicht immer wahrheitsgemäß. Im Stammheimer Gerichtssaal warf er seinen einstigen Mitstreitern ein Paradox vor: Mit ihrem Schweigen verhielten sie sich wie jene Elterngeneration von Auschwitz-Tätern, gegen die sie einst angetreten seien. Boock nahm auch Kontakt mit Angehörigen von Terrorismus-Opfern auf, etwa mit Michael Buback, der bis heute Gewissheit über die Mörder seines Vaters sucht. Das Foto zeigt Boock 2007 bei einer Fernsehsendung, in der er mit Michael Buback sprach ("Das Opfer und der Terrorist").
Zu erheblichen Kontroversen führte 2008 die Entlassung von Christian Klar auf Bewährung (hier auf einem Foto von einem Stuttgarter Prozess 1992). Wie Brigitte Mohnhaupt, die 2007 aus dem Gefängnis freikam, zählte Klar zu den Führungsfiguren und Hardlinern der RAF. Er saß 26 Jahre lang im Gefängnis; Kritikern der Haftentlassung fehlte eine glaubwürdige Abkehr von seinen früheren Taten und eine Preisgabe von Informationen über Anschläge. 2007 lehnte der damalige Bundespräsident Horst Köhler nach einem Gespräch mit Klar sein Gnadengesuch ab. Nachdem sich die RAF 1998 aufgelöst hatte, sah ein Gutachter zehn Jahre später keine Rückfallgefahr mehr; dieser Auffassung schloss sich das Oberlandesgericht Stuttgart an. Dagegen protestierte unter anderem Jürgen Vietor mit der Rückgabe seines Bundesverdienstkreuzes; Vietor war der Copilot des 1977 durch palästinensische Terroristen entführten Flugzeugs "Landshut".