Regie-Phantom - DER SPIEGEL
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Regie-Phantom Der Mann, der niemals lebte

In der Traumfabrik war Alan Smithee der König der Rohrkrepierer: In 30 Jahren drehte er mehr als 70 miserable Filme und Serienfolgen. einestages erinnert an ein Hollywood-Phantom, das erst nach Jahrzehnten aufflog - und die Regisseure, die sich hinter dem Pseudonym der Peinlichkeit versteckten.
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Tod eines Revolverhelden - Geburt eines Phantoms: 1969 debütierte der Phantom-Regisseur Alan Smithee, damals noch als "Allen Smithee" mit dem Western "Frank Patch - Deine Stunden sind gezählt". Der Film über die letzten Tage eines alternden Marshalls, den seine Gemeinde loszuwerden versucht, wurde von der Kritik gelobt - auch wenn viele Szenen des Streifens in einem eigentümlich unterschiedlichen Stil gefilmt worden waren. Kein Wunder, denn...

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...hinter dem Pseudonym Allen Smithee verbargen sich zwei verschiedene Regisseure: Robert Totten - hier auf einem Bild von 2004 - hatte den größeren Teil der Dreharbeiten geleitet, sich dabei aber so mit dem renommierten Hauptdarsteller des Films, dem Oscarpreisträger Richard Widmark, zerstritten, dass Widmark für die Entlassung des Regisseurs sorgte. Da der Film erst zu zwei Dritteln fertig gedreht war, musste schleunigst ein Ersatz her. Die Wahl der Produzenten fiel dabei auf...

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...Hollywood-Altmeister Don Siegel: Siegel, links im Bild mit Schauspieler Clint Eastwood, stellte den Western anstelle von Totten fertig, wollte aber anschließend nicht im Abspann genannt werden, da Totten die Hauptarbeit an dem Film geleistet hatte. Als Totten jedoch - auf Drängen des Schauspielers Widmark hin - ebenfalls nicht genannt werden sollte, fehlte dem Film ein Regisseur. Da aber nach den Richtlinien der Director's Guild of America nicht auf die Nennung eines Regisseurs verzichtet werden durfte, musste die Filmemacher-Gewerkschaft nach einer Lösung suchen - und erfand das Pseudonym "Allen Smithee", mit dem Regisseure sich fortan von ihrem Werk lossagen konnten.

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Rächer der Geschnittenen: Besonders häufig versteckten sich Regisseure hinter dem Pseudonym "Allen Smithee", der sich manchmal auch "Allan Smithee", meist aber "Alan Smithee" schrieb, wenn sie mit dem finalen Schnitt ihres Filmes nicht zufrieden waren. Darunter waren nicht nur obskure, kleine Produktionen, sondern auch bekannte Kinofilme. So trat Smithee etwa als 1992 als Regisseur der brutal zusammengeschnittenen Kurzversion von "Der Duft der Frauen" mit Al Pacino in Aktion, der auf Linienflügen gezeigt wurde. Oder er...

Foto: ddp images
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...arbeitete 1998 mit Hollywood-Beau Brad Pitt zusammen an "Rendezvous mit Joe Black": Genau wie schon bei "Der Duft der Frauen" war es wieder die für Flugvorführungen gekürzte Version, die dem ursprünglichen Regisseur so missfiel, dass er seinen Namen von dem Film entfernte und Alan Smithee für ihn einspringen musste. Tatsächlich verbarg sich hinter beiden Filmen...

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...Regisseur Martin Brest: Der Filmemacher war mit Streifen wie "Midnight Run" aus dem Jahr 1988 und "Beverly Hills Cop" von 1984 bekannt geworden. Sein letzter Streifen "Gigli" mit Ben Affleck und Jennifer Lopez in den Hauptrollen wurde 2003 zum legendären Flop und gewann gleich sechs goldene Himbeeren - für den schlechtesten Film, den schlechtesten Regisseur, den schlechtesten Schauspieler, die schlechteste Schauspielerin, das schlechteste Drehbuch und das schlechteste Filmpaar des Jahres. Unglücklicherweise hatte Brest den Film unter seinem wirklichen Namen veröffentlicht.

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Verwüsteter Film: 1984 trat Alan Smithee als Regisseur des Science-Fiction-Films "Der Wüstenplanet" in Aktion - in der extralangen Fassung für das US-Fernsehen. Hierzu war der ursprüngliche Kinofilm mit fünfzig Minuten Filmmaterial künstlich aufgebläht worden, die der wirkliche Regisseur als überflüssig aus seinem Werk herausgeschnitten hatte - und der war...

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...David Lynch: Der amerikanische Regisseur - hier auf einem Bild von 1983 - war sogar so erbost über die ausgedünnte Langfassung seines Films, dass er nicht nur seinen Regisseursnamen in "Alan Smithee" ändern ließ, sondern sich auch für seine Arbeit im Drehbuch unter falschem Namen nennen ließ - als "Judas Booth", einer Kombination aus dem Christusverräter Judas und John Wilkes Booth, dem Mörder von Abraham Lincoln.

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Vielbeschäftigtes Phantom: 1995 arbeitete Smithee mit Al Pacino und Robert De Niro zusammen, als er die Regie für die Fernsehversion des Gangsterfilms "Heat" übernahm, der vom Sender NBC um 17 Minuten gekürzt worden war. Nur vier Jahre später...

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...arbeitete er wieder mit Schauspielerlegende Al Pacino: Dieses Mal an der Seite von Russell Crowe in dem Thriller "The Insider", in dem ein Dokumentarfilmer und ein leitender Angestellter eines Tabakherstellers einen Branchenskandal offenlegen und unter den Druck der Zigarettenindustrie geraten. Wieder war es die umgeschnittene Fernsehversion des Films, bei der Smithee einspringen musste. Tatsächlich steckte sowohl hinter "Heat" als auch "The Insider" der Regisseur...

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...Michael Mann: Mann, rechts im Bild im Gespräch mit Al Pacino bei einem Dreh im Jahr 1995, war in den Achtzigern als Schöpfer der Fernsehserie "Miami Vice" bekannt geworden. Neben seiner Tätigkeit als Regisseur und Produzent schrieb er auch Drehbücher - so hatte er etwa bereits in den Siebzigern Drehbücher für die ersten Folgen der Fernsehserie "Starsky & Hutch" verfasst.

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Smithee verweigert den Dienst: Die Verwendung des Pseudonyms Alan Smithee war seitens der Director's Guild an Auflagen gebunden - so durfte sich der Regisseur, der sich von seinem Film lossagen wollte, weder vor noch nach Genehmigung des Pseudonyms öffentlich zu dem von ihm verschmähten Film äußern. Smithee sollte eine möglichst diplomatische Lösung für Meinungsverschiedenheiten zwischen Produzenten und Regisseuren darstellen. Aus diesem genau diesem Grund wurde dem Regisseur des Antirassismus-Dramas "American History X" 1998 auch untersagt, sich als Smithee nennen zu lassen, denn...

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...Regisseur Tony Kaye hatte sich alles andere als diplomatisch verhalten: Nachdem die Produktionsfirma New Line den Hauptdarsteller Edward Norton ermächtigt hatte, eine eigene Endfassung des Films zu schneiden, und Kaye mit dieser Version unzufrieden war, weil er fand, dass Norton seiner eigenen Rolle zu viel Filmzeit zugestanden habe, drehte der exzentrische Regisseur durch. Kaye warf nicht nur mit Gegenständen um sich und schleppte einen Rabbi, einen Priester und einen Mönch mit in die Besprechung mit seinen Produzenten, um "die Spiritualität der Sitzung zu erhöhen", sondern schaltete auch etliche ganzseitige Anzeigen im Branchenblatt "Variety", in denen er die Produzenten von "American History X" öffentlich für ihr Verhalten anklagte.

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Killer mit Herz: 1990 drehte Alan Smithee den Actionthriller "Catchfire", in dem die Konzeptkünstlerin Anne Benton - gespielt von Jodie Foster - zur Zeugin eines Mafia-Verbrechens wird und so selbst in die Schussbahn des organisierten Verbrechens gerät. Nachdem ihr Freund - gespielt von Charlie Sheen - bei einem gegen sie gerichteten Anschlag ums Leben kommt, muss sie vor dem von Dennis Hopper gespielten Killer Milo fliehen. Im bizarren weiteren Verlauf der Geschichte entdeckt dann aber nicht nur Milo seine Liebe zu Anne, sondern auch diese ihr Herz für ihren Verfolger. Hinter Smithees Namen verbarg sich bei "Catchfire" niemand anderes als...

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...Dennis Hopper, der auch Regie bei "Catchfire" geführt hatte: Wenig später brachte Hopper dann eine selbst neugeschnittene Version des Films heraus. Die musste er allerdings unter dem neuen Namen "Backtrack" veröffentlichen - schließlich war "Catchfire" ja nun ganz offiziell bereits ein Alan-Smithee-Film.

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Zeigemädchen: Gelegentlich bekam Alan Smithee auch Konkurrenz von anderen Phantom-Regisseuren. So wurde die Regie der fürs Fernsehen umgeschnittenen Version von "Showgirls" aus dem Jahr 1995 von einem gewissen Jan Jensen geführt. Tatsächlich war Jensen niemand anderes als...

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...der niederländische Regisseur Paul Verhoeven: Verhoeven, eigentlich studierter Mathematiker und Physiker, war mit Filmen wie den Science-Fiction-Streifen "RoboCop" von 1987 oder "Total Recall" aus dem Jahr 1990 bekannt geworden.

Foto: ddp
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Doppelter Smithee: 1998 erschien "Fahr zur Hölle, Hollywood", eine Filmbusiness-Satire aus der Feder von "Showgirls"- und "Basic Instinct"-Autor Joe Eszterhas. In dem Film versuchte ein Regisseur, gespielt von Eric Idle, sich von seinem Actionfilm "Trio" loszusagen, der ihm entglitten war. Da jedoch sein tatsächlicher Name "Alan Smithee" war, hatte er keine Möglichkeit, sich mittels Pseudonym von dem Werk zu distanzieren - und entführte im Film schließlich die Negative von "Trio". Kurioserweise war die Regie des Streifens tatsächlich von Alan Smithee geführt worden - und hinter dem verbarg sich...

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...der kanadische Regisseur Arthur Hiller: Hiller hatte tatsächlich bei der Director's Guild of America beantragt, dass sein Name durch das Pseudonym Smithee ersetzt werden solle - und die Regisseursgewerkschaft hatte ihm eine Zusage erteilt. Auslöser für Hillers Distanzierung von seinem Werk war eine Auseinandersetzung mit dem Drehbuchschreiber und Produzenten Joe Eszterhas gewesen, der ihm die kreative Kontrolle entzogen habe. So erschien "Fahr zur Hölle Hollywood", der im englischen Original "An Alan Smithee Film: Burn Hollywood Burn" hieß, tatsächlich offiziell unter der Regie von Alan Smithee. Die bizarre Anekdote sorgte dafür, dass der Name Alan Smithee in so vielen Schlagzeilen auftauchte, dass er letztlich für die Director's Guild unbrauchbar wurde.

Foto: Getty Images
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Smithee gesucht: Der Film "Woman Wanted" aus dem Jahr 2000 mit Kiefer Sutherland und Holly Hunter in den Hauptrollen war eines der letzten Werke Alan Smithees. Denn noch im gleichen Jahr sprach die Director's Guild das Ende des Pseudonyms aus - es war schlicht zu bekannt geworden. Mittlerweile kannten einfach zu viele den Insider-Hinweis darauf, dass der betreffende Regisseur durch diesen Namen von seinem Werk distanzierte. Hinter Smithee steckte im Fall von "Woman Wanted"...

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...Kiefer Sutherland: Sutherland hatte bei dem Film nicht nur die Hauptrolle gespielt, sondern auch Regie geführt. Mit dem Endergebnis seiner Bemühungen war er allerdings offensichtlich nicht sonderlich zufrieden. Er konnte sich glücklich schätzen, sich Alan Smithee nennen zu dürfen, denn der wenig später im gleichen Jahr veröffentlichte Film "Supernova" von Regisseur Walter Hiller erhielt bereits nicht mehr die Zusage, als Smithee-Film veröffentlicht zu werden. Stattdessen erschien im Abspann des Films ein gewisser Thomas Lee als Pseudonym für Hiller.

Foto: AP
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"Härter und grausamer als zuvor...": ...dieser Werbeslogan der verunglückten Hitchcock-Fortsetzung "Die Vögel II - Die Rückkehr" galt offenbar in doppeltem Sinn. Selbst dem Regisseur war der grobe Unfug um ein paar Dorfbewohner, die mit Maschinenpistolen gegen Raben kämpfen, offensichtlich einfach zu hart - und so wurde der Film 1994 als eine der zahlreichen Trash-Produktionen aus dem Werk Alan Smithees veröffentlicht. Der echte Regisseur des Films war...

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...Rick Rosenthal: Der Regisseur - hier auf einem Foto vom 1. Juli 2002 mit Katee Sackhoff und Daisy McCrackin bei der Premiere seines Films "Halloween: Resurrection" - war vor allem mit seinem Debütwerk, dem Horrorfilm "Halloween II" von 1981, bekannt geworden.

Foto: Getty Images
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Harry statt Rambo: Einer der weiteren zahlreichen Trash-Streifen aus dem Schaffen von Alan Smithee ist "Holt Harry raus!", eine Art Rambo-Abklatsch von 1986. Offenbar missfiel der Actionfilm um den in Kolumbien entführten amerikanischen Ingenieur Harry Burck dem Regisseur so sehr, dass er seinen Namen im Abspann nicht sehen wollte. Tatsächlich war sein Name...

Foto: ddp images
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Stuart Rosenberg: Bekannt geworden war der Regisseur 1979 mit seinem Horrorfilm "Amityville Horror", der ihm eine Oscarnominierung eingebracht hatte. Das Bild zeigt Rosenberg am 19. Dezember 1976 in New York mit Schauspielerin Faye Dunaway.

Foto: AP
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Multitalent Smithee: Der Phantomregisseur Alan Smithee war nicht nur im Filmgeschäft tätig - so wurden etwa Mitte der Neunziger die "Daredevil"-Comics Nr. 338 bis 342 von dem Autoren Alan Smithee verfasst. Der tatsächliche Autor D.G. Chichester hatte erfahren, dass er ersetzt werden sollte und wollte die fünf verbleibenden Ausgaben des Comics, zu deren Anfertigung er noch vertraglich verpflichtet war, nicht mehr unter seinem eigenen Namen veröffentlichen, wenn er die Serie ohnehin nicht fortführen durfte.

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Smithee im Computerspiel: Selbst in der Computerspielentwicklung wurde Alan Smithee aktiv - so wurde im Abspann des Ego-Shooters "Marine Sharpshooter IV" aus dem Jahr 2008 als Art Director des Spiels Alan Smithee genannt. Auch wenn das Pseudonym zu diesem Zeitpunkt schon seit acht Jahren nicht mehr für Kinofilme offiziell vergeben wurde, lässt sich die Tradition von Alan Smithee offenbar nicht mehr aufhalten.

Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?