Reli-Streit Versöhnen und spalten
Christoph Lehmann, 47, Vorsitzender der Initiative "Pro Reli": Der katholische CDU-Politiker zeigt triumphierend ein Schild mit der Zahl der gesammelten Unterschriften. 307.000 Berliner haben sich der Initiative zufolge für ein Wahlpflichtfach Religion ausgesprochen, die präzise Auswertung läuft noch; 170.000 reichen bereits aus, um einen Volksentscheid einzuleiten. Innerhalb der Kirche gibt es auch deutliche Kritik am Trommeln für "Pro Reli". mehr...
Plakat der Reli-Initiative: Eine Abstimmung in der Hauptstadt ist unausweichlich. In Berlin wird Religion schon seit 1948 als Zusatzangebot an Schulen unterrichtet, ähnlich wie in Bremen. Bisher ist Ethik von der siebten bis zur zehnten Klasse Pflicht, Religion dagegen ein freiwilliges Fach. "Pro Reli" fordert nun strikt konfessionellen Religionsunterricht; dabei sollen Schüler sich ab der ersten Klasse zwischen Religion und Ethik entscheiden können.
Unterschriftensammlung auf dem Alexanderplatz in Berlin: Mit der Entscheidung für Ethik als Pflichtfach für alle Schüler wollte der rot-rote Senat Staat und Kirche deutlicher trennen. Schüler aller Religionen und Weltanschauungen sollen gemeinsam über Wertefragen sprechen - zumal rund 60 Prozent der Berliner Bürger konfessionell nicht gebunden und Christen klar in der Minderheit sind. Das Bundesverfassungsgericht hat eine Beschwerde gegen das Pflichtfach Ethik abgewiesen.
Großer Streit um ein kleines Fach: Dass die Initiative ihr Ziel erreicht hat, steht bereits fest. Die Auszählung und Prüfung weiterer Unterschriften wird bis Anfang Februar dauern. Der evagelische Bischof Huber (dritter von rechts) und der katholische Erzbischof Georg Kardinal Sterzinsky (links) freuten sich über den Erfolg, gemeinsam mit dem Initiator Christoph Lehmann und seinen Kindern Johannes, Matthias, Dorothea und Konstantin.
Schriftstellerin Julia Franck: Die Autorin lebt in Berlin und ist Mutter von zwei Kindern. Zum Hauptstadtstreit um Ethik- und Religionsunterricht, seit Jahren mit großer Schärfe geführt, warnt sie in einem SPIEGEL-Essay vor einer Zersplitterung unserer Gesellschaft. Und fragt auch: "Was macht in diesem Szenario das neugierige und geneigte, aber konfessionslose Kind?" mehr...
Islamunterricht: Gleiches Recht für alle - wenn die Initiative gewinnt, gibt es konfessionellen Unterricht als Pflichtfach auch für die vielen muslimischen Schüler in Berlin. Wann genau es zum Volksentscheid kommt, steht noch nicht fest. Auch darüber wird jetzt gestritten.
Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit: SPD, Linkspartei und Grüne wollen, dass es beim Pflichtfach Ethik bleibt. "Es gibt gemeinsame Werte, und das sind nicht automatisch christliche oder muslimische oder atheistische Werte", sagte Wowereit.
Wolfang Huber: Der Bischof der Landeskirche in Berlin-Brandenburg machte sich für die Initiative stark, die am Ende 610.000 Stimmen für einen erfolgreichen Volksentscheid braucht. Das könnte durchaus eng werden in einer Metropole, die der amerikanische Religionssoziologe Peter L. Berger einmal als "Welthauptstadt des modernen Atheismus" bezeichnete: Wahlberechtigt sind rund 2,4 Millionen Berliner, Mitglied einer christlichen Kirche und über 18 Jahre alt ist davon nur etwa jeder dritte.