Reporter ohne Grenzen "Ich sang, um nicht verrückt zu werden"
Unbequemer Regimegegner: In Handschellen wird der vietnamesische Dissident Doan Viet Hoat 1993 vor Gericht gebracht. Der Uni-Professor und Journalist war der Herausgeber des "Freedom Forum" - einer illegalen Publikation, die von der kommunistischen Regierung mehr Freiheit, Demokratie und ein Mehrparteiensystem forderte. Hoat wurde 1990 festgenommen und wegen "versuchten Umsturzes der Regierung" zu 20 Jahren Arbeitslager verurteilt - später wurde das Urteil in 15 Jahre geändert. Hoat argumentierte vergeblich, er habe nur zu einer friedlichen Liberalisierung, niemals jedoch zur Gewalt aufgerufen. Nach Protesten aus dem Ausland kam er 1998 frei.
Ein halbes Leben in Haft: Doan Viet Hoat verbrachte insgesamt fast 20 Jahre in vietnamesischen Gefängnissen und Arbeitslagern. Das Foto zeigt ihn, Vierter von links, 1993 mit Mithäftlingen im Lager Ham Tan in der südvietnamesischen Provinz Phan Thiet.
Einzelhaft: Doan Viet Hoat gelang es nach seiner Festnahme 1990 immer wieder, politische Botschaften und Briefe aus der Haft zu schmuggeln, die dann in den USA veröffentlicht wurden und große Aufmerksamkeit erregten. Daher wurde er mehrmals in andere Lager in entlegenen Regionen verlegt. Seine letzte Station war das Lager Than Cam (Foto) in einer gebirgigen, einsamen Gegend an der Grenze zu Laos. Hier wurde Hoat komplett isoliert - Gefangene, die sich seiner Zelle auch nur näherten, wurden bestraft.
Arbeitslager Than Cam: Ein französisches Kamerateam versuchte 1994 vergeblich, Doan Viet Hoat in im Arbeitslager Than Cam in Nordvietnam zu sprechen. Hoat war hier von 1994 bis zu seiner Amnestie 1998 inhaftiert.
Endlich in Freiheit: Der Dissident Doan Viet Hoat wird nach seiner Freilassung aus vietnamesischer Haft mit Jubel am Flughafen in Los Angeles empfangen. Links neben ihm steht seine Frau Tran Thi Thuc, die schon zuvor ins Exil in die USA gegangen war und oft jahrelang keine Nachrichten von ihrem Mann bekam. Doan Viet Hoat war in den siebziger Jahren Vizerektor an der privaten buddhistischen Van Hanh Universität in Saigon. Nach der Machtübernahme durch die Kommunisten wurden private Unis, Schulen und Firmen verboten, Hoat kam 1976 ohne Gerichtsverhandlung für zwölf Jahre ins Gefängnis. 1988 wurde er freigelassen - und kurz danach erneut für 20 Jahre verurteilt.
Robert Ménard: Der französische Journalist ist einer der Gründer von Reporters Sans Frontières. Die internationale Organisation wurde vor 25 Jahren, am 8. August 1985 ins Leben gerufen. Damals wurden die Gründungspapiere bei der Präfektur in Paris eingereicht. Die ersten inhaltlichen Sitzungen hatten allerdings schon Ende Juni 1985 stattgefunden - das genaue Datum ist nicht mehr bekannt. Die deutsche Abteilung "Reporter ohne Grenzen" gibt es erst seit 1994.
Reporter ohne Grenzen: Die Organisation, vor 25 Jahren in Paris gegründet, setzte sich zunächst zum Ziel, Reportagen und Berichte aus Ländern zu liefern, die in den Medien unterrepräsentiert sind. In den ersten Jahren verschob sich der Schwerpunkt dann zunehmend zu Fragen der Presse- und Meinungsfreiheit. Die Aktivisten wurden sich bewusst, dass Medienfreiheit eine Voraussetzung war, um diese Informationen überhaupt recherchieren zu können. Auf dem Foto kritisiert Reporters Sans Frontières vor den Olympischen Spielen in Peking die fehlende Presse- und Meinungsfreiheit in China. Mitbegründer der Organisation Reporter ohne Grenzen, Robert Ménard, steht in der Mitte.
Druck aus dem Ausland: Internationale Organisationen wie Reporter ohne Grenzen, Human Rights Watch und Amnesty International setzten sich für den Dissidenten Doan Viet Hoat ein. "Dieser Mann muss eine Strafe von 15 Jahren abbüßen, weil er seinen Beruf ausgeübt hat", steht auf dem Aufruf von Reporter ohne Grenzen, "Freiheit für Doan Viet Hoat".
Folgenreiche Niederlage: In der Schlacht von Dien Bien Phu kassierten die französischen Truppen 1954 eine verheerende Niederlage. Die ehemalige Kolonialmacht zog sich daraufhin aus Vietnam zurück. Das Land wurde geteilt - und die USA stützten die neue Regierung im Süden gegen die kommunistische Republik im Norden. Erst mit dem Sieg der Kommunisten wurde Vietnam im Juli 1976 vereinigt - tausende Gegner der neuen Regierung verschwanden in sogenannten "Erziehungslagern".
Ngo Ding Diem: Der erste Präsident von Südvietnam stand von 1955 bis 1963 an der Staatsspitze. Die Republik Südvietnam war 1954 entstanden, als sich die französischen Streitkräfte nach militärischen Niederlagen aus Indochina zurückziehen mussten. Das Land wurde geteilt - Grundlage für den weiteren blutigen Verlauf des Vietnamkonflikts. Der antikommunistische, autoritäre Staatspräsident Ngo Ding Diem wurde von den USA unterstützt. Nach dem Rückzug der US-Truppen aus Vietnam eroberten die Kommunisten 1975 den Süden, vereinigten das Land und inhaftierten ehemalige Politiker und Militärs des Südens. Auch Privatunternehmer oder Uni-Professoren wie Doan Viet Hoat bekamen nun Probleme.
Ho Chi Minhs später Sieg: Zwei Jahre nach dem Rückzug der US-Truppen unterlag die südvietnamesische Streitmacht den Einheiten des Nordens; Saigon wurde erobert und besetzt. Am 15. Mai 1975 feiern Studentinnen in Saigon den Sieg und schwenken Fahnen mit dem Antlitz des 1969 verstorbenen Ho Chi Minh, dem einstigen Premierminister und Staatspräsidenten von Nordvietnam.
Abrechnung mit Antikommunisten: Studenten in Saigon demonstrieren gegen die angeblich "reaktionäre Kultur" in Südvietnam. Auf dem Banner steht: "Jugendliche, Studenten: Lest, behaltet und verbreitet keine dekadenten und reaktionären Bücher, Zeitschriften, Bilder und Musikkassetten." Nach der Machtübernahme der Kommunisten wurden westliche Bücher und Filme sowie politische Werke von südvietnamesischen Autoren konfisziert.
Der Preis der Freiheit: Am 3. September 1998 kehrt Doan Viet Hoat nach insgesamt fast 20 Jahren Gefangenschaft in die Freiheit zurück. Allerdings musste er dafür seine Heimat Vietnam verlassen und in die USA ausreisen. "Deshalb wollte ich erst bleiben", erzählt der Dissident, "doch meine Frau (rechts im Bild) hat mich überzeugt".