Ritterspiele Nimm dies, Schuft - und genieß es!
Durchblick: Wir wissen nicht, ob dieser nette Herr im Zivilleben im Bauamt von Adelaide für die Genehmigung von Carport-Anträgen verantwortlich ist. Heute, bei der St Ives Medieval Fair in Sydney, Australien, hat er die Aufgabe, die anstürmenden Wikinger abzuwehren. "Reenactment" und "Histotainment" sind weltweite Trends - Hunderttausende Menschen verbringen ihre Freizeit als Hunnen, Ritter oder Prinzessinnen.
Und zwar auf allen Kontinenten: Die St Ives Medieval Fair in Sydney hat sich innerhalb von nur drei Jahren zum größten Mittelalterfest des Kontinents entwickelt, auf dem dieses Mittelalter so nie stattfand.
Aber was soll's? Der Spaß an der vermeintlich finsteren Epoche wird weltweit geteilt. Tatsächlich fanden die ersten großen Feiern des europäischen Mittelalters in den USA statt - das wilde Remmidemmi eignet sich prächtig als Kultur-Import.
Klar, denn letztlich ist es durch und durch eine Fiktion: Ritter in strahlenden Rüstungen, die auf feurigen Pferden reitend bis zum Tod ihre Kompetenzen im Metzeln verglichen, sind vor allem Produkte romantisierender Dichtung und des Hollywoodkinos.
Das aber kümmert keinen: Archetypen wie Ritter und Narr, edle Jungfrau und Mönch, edler Aufständischer oder finsterer Alchemist sind Rollen, die leicht zu füllen sind - wir alle wissen, was man da jeweils zu tun hat.
So wird das Ritterspiel zur kulturell geadelten Variante des Rollenspiels. Der Erfolg von Verfilmungen wie Tolkiens Ring- und Hobbit-Sagas, von TV-Formaten wie "Game of Thrones" haben die Vorstellungen zusätzlich erweitert und populärer gemacht.
Kein Wunder also, dass sich die Zahl der Mittelalter-Events in den letzten Jahren potenzierte. Allein in Deutschland fanden in den letzten fünf Jahren regelmäßig über 1000 Festivals und Märkte mit Mittelalter-Themen statt. Oft werden sie von der Begeisterung kostümierungsfreudiger Freiwilliger (hier: die australische Lanzenkämpferin Kimberly Belcher) getragen.
Schamane sein ist auch mal schön: Ethnologisch und kulturhistorisch gesehen geht da so einiges kreuz und quer und durcheinander. Macht nix, Hauptsache, es sieht irgendwie alt aus. Und cool.
Merkt auf, hier kommt der Champion: Lanzenkämpfer Philip Leitch, Gewinner des Turniers 2015, grüßt die Massen, bevor er den Helm anlegt und sich in die Schranken weisen lässt. Der bekannte Ausspruch verweist auf die abgezäunten Bahnen ("Schranken"), in denen sich die Kämpfer bewegen.
Er bedeutet also, dass man sich innerhalb Schranken, also Regeln zu bewegen hat. In diesem Fall sind die kurz erklärt: Zwei mit Metall gerüstete Personen reiten auf Pferden aufeinander zu und versuchen, sich mit ziemlich langen Holzpfählen gegenseitig vom Pferd zu stoßen. Der Sport gilt ("damals" wie heute) als Königsdisziplin unter den ritterlichen Sportarten.
Das tut weh: Auf das Durchbohren von Gegnern wird heute (wie wohl meist auch damals) nach Möglichkeit verzichtet. Von einem massiven Holzpöhler vom Pferd gehauen zu werden und in Blechverkleidung auf dem Rasen aufzuklatschen, ist aber auch heute noch eine Erfahrung, an die der Schmerz im Steißbein auch Jung-Ritter Cliff Marisma noch eine Weile erinnern wird.
Adler nicht vergessen: Eine junge Falknerin stellt ihren schönsten Raubvogel zur Schau. Auch Tiere gehören stets dazu, wenn mittelalterlich gefeiert wird. Wenn sich dann auch mal eine Anakonda (beliebt bei orientalischen Tänzern) in die Menagerie verirrt, drückt man gern ein Auge zu.