Rock in der DDR - DER SPIEGEL
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Rock in der DDR Paradies der Plattenschieber

West-Rock war für die SED-Bonzen "Dreck", viele Songs standen in der DDR auf dem Index. Aber ostdeutsche Musikfans tricksten die Geschmacksdiktatur mit viel Kreativität aus - und dealten sogar in geheimen Schmuggelringen mit der heißen Ware Musik. Von Christoph Gunkel
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Saftige Schwarzmarktpreise: Sämtliche Platten der Rolling Stones waren in der DDR verboten und als VE ("Verbotene Einfuhr") klassifiziert - wer dennoch an Stones-Alben kommen wollte, musste auf dem Schwarzmarkt mindestens stattliche 150 Ostmark für eine LP hinblättern.

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Frank Rotzsch: Als "lottriger Musiker" - hier 1983 bei einem Auftritt mit der Band Ham's in Berlin - erschien Frank Rotzsch den staatlichen DDR-Aufpassern per se verdächtig.

Foto: Frank Rotzsch
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Kritische Ostrocker: Verbote der DDR-Musikwächter trafen nicht nur die Beatmusik aus dem Westen, sondern auch die eigenen Szene. Die Klaus Renft Combo gehörte zu den bekanntesten Rockbands der DDR - 1975 musste sie sich wegen "Beleidigung der Arbeiterklasse" auflösen, nachdem sie in einem Lied ("Rockballade vom kleinen Otto") die missglückte Republikflucht eines DDR-Bürgers thematisiert hatte.

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Rock in der DDR: Die Gruppe Renft spielt im August 1973 bei den Weltfestspielen in den Berliner Rathauspassagen nahe des Alexanderplatzes vor Hunderten Jugendlichen aus aller Welt. Sie trug damals entscheidend dazu bei, dass dieses Treffen zu einer Art Woodstock des Ostens wurde. An allen Ecken tanzten die jungen Leute - trotz genauer Beobachtung durch Stasi und Volkspolizei - nach Musik, die vornehmlich aus dem Westen stammte. Rockbands und Discos brachten eine Stimmung nach Ost-Berlin, die so bis zum Ende der DDR einmalig blieb.

Foto: hajo Obuchoff
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Restriktive Musikpolitik: Nach außen gab sich die DDR eine Fassade der Weltoffenheit. Nach innen kämpfte sie gegen den angeblich schädigenden Einfluss westlicher Rock- und Punkmusik und drangsalierte auch die eigenen Musiker mit Auftritts- und Berufsverboten. Das Bild zeigt das Album "Das war nur ein Moment" von Manfred Krug aus dem Jahre 1971 - nur fünf Jahre später kassierte der Sänger und Schauspieler ein Teilberufsverbot, weil er gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann protestiert hatte.

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Liedermacherin Wegner: Wegen "staatsfeindlicher Hetze" wurde auch die Musikerin Bettina Wegner zu einer Haftstrafe auf Bewährung verurteilt. Sie hatte 1968 Flugblätter gegen die Intervention der Warschauer-Pakt-Staaten in der Tschechoslowakei verfasst und verteilt.

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Opfer der Zensur: Die Untersuchungshaft und ihre Erfahrungen mit der Zensur in der DDR prägten fortan Bettina Wegners Musik und Lyrik. "Sind so kleine Hände" (1978) wurde ihr bekanntestes Lied.

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Aus Liebe zur Musik: Plattenhändler Frank Rotzsch (5. v. l.) 1979 in Moskau, wo er mit dem Orchester Lothar Stuckart auftrat. Rotzsch dealte in einem Dresdner Plattentauschring mit der vom Staat ungeliebten Westmusik nicht aus materiellen Gründen: "Der Profit war ideell - die Musik".

Foto: Frank Rotzsch
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Topseller: "Thriller" von Michael Jackson war kurzzeitig für 16 Ostmark auch in der DDR zu kaufen. Die Menschen standen Schlange, um diese Platte zu ergattern. "Da stand ich total drauf", gesteht Musiksammler Markus Rindt - er hatte sich die Platte in Budapest auf dem Schwarzmarkt geholt, weil sie in seiner Heimat bald ausverkauft war.

Foto: PRNewsFoto/ VH1, Courtesy Sony BMG
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DDR-Band Karat: Die oft geschraubte Lyrik in den Texten deutschsprachiger DDR-Bands wie Karat hatte durchaus ihre Anhänger, auch im Westen. Viele Musikfans in der DDR bevorzugten aber direkten, erdigen Rock aus den USA und Großbritannien - doch den verteufelte die DDR-Führung als Kampfinstrument des Westens. Sie fürchtete sich vor einer aufmüpfigen Jugend und dem Verlust des sozialistischen Persönlichkeitsideals.

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Wolf Biermann: Der in Ungnade gefallene ostdeutsche Liedermacher wurde 1976 aus der DDR ausgebürgert. In seiner Ost-Heimat kopierten viele Musikfans daraufhin Wolf Biermanns Alben heimlich.

Foto: Siegfried Träger
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Heiß auf Westmusik: Sänger und Musikfan Frank Rotzsch handelte zu DDR-Zeiten in einem geheimen Plattenring in Dresden mit Alben aus dem Westen. Gerade in Dresden, wo kein Westrundfunk empfangen werden konnte, war die Nachfrage nach der verbotenen Ware Musik immens groß.

Das Bild zeigt Frank Rotzsch 1976 auf dem Cover der Platte "Projekt Soul".

Foto: Frank Rotzsch
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Staatlicher Musik-Mix: Das DDR-Plattenlabel Amiga veröffentlichte vorrangig Musik von ostdeutschen Künstlern oder Musikern aus dem sozialistischen Ostblock. In Ausnahmefällen wurden auch ausgewählte Platten von Künstlern aus dem Westen als Nachpressungen in Lizenz verlegt. Wegen der niedrigen Auflagen und der großen Nachfrage waren sie aber meist schnell vergriffen.

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Puhdys live: Die Puhdys war eine der beliebtesten DDR-Bands - hier das Cover ihres Livealbums von 1979. Sie galt als Vorzeigegruppe aus dem Osten und war auch der DDR-Staatsspitze genehm. Wer dagegen in der DDR Platten der Rolling Stones hören oder besitzen wollte, begab sich auf rechtlich und ideologisch unsicheres Terrain.

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Staatliches Entgegenkommen: Um den Hunger der DDR-Jugend nach westlicher Musik zu stillen und der Unzufriedenheit mit der Musikzensur zu begegnen, verlegte das DDR-Label Amiga beispielsweise dieses Album der Rockband Uriah Heep in Lizenz. Es gab sogar eine LP und drei Singles der Beatles offiziell zu kaufen - dabei hatte Walter Ulbricht diese Beatmusik 1965 als "Dreck" beschimpft.

Foto: www.vinylrecords.ch
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Ideologischer Spagat: Langfristig wurde der DDR-Führung klar, dass sie mit ihrer restriktiven Kulturpolitik die Musikszene nicht kontrollieren konnte - und die Westmusik nur noch attraktiver machte. Nach und nach liberalisierte sie ihren Kurs, förderte eigene Rockgruppen, wenn sie auf Deutsch sangen, und lud in den achtziger Jahren sogar Popstars aus dem Westen ein. Das Foto zeigt tausende DDR-Bürger bei einem Auftritt von Bob Dylan im Treptower Park 1987.

Foto: AP
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Eintrittskarte des FDJ-Konzerts mit Bruce Springsteen: US-Rocklegende Bruce Springsteen durfte am 19. Juli 1988 ganz offiziell in Ost-Berlin auftreten. Sein Konzert auf dem Gelände der Radrennbahn Weißensee schrieb Geschichte, als 200.000 DDR-Bürger gemeinsam mit Springsteen "Born in the USA" grölten. Das war politisch natürlich völlig unkorrekt und eigentlich erstaunlich, denn bei dem Publikum handelte es sich ganz überwiegend um handverlesene DDR-Bürger - um Eintrittskarten zu ergattern, war es für den Musikfan einfacher, wenn er verlässliches Mitglied der FDJ war.

Foto: Rainer W. Sauer/Sammlung Jena
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Rock im Roten Osten: Die Berliner Rockband EXPRESS gemeinsam mit dem Schlagersänger Michael Hansen und seinen Nancys im Juni 1976 auf Tournee an der Drushba-Trasse. In den siebziger Jahren bauten Tausende DDR-Jugendliche in der Ukraine an der ersten großen Ferngasleitung, die Gas aus dem Südural bis nach Westeuropa bringen sollte.

Für die Bauleute aus der engen DDR war es das Abenteuer im Wilden Osten. Neben der harten Arbeit war kulturelle Betreuung vor Ort stark angesagt. Kulturniks organisierten für die knappe Freizeit der Bauarbeiter nicht nur einen regelmäßigen Kino- und Diskobetrieb, sondern auch Konzerte der besten Rockgruppen aus der DDR. Unter spartanischen und oft improvisierten Verhältnissen spielten die Musiker vor den Trassenbauern und der einheimischen Bevölkerung. Die Rockmusiker riefen dabei bei den sowjetischen Funktionären nicht selten Befremden über die "amerikanische Kultur" ihrer Klassenbrüder hervor.

Foto: hajo Obuchoff
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Disko im tiefen Osten: Deutsches Diskomobil beschallt die Feier zum Tag des Sieges am 9. Mai 1976 im sowjetukrainischen Dorf Ivanivka. Wenn wir sonst eher Rock'n'Roll aus unseren Lautsprechern dröhnen ließen, spielten wir zu diesem Anlass sowjetische Kampf- und Arbeiterlieder. Die Dorfparteileitung im nahe des Erdgasleitungsbaus gelegenen Dorfes Ivanivka hatte erfahren, dass wir auf der Baustelle der Drushba-Trasse eine Agit-Maschina, also ein Fahrzeug besaßen, mit dem man Reden und Musik übertragen kann. Natürlich waren wir zur sofortigen sozialistischen Hilfe für die Kolchosbauern bereit.

Nach dem offiziellen Teil wurde es gemütlich. Die Genossenschaftsbauern luden uns an die auf dem Dorfplatz bereitgestellten voll gedeckten Tische ein. Nun sollten wir etwas lustigere Musik auf den Bandteller legen. Mit Wodka und für den Kraftfahrer leichteren Johannisbeerwein stießen wir dann als Vertreter des 31 Jahre zuvor unterlegenen Gegners mit den Siegern auf eine friedliche Zukunft an. Derweil nutzte die Dorfjugend die Gelegenheit, nach westlichen Rhythmen das Tanzbein zu schwingen.

Foto: hajo Obuchoff
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Diskjockey ganz weit im Osten: Beim Bau der ersten großen Gasfernleitung aus dem Süden des Urals bis nach Westeuropa waren Tausende DDR-Jugendliche in den Jahren 1975 bis 1979 in der Ukraine eingesetzt. Das Jugendobjekt - Drushba-Trasse genannt - wurde mit großem Aufwand betrieben. Dazu gehörte auch eine umfangreiche kulturelle Betreuung. Unter anderem wurde ein einstiger Kinowagen der Nationalen Volksarmee zu einem Diskomobil umgerüstet, das auf den Baustellen zur Unterhaltung der Trassenbauer eingesetzt wurde.

In der Sowjetukraine war die 60:40-Regel der DDR-Diskjockeys außer Kraft gesetzt. Im Wilden Osten des Warschauer Paktes wurde vorwiegend Rock aus dem Westen aufgelegt. Die Platten waren entweder privat organisiert oder wurden legal in sowjetischen Kaufhäusern erworben. Raubpressungen der Moskauer Firma "Melodija" boten Beatles, Creedence Clearwater Revivel, Led Zeppelin oder die in der DDR zu damaliger Zeit streng verbotenen Rolling Stones für Kopeken an. Ansonsten schickte das DDR-Jugendradio DT 64 regelmäßig Bandmaterial ihrer Mitschnittsendungen, die sowohl neuesten DDR-Beat, aber auch immer häufiger Rock etablierter Westbands enthielten.

Foto: hajo Obuchoff
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