Rückblick auf 2008 Bilder eines bewegten Jahres
2008 in Bildern: Von Sarkozys Hochzeit mit Carla Bruni bis zu Olympia in Peking, vom Krieg in Georgien über die US-Wahl bis zur Finanzkrise - 2008 war ein ereignisreiches, immer aufregendes, oft aufwühlendes Jahr. SPIEGEL ONLINE lässt für Sie die wichtigsten Ereignisse der vergangenen zwölf Monate Revue passieren - viel Spaß!
>Nokia macht dicht: Am 15. Januar gibt der finnische Handyhersteller Nokia bekannt, dass sein Standort in Bochum geschlossen werden und die Arbeit nach Rumänien verlegt werden soll. Ein Sturm der Entrüstung bricht los, und sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel schaltet sich ein. Doch die Proteste - hier die Aktion "Jeder Arbeitsplatz hat ein Gesicht" im Februar 2008 - bleiben ergebnislos. Sogar die Drohung, von Nokia 41 Millionen Euro Subventionen zurückzufordern, kann die Finnen nicht umstimmen.
Wahl der Qual: Am 27. Januar wählt Hessen ein neues Parlament. CDU-Ministerpräsident Roland Koch und seine Partei, die sich im Wahlkampf siegessicher gegeben haben, müssen eine schwere Niederlage einstecken. Die Union verliert zwölf Prozentpunkte und die absolute Mehrheit - selbst mit der FDP reicht es nicht mehr zur Regierungsbildung. SPD, Grüne und Linke erobern dagegen die Mehrheit im Landtag - zumindest rechnerisch. Die SPD allerdings hatte vor dem Wahltag eine Koalition mit der Linkspartei ausgeschlossen. Es folgt eine Hängepartie, der eigentlich abgewählte Koch bleibt als geschäftsführender Ministerpräsident im Amt. Als sich seine SPD-Gegenspielerin Andrea Ypsilanti doch mit den Stimmen der Linken inthronisieren lassen will, verweigern ihr eine Handvoll Genossen die Gefolgschaft. Ypsilanti muss gehen, die Abweichler werden durchs innerparteiliche Fegefeuer gejagt und Hessen wählt im Januar 2009 noch einmal.
Sarko und Bruni in Kairo: Nach der Scheidung von seiner Frau Cécilia im Oktober 2007 bleibt Frankreichs rastloser Staatspräsident Nicolas Sarkozy nicht lange allein. Zum Jahreswechsel 2007/2008 zeigt er sich verliebt turtelnd mit dem Model Carla Bruni beim Urlaub am Fuße der ägyptischen Pyramiden. Die französische Öffentlichkeit ist nicht sonderlich amüsiert über das amouröse Abenteuer ihres Staatsoberhaupts, dem viele ohnehin einen Mangel an staatsmännisch-seriösem Gebaren attestieren. Auch nachdem Sarkozy seine Beziehung im Februar durch eine Hochzeit legalisiert, registrieren Demoskopen noch negative Rekordwerte für Sarkozys Beliebtheit. Das ändert sich erst, nachdem die neue Première Dame beim Staatsbesuch in Großbritannien im März einen bravourösen Auftritt in züchtigem Kostüm und flachen Schuhen hinlegt.
Ende einer Ära: Am 19. Februar verkündet Kubas schwererkrankter Máximo Líder Fidel Castro, dass er nicht in die Politik zurückkehren werde. Seine Ämter übernimmt sein Bruder Raúl, ohnehin schon kubanischer Vizepräsident und seit dem 31. Juli 2006 kommissarisch mit den Regierungsgeschäften betraut.
Schwarz-Grün in Hamburg: Nach Hessen ist Hamburg im Februar das zweite Bundesland, in dem die CDU ihre absolute Mehrheit verliert. Doch in dem Stadtstaat wird das Problem durch eine politische Innovation gelöst. Mit freundlichem Rückenwind aus der Berliner CDU-Parteizentrale geht Hamburgs Erster Bürgermeister Ole von Beust mit der Grün-Alternativen Liste der Hansestadt die erste schwarz-grüne Koalition auf Landesebene ein. Ein Experiment mit Signalwirkung für den Bund? Was die einen entschieden verneinen, bejahen andere begeistert.
Zumwinkels spektakulärer Fall: Früh um 7 Uhr morgens klingeln am 14. Februar 2008 Staatsanwälte und Steuerfahnder an der Haustür der Villa von Klaus Zumwinkel im Kölner Stadtteil Marienburg. Dem Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Post AG wird vorgeworfen, über geheime Konten in Liechtenstein rund eine Million Steuern hinterzogen zu haben. Die Fahnder nehmen den dienstältesten Vorstandschef eines Dax-Unternehmens gleich mit. Gegen Kaution kommt Zumwinkel zwar wieder frei, muss aber als Postbank-Chef zwei Tage später gehen. Und das ist nicht alles: Auf CDs mit Zumwinkels Bankgeheimnissen, die Fahnder für mehrere Millionen Euro aus einer dubiosen Quelle erstanden haben, finden sich außerdem die Daten Hunderter anderer Großverdiener mit Liechtensteiner Konten - von denen nun viele die Flucht nach vorne antreten und Selbstanzeige erstatten. Dass Top-Verdiener hohe Summen hinterziehen, löst in der Öffentlichkeit Empörung aus - selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel nennt die Vorfälle einen "Skandal jenseits des Vorstellbaren".
Spektakuläre Landung in Hamburg: Ein Screenshot aus einem Amateurvideo zeigt den Landeversuch der Lufthansa-Maschine LH 044 am 1. März 2008 auf dem Flughafen Hamburg. Das Flugzeug wurde während der Landung von einer Windböe erfasst und geriet ins Schlingern. Nur durch das beherzte Eingreifen der Co-Pilotin und eine ungewöhnliche Landung konnte der Crash des Airbus verhindert werden. Wie nahe sie einer möglichen Katastrophe entkommen waren, konnten die Passagiere hinterher auf dem Video ansehen, das sich sofort zum weltweiten YouTube-Hit entwickelte.
Wachwechsel im Kreml: Am 2. März 2008 wählt Russland einen neuen Präsidenten - das Ergebnis steht schon vorher fest: Den Job kriegt Dmitrj Medwedew (r.), ein treuer Zögling des scheidenden Amtsinhabers Wladimir Putin. Der darf laut Verfassung nach zwei Amtszeiten nicht wieder antreten. Also macht er eine Marionette zu seinem Nachfolger, lässt sich selbst zum Ministerpräsidenten berufen - und behält als Regierungschef die Fäden der russischen Politik weiter fest in der Hand.
Bruch mit Tabus: 40 Jahre nach der sexuellen Revolution schickt sich erneut eine Autorin an, Tabus zu brechen. Zur Leipziger Buchmesse im März erscheint "Feuchtgebiete", das literarische Erstlingswerk der 29-jährigen TV-Moderatorin Charlotte Roche. Der drastische Blick hinter die Kulissen weiblicher Sexualität, dessen Manuskript ein Verlag als zu pornografisch abgelehnt hatte, wird zum Skandal - und verkauft sich Millionenfach. Das Echo der Kritik ist geteilt. Während die einen darin den Startschuss für eine neue Frauenbewegung sehen, mokieren sich andere über eine schlecht geschriebene Anhäufung von Körperflüssigkeitsbeschreibungen.
Ende eines Gletschers: Im März 2008 zeigt sich das dramatische Ausmaß des Klimawandels auf drastische Weise. Satelliten dokumentieren, wie die insgesamt 13.000 Quadratkilometer große Eisfläche Wilkins Ice Shelf in der Antarktis auseinanderbricht. Es bleiben zahlreiche kleine Stücke, eine Reihe gewaltiger Eisberge - und ein gigantisches Loch in der bisherigen Küstenlinie, das aussieht, als hätte ein Riese von einem Butterbrot abgebissen.
Chaos-Tage in Heathrow: Er wurde als logistisches Wunderwerk angekündigt, aber hält nur alles auf. Als am 25. März 2008 der neue Terminal 5 des chronisch überlasteten Londoner Flughafens Heathrow eröffnet, versagt die als hochmodern und effizient gepriesene Gepäckbeförderungsanlage. Tausende Koffer stranden im Nirvana, Hunderte Flüge müssen gestrichen werden. "Chaos-Tage in Heathrow" oder "Der Deppen-Airport" lauten die wenig freundlichen Schlagzeilen. Noch Anfang April muss das Gepäck für Terminal 5 in Mailand sortiert werden.
Aufstand in Tibet: Zuerst demonstrieren nur die Mönche, dann das Volk. In Tibet, das China 1951 annektiert hat, regt sich im Vorfeld der Olympischen Spiele in Peking Protest. Nachdem sich die Demonstrationen in der Hauptstadt Lhasa im März ausweiten und offen die Rückkehr des Dalai Lama gefordert wird, schickt die chinesische Führung Sicherheitskräfte. Das heizt die Stimmung in Lhasa weiter auf, es kommt zu Plünderungen und Straßenschlachten. Nach außen dringt von dem Aufstand nur wenig, die chinesische Zensur verhindert jede Berichterstattung der Medien. Die wenigen herausgeschmuggelten Fotos und Videoaufnahmen vom brutalen Vorgehen der Chinesen empören die Weltöffentlichkeit und lösen eine Welle der Solidarität mit den Tibetern aus. Am Ende hilft alles nichts - die Rebellion wird vom chinesischen Militär blutig niedergeschlagen.
Simbabwe am Abgrund: Am 29. März 2008 lässt Simbabwes Diktator Robert Mugabe seine Untertanen an die Urnen rufen - und verliert seine absolute Mehrheit. Bis zu den Stichwahlen am 27. Juni 2008 tobt in dem bitterarmen, isolierten Land eine brutale Kampagne gegen die Oppositionsanhänger. Mit allen Mitteln stemmt sich der 84-jährige Tyrann gegen den Machtverlust. Bis Anfang Juni sind 70 Oppositionelle getötet, Hunderte verletzt und 20.000 Menschen aus dem Land vertrieben worden. Nach der weltweit als Farce kritisierten Stichwahl lässt sich Mugabe erneut für fünf Jahre im Amt bestätigen. Nur auf internationalen Druck kommt Mitte September ein als historisch gepriesenes Abkommen zwischen Mugabe und der Opposition zustande, das eine gemeinsame Regierung vorsieht. Im Dezember ist sie immer noch nicht umgesetzt - derzeit wütet in Simbabwe die Cholera.
Hindernislauf für die Olympiafackel: In den Monaten vor der Eröffnung der Olympischen Spiele in Peking am 8. August 2008 soll das olympische Feuer als Botschafter des Gastgeberlandes um die Welt getragen werden. Doch die "Reise der Harmonie" gerät zur Dauerpeinlichkeit für Peking. Wo immer die Fackel auftaucht, gibt sie Demonstranten willkommenen Anlass, im Blickfeld der Weltöffentlichkeit gegen die chinesische Politik in Tibet oder die Menschenrechtsverletzungen im "Reich der Mitte" zu protestieren. In Paris wird die Fackel gleich viermal von Demonstranten gelöscht. Entnervt kürzen die Organisatoren dort die Route ab, auch eine Veranstaltung am Rathaus wird abgesagt - mehrere Stadträte haben die tibetische Flagge und ein schwarzes Banner der Organisation Reporter ohne Grenzen aufgehängt, das die olympischen Ringe in Form von Handschellen zeigt.
Die Scham des Papstes: Es ist eine heikle Mission, als Papst Benedikt XVI. im April 2008 zum ersten Mal in seiner Amtszeit die Vereinigten Staaten besucht. Der Skandal um Kindesmissbrauch durch pädophile Priester hat die katholische Kirche in den USA Sympathie und Vertrauen gekostet. Anders als viele seiner Glaubensbrüder aber drückt der Papst das Thema nicht weg. Er empfinde "tiefe Scham" über die Taten der Priester und die Vertuschung durch seine Kirche. "Keines meiner Worte könnte den Schmerz und den Schaden beschreiben, den solcher Missbrauch verursacht", erklärt Benedikt vor fast 50.000 Gläubigen im Baseball-Stadion von Washington D.C..
Inzest in Amstetten: Nach außen hin gibt sich Josef F. aus dem österreichischen Amstetten als Biedermann, der sich um seine Frau und die Kinder kümmert. Doch im April 2008 kommen grausige Details eines Doppellebens ans Licht. Im Keller seines Hauses hat F. 24 Jahre lang seine eigene Tochter gefangen gehalten und mit ihr sieben Kinder gezeugt. Drei davon mussten ebenfalls im Keller eingesperrt leben. Das perverse Spiel fliegt erst auf, als die bei einer Vergewaltigung gezeugte und seither eingesperrte 19-jährige Tochter ins Krankenhaus muss. Das Lügengebäude des Josef F. bricht zusammen - und nicht nur die Alpenrepublik steht für Wochen unter Schock.
Urwaldmenschen entdeckt: Im Mai 2008 veröffentlicht der Fotograf Gleison Miranda eindringliche Bilder, die er über dem brasilianischen Urwald aus einem Kleinflugzeug heraus geschossen hat. Sie zeigen rotbemalte, nur mit Lendenschurz bekleidete Ur-Indios - Menschen, die bis dato keinen Kontakt zur modernen Zivilisation hatten. Mit Speeren und Bogen zielen sie in Richtung des bedrohlichen Flugzeugs. Mit seiner Aktion versucht Miranda, auf die Situation der vier in dieser Region lebenden Eingeborenenstämme aufmerksam zu machen und ihr Überleben zu sichern.
Tragödie in Burma: Der tropische Zyklon "Nargis" trifft am 2. Mai 2008 mit einer Spitzengeschwindigkeit von 230 Stundenkilometern auf die Küste Burmas. Der Wirbelsturm, dem eine Überschwemmung folgt, hinterlässt in dem bitterarmen Land eine Schneise der Verwüstung - es gibt mindestens 130.000 Tote, die Ernte ist zerstört, Tiere verenden, das Trinkwasser wird knapp. Obwohl überall Tod und Verderben herrscht, will die Militärjunta von Burma ein zu propagandistischen Zwecken angesetztes Verfassungsreferendum wie geplant durchführen. Und als das Ausmaß der Tragödie immer deutlicher wird, weigern sich die paranoiden Militärs zunächst, ausländische Retter und Hilfsgüter in das Katastrophengebiet zu lassen.
Erdbeben in China: Die Erde bebt wie noch nie am 12. Mai 2008 in der südwestchinesischen Provinz Sichuan. Kurz vor den Olympischen Sommerspielen von Peking trifft China eine Katastrophe unvorstellbaren Ausmaßes - mindestens 70.000 Menschen kommen unter den Trümmern ihrer Häuser ums Leben. Besonders tragisch: Viele Schulgebäude stürzen ein, weil beim Bau offenbar gepfuscht worden war. So sterben Tausende Kinder. In manchen Dörfern wird die gesamte Nachwuchsgeneration ausgelöscht. Im Gegensatz zu früheren Katastrophen im Reich der Mitte versucht die Regierung diesmal nicht, das Desaster zu verschweigen oder kleinzureden. Premierminister Wen Jiabao persönlich reist in die Unglückszone, klettert über die Trümmer und spricht mit Angehörigen. Hunderte Journalisten dürfen in das Katastrophengebiet und berichten vor Ort. Das horrende Ausmaß der Tragödie und der offene Umgang damit bringt der chinesischen Regierung im Ausland viel Sympathie ein - eine willkommene Entlastung für Peking, das sich kurz vor Olympiabeginn starker Kritik an seiner Tibet-Politik und den Menschenrechtsverletzungen im Land ausgesetzt sieht.
Lautes Nein aus Irland: Die hochfliegenden Pläne für eine gemeinsame europäische Verfassung erleiden am 13. Juni 2008 einen herben Rückschlag. Beim Referendum über die Annahme des Entwurfs stimmt nach einem hitzig geführten Wahlkampf eine deutliche Mehrheit von 53,4 Prozent der Iren gegen die Ratifizierung. Nachdem der neue europäische Reformvertrag schon in Frankreich und in den Niederlanden abgelehnt worden war, stehen die Zeichen für eine EU-Verfassung vorerst auf Halt.
Aufstiegsfeier: Mit einem 5:0-Sieg gegen Greuther Fürth gelingt der TSG 1899 Hoffenheim am 18. Mai 2008 eine absolute Sensation - der Durchmarsch eines Dorfclubs von der Regionalliga in die höchste deutsche Spielklasse. Vater des Erfolgs ist der Unternehmer Dietmar Hopp (M.), Gründer des Software-Konzerns SAP, der den Verein systematisch gefördert und aufgebaut hat. Was zu diesem Zeitpunkt noch niemand ahnt: Auch in der Bundesliga spielen die Hoffenheimer in der Saison 2008/09 ganz oben mit - mit einem unverkrampften, lustbetonten Offensivfußball, der nicht nur TSG-Fans mit der Zunge schnalzen lässt.
Eis auf dem Mars: Nach einer fast zehnmonatigen und 680 Millionen Kilometer langen Reise landet die US-Raumsonde Phoenix am 26. Mai 2008 auf dem Mars. Dort soll die Sonde nach Wasser und anderen Spuren von Leben auf dem Roten Planeten suchen. Tatsächlich stößt Phoenix auf drei Krater, in denen der Roboter unter dem Marssand Eis entdeckt. Links auf dem Bild ist der mit Sand bedeckte Gletscher zu sehen, rekonstruiert aus den Daten der Sonde. Das rechte Bild zeigt die Ausbreitung des Eises nach Schätzungen der Wissenschaftler.
Spanien ist Europameister: Bei der Europameisterschaft in Österreich und der Schweiz im Juni 2008 erleben die Fußballfans nach der WM 2006 in Deutschland einen weiteren Fußballsommer. Die Deutschen jubeln ihre Mannschaft unter Bundestrainer Jogi Löw bis ins Finale. Doch im Endspiel in Wien unterliegt die deutsche Nationalelf am 29. Juni Spanien mit dem genialen Torschützen Fernando Torres - die Feierlaune ließ sich davon aber niemand verderben.
Karadzic gefasst : Seit Sommer 1996 sucht die halbe Welt Serbenführer Radovan Karadzic mit internationalem Haftbefehl als Kriegsverbrecher - im Juli 2008 wird er verhaftet. Als Anführer der serbischen Nationalisten war er im Bosnien-Krieg in den frühen neunziger Jahren eine der treibenden Kräfte hinter den "ethnischen Säuberungen" und mitverantwortlich für das Massaker von Srebrenica, bei dem im Juli 1995 bis zu 8000 muslimische Männer ermordet wurden. Nach dem Krieg taucht Karadzic unter - und lebt jahrelang unter aller Augen in Belgrad, wo er unter dem Decknamen "Dr. Dragan Drabic" als Heilpraktiker arbeitet. Getarnt durch einen mächtigen, schlohweißen Bart tritt er sogar im Fernsehen auf, reist ungehindert mehrmals nach Wien. Verhaftet wird Karadzic alias Drabic kurz vor einer entscheidenden Sitzung der EU-Außenminister über ein Assoziierungsabkommen mit Rest-Jugoslawien - manche mögen darin keinen Zufall sehen. So oder so: Seit dem 30. Juli wartet Karadzic im Gefängnistrakt des Internationalen Strafgerichtshofs für das ehemalige Jugoslawien auf seinen Prozess.
Ingrid Betancourt ist frei: Mehr als sechs Jahre musste Ingrid Betancourt als Geisel der militanten Farc-Rebellen unfreiwillig im kolumbianischen Dschungel hausen - dann endlich wird sie am 2. Juli 2008 in einer spektakulären Kommandoaktion befreit. Entführt worden war die französisch-kolumbianische Politikerin 2002, als sie sich für das Präsidentenamt in Kolumbien beworben hatte. Seither hatten sich Regierungen und Organisationen in aller Welt für die Freilassung der berühmtesten Geisel der Welt eingesetzt, allein in Europa sind es rund 200 Initiativen. Am 3. Juli kann Betancourt auf dem Militärflughafen von Bogotá wieder ihre Kinder in die Arme schließen.
Berg- und Talfahrt beim Ölpreis: Selten hat der Ölpreis ein solches Auf und Ab erlebt wie im Jahr 2008. Bis auf 147 Dollar stieg der Preis pro Barrel Rohöl auf dem Weltmarkt Anfang Juli - und fiel dann zurück auf 41 Dollar für das Barrel Anfang Dezember. Das Rekordhoch im Sommer überstieg das der letzten Ölkrise von 1981 um ein Vielfaches und brachte viele Autofahrer dazu ihren Wagen öfter einmal stehen zu lassen - zumindest für die Umwelt hatte diese Krise also auch ihre guten Seiten.
Obama in Berlin: Mit einem PR-Auftritt am Brandenburger Tor will sich US-Präsidentschaftsbewerber Barack Obama für die Wähler daheim als weltmännischer Außenpolitiker inszenieren. Das Symbol der deutschen Einheit allerdings will die ob solcher Ansprüche leicht verstimmte Bundesregierung für solch einen Zweck dann doch nicht hergeben. So bekommt der junge Senator aus Illinois seinen großen Auftritt am 24. Juli ein paar hundert Meter entfernt, an der Siegessäule. Berlin steht Kopf, obwohl es eigentlich nur als Kulisse eingeplant ist. 200.000 Fans feiern den Newcomer, der vorerst gerade einmal die Nominierung seiner Partei sicher hat, frenetisch - Europa zumindest hat sich für einen Kandidaten entschieden.
Tour de Doping: Auch die 95. Tour de France steht im Schatten des Dopings - obwohl die Veranstalter eine "Tour der Erneuerung" versprochen hatten. Vier Fahrer werden positiv getestet: Iban Mayo aus Spanien, Cristian Moreni (Italien) sowie die beiden Kasachen Dimitrj Fofonow und Alexander Winokurow. Nach dem Ende der Tour gesteht auch der italienische Fahrer Riccardo Ricco (im Bild), mit Epo gedopt zu haben.
Olympia in Peking: Mit einer spektakulären Show im sogenannten Vogelnest, dem Olympia-Stadion in Peking werden am 8.8.2008 um 8 Minuten nach 8 Uhr abends die Olympischen Spiele eröffnet - mit der fünffachen chinesischen Glückszahl im Rücken könne nichts mehr schiefgehen, mögen sich die Organisatoren gedacht haben. Die Gastgeber begeistern die Welt bei der Eröffnung mit aufsehenerregenden artistischen Vorführungen und einem atemberaubenden Feuerwerk - wenigstens für einen Moment sind die anhaltenden Proteste gegen die Menschenrechtsverstöße in China und die Tibet-Politik der Pekinger Regierung vergessen.
Krieg in Georgien: Lange schwelte der Konflikt im Kaukasus vor sich hin, Anfang August 2008 schlägt er in offene Gewalt um. Als Georgiens Präsident Micheil Saakaschwili seine Soldaten in die abtrünnige Provinz Südossetien einfallen lässt, reagiert Russland mit einem mächtigen und wohlgeplanten Gegenschlag. Moskaus Truppen marschieren nun ihrerseits in Georgien ein. Die Georgier haben der militärischen Übermacht nichts entgegenzusetzen und müssen sich zurückziehen. Die Nato reagiert empört auf den russischen Übergriff - Georgien steht auf der Liste künftiger Mitglieder der Allianz. Treffen des Russland-Nato-Rats werden ausgesetzt; demonstrativ reisen Nato-Diplomaten in die georgische Hauptstadt Tiflis und sagen Präsident Saakaschwili, einem erklärten Liebling Washingtons, Unterstützung zu. Der unterschreibt am 15. August schließlich einen Friedensplan, der einen Waffenstillstand und einen Truppenabzug vorsieht. Am Tag darauf unterzeichnet auch Russlands Präsident Dimitrij Medwedew. Die militärischen Aktionen sind zwar beendet, aber der Konflikt im Kaukasus bleibt - und der Streit darüber, wer den Krieg begonnen hatte.
Heath Ledger: Als der Film am 21. August 2008 in Deutschland anläuft, feiern Fans auf der ganzen Welt die Auferstehung eines Toten. Die Fans sind fasziniert von Heath Ledger in der Rolle des Jokers, dem unheimlichen Gegenspieler des Superhelden im Fledermaus-Cape. Am 22. Januar 2008, lange vor der Premiere des Films, war der Ausnahmeschauspieler in seinem New Yorker Apartment tot aufgefunden worden, gestorben an einem Mix aus verschiedenen Medikamenten.
King Kahn geht: Jahrelang war er das Symbol schlechthin für Siegeswillen auf dem Fußballplatz - ob in seinem Verein, dem FC Bayern München, oder in der Nationalmannschaft. Kaum ein Ball, den "King Kahn" nicht erreichen konnte, wenn er - wie meist - in Hochform war. Am 2. September 2008 aber war Schluss für den Ausnahmekeeper und 86-fachen Nationalspieler Oliver Kahn.
Beck bockt: Als die SPD-Spitze am 6. September 2008 am Schwielowsee in Brandenburg zusammentraf, freuten sich die Spitzengenossen eigentlich auf eine beschauliche Klausurtagung auf dem Lande. Doch dann platzte die Bombe: Parteichef Kurt Beck verkündete den Parteifreunden kurz angebunden und sichtlich angeschlagen seinen Rücktritt - und trollte sich. Zuvor nämlich hatte der SPIEGEL vorab berichtet, dass Außenminister Frank-Walter Steinmeier als SPD-Kanzlerkandidat zur Bundestagswahl antreten werde. Beck fühlte sich düpiert - und schmiss hin, wegen "wiederholten Vertrauensbruchs", wie er am folgenden Tag erklärte. Aufgrund "gezielter Falschinformationen" zur Kanzlerkandidatur Steinmeiers durch die Presse sehe er sich nicht in der Lage, den Parteivorsitz noch mit der "notwendigen Autorität auszuüben".
Urknall in Genf: Am 10. September 2008 erreicht die Suche nach dem Ursprung des Universums eine neue Dimension. Im Kernforschungszentrum Cern bei Genf geht der Large Hadron Collider (LHC) in Betrieb. Der gigantische, ringförmige Teilchenbeschleuniger soll Protonen mit nie zuvor erreichter Wucht aufeinanderprallen lassen und so den Urknall simulieren. Befürchtungen, bei den Versuchen könnten Schwarze Löcher entstehen, die die Erde verschlucken, tun die Forscher als Weltuntergangsphantasien ab. Den Experimenten mit dem LHC setzte dann auch kein Schwarzes Loch ein schnelles Ende, sondern ein defektes Verbindungskabel. Bei dem Malheur strömten sechs Tonnen des Kühlmittels Helium aus und zerstörten das Vakuum im Beschleunigerrohr. Wann der Teilchenbeschleuniger kleinste Teilchen tatsächlich zum (ur-)knallen bringen wird, ist vorerst noch unklar.
Finanzkrise: Schon das erste Quartal 2008 endet mit einem Donnerschlag: Bear Stearns, die fünftgrößte US-Investmentbank, bricht Mitte März zusammen. Eine Staatsbürgschaft verhindert das Schlimmste. Dann wackeln im Sommer die Hypothekenriesen Fannie Mae und Freddie Mac; Anfang September muss die US-Regierung sie für monströse 200 Milliarden Dollar verstaatlichen. Kurze Zeit später strauchelt der Versicherungskonzern AIG, der weltweit Kredite im Wert von 440 Milliarden Dollar versichert hat. Auch AIG wird verstaatlicht, Einstandspreis 80 Millionen Dollar. Das Wochenende des 13./14. September bringt die Kernschmelze: Das US-Bankensystem zerfällt, und die globale Finanzordnung gleich mit. Per Notverkauf geht die Wall-Street-Ikone Merrill Lynch an die Bank of America, die nicht minder berühmte Investment-Bank Lehman Brothers kollabiert. Und diesmal bleibt US-Finanzminister Henry Paulson hart. Am folgenden Dienstag wird im Sitzungssaal 601 des New Yorker Konkursgerichts das Insolvenzverfahren über Lehman eröffnet. Noch in der Woche verkünden Goldman Sachs und Morgan Stanley, sich zu normalen Geschäftsbanken umzuwandeln. Doch Paulsons Rosskur macht alles nur noch schlimmer: In der Rette-sich-wer-kann-Atmosphäre haut es die Washington Mutual von den Beinen. Es wäre die größte Bankenpleite der Geschichte. Also schwenkt Paulsen wieder um - das große Bankensterben muss beendet werden, um jeden Preis. Der Plan dafür wird in der letzten Septemberwoche geschmiedet: Die US-Regierung will für faule Kredite und Wertpapiere bürgen, im Volumen von sagenhaften 700 Milliarden Dollar. Nur mit Not wird das Paket in zwei Anläufen durch den Kongress gebracht. Auch in Deutschland ist die Krise da längst angekommen, die Milliarden-Nothilfe für schlingernde Institute wie die IKB, Hypo Real oder Bayern LB ein Tropfen auf einen glühendheißen Stein.
Rekord-Rennfahrer: Als der deutsche Formel-1-Pilot Sebastian Vettel am 14. September 2008 über die Ziellinie der legendären Rennstrecke im italienischen Monza rollt, ist die Sensation perfekt - der 21-jährige Fahrer vom italienischen Team Toro Rosso wird an diesem Tag zum bisher jüngsten Grand-Prix-Sieger der Formel-1-Geschichte.
Die Krise erreicht Deutschland: Dass die Finanzkrise nicht nur im Ausland stattfindet, macht den Deutschen Ende September schlagartig der Fall der Münchner Hypo Real Estate klar. Der Immobilienfinanzierer hat sich an riskanten US-Wertpapieren verspekuliert, mit denen seine im Steuerparadies Irland operierende Tochterfirma Depfa gehandelt hatte. Ausfälle in Höhe von 35 Milliarden Euro bedrohen nun den Dax-Konzern. Zwischen Berlin, München und Frankfurt glühen die Telefondrähte; am Ende springt das Bankgewerbe mit 8,5 Milliarden Euro ein, der Bundesregierung stellt 26,5 Milliarden zur Verfügung. Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) ist sauer: Er hat den Wählern für 2011 einen ausgeglichenen Haushalt versprochen - das wird jetzt eng. Doch es kommt noch schlimmer: Die Hypo Real braucht in Wirklichkeit viel mehr Geld - 50 bis 100 Milliarden insgesamt, heißt es, sofort. Am Wochenende des 3./4. Oktober kommt es in Berlin zur entscheidenden Krisensitzung - erhält die Hypo Real bis zur Öffnung der Börsen in Asien in der Nacht auf Montag kein frisches Geld, ist es aus. Um 22 Uhr 56 am Sonntagabend kommt die Eilmeldung über den Ticker: Die Real Hypo bekommt weitere 15 Milliarden und ist gerettet. Die Neuigkeit aber ist ein kompletter Strategiewechsel, den Kanzlerin Angela Merkel verkündet. Um das Horrorszenario eines Runs auf die Banken zu vermeiden, gibt die Regierungschefin an diesem Abend eine Garantieerklärung für sämtliche Spareinlagen in Deutschland ab: "Wir sagen allen Sparerinnen und Sparern, dass ihre Einlagen sicher sind." Die Summe dieses Versprechens: 568 Milliarden Euro.
Nobler ZH: Er hatte insgeheim schon "im letzten Jahr mit dem Preis gerechnet" und war an diesem spannenden Montag längst wieder in seine "Arbeit vertieft, als ihm am 6. Oktober die frohe Botschaft um Punkt 10.45 Uhr telefonisch übermittelt wird: Der Nobelpreis für Medizin geht zur Hälfte an den 72-jährigen Wissenschaftler Harald zur Hausen - einen Forscher, der bereits in den siebziger Jahren gegen ein "damals verbreitetes Dogma" gekämpft hatte. Der langjährige Vorstandschef des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg hatte behauptet, dass Viren Krebs auslösen könnten und dass der gefürchtete Gebärmutterhalskrebs von Papillomviren verursacht wird. Unsinn, spotteten damals seine Gegner. Der widerspenstige, hartgesottene Gelehrte "ZH" (Insiderkürzel) musste allerhand Kritik wegstecken, blieb aber unbeirrt und schließlich erfolgreich den Viren auf der Spur. Zur Hausens Entdeckung bildete die Grundlage für einen Impfstoff gegen den Krebs.
Tod eines Populisten: Mit 1,77 Promille Alkohol im Blut und 142 Stundenkilometern rast Jörg Haider, 58, Landeshauptmann von Kärnten und rechtspopulistisches Enfant Terrible der österreichischen Politik, in der Nacht des 10. Oktober 2008 mit seinem Dienstwagen in den Tod. Kurz zuvor hatte der umstrittene Politiker in einer Klagenfurter Homo-Bar mit einem Gspusi eine Flasche Wodka geleert. Dann will er schnell heim zu Mutter, um deren 90. Geburtstag zu begehen. Doch die Fahrt endet um 1.15 Uhr nachts an einem Betonpfeiler im Dorf Lambichl. Haider ist sofort tot - Genickbruch. Es ist das Ende einer einzigartigen Politikkarriere. Mit Lob für die Hitler-Diktatur und guten Worten für SS-Leute, mit antisemitischen Anspielungen und ausländerfeindlichen Parolen hatte Haider genügend Wähler für seine "freiheitliche" FPÖ mobilisiert, um 1999 die verhasste Große Koalition in Wien zu stürzen. Die nannte er einmal "rote und schwarze Blattläuse, die mit Blausäure bekämpft werden müssen". Sein Pakt mit der konservativen ÖVP führt zur internationalen Ächtung Österreichs, doch Haider schert das nicht. Die Kapriolen des smarten Populisten allerdings spalten seine Partei mehr als einmal. Zuletzt versucht er mit dem Bündnis Zukunft Österreich einen Neuanfang. Zwei Wochen vor seinem Unfalltod verdreifacht Haider bei den Parlamentswahlen vom 28. September den Stimmanteil des BZÖ - als er in den Tod rast, scheint der auf bestem Weg zu einem weiteren Comeback. Sein Tod löst in Österreich Fassungslosigkeit aus, zum Staatsbegräbnis in Klagenfurt erscheinen 30.000 Trauernde. In Kärnten, verkündet sein Amtsnachfolger an Haiders Grab, sei "die Sonne vom Himmel gefallen".
Münte wieder da: Der neue Parteivorsitzende der Sozialdemokraten - ist der alte. SPD-Schlachtross Franz Müntefering lässt sich nach dem Abgang von Kurt Beck in die Pflicht nehmen und am 18. Oktober 2008 von einem Sonderparteitag zum SPD-Vorsitzenden wählen. Es ist das Amt, das er 2004/05 bereits einmal innehatte. Die Rückkehr von "Münte" ist das Polit-Comeback des Jahres. Im November 2007 war er als Arbeitsminister und Vizekanzler der Großen Koalition zurückgetreten, um seine krebskranke Ehefrau Ankepetra zu pflegen. Richtig weg ist Müntefering allerdings nicht; seine Partei lässt er keinen Moment aus den Augen. Schon im März meldet er sich in einem Brief an Parteichef Kurt Beck zu Wort und rüffelt diesen für den Schlingerkurs im Umgang mit der Linkspartei. Nach dem Tod seiner Frau Ende Juli stürzt sich Müntefering wieder voll in die Parteiarbeit, Anfang September tritt er wieder öffentlich auf. In Bayern ist Wahlkampf, und die Bundes-SPD dümpelt bei 25 Prozent Zustimmung. Vielen Genossen erscheint der stets kämpferische "Münte" jetzt als Heilsbringer. In seiner Ausgabe vom 8. September ruft DER SPIEGEL Frank-Walter Steinmeier zum neuen Kanzlerkandidaten aus und nimmt damit die bevorstehende SPD-Klausur in Teilen vorweg. Parteichef Beck vermutet einen Komplott und zieht die Reißleine. Es ist an Steinmeier, Müntefering zu fragen, ob er Becks Posten übernehmen will. Müntefering will - und bekommt ihn.
Gefallen am Hindukusch: Am 20. Oktober 2008 bei einem kleinen Wäldchen fünf Kilometer südlich der afghanischen Stadt Kunduz. Ein Mann auf einem Fahrrad drängelt sich neben das Transportfahrzeug einer Bundeswehr-Patrouille und zündet einen Sprengsatz, der in den Satteltaschen versteckt ist. Mit dem Selbstmordattentäter reißt die Explosion fünf afghanische Kinder und die beiden Fallschirmjäger Roman Schmidt, 22, und Patrick Behlke, 25, in den Tod. Der Stabsgefreite und der Stabsunteroffizier sterben nur Tage, nachdem der Bundestag den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr für 14 Monate verlängert hat - der Anschlag ist eine unzweideutige Botschaft der Taliban an Berlin. Bei der der Trauerfeier für Schmidt und Behlke in der Alexanderkirche im rheinland-pfälzischen Zweibrücken, wo die Einheit der Opfer stationiert ist, spricht Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) erstmals das Wort aus, um das sich die Politiker bisher gedrückt haben. Die beiden Fallschirmjäger, sagt der Minister, seien in Afghanistan "gefallen". Die Botschaft: Deutschland ist im Krieg.
Die CSU schmiert ab: Es ist etwas faul im Freistaat Bayern, und die Bürger lassen es die Obrigkeit spüren. Mit katastrophalen 43,4 Prozent schneidet die Fast-Staatspartei CSU bei der Landtagswahl vom 28. September 2008 noch schlechter ab, als selbst die Pessimisten befürchtet hatten. Das Undenkbare ist Realität - die jahrzehntelange Alleinherrschaft der CSU im Freistaat hat ein Ende. Und es beginnt ein Hauen und Stechen, bei dem hinter den Kulissen der ein Jahr zuvor geschasste Ex-Parteichef Edmund Stoiber genüsslich an den Fäden zieht. Am Ende bleibt das farblose Führungsduo Erwin Huber (l.) und Günther Beckstein (r.) auf der Strecke. Der von den Funktionären ungeliebte, an der Basis populäre Bundeslandwirtschaftsminister Horst Seehofer (M.) hat am besten taktiert und zieht als neuer CSU-Vorsitzender und Bayern-Premier von der Spree an die Isar. Dort allerdings warten am Kabinettstisch schon zwei FDP-Minister auf ihn, denn die Liberalen regieren jetzt in Bayern mit.
Telekom-Gate: Nachdem DER SPIEGEL im Mai 2008 über kriminelle Bespitzelungsmethoden bei der Telekom berichtet, folgt im Sommer ein Datenskandal auf den nächsten. Innerhalb des Unternehmens, so stellt sich heraus, existiert eine Spezialabteilung (KS 3), die auf der Suche nach Datendieben und Informtationslecks kurzerhand das Fernmeldegeheimnis außer Kraft setzt. Dabei wurden nicht nur die Telekom-Mitarbeiter ausgespäht, sondern auch Journalisten, Aufsichtsräte der Arbeitnehmerbank, Betriebsräte und Top-Gewerkschafter wie DGB-Chef Michael Sommer. Bei den Aktionen von KS 3 wurden Verbindungsdaten ausgewertet und Telefonanschlüsse überwacht - angeblich um Hacker zu enttarnen. Weniger aufwendig geschützt wurden bei der Telekom Kundendaten. Bereits 2006 war es einem Mitarbeiter gelungen, so wird außerdem bekannt, eine Datenbank mit Handy-Nummern, Geburtstagen und Adressen von rund 17 Millionen T-Mobile-Kunden zu stehlen und auf dem Schwarzmarkt anzubieten. Lange Zeit war es sogar möglich, per Internet auf die kompletten Datensätze inklusive Bankverbindung von mehr als 30 Millionen T-Mobile-Kunden zuzugreifen. Um ihr arg ramponiertes Image zu reparieren, beruft die Telekom Ende Oktober 2008 eilig einen Konzernvorstand für Datenschutz.
Begrüßungskomitee für die Luftbrücke: Einst war der Flughafen Tempelhof das Symbol der Hoffnung. Als die Sowjetunion im Juni 1948 West-Berlin abriegelt, wird er zur Drehscheibe, über den die eingeschlossene Stadt von den Alliierten versorgt wird.. Noch im Sommer 2008 feiert die deutsche Hauptstadt auf dem Riesenareal mitten in der Stadt den 60. Jahrestag der legendären Luftbrücke - dann schließt der Flughafen Tempelhof am 30. Oktober 2008 für immer seine Hangartore. Auch Proteste vieler Berliner und selbst eine Volksabstimmung in letzter Minute für den Erhalt des Traditionsflughafens können daran nichts mehr ändern.
Fossett gefunden: Sein Geschäftssinn brachte ihm ein Milliardenvermögen ein, doch seine eigentliche Leidenschaft war das Abenteuer. Als hauptberuflicher Rekordjäger gelangt der US-Amerikaner Steve Fossett zu Weltruhm. Als Pilot, Ballonfahrer, Segler, Bergsteiger, Triathlet, Autorennfahrer und Schlittenhundführer stellt er 116 Weltrekorde auf - ein Großteil davon bis heute ungebrochen. Mehrfach entkommt er bei spektakulären Unfällen nur knapp dem Tod; am Ende wird ihm ein einfacher Übungsflug zum Verhängnis. In einer einmotorigen "Bellanca" bricht der 63-Jährige am 3. September 2007 zu einem Flug über die Sierra Nevada im Südwesten der USA auf - und kehrt nicht zurück. Fossett gilt als vermisst, wird monatelang gesucht, schließlich für tot erklärt. Dann entdecken Wanderer ein Jahr nach seinem mysteriösen Verschwinden in einer abgelegenen Bergregion der Sierra Nevada persönliche Habseligkeiten des Abenteurers, darunter einen Pilotenschein sowie einen Pullover. Kurz darauf finden Suchteams ein zertrümmertes Flugzeug, in dessen Nähe menschliche Knochen, Tennisschuhe, Kreditkarten und ein von Tieren zerbissener Führerschein. Am 3. November 2008 erbringt eine Laboruntersuchung den eindeutigen Beweis: Bei den Knochen handelt es sich um die sterblichen Überreste von Steve Fossett.
"Yes we can!": Ein alter Kriegsheld, der auf den letzten Metern strauchelt und ein frisches Gesicht, das die USA im Sturm einnimmt - am 4. November entscheiden sich die Amerikaner gegen den Republikaner John McCain, 72, und wählen Barack Obama, den Junior-Senator aus Illinois, zum 44. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika. Es ist ein historischer Moment - zum ersten Mal in der Geschichte der USA wird ein Farbiger das Land führen. Der neue Mann ist jung, er kann mit Engelszungen reden, hat weltweit viel Goodwill und eine breite Mehrheit im Kongress. Doch das Land, dass er regieren wird, führt zwei Kriege, hat ein gigantisches Haushaltsdefizit, Wirtschaftkrise seit Menschengedenken und eine Basis mit äußerst hochgesteckten Erwartungen.
Tröstliches Kinoerlebnis: Es ist ein mediales Dauerfeuerwerk - praktisch überall taucht im Vorfeld zum Kinostart des 22. James-Bond-Film "Ein Quantum Trost" am 7. November der Agent Ihrer Majestät auf. Alle nur denkbaren Medien berichten über den deutsch-schweizerischen Regisseur Marc Forster, interviewen Bond-Darsteller Daniel Craig und zerren zum x-ten Mal ein Best-of der Gadgets, Gegner und Bond-Girls aus ihren Archiven. Unterdessen sorgen geschickte Produktkooperationen dafür, dass kein Werbeblock im Abend-TV ohne 007-Reklame stattfindet, während Jack White und Alicia Keys auf den Musiksendern und im Web den Titelsong "Another Way To Die" trällern. Kurzum: Der Hype zum teuersten (230 Millionen Dollar) und gleichzeitig kürzesten (106 Minuten) Bond-Film aller Zeiten ist grenzenlos. Dann folgt die harte Landung. Die Kritiker sind sich einig, dass der Blockbuster bestenfalls Bond-Durchschnitt ist. Doch das interessiert zu dem Zeitpunkt niemanden mehr. Allein in den ersten zehn Tagen sehen drei Millionen Deutsche "Ein Quantum Trost".
Piraten an Bord: Bis Mitte November scherte sich die Öffentlichkeit kaum um das Treiben der somalischen Piraten im Golf von Aden. Kleine Frachter, Fischtrawler, winzige Tanker - die Beute war einfach zu unbedeutend. Dann kapern Seeräuber Ende September einen ukrainischen Frachter mit 33 Panzern an Bord. Doch erst als die Piraten am 15. November den saudischen Supertanker "Sirius Star" entern und entführen, geraten sie ins Rampenlicht: eine Ladung im Wert von hundert Millionen Dollar, ein Schiff im Wert von 150 Millionen Dollar und eine Lösegeldforderung von 25 Millionen Dollar Lösegeld - das tut weh, das Medienecho wird lauter. Zum ersten Mal macht sich die Öffentlichkeit die Dimension des Problems bewusst: 90 Schiffe haben die Piraten allein 2008 angegriffen, mehr als dreimal so viele wie im Jahr zuvor. 33 Schiffe wurden mitsamt Matrosen entführt und ein Lösegeld gefordert. Der Freibeuterei am Horn von Afrika soll eine im Dezember in Marsch gesetzte EU-Flotte ein Ende machen - die Operation "Atalanta" ist der erste maritime Militäreinsatz in der Geschichte der Europäischen Union. Auch die Deutsche Marine ist mit einer Fregatte und 200 Soldaten dabei - bisher durften sie Piraten nicht verfolgen, weil Verbrecherjagd nach deutschem Recht auch in internationalen Gewässern Aufgabe der Polizei und nicht des Militärs sei, wie einige Politiker in Berlin meinten.
Liebesspiele, Videofilme und Erpressung: Susanne Klatten, Tochter des Industrie-Magnaten Herbert Quandt, ist die reichste Frau Deutschlands - eine öffentlichkeitsscheue Großaktionärin, die ihr Privatleben strikt geheim hält und mit Ehemann und drei Kindern in München residiert. Ausgerechnet diese milliardenschwere Unbekannte steht im Mittelpunkt einer Erpressung mit sexuellem Hintergrund, die Ende Oktober/Anfang November in der italienischen Presse publik wird. Die amouröse Affäre hatte im Sommer 2007 in einer österreichischen Hotelbar begonnen. Dort hatte sich die ahnungslose Unternehmerin in den smarten Schweizer Helg Sgarbi verguckt - einen vorbestraften Hochstapler, der es auf vermögende Damen abgesehen hat. In einer Münchner Mietwohnung und im Hotel Holiday Inn, Zimmer 629, trifft sich das Pärchen zum Liebesspiel, nebenan lauert ein Komplize mit einer Videokamera. Und so wird aus der Romanze rasch ein infames Bubenstück. Klatten bleibt noch cool, als der Casanova eine wüste Mafia-Story auftischt und sieben Millionen Euro fordert. Erst als der Eid- und Bettgenosse tolldreist 290 Millionen Euro für eine Fondsinvestition verlangt und Fotos schickt, geht sie zur Polizei. Im Januar wird Sgarbi verhaftet. Die italienischen Behörden schnappen den Kompagnon Ernano Barretta, den sie für den Mastermind einer gut organisierten Erpresserbande halten.
Flüchtlingswelle im Kongo: Ende 2008 flammt im Kongo erneut der Bürgerkrieg auf, der das Land seit fast 15 Jahren lähmt. Es geht in Zentralafrika nicht nur um politische Macht, sondern auch um Rohstoffe - Gold, Diamanten, Tropenholz und Erze wie Coltan, das für die Handy-Herstellung gebraucht wird. Die Zivilbevölkerung versucht sich auf elenden Flüchtlingstrecks in Sicherheit vor den Rebellen zu bringen. Diese plündern, morden und vergewaltigen. Aber ein Cholera-Ausbruch rafft die geschwächten Flüchtlinge hin; Hilfsorganisation können nur die wenigsten von ihnen mit Medizin, Wasser und Lebensmitteln versorgen.
Auf die Palme getrieben: Wenn in Dubai gebaut wird, regierte in den vergangenen Jahren der Größenwahn. Das beste Beispiel liegt auf der künstlichen Insel The Palm vor der Wüstenmetropole. Dort eröffnete am 20. November 2008 das Hotel Atlantis mit einer 17 Hektar großen Wassererlebnisanlage - einschließlich eines 4,5 Hektar großen Delfinariums, in dem Gäste zusammen mit den Meeressäugern schwimmen dürfen. Um die 28 Delfine kümmern sich 85 Therapeuten. Auf der "Leap of Faith", der steilsten der sieben Wasserrutschen, kann der Badegast 28 Meter im beinahe freien Fall zurücklegen. Elf Millionen Liter Wasser fasst das Mega-Aquarium, das große Teile des Hotels durchzieht, 65.000 Meerestiere leben darin. Der Rest ist dagegen fast schon langweilig: 17 Restaurants, eine Einkaufsstraße mit 24 Boutiquen, 27 Spa-Behandlungsräume und Baukosten von 1,5 Milliarden Dollar. Was ein Zimmer kostet? Wer will in diesem Hotel schon ein einfaches Zimmer. Die Bridge Suite zwischen den beiden höchsten Hoteltürmen direkt über der Lobby kostet 18.000 Euro - pro Nacht.
Terror in Mumbai: Wie aus dem Nichts überfällt eine kleine Gruppe zu allem entschlossener Terroristen am 26. November die indische Metropole Mumbai. Fast drei Tage lang halten die muslimischen Extremisten die Welt in Atem, verschanzen sich in den Luxushotels "Taj Mahal" und "Oberoi". Mit Schlauchbooten waren mindestens zehn Männer von See her angelandet und hatten sich in fünf Gruppen aufgeteilt. Die ersten Schüsse fallen gegen 21.30 Uhr am Bahnhof, wo die Terroristen rund 40 Menschen töten. Die schwer bewaffneten Fanatiker im Alter von 18 bis 28 Jahren schießen mit Dauerfeuer aus automatischen Waffen um sich, werfen Handgranaten (allein 400 explodieren im "Taj Mahal") und machen gezielt Jagd auf Us-Amerikaner, Briten, Israelis. Eine Gruppe überfällt ein jüdisch-orthodoxes Zentrum und tötet alle Anwesenden bis auf einen zweijährigen Jungen, zwei weitere Abteilungen stürmen die beiden Fünf-Sterne-Hotels und richten dort unter Gästen und Angestellten ein Blutbad an. Erst nach 60 Stunden geling es indischen Spezialeinheiten, den letzten Terroristen im brennenden "Taj Mahal" zu töten. Bis dahin sind fast 200 Unschuldige gestorben, darunter auch vier Deutsche. Als der einzig überlebende Angreifer aussagt, die Gruppe sei in pakistanischen Trainingslagern der Islamistengruppe Lashkar-i-Toiba ausgebildet worden, kommt es zu schweren Spannungen zwischen den beiden benachbarten Atommächten Indien und Pakistan.
Das Stadtschloss kommt: Am 28. November fällt im Obergeschoss des Kronprinzenpalais an der Straße Unter den Linden im Berliner Zentrum eine historische Entscheidung. Nach 18 Jahren Dauerstreit um die Frage Wiederaufbau oder nicht und sechs Jahre nach dem Ja des Bundestages zur Rekonstruktion steht fest: Das alte Berliner Stadtschloss, das anstelle des abgerissenen Palasts der Republik aus DDR-Zeiten wieder entstehen soll, wird nach einem Entwurf des italienischen Architekten Franco Stella gebaut. Einstimmig einigte sich die 15-köpfige Jury auf den Entwurf des 65-Jährigen, selbst unter Fachleuten wenig bekannten Baumeisters - dabei hatten unmittelbar zuvor noch Berichte über ein Zerwürfnis in dem Gremium für Aufregung gesorgt. Die Reaktionen der Kritiker zum Siegerentwurf reichen von "bestechend" ("FAZ") bis "Mittelmaß" (SPIEGEL). Die Berliner geben sich weltoffen: "Das Schloss ist ein Italiener!", jubelt das Boulevardblatt "B. Z.". Baubeginn soll im Sommer 2010 sein, 2014 die Eröffnung.