Existenznöte Schauspieler in Angst vor der Pleite
Ninja Böhlke träumte von einer Schauspielkarriere, studierte an einer Schauspielschule, bekam kleine Engagements - aber es reichte nie, um sich solide über Wasser zu halten. "Dieses unsichere Leben, immer abhängig zu sein von Engagements, nie richtig kalkulieren zu können, das ging nicht mehr", sagt Böhlke. Mit Mitte 20 verabschiedete sie sich von ihrem Traum und schulte zur Hebamme um. So wie ihr geht es vielen jungen Schauspielern: Sie müssen damit rechnen, im Beruf zu scheitern - zu unsicher sind die Perspektiven, zu niedrig die Gagen.
Mit erst 25 Jahren hat Max Riemelt schon große Erfolge zu verbuchen, in Filmen wie "Die Welle" oder "Mädchen, Mädchen". Darum kann er es sich leisten, auch mal ein schlechtes Angebot auszuschlagen. Soaps zum Beispiel kommen für Riemelt nicht in Frage. Die Usancen der Branche bereiten ihm Kopfzerbrechen - zum Beispiel, dass fest vereinbarte Gagen plötzlich gekürzt werden.
Regisseur Peter Thorwarth klagt über den steigenden Druck auf die Filmbranche und die Schwierigkeiten, außergewöhnliche Stoffe finanziert zu bekommen. Dabei müsse doch das Kino der "Innovationsmotor der Branche" sein - wenn der abgewürgt werde, "sieht es traurig aus".
Christian Kahrmann spielte sieben Jahre lang Benny Beimer in der "Lindenstraße", danach in einigen Filmen wie "Bang Boom Bang" und etlichen Fernsehproduktionen von "Das Wunder von Lengede" bis "Danni Lowinski". Er ist schon lange dabei und kommt zurecht - aber Kahrmann sieht auch, dass Können, Erfahrung, Alter bei Produzenten kaum noch zählen: "Man bekommt mittlerweile Gagen angeboten wie früher ein Anfänger."
Eine ähnlich lange Filmografie hat Florian David Fitz, der durch die RTL-Comedy "Doctor's Diary" richtig bekannt wurde und den Schub nutzte für den Spielfilm "Vincent will Meer". Durststrecken kennt auch Fitz, machte aber seinen Weg und glaubt fest daran, dass "Qualität sich am Ende durchsetzt".
Fitz beim Filmpreis Lola: In "Vincent will Meer" spielte er die Hauptrolle und schrieb zudem das Drehbuch. Das bescherte ihm eine Reihe von Preisen, vom Bambi bis zum Deutschen Filmpreis.
Jungstar David Kross machte eine Blitzkarriere. Schon als 15-Jähriger debütierte er im Detlev-Buck-Film "Knallhart", in den letzten fünf Jahren war er auch in mehreren internationalen Großproduktionen zu sehen, darunter "Gefährten" unter der Regie von Steven Spielberg. Persönlich hatte Kross "bislang keinen Grund zu klagen", sieht aber die Nöte anderer junger Kollegen und will sich künftig mehr engagieren in der Branche.
Kross mit Kate Winslet in "Der Vorleser": Die Rolle brachte ihm internationale Beachtung. Kross möchte dazu beitragen, dass ein Bewusstsein entsteht für die Schauspielerei als kulturelle Leistung, die gerecht entlohnt werden müsse. Die im Verhältnis zum Arbeitsaufwand höchste Gage erhielt er nicht etwa für Rollen an der Seite berühmter Hollywoodstars, sondern für die Synchronisation eines Animationsfilmes.
Demo in Hamburg (Oktober 2011): Der Bundesverband der Film- und Fernsehschauspieler (BFFS) setzt sich ein für eine fairere Bezahlung, auch für Mindestgagen. Hier demonstrieren unter anderem Tanja Schumann und BFFS-Vorstandsmitglied Heinrich Schafmeister.
Für Schauspielerin Maria Simon ist ihre Rolle der Kommissarin Olga Lenski im "Polizeiruf 110" wie ein Sechser im Lotto. Sie bekommt ein regelmäßiges Einkommen und ist sozialversichert - für Schauspieler ein Glücksfall. Viele leben in ständiger Angst vor der Pleite. mehr...
Kristin Meyer wusste, dass unsichere Zeiten auf sie zukommen, als sie aus der RTL-Serie "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" ausstieg. Überrascht hat sie die Arbeitsrealität aber trotzdem: "Nicht nur, dass sich die Gagen deutlich verringert haben, auch Fahrtkosten und Unterkunft müssen wir sehr oft selbst übernehmen."
Heinrich Schafmeister (rechts) kennt man aus vielen Filmen, darunter "Comedian Harmonists", sowie Fernsehfilmen und -serien. Auch er muss sich immer wieder arbeitslos melden. "Manchmal bekommen derzeit Tiere, die beim Film mitspielen, mehr Geld als der Schauspieler", sagt er. Seinen Beruf liebt er schon - "man kann ihn nur nicht weiterempfehlen".
Ingo Naujoks ärgert sich besonders über die Regeln, die das Gros der Schauspieler vom Bezug des Arbeitslosengeldes I ausschließen: "Ich bin bis obenhin geladen vor Wut und Enttäuschung. Es kann nicht sein, dass wir ausschließlich in den 'Solidaritätstopf' einzahlen und nichts rausbekommen - so definiert sich nicht Solidarität."