Schwimmauto "Half Safe" - DER SPIEGEL
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Vergessener Abenteurer Im Auto über den Pazifik

Es war die gefährlichste Station einer waghalsigen Weltumrundung. Vor 55 Jahren verbrachte der Tüftler Ben Carlin sechs Wochen eingepfercht in einem skurrilen Amphibienfahrzeug - mitten auf dem Pazifik. Noch heute erinnert sich sein Beifahrer an den Horrortrip. Und den Wahnsinn des Kapitäns.
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Pannenboot: Der Abenteurer verlässt im August 1948 mit der "Half-Safe" den Hafen von New York zu einer Probefahrt. Der Bergbauingenieur Carlin war ein Tüftler und ließ sich trotz zahlreicher Pannen nicht davon abhalten, mit seinem Schwimmauto die Welt zu umrunden. Und das, obwohl das Gefährt bei Testfahrten immer wieder schlingerte, leckte und sich sogar Kohlenmonoxid in der Fahrerkabine sammelte.

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Unterwegs in einer Nussschale: Das Amphibienfahrzeug schippert auf dem Atlantik, aufgenommen von dem kleinen Rettungsboot der "Half-Safe". Vor Madeira geriet der Abenteurer in einen heftigen Orkan - "nur durch ein paar Millimeter Plastik von der wahnsinnigen, brüllenden, nassen Wildnis getrennt", schrieb Carlin später.

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Latrinenkönig und Rote-Kreuz-Dame: Ben Carlin hatte während des Zweiten Weltkriegs auf alliierten Militärbasen im Nahen Osten und in Asien eine ganz besondere Aufgabe. Er war für den Bau der Latrinen zuständig. Bessere Toiletten, witzelte er später, habe es in der Region selten gegeben. Seine Frau arbeitete in China und Indien für das Rote Kreuz.

Der Beruf ihres späteren Mannes schreckte sie kaum ab; ebensowenig seine ambitionierten Reisepläne, von denen sie begeistert war. Ziemlich ungewöhnlich war auch, zumindest für die Zeit, dass sie ihrem Mann den Heiratsantrag machte. Statt auf Flitterwochen ging es nur eine Woche nach der Hochzeit auf Probefahrt mit dem Schwimmauto "Half-Safe" - wie so oft musste der Versuch nach etlichen Pannen abgebrochen werden.

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Ursprungsmodell: Ben Carlin entdeckte im März 1946 in Indien ein ramponiertes Amphibienfahrzeug. Er entschied sich bereits nach 15 Minuten, in einem solchen Gefährt einmal die Welt zu umrunden.

Ford hatte aus einem im Zweiten Weltkrieg eingesetzten Jeep ein Modell für den Einsatz auf Land und zu Wasser entwickelt, den GPA Sea Jeep, auch "Seap" genannt. Doch für salziges Meerwasser war das Fahrzeug nicht gedacht und so musste Carlin einige Umbauten vornehmen.

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Abfahrt: Während Boyé Lafayette De Mente bei einem Ablegemanöver das Seil einholt, winkt Carlin den Zuschauern am Pier. Den Mast nutzten die Abenteurer kaum - er war fürs Segeln nicht besonders gut geeignet. Die beiden waren von Mai bis September 1957 von Japan nach Alaska unterwegs und legten dabei etwa 5000 Kilometer zurück - im Schneckentempo, denn "Half-Safe" war nicht schneller als dreieinhalb Knoten.

Foto: Boye De Mente
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Weltrekord: Nach jahrelangen Umbauten entstand aus dem Ford GPA schließlich diese eigentümliche Konstruktion. Carlin startete 1950 zunächst zusammen mit seiner Frau Elinore, hier auf den Champs-Elysées, zur Erdumrundung; los ging es im kanadischen Halifax.

Acht Jahre später hatte er mit seinem seltsamen Amphibienfahrzeug fast 80.000 Kilometer zurückgelegt und tatsächlich die Welt umrundet - zu Land und zu Wasser. Allerdings ohne seine Frau: Sie trennte sich 1954 von ihrem reisewütigen Mann.

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Aus alt mach neu: Ben Carlin begutachtet 1952 sein in Einzelteile zerlegtes, geliebtes Amphibienfahrzeug in einer Werkstatt in Birmingham. Das Schwimmauto musste generalüberholt werden, was den Australier schließlich siebzehn Monate kostete. Gleichzeitig begann er an einem Buch über sein Abenteuer, der erfolgreichen Atlantiküberquerung, zu schreiben. Es erschien 1954 und wurde ein großer Erfolg.

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Ben und Elinore Carlin: Die Aufnahme zeigt Ben Carlin mit seiner Ehefrau Elinore in London 1954 vor ihrem Schwimmauto "Half-Safe". Elinore überquerte 1950, nach sechs gescheiterten Versuchen, zusammen mit ihrem Mann den Atlantik in dem Amphibienfahrzeug. Danach ging es 1951 mit "Half-Safe" durch die marokkanische Wüste und das Mittelmeer.

Vielleicht lag es daran, dass sie ständig seekrank wurde und selbst das Schaukeln im Wüstensand nicht gut ertragen konnte - nach vier Jahren gemeinsamer Tortur trennte sich Elionore von ihrem Mann in Indien. Sie machte in den USA Karriere und sprach nie wieder öffentlich von ihrer Weltreise.

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Name als Programm: Das Amphibienfahrzeug wird im Juni 1954 nach einem Umbau in Bray on Thames, Großbritannien, getestet. Der Name des eigentümlichen Gefährts, "Half Safe", war eine Anspielung auf eine Deo-Werbung, deren Slogan lautete: "Don't be half-safe!"

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Mit einem Schwimmauto in der Wüste: Die "Half Safe" überquert ein Wadi in Marokko - neugierig bestaunt von Einwohnern und bewaffneten Militärs. Dank des Amphibienfahrzeugs konnte Carlin nicht nur Ozeane, sondern auch weite Landflächen durchqueren.

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Ungleiches Treffen: Das winzige Amphibienfahrzeug "Half Safe", mit Abenteurer Ben Carlin und dessen Frau Elinore an Bord, begegnet im August 1948 nach seinem Auslaufen zu einer Probefahrt aus dem Hafen New Yorks dem legendären Ozeanriesen "Queen Mary" auf dem Hudson River.

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Zermürbender Alltag: Ben Carlin am Steuer der "Half Safe". Das Amphibienfahrzeug war nur 5,50 mal 1,50 Meter groß - entsprechend winzig war die Fahrerkabine. Den Alltag an Bord beschreibt Carlins Mitfahrer De Mente später als zermürbend: Es sei eiskalt gewesen, immer wieder sei Kohlenmonoxid in die Kabine eingedrungen und habe Kopfschmerzen verursacht.

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Mit Qualen zu Stars: Nach der erfolgreichen Überquerung des Atlantiks waren die Carlins plötzlich weltberühmt. Bei ihren Fahrten durch europäische Großstädte wie Lissabon, Paris, Hamburg und London wurde ihr Gefährt oft von Menschenmassen umringt. Doch der Erfolg hatte einen hohen Preis.

"Irgendetwas geht jeden Tag kaputt", schrieb Elinore Carlin schon am 15. Tag der Atlantiküberquerung in ihr Tagebuch. Und zwei Wochen später: "Keine Sonne, ein wenig Regen, kalt, düster und ein höllischer Seegang. Oh Jesus, es wäre wunderbar, wenn ich über diese Seekrankheit hinwegkommen würde, habe seit 2-3 Tagen nichts gegessen."

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Ziemlich beste Feinde: Boyé Lafayette De Mente, links, und Ben Carlin beim Nudelessen am Stadtrand von Tokio. Die Aufnahme entstand kurz vor ihrer Abfahrt mit "Half Safe" von Japan Richtung Alaska im Mai 1957.

De Mente bereute schon bald, sich Ben Carlin angeschlossen zu haben. Die beiden Männer hatten sich nichts zu sagen, entweder schwiegen sie oder schrien sich an; bei Landgängen gingen sie sich aus dem Weg. "Zwischen uns bestand zu keiner Zeit ein Gefühl der Freundschaft und Kameradschaft", sagt De Mente heute. Der ehrgeizige Carlin sei zwar ein "fantastischer Navigator und Mechaniker" gewesen, aber menschlich "ein unkultivierter, großmäuliger Draufgänger".

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Großes Medieninteresse: Ben Carlin, links, und sein Mitfahrer Boyé Lafayette De Mente werden am 3. Mai 1957 vor dem Gebäude der Zeitung "Mainichi" in der Innenstadt Tokios auf ihrem Amphibienfahrzeug "Half Safe" von Schaulustigen umringt.

Die Medien und ein Sponsor aus der Ölindustrie zeigten großes Interesse an dem halsbrecherischen Vorhaben der beiden Abenteurer. Doch Carlin outete sich bereits vor dem Start während einer Pressekonferenz als äußerst eigenwillig: Er blieb einfach in seinem Gefährt sitzen "und ignorierte die Journalisten", erinnert sich De Mente. "Als Carlin sich doch noch blicken ließ, begann er, die verbliebenen Journalisten zu fotografieren, ohne auch nur eine Frage zu beantworten."

Foto: Boye De Mente
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Letzte Vorbereitungen: Vor dem Start zu ihrer Reise von Japan nach Alaska im Mai 1957 befestigen Ben Carlin und Boyé Lafayette De Mente das Ruder an ihrem Amphibienfahrzeug "Half Safe".

Foto: Boye De Mente
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Vor dem Start: "Half Safe" wird in der japanischen Hafenstadt Wakkanai auf der Insel Hokkaido im Mai 1957 zu Wasser gelassen. De Mente, links, und ein Helfer sitzen auf der Kaimauer und halten das Amphibienfahrzeug auf Abstand, um es vor Beschädigungen zu schützen. Carlins Mitfahrer hatte seit 1952 als Journalist in Japan gearbeitet.

Foto: Boye De Mente
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Am Ziel: Die beiden Abenteurer Ben Carlin und Boyé Lafayette De Mente sitzen im September 1957 auf Adak Island, Alaska, auf einem Steg und warten auf die Einreiseerlaubnis einer US-Marine-Basis.

Foto: Boye De Mente
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