50 Jahre Drittes Programm Schöngeist statt Schnulze
"Neuer Abschnitt der deutschen Fernsehgeschichte": Fernsehdirektor Helmut Oeller und Margret Zang am 22. September 1964 - dem ersten Sendetag des "Studienprogramms" im Studio des Bayerischen Rundfunks. Mit den Worten "Heute fängt ein neuer Abschnitt der deutschen Fernsehgeschichte an" gab der Bayerische Ministerpräsident Alfons Goppel den Startschuss für das neue dritte Programm. Schneebedeckte Berge und bajuwarische Löwen...
BR
...bildeten die Kulisse. Das Projekt bestand zunächst aus drei Bereichen: dem Schulfernsehen, dem Studienfernsehen und der Bayerischen Chronik. Bei Bier und Jause...
...vergnügten sich zum Sendestart des Studienprogramms die Mitarbeiterinnen der neuen Fernsehredaktion (v.l. Gerda Reichmann, Traudl Maier, Ursula von Zallinger, N.N., Irmi Schmid, Ingrid Beyreuther, Karin Kluge und Elisabeth Karner).
Nüchterne Präsentation: Mit diesem Logo ging vor 50 Jahren das Studienprogramm an den Start.
Multikulti-TV: Zentrale Figur der Anfänge war die Italienerin Ima Augustoni (r.) - sie moderierte den seit 1964 ausgestrahlten Fernseh-Sprachkurs "Benvenuti in Italia".
Schul-TV: Einzigartig innerhalb der dritten Programme war das sogenannte Telekolleg des Bayerischen Rundfunks (hier das Pausenzeichen) - ein Angebot, das den Zuschauer bis zur mittleren Reife führte.
Bildungsfernsehen mit Abseitsfalle: Beliebtes Gesicht des frühen Studienprogramms war auch Sportreporter Oskar Klose mit seiner Sendereihe "Die Fußballschule - Das Fußballspiel und seine Regeln" von 1965. Während Klose dem Publikum die Abseitsfalle näherzubringen versuchte,...
...referierte BR-Urgestein Hermann Magerer in der Bergsteigersendung "Bergauf-Bergab" über Wanderschuhe, Schlafsäcke und die schönsten Gipfelrouten.
Bildung für die Jüngsten: Ab 1972 wandte sich der Bayerische Rundfunk mit dem "Feuerroten Spielmobil" explizit an die Kinder, die sich zu Hause um den Bildschirm scharten.
Hessisches Professoren-TV: Knapp zwei Wochen nach dem Bayerischen Rundfunk, am 7. Oktober 1964, ging der Hessische Rundfunk mit einem dritten Programm an den Start. Auch hier war der Anspruch hoch: Ging es in der Reihe "Dichtung und Wirklichkeit" um berühmte Gestalten der Literatur,...
...referierte Karl vom Rath, Kulturdezernent der Stadt Frankfurt am Main, in seiner Sendereihe über die "Wege zur modernen Kunst". Sein Kollege...
...Holger Obermann wiederum moderierte in den Siebzigerjahren die Sendung "Sportkalender".
Do swidanija!: Wie in allen dritten Programmen spielten auch beim HR die Sprachkurse eine wichtige Rolle. Mitten im Kalten Krieg boten die Hessen die Sendung "Wir lernen Russisch" mit dem gestrengen Georg Conrad an. Vor einem gebannt wirkenden Publikum vermittelte Conrad Grammatik und Syntax des Klassenfeindes.
Ein Drittes für den Pott: Seit dem 17. Dezember 1965 strahlte auch der Westdeutsche Rundfunk ein eigenes drittes Fernsehprogramm aus. Zum Sendestart lugte WDR-Gründungsvater Werner Höfer mit ernster Miene durch das Programm-Logo. Während Höfer etwa die Sendung "Hier und heute" moderierte,...
...gewährte Helmut Grünewald im Bildungsfernsehen des WDR Einblicke in die Wunder der Biochemie. Die Sendereihe, in der auch Experimente durchgeführt wurden, nannte sich "Bauplan des Lebens" und lief 1968.
"Gestatten Sie": Ebenfalls ein WDR-Produkt war die Sendung "Gestatten Sie", in der die heimischen TV-Zuschauer im Gleichschritt mit dem Ehepaar Fern durch die Wohnzimmer walzten.
Gewitzt: Dass selbst ein Gag intellektuell aufbereitet werden kann, bewies die 1967/1968 ausgestrahlte WDR-Serie "Die Witzakademie - Worüber lacht der Mensch?" mit Theo Lingen (r.) und Heinz Erhardt.
Literarisches Trio: Mit einem Rudel gewichtiger männlichen Mienen wartete auch das dritte Programm des NDR auf. So lasen etwa in der literarischen Sendereihe "Akademie III" von Ernst Schnabel Autoren aus ihren eigenen Büchern vor. Auf diesem Foto von 1965 zu sehen: die Literaturkoryphäen Marcel Reich-Ranicki (l.) und Hans Mayer (r.). Gemeinsam sezierten sie das neue Werk von Max Frisch (M.), "Mein Name sei Gantenbein".
Mathestunde: Bodenständiger ging es in anderen Nord-Sendereihen zu, etwa in der Sendung "Rechnen schnell und richtig" mit Franz Reinholz.
Jetzt auch farbig: Norddeutscher Rundfunk, Radio Bremen und der damalige Sender Freies Berlin gingen am 4. Januar 1965 an den Start - ab 1967 gab es das Dritte im Norden in Farbe.
Nachzügler Südwest 3: Schlusslicht im Reigen der dritten Regionalprogramme war "Südwest 3". Locker-flockig hauten zum Sendestart am 5. April 1969 die drei Programmdirektoren Günther Gaus, Karl Schnelting und Horst Jaedicke (v.l.) auf die Pauke. Das neue Programm
...wartete unter anderem mit der Sendung "Im Wartesaal Baden-Baden" auf. Hier präsentierten Vertreter des neuen deutschen Chansons ihre selbstkomponierten Weisen. Am 20. April 1969 zu Gast im Studio: die Sängerin Eva Vargas.
Auch Südwest 3 sendete ein Schulfernsehen für Kinder und Jugendliche: Der Sender gewährte Einblicke etwa in die Geheimnisse der Mengenlehre...
...und der Verkehrserziehung. Unter dem Druck schlechter Quoten wandelten sich die dritten Programme sukzessive zu Vollprogrammen: Der Unterhaltungswert stieg - und der intellektuelle Anspruch sank.