Frühe Pornos Liebevoll inszeniert
Die Spitze des Pornobergs: Der Regieveteran Radley Metzger drehte in den siebziger Jahren verschiedene Pornofilme, die zum Exzellentesten gehören, was jemals auf diesem Gebiet entstanden ist. "The Opening of Misty Beethoven" von 1976 ist eine Pornoversion von George Bernard Shaws Theaterstück "Pygmalion". Der Film über einen Sexualforscher, der versucht, eine Prostituierte in eine Göttin der Lust zu verwandeln, glänzt mit einem sorgfältigen Drehbuch und geschliffenen Dialogen.
Für die Kurztexte zu den Filmen in der einestages-Bildergalerie dankt die Redaktion Christian Keßler.
Penismonster greifen an! "Flesh Gordon" (1974) ist das wohl größenwahnsinnigste Porno-Abenteuer der siebziger Jahre. Der Film von Howard Ziehm verschlang mehr als 500.000 Dollar und wurde von ihm zum Teil mit kleineren Pornofilmen finanziert.
Das Resultat profitiert vom Umstand, dass einige Spezialeffektetechniker, die in späteren Jahren diverse Oscars einheimsen sollten, zum Nulltarif an dem Projekt mitwirkten. So gibt es eindrucksvolle Stop-Motion-Ungetüme zu besichtigen, wie um Beispiel den berühmten Penisaurier. Da bei einer Polizeirazzia die Hardcore-Sequenzen beschlagnahmt wurden, existiert der Film heute nur noch in einer Softcore-Fassung.
Total irre: "Sometime Sweet Susan" hat einen ungewöhnlichen Schauplatz für einen Porno - eine geschlossene psychiatrische Station. Der Film von 1973 erzählt die Geschichte einer schizophrenen Frau. Ein mit großem Ernst inszeniertes Werk, dessen Regisseur vom Theater kam. Einer der Akteure wurde später ein berühmter Hollywood-Produzent. Unter anderem war er später an der Herstellung von "Universal Soldier" beteiligt.
Selbstmord und Sühne: Nach dem eher anspruchslosen Film "Deep Throat" von 1972 überraschte der ehemalige Friseur Gerard Damiano mit "The Devil in Miss Jones", einer Reflexion über Religion, Schuld und Sühne.
Eine vormals gottesfürchtige und sittenstrenge Frau mittleren Alters bringt sich um. Der Himmel ist ihr daraufhin verwehrt, aber sie darf noch einmal auf die Erde zurück und alles nachholen, was sie versäumt hat. Am Schluss landet sie in der Hölle, eingesperrt mit einem religiösen Fanatiker, der sich vor ihrer neu entdeckten sexuellen Aggressivität fürchtet - in alle Ewigkeit.
Ein Wunderland voller Hasen: Bei diesem Pornomusical auf den Spuren von Lewis Carroll wechseln sich sorgfältig choreographierte Gesangs- und Tanzeinlagen mit sexuellen Eskapaden ab. Manche der Schauspieler waren typische Pornodarsteller, die in dieser Version von "Alice in Wonderland" (1976) Gelegenheit bekamen, sich auch jenseits des Genres auszuprobieren - mit achtbarem Erfolg. Als Kuriosum der "Porno Chic"-Zeit ist der Film nur schwer zu übertreffen. Dem verrückten Hutmacher hätte es gefallen!
Düster wie bei David Lynch: Zu den herausragenden Arbeiten der frühen achtziger Jahre zählt "Café Flesh" von 1982. In dieser Dystopie in New-Wave-Ästhetik haben nach einer nuklearen Katastrophe 99 Prozent der Menschen die Fähigkeit verloren, Sex zu haben - und schauen den wenigen verbliebenen in kalten Inszenierungen beim Kopulieren zu.
Einer der Drehbuchautoren war später beteiligt an der Entwicklung der TV-Serie "Alf". Der Film zeigt vielfältige Einflüsse von David Lynch bis Brian de Palma. Er verdeutlicht auch, dass die Zeiten des verspielteren Pornos vorbei war. Die Welt der Achtziger wurde beherrscht von Yuppies und Leistungsdruck. Die Werke von Steven Sayadians stellen dem eine finstere und aggressive Satire entgegen.
Pikante Grüße aus Peru: Zu den exotischeren Versuchen, eine Genreparodie zum Nulltarif herzustellen, gehört das "Tarzan"-Ripoff "Jungle Blue" (1978), das durch offensichtlich authentisches Bildmaterial aus Peru überrascht.
Der Film ist sagenhaft wirr und als Partytape schwer zu schlagen. Bei der Vermarktung bewiesen die Macher den wahren Geist des Exploitation-Kinos: Das Plakat suggeriert, dass die Pornostars "Big John" Holmes und Annette Haven mitspielen - tatsächlich handelt es sich aber um Bigg John und Janette Haven.
Abgehoben auf Oscar Wilde: "Take Off" von 1978 ist ein ungewöhnlich liebevoll gemachter Film von Armand Weston, einem der besten Filmemacher, die sich jemals an Pornografie versucht haben. Die Grundidee entstammt Oscar Wildes "Das Bildnis des Dorian Gray", nur dass es hier ein Stummfilmporno ist, der anstelle des Protagonisten altert.
Der Film erzählt die Geschichte von Darrin Blues, dessen ewig jugendlicher Spaziergang durch die Jahrzehnte anhand einiger glänzend gemachter Genre-Parodien illustriert wird. So ist er mal Humphrey Bogart in "Casablanca", mal Marlon Brando in "The Wild One".
Psycho-Porno: Hätte Ingmar Bergman einen Pornofilm gemacht, so wäre "Memories Within Miss Aggie" von 1974 dabei herausgekommen. Die haarsträubende Geschichte einer einsam lebenden alten Frau, die einst ihren Liebhaber umbrachte und seinem mumifizierten Leichnam nun verschiedene fiktive Versionen ihrer Vergangenheit schildert.
Ein filmisch versiert gemachter Psychothriller, dessen Missachtung aller Pornokonvention an Selbstkasteiung grenzt. Ein schönes Beispiel dafür, dass in den siebziger Jahren einfach alles entstehen konnte.
Ausgezogen und abgerechnet: Nicht wenige profilierungsbedürftige Politiker haben in der Vergangenheit versucht, der Pornoindustrie an die Existenz zu gehen. Watergate verschaffte den Machern solcher Filme die Gelegenheit, den Spieß umzudrehen. Die Satire "Marilyn and the Senator" von 1975 ist eines der erfolgreichsten Produkte dieser Politpornotradition.
Wes Cravens wilde Zeit: Zahlreiche Hollywood-Größen vollführten ihre Babyschritte im Pornogeschäft. So auch Wes Craven. Der Regisseur von Horrorklassikern wie "Scream" und "Nightmare On Elmstreet" fungierte bei "It Happened In Hollywood" von 1972 als Cutter und Regieassistent.
Haarige Angelegenheit: Die Erlebnisse eines bei Frauen ungemein erfolgreichen Friseurs stehen im Mittelpunkt von "Blowdry" (1976), einer leichtherzigen Parodie auf Hal Ashbys Erfolgsfilm "Shampoo".
Der Regisseur verbarg sich hinter dem Pseudonym Laser Scepter. Mittlerweile weiß man aber, dass es sich um David Secter handelte, der den ersten kanadischen Film drehte, der es auf das Filmfestival in Cannes schaffte. In New York gründete er eine freigeistige Künstlerkommune - um diese zu finanzieren, drehte er "Blowdry".
Peitschenhiebe an der Börse? In der Komödie "Wanda Whips Wall Street" (1982) ist es ausgerechnet eine Frau, die in der männerbeherrschten Börsenwelt, den Herren der Schöpfung mit ein wenig Raffinesse das Fell über die Ohren zieht. Die weitgehend auf männliche Konsumenten ausgerichtete Pornoindustrie zeigt hier, dass sie sich der Macht der Frauen sehr bewusst war. In der deutschen Fassung wurde der Film von einer dümmlichen Zotensynchro weitgehend sinnentstellt.
Sexspiel aus der Gruft: Joanna Williams, die Regisseurin von "Soft Places" (1978), gehörte zu den wenigen weiblichen Regisseuren jener Tage. Allen Klischees vom weiblichen Blick zuwider erzählt sie auf gänzlich unromantische Weise die Geschichte einer reichen Witwe, deren Ehemann ihr aus dem Grab einen gemeinen Streich spielt: Um an das Erbe zu gelangen, soll sie nämlich eine sexuelle Schnitzeljagd hinter sich bringen. Die Regisseurin machte später beim Fernsehen Karriere.
Comic-Strip: In "Sex in the Comics" wird die Geschichte unzüchtiger Comic-Strips, der sogenannten "Tijuana Bibles", erläutert. Der Regisseur Eric von Letch ist eindeutig ein Fan der bunten Bildergeschichten - sämtliche Darsteller sind im besten "Dick Tracy"-Stil zu Comicfiguren zurechtgeschminkt und bewegen sich in einer Comicwelt.
Lost in München: In "Playgirls of Munich" geraten zwei arglose Amerikaner als blinde Passagiere eines Frachtflugzeuges nach München und gehen in den Weiten Bayerns verloren. Der Film war der zweite Teil einer geplanten Serie, aus der dann aber nichts wurde - der Regisseur endete mit einer Kugel im Kopf im Hudson River.
Gedreht wurde der Film zu einer Zeit, als Pornografie in der BRD noch verboten war. Die Darstellung der Deutschen reduziert sich auf vergnügliche Weise auf Sauerkraut- und Kuckucksuhren-Klischees. Deutschland in den Augen des Auslandes - immer wieder ein schönes Erlebnis!
Versauter Witz aufs Vaterland: Der 200. Geburtstag der Vereinigten Staaten von Amerika wurde 1976 von unzähligen aufrechten Patrioten begangen. Der Film "The Spirit of Seventy-Sex" nutzte diese Gelegenheit, sich über die Geschichte des Landes lustig zu machen: George Washington, Benjamin Franklin, Pocahontas und andere Würdenträger versinken im sündigen Morast. Der Regisseur ist mittlerweile ein millionenschwerer TV-Produzent, für den "Spirit" vermutlich eine peinliche Leiche im Keller ist.
Sado-Maso-Geschichte mit Tanzeinlage: Zu den wenigen wirklich gelungenen Versuchen, einen geschmackvollen SM-Porno zu drehen, gehört Gerard Damianos Klassiker "The Story of Joanna". In dem Werk von 1975 geht es um einen jungen Adeligen, der dem Tod geweiht ist und durch die Hand einer Frau sterben will, die ihn liebt.
Joanna wird gespielt von Terri Hall, die zeitweise am Stuttgarter Ballett tätig war und in einer Filmszene eine sehr achtbare Tanzszene hat. Der Kameramann - Pseudonym "Harry Flecks" - leistete Beachtliches und ist mittlerweile in Hollywood unter seinem richtigen Namen sehr erfolgreich.
Ist es ein Vogel? Oder doch ein Sextoy? Der Einfluss weicher Rauschdrogen war mitbestimmend für den Stil vieler Pornos der frühen Siebziger. "Gras-Filme" wie "Souperman" von 1976 sind sehr entspannt, ihr Humor immer wieder genial verschroben. Alle Szenen, in diesem Film sind komplett improvisiert. Da kann es schon mal passieren, dass die Schauspieler einander mit ihren echten Namen anreden.
Der Titel von "Souperman" musste später aus naheliegenden Gründen in "Powerbone" geändert werden - die Rechteinhaber einer gewissen Comicserie waren nämlich weit weniger entspannt als die Filmemacher.
Boxerkumpel und Pornograf: Die Geschichte des Boxers Jake LaMotta wurde von Martin Scorsese in seinem Film "Wie ein wilder Stier" erzählt. Für die autobiografischen Fakten war sein Kumpel Peter Savage verantwortlich, der auch ein Jugendfreund LaMottas war. Unter Pseudonymen wie A. Nutty Savage drehte er auch einige Pornos, wie etwa "Sylvia" von 1977.
Frau unter Feuer: Wem die Geschichte um den Detektiv, der sich in ein Mordopfer verliebt, bekannt vorkommt, der kennt sie aus dem klassischen Thriller "Laura" von Otto Preminger. "Fiona on Fire" von 1978 ist ein vorzügliches Beispiel für die Versuche vieler Filmemacher, ihre Begeisterung für bestimmte Filmgenres im Rahmen der Pornoindustrie auszuleben.
Die nackte Angst: Eines der herausragenden Beispiele für exzellentes filmisches Handwerk im Rahmen der Pornoindustrie ist "Through the Looking Glass" von 1976.
Der Psychothriller handelt von einer reichen Frau, deren Leben zunehmend belastet wird von der Erinnerung an ihren dominanten und sadistischen Vater. Sie versinkt immer mehr in Phantasien, bis sie schließlich auf die andere Seite eines Spiegels gezogen wird, in ihre private Hölle: In einer surrealen Wüstenwelt wird sie gefangen bleiben, voller wie besessen kopulierender Körper.
Kunstfilm mit Koitus: Unter Beteiligung des angesehenen Experimentalfilmers George Kuchar entstand 1974 der beispiellose Kunst-Porno "Thundercrack", der mit großer Andacht eine schwarzweiße Stummfilmwelt entwickelt, in die die Sexszenen eingebettet sind.
Die Story: In dem Anwesen einer divaesken Dame geben sich zahlreiche Exzentriker und ein Gorilla die Klinke in die Hand. Die Darsteller entstammten weitgehend dem sexuellen Underground San Franciscos. Dies dürfte der ungewöhnlichste Film gewesen sein, an dem sie jemals mitgewirkt haben.
Zwei Sexforscher im Filmzirkus: Die bekannten Sexualwissenschaftler Eberhard und Phyllis Kronhausen drehten diesen ungewöhnlichen Pornofilm "The Hottest Show in Town" (1973), in dem die Zirkuswelt als Schauplatz diente. Das kann man durchaus als Kommentar auf eine Welt begreifen, in der eine natürliche Sache wie Sexualität zu einer "skandalösen" Zirkusattraktion wird. In diesem sehr freigeistigen Film war fast die gesamte Darstellerriege New Yorks versammelt.