Siemens Telegrafenanstalt wird Weltkonzern
Geburtsstunde: Die Konstruktion eines bedienerfreundlichen Zeigertelegrafen markierte den Beginn der mehr als 160-jährigen Siemens-Geschichte. Auch Laien wurde es damit möglich, Botschaften über eine weite Distanz zu übermitteln - eine Art Vorläufer des heutigen Faxgeräts. Der Erbauer dieses Geräts ...
... war ein junger Mann namens Werner von Siemens, Sohn eines Gutspächters, geboren 1816 in Lenthe bei Hannover. Gemeinsam mit dem Mechaniker Johann Georg Halske gründete er 1847 in Berlin die "Telegraphen-Bauanstalt von Siemens & Halske". Wichtigste Innovation neben dem Zeigertelegrafen war die Entdeckung des dynamoelektrischen Prinzips. Mit Hilfe einer Dynamomaschine konnte das Unternehmen elektrische Energie in großen Mengen produzieren. Zu Siemens' frühen Leistungen zählt auch ...
... der Bau des russischen Staatstelegraphennetzes, das im Jahr 1855 von Finnland über St. Petersburg und Moskau bis ans Schwarze Meer reichte. Wenige Jahre später eröffnete Siemens ...
... die sogenannte indo-europäische Telegraphenlinie von London nach Kalkutta. Das Bild zeigt eine Sendeapparatur, mit der die Kommunikation zwischen der britischen Hauptstadt und ihrer indischen Kolonie möglich wurde. Im Jahr 1879 ...
... präsentierte Siemens schließlich seine erste elektrische Eisenbahn auf der Berliner Gewerbeausstellung.
Machtübergabe: 1890 zieht sich Werner von Siemens aus der Führungsriege des Unternehmens zurück. Neuer Seniorchef wird sein 13 Jahre jüngerer Bruder Carl von Siemens. Dieser hatte über Jahre hinweg die Geschäfte in Russland betreut. Zar Nikolaus II. erhob Carl von Siemens für dessen Verdienste sogar in den Adelsstand. Einen weiteren Meilenstein in der Siemens-Geschichte ...
... stellte der Bau der ersten eigenen U-Bahn im Jahr 1896 dar. Die sogenannte Unterpflasterbahn nahm in Budapest den Betrieb auf. Ein Jahr später ...
... ging Siemens & Halske an die Börse. Das wachsende Unternehmen benötigte dringend frisches Kapital.
Eigene Stadt in Berlin: Das Industriegebiet am Nonnendamm wird 1914 in Siemensstadt umbenannt.
Kurzzeitiges Prestigeprojekt: 1908 erwarb Siemens die Berliner Protos Automobile GmbH. Knapp zwei Jahrzehnte lang produzierten die Siemens-Schuckertwerke Automobile. Zum Repertoire zählten ein Vierzylinder mit 40 PS und ein Sechszylinder mit 45 PS. Wenig später wurde Protos eingestellt. Prominentester Werbeträger war Kaiser Wilhelm II., der Protos fuhr. Die Autos galten als hochwertig. Dennoch wurde das Werk Ende der zwanziger Jahre wegen wirtschaftlicher Verluste erst verkauft und später geschlossen.
Neue Ära: 1919 rückte Carl Friedrich von Siemens, jüngster Sohn des Firmengründers, an die Spitze des Unternehmens. Nach herben Rückschlägen während des Ersten Weltkriegs sollte er eine Rückkehr an den Weltmarkt ermöglichen. Im selben Jahr ...
... gründete Siemens & Halske gemeinsam mit zwei anderen deutschen Unternehmen ein Joint Venture zur Herstellung von Glühlampen: Osram. Heute ist der Leuchtmittelhersteller eine hundertprozentige Siemens-Tochter.
Dreistufiges Röhrengerät: Bei der Rundfunkausstellung 1924 wurde der "Siemens-D-Zug" vorgestellt, ein Rundfunkempfänger mit Trichterlautsprecher. Auch an der Entwicklung von TV-Geräten ...
... war Siemens beteiligt. 1935 wurde die Entwicklung des Telefunken-Fernsehapparats abgeschlossen. Telefunken gehörte Siemens & Halske zu 50 Prozent.
Durchblick: 1939 ging das Siemens-Elektronenmikroskop in die Serienproduktion. Es ermöglicht eine bis zu 30.000-fache Vergrößerung.
Kriegswirtschaft im "Dritten Reich": Siemens ließ sich ab 1933 in die Rüstungsproduktion mit einbeziehen, verlagerte Produktionsstätten in besetzte Gebiete und setzte Zwangsarbeiter ein. Als kriegswichtiger Betrieb war Siemens auch Ziel von Luftangriffen (Bild: Wernerwerk M, eine Fabrik für Messinstrumente).
Wiederaufbau: Nach dem Zweiten Weltkrieg soll Hermann von Siemens, Gründerenkel und Unternehmenslenker seit 1941, den Konzern in ein neues Zeitalter führen. Wegen der unsicheren politischen Lage ...
... wurde der Firmensitz 1949 von Berlin nach München (Bild: Zentrale am Wittelsbacher Platz) verlegt. Die Elektrotechniktochter Siemens-Schuckertwerke AG zog nach Erlangen. Berlin bleibt jeweils zweiter Sitz. Nur zögerlich lief das Inlandsgeschäft nach Kriegsende wieder an. Der Auslandsabsatz blieb zunächst völlig unbedeutend. Das änderte sich Mitte der fünfziger Jahre: Siemens gewann seine beschlagnahmten Auslandsgesellschaften zurück - und das Besitzrecht an Marken und Patenten.
Moderne Zeiten: 1957 gründete Siemens seine Electrogeräte AG, die unter anderem Waschmaschinen und Wäscheschleudern herstellt. Inzwischen war der Konzern in sehr unterschiedlichen Bereichen tätig. Ein Jahr später ...
... wurde der erste Herzschrittmacher der Welt implantiert. Diesen hatte Siemens in Schweden entwickelt.
Hallo Weltall, hier spricht Erde: Im oberbayerischen Raisting baute Siemens 1964 eine Erdfunkstelle für Satellitenkommunikation.
Organisatorischer Neubeginn: Am 1. Oktober 1966 enstand die heutige Siemens AG. Dazu wurden die drei bislang getrennten Unternehmen Siemens & Halske (Nachrichtentechnik), Siemens-Schuckertwerke (Energietechnik) und Siemens-Reiniger-Werke (Medizintechnik) zusammengefasst. Weltweit hatte der Konzern damals bereits mehr als 250.000 Mitarbeiter. Der Vater der Neuorganisation ...
... war Ernst von Siemens - der letzte "Chef des Hauses" aus der Familie. Zum Nachfolger wurde 1968 Gerd Tacke gewählt, der Siemens bereits seit 1932 angehört hatte.
Schädeluntersuchung: Siemens führte 1974 den Computertomografen "Siretom" ein. Kernspintomografen aus dem Hause Siemens ...
... sehen heutzutage zwar moderner aus - die Form ist aber immer noch die gleiche.
Nur noch Nostalgie: 1981 startete Siemens die Fertigung des 64-KBit-Speicherchips. Ende der neunziger Jahre trennte sich Siemens allerdings von seinem Halbleiter- und Chip-Geschäft, das unter dem Dach von Infineon weiterbetrieben wird. Der Vergangenheit gehört auch ...
... das Geschäft mit Handys an. Die Mobilfunksparte hat Siemens 2005 an die taiwanesische BenQ verkauft. Als der Münchener Konzern im Jahr 1997 das GSM-Farbhandy S10 (Bild) auf den Markt brachte, zählte er noch zu den Branchengrößen.
Viel Jubel - inzwischen verhallt: Am 12. März 2001 ging Siemens an die New Yorker Börse und unterwarf sich damit der Kontrolle der US-Börsenaufsicht SEC. Diese ermittelt inzwischen wegen Schmiergeldvorwürfen gegen Siemens. Dem Münchner Konzern drohen Strafzahlungen in Milliardenhöhe.
Im Inland verschmäht, im Fernen Osten gefragt: Silvester 2002 startete der Transrapid zur Jungfernfahrt zwischen der Long Yang Road Station und dem Flughafen Pudong International in Shanghai.
Strom für Dubai: Die Gas- und Dampfturbinenanlage hat im Jahr 2004 in Abu Dhabi den Betrieb aufgenommen. Eine nachgeschaltete Meerwasser-Entsalzungsanlage sorgt dafür, dass neben Strom auch Wasser erzeugt werden kann. Siemens baut darüber hinaus auch Turbinen ...
... für Atomkraftwerke. Derzeit ist Siemens am Projekt "Olkiluoto 3" in Finnland beteiligt - dem ersten AKW-Neubau in Westeuropa seit der Katastrophe von Tschernobyl.
Image-Desaster: Ende September 2006 stellte der taiwanesische Elektronikhersteller BenQ die Zahlungen an seine Mobiltelefonsparte in Deutschland ein. Wenig später muss BenQ Mobile Insolvenz . Die Pleite schadet dem Ruf des Siemens-Konzerns, der seine Handysparte im Jahr zuvor an BenQ abgegeben hatte. Die zweite Hiobsbotschaft für Siemens ...
... folgte nur ein paar Wochen später: Am 15. November 2006 durchsuchten Polizei und Staatsanwaltschaft Siemens-Geschäftsräume. Fahnder stießen auf ein System schwarzer Kassen, dessen Ausmaß bislang noch nicht abzusehen ist. Die Korruptionsaffäre führte zur vorübergehenden Festnahme mehrerer hochrangiger Manager.
Pharmaexperte soll Siemens kurieren: Zum 1. Juli 2007 wechselte Peter Löscher (rechts im Bild neben Aufsichtsratschef Gerhard Cromme) vom US-Konzern Merck & Co. an die Siemens-Spitze. Er ist der erste Vorstandschef in der über 160-jährigen Siemens-Geschichte, der von außen kommt.