Essen, Vogel oder Flugzeug Was erkennt das Programm?
Wie würden Sie beschreiben, was Sie hier sehen? Vielleicht ein verkleidetes Zebra? Ein Kinderspielzeug? Sicherlich ist es kein Mann, der mit Skiern durch die Luft fliegt - oder? Doch genau so interpretierte ein Bilderkennungsprogramm dieses Bild. Der Fotograf Simon Tanner hat ein Experiment gestartet und Fotos verschiedene kleiner Kunstobjekte von einem Programm lesen lassen.
Tanner sammelte Gegenstände auf Flohmärkten und in Gebrauchtwarenläden, stellte sie zu neuen Objekten zusammen und fotografiert sie vor pastellfarbenen Hintergründen. Dann speiste er die Abbildungen in ein Bilderkennungsprogramm ein. "Ich bin nicht wirklich sicher, aber ich denke, es ist eine Nahaufnahme von Essen", lautete dessen Interpretation dieses Fotos. Der menschliche Betrachter mag erkennen, dass das Programm hier nicht richtig liegt - was genau Tanner aber fotografiert hat - eine Jäcke oder einen Stoffknäuel - lässt der Fotograf aber bewusst offen.
Selbst Menschen können die kleinen Kunstwerke Tanners nur schwer beschreiben, so uneindeutig sind seine Arrangements. Dennoch werden die menschlichen Antworten der Wahrheit näher kommen als die des Bilderkennungsprogramms. Das sagte zu diesem Objekt aus kleinen weißen Figürchen: "Ich denke, es ist ein Vogel, der am Himmel fliegt."
Dank welcher Algorithmen erkennt das Bilderkennungsprogramms hier die Nahaufnahme eines Spielzeugs? Das verrät es leider nicht.
Für sein Projekt kombinierte Tanner die Kunstobjekte außerdem mit Zitaten zu gesellschaftspolitischen und philosophischen Fragen. "Ich bin mir nicht wirklich sicher, aber ich denke, es ist ein Flugzeug, das im Himmel fliegt", sagte das Bilderkennungsprogramm zu diesen drei Dinosauriern.
Zuerst wählte Tanner die Zitate aus, dann erst suchte er die aus seiner Sicht passende Objekte und machte das Foto. Im letzten Schritt speiste er die Bilder ins Programm ein und wartete auf dessen Einschätzung. "Ich denke, es ist eine Nahaufnahme eines Schilds", lautete dessen Analyse hier. Das beigestellte Zitat zu dem Objekt stammt vom früheren chinesischen Politiker Deng Xiaoping: "Es ist egal, ob die Katze schwarz oder weiß ist, Hauptsache, sie fängt Mäuse".
"Ich bin nicht sicher, aber ich denke, es ist ein Tennisspieler, der sich darauf vorbereitet, den Ball zu treffen." Es gibt eine Vielzahl verschiedener Programme, die Bilder analysieren. Tanner entschied sich nicht aus technischen Überlegungen, sondern weil ihn der automisch erstellte Anfangssatz "Ich bin mir nicht sicher..." bei dem gewählten Programm überraschte. Der, so fand Tanner, klingt fast wie eine menschliche Aussage.
Tanner will dem Betrachter die Bildaussage nicht vorschreiben, sondern Assoziationen auslösen. Der von dem Bilderkennungsprogramm generierte Satz soll irritieren und zu eigenen Gedanken anregen. Was sagen Sie zur dieser Interpretation: "Ich denke, es ist eine Katze, die im Schnee steht"?
"Ich bin nicht sicher, aber ich denke, es ist ein Vogel, der im Himmel fliegt", sagte das Programm über dieses Foto. Die gleiche Antwort hat es jedoch bereits bei einem ganz anderen Objekt gegeben.
"Ich denke, es ist eine Katze mit offenem Mund", sagte das Bilderkennungsprogramm. Tanner hinterfragt mit seinem Projekt, wer die Programme mit welcher Werthaltung geschrieben hat und welches Datenmaterial zum Training verwendet wurde.
Tanner möchte mit seinem Projekt die Unterschiede zwischen menschlichem Bildverständnis und der maschinellen Bildanalyse beleuchten. "Ich denke, es ist ein gelbes Spielzeug", sagte das Programm zu diesem Foto. Wie würden Sie es beschreiben?
Wer möchte, kann auf Tanners Website eine eigene Interpretation zu dessen Fotos abgeben. Alle Antworten werden anonym gesammelt und sind frei einsehbar. "Ich finde es spannend, zu analysieren, wie unterschiedlich die Leute den Inhalt der Bilder beschreiben", sagt Tanner.