Skandalbücher von Sportlern "Torhüter sind irgendwie bekloppt"
Alles im Griff: Toni Schumacher 1985 im Trikot des 1. FC Köln. Der Bundesligist war seit 1972 die Heimat des Torwarts gewesen, mit dem Club wurde er Deutscher Meister und Pokalsieger. Wahrscheinlich hätte Schumacher seine Karriere in Köln beendet, wäre da nicht dieses Buch gewesen...
..."Anpfiff": Schumachers "Enthüllungen über den deutschen Fußball" erschienen Anfang März 1987 und kosteten ihn vorübergehend seine Karriere. Köln kündigte dem Torwart, auch in der Nationalmannschaft war Schluss. Ganz Deutschland diskutierte über die Lebensbeichte des Keepers, die sich hierzulande mehr als 300.000-mal verkaufte. Hier signiert Schumacher am 1. April 1987 in einem Münchner Kaufhaus sein Buch.
Für Aufregung gesorgt hatte die Schonungslosigkeit, mit der Schumacher den Alltag im deutschen Fußball beschrieb. Die brisantesten Aussagen...
...machte er zum Thema Doping:
"Auch in der Fußballwelt gibt es Doping - natürlich totgeschwiegen, klammheimlich, ein Tabu. Ich gestehe ganz offen: Beim Training habe ich ein Medikament mit Dopingeffekt ausprobiert. Captagon heißt das Zeug."
"Es gab Nationalspieler, die waren im Umgang mit der "Stärkungsschemie" regelrecht Weltmeister. Unter ihnen ein Münchner Spieler, den wir als "wandelnde Apotheke" zu bezeichnen pflegten.
(Auszüge aus "Anpfiff")
Richtungsweisend: Ulrich "Uli" Stein war einer der besten deutschen Torhüter der Achtziger und Neunziger - und so streitbar wie sein Nationalmannschaftskonkurrent Toni Schumacher. Stein, hier 1994 in einem Spiel von Eintracht Frankfurt, sorgte immer wieder mit lockeren Sprüchen für Aufsehen. 1986 flog Stein aus der DFB-Elf, nachdem bekannt geworden war, dass er den Teamchef Franz Beckenbauer "Suppenkasper" genannt hatte.
Intime Einblicke in seine Karriere lieferte Stein mit seinem Buch...
..."Halbzeit". Die Autobiografie trug den Untertitel "Eine Bilanz ohne Deckung" und war gewohnt schonungslos geschrieben. In den Medien sorgte vor allem die detaillierte Schilderung der "Suppenkasper"-Suspendierung für Aufsehen. Entstanden war die Bezeichnung laut Stein am Essenstisch, dort dachten sich die Spieler Kürzel für Mitspieler, Trainer und Funktionäre aus.
"Als ich an der Reihe war, erfand ich schlicht und ergreifend den Ausdruck 'SK'. Keiner kam auf die richtige Antwort. 'Jetzt sag schon', habe der HSV-Kollege Ditmar Jakobs gedrängt. Ich musste lachen und verriet: 'Na klar, SK wie Suppenkasper für Beckenbauer."
Auch ein anderer Dialog sorgte für heftige Diskussionen. Stein beschrieb, wie Teamchef Beckenbauer gegenüber dem Bayern-Profi Dieter Hoeneß auf die Überziehung des sogenannten Zapfenstreichs reagiert hatte.
"Beckenbauer eröffnete mit einem Stakkato: 'Ihr spinnt wohl, so spät ins Quartier zu kommen, ihr Idioten...' und wird von Dieter jäh unterbrochen: 'Stop, du darfst alles zu mir sagen, aber nicht Idiot. Ich weiß, was ich im Kopf hab' und ich weiß, was du im Kopf hast, und deshalb sagst du nicht Idiot zu mir.'"
(Auszüge aus "Halbzeit")
Bodo und Bianca: Bodo Illgner war der letzte Torhüter, der für Deutschland den Weltmeistertitel holte. Er gewann mit Real Madrid zweimal die Champions League. Doch obwohl Illgner so unglaublich erfolgreich war - man erinnert sich vor allem an ihn wegen einer Frau.
Wann immer Illgner öffentlich auftrat, war Bianca dabei. Wann immer es um Verträge ging, saß Bianca mit am Tisch. Illgners Ehefrau galt als knallharte Verhandlerin, sie war es auch, die den Wechsel Illgners zu Real Madrid organisierte.
Es wunderte deshalb 2004 niemanden mehr, dass nicht Bodo Illgner seine Autobiografie vorstellte, sondern die Illgners auch das zusammen erledigten...
"Alles" - ein fiktiver Tatsachenroman, hieß ihr Werk. Der Schinken, als Enthüllungsbuch angepriesen, entpuppte sich tatsächlich als solches. Allerdings ging es dabei weniger um Spannendes aus dem Innenleben der Fußballwelt als eher um die Körper der Protagonisten Kevin und Jasmin Bergen. Der Skandal an "Alles" war seine Naivität und peinliche Schlüpfrigkeit. Ein paar Beispiele:
"Was macht man als siebzehnjährige, gut aussehende, intelligente Abiturientin?" (Jasmin)
"Du bist eine tolle Frau, und im Bett bist du die absolute Granate." (Kevin)
"Kevin begann mich sanft zu küssen. Seine Hände fanden meinen Busen und umkreisten ihn zärtlich. Seine Finger liebkosten meine Haare, mein Gesicht, meine Brüste, meinen Bauch, seine Lippen folgten der Spur seiner Hände." (Jasmin)
(Auszüge aus "Alles")
Der Abräumer: Wer sich für Basketball interessiert, kennt Dennis Rodman als einen der besten Verteidiger, die jemals in der NBA spielten. Er holte Meisterschaften mit den Detroit Pistons und den Chicago Bulls - überall da, wo Rodman war, war der Erfolg.
Wer sich nicht für Basketball interessiert, könnte Dennis Rodman trotzdem kennen. Nicht nur, dass der Riese mit dem Faible für Tattoos, Piercings und bunte Haarfarbe schon immer auch einen Platz in den Klatschspalten hatte. Rodman hat auch ein Buch geschrieben, das für einen Skandal sorgte. Es hieß...
..."Bad as I wanna be" und erschien 1996. Das Werk war eine Art Monolog über ein Leben voller Sex und Geld, über Toleranz und Gewalt, über Selbstmordgedanken, Homophobie - und Madonna. Rodman beschrieb in einem eigenen Kapitel seine Affäre mit dem Musik-Superstar, und er beschrieb sie sehr genau.
"Eins brachte sie immer wieder zur Sprache: Sie wollte ein Kind. Das erwähnte sie von Anfang an. Mich nannte sie den 'Musterkörper' für ihr Kind. Nie ließ sie mich ein Kondom überziehen... NIE. Sie wollte unbedingt schwanger werden."
Für Gesprächsstoff sorgte auch Rodmans Geständnis, bisexuell zu sein. Bei der Präsentation für die Autobiografie trat er in einem weißen Hochzeitskleid auf.
(Übersetzter Auszug aus "Bad as I wanna be")
Loddarmaddäus: Er ist der ewige Rekordnationalspieler des deutschen Fußballs, jeder kennt ihn, aber keiner weiß aktuell so genau, was Lothar Matthäus eigentlich macht. Das eigentliche Problem ist aber: den allermeisten Menschen ist das mittlerweile egal.
Es gab andere Zeiten, jene, in denen Matthäus noch wichtig war, in der Nationalmannschaft den Takt vorgab und bei Bayern München. 1997 interessierte deshalb auch viele Menschen, was der beste deutsche Fußballer so alles geschrieben hatte in seinem...
..."Tagebuch", das er das gesamte Fußballjahr 1996/97 "geführt" hatte. Über was würde Matthäus auspacken? Geschichten gab es ja genug. Seine Probleme mit dem Teamkollegen Jürgen Klinsmann, seine Ausbootung vor der EM 1996. Und dann das: Skandalös war das "lästerhafte Werk" ("FAZ"), das "einfältigste Werk der Fußballgeschichte" ("11Freunde") vor allem dadurch, dass es so unglaublich banal blieb.
"Donnerstag, 2. Januar. Franz (Beckenbauer; die Red.) hat mich eingeladen. Wir haben wirklich viel zu besprechen. Wir sitzen bei ihm in der Bauerndiele, dem "Herrgottswinkel", und reden. Stundenlang."
So ging das, 255 Seiten lang. Immerhin konnte, wer es bis zur Seite 174 schaffte, Interna aus einer Bayern-Krisensitzung erfahren, in dessen Folge Matthäus als Kapitän zurücktrat. Die Sitzung wurde von Präsident Franz Beckenbauer eröffnet, es ging um die Gründe für die Niederlagenserie der Münchner.
"Franz eröffnet die Sitzung. 'Jetzt muss alles auf den Tisch. Schonungslos. Jeder muss die Wahrheit sagen.' [...] Da meldet sich 'Klinsi' zu Wort. Am ganzen Abend sagt er nur diesen einen Satz: 'Lothar, du bist an allem schuld. Du gibst alle Interna an deinen Spezi weiter, diesen Journalisten."
(Auszüge aus "Mein Tagebuch")
Irre, dieser Ire! Roy Keane hat den irischen Traum gelebt. In Cork in einfachen Verhältnisse aufgewachsen, schaffte es der Fußballer bis zum Champions-League-Sieger mit einem der größten Clubs der Welt - Manchester United. Zwölf Jahre war er der Anführer der "Red Devils", bis er 2003 zurücktrat. Schon 2002 erschien seine Autobiografie. Die Presse auf der Insel überschlug sich mit Lobeshymnen, "brutal ehrlich" nannte die "Irish Times" das Buch. Und doch wurde...
..."Keane" auch eine Selbstdemontage. Denn der Fußballer beschrieb einer schockierten Öffentlichkeit die Ausmaße einer ganz persönlichen Kickerfeindschaft. Alles begann 1997 im Spiel gegen Leeds United. Der Norweger Alf Inge Haaland war an diesem Tag zur Bewachung des Iren abgestellt, Keane war vom ständigen Trikotzerren genervt und beschloss, den Gegner kurz vor Schluss umzugrätschen.
Ich stürze mich auf ihn und weiß, dass das einen Feldverweis bedeutet. Es ist mir scheißegal. Als ich in ihn grätsche, verfangen sich meine Stollen im Gras. Ich höre, wie mein Kreuzband reißt.
Während sich Keane voller Schmerzen auf dem Rasen wälzte, stand Haaland über ihm und schrie ihn an, er solle sich bloß nicht so anstellen. Vier Jahre später, auch das schildert Keane in seiner Autobiografie, folgte die Rache. Mit voller Absicht sprang der ManU-Profi dem Norweger ins Knie - und machte ihn zum Sportinvaliden.
"Ich hatte lange genug gewartet. Ich habe ihm richtig einen verpasst. Der Ball war da (glaube ich). Das ist für dich, du Scheißkerl. Und steh nie wieder über mir und beschuldige mich, eine Verletzung vorzutäuschen! [
] Ich habe gar nicht auf die Karte des Schiedsrichters gewartet. Ich bin gleich vom Platz gegangen."
Das Geständnis kostete Keane nachträglich 150.000 Pfund Geldstrafe, der englische Verband sperrte den Profi für fünf Spiele.
(Übersetzte Auszüge aus "Keane")
Treibende Kraft: Philipp Lahm hat alles, was ein großer Spieler braucht. Erfahrung, Erfolge und eine unangefochtene Position in der Mannschaft. Das alles prädestinierte den Außenverteidiger, Kapitän des FC Bayern München zu werden, als es im Januar 2011 um die Nachfolge von Marc van Bommel ging.
Im gleichen Jahr fragten sich dann einige prominente Mitglieder des Fußballbetriebs, was Lahm prädestinierte, mit gerade mal 27 Jahren seine Autobiografie vorzulegen. In seinem Buch...
..."Der feine Unterschied" scheute sich der Bayern-Profi und Nationalspieler nicht, ehemaligen Übungsleitern ein fragwürdiges Zeugnis auszustellen und wurde dafür wochenlang von Medien und Kollegen kritisiert. Rudi Völlers Trainingsmethoden beim DFB nannte er "lustig", Louis van Gaal kam ebenfalls nicht gut weg. Doch die größte Kritik bekam der ehemalige Bayern-Coach Jürgen Klinsmann ab.
"Bei Klinsmann trainierten wir fast nur Fitness. Taktische Belange kamen zu kurz. Wir Spieler mussten uns selbstständig zusammentun, um vor dem Spiel zu besprechen, wie wir überhaupt spielen wollten. Nach sechs oder acht Wochen wussten bereits alle Spieler, dass es mit Klinsmann nicht gehen würde. Der Rest der Saison war Schadensbegrenzung."
Auch wenn die Reaktion der Kritisierten zwischen Verwunderung und Empörung schwankte, dem Kritiker schadete das Buch nicht. Immerhin: Ein weiteres soll nicht in Planung sein.
(Auszug aus "Der feine Unterschied")
Im Outfield: Jose Canseco spielte 16 Jahre in der Major League Baseball, der besten Liga der Welt. Canseco war schon als Sportler nicht irgendwer, er kam in seiner Karriere auf 432 Homeruns, mit denen er auch in den nächsten zehn Jahren noch locker unter den 50 Besten aller Zeiten liegen wird.
Doch am meisten hat Canseco die Liga verändert, als er nicht mehr spielte. 2005 erschien...
..."Juiced", und dieses Buch hat bis heute Folgen. Canseco gestand, sich jahrelang mit anabolen Steroiden, Wachstumshormonen, vollgepumpt zu haben - und bezichtigte mehr als 80 Prozent der MLB-Kollegen, das gleiche zu tun. Für den größten Skandal sorgten die Anschuldigungen gegen Mark McGwire, zur damaligen Zeit einer der absoluten Superstars der Liga, der 1998 70 Homeruns schlug und den Rekord von Roger Maris (61) einstellte.
"McGwire war schon in Oakland ein sehr kräftiger Spieler gewesen, aber im Sommer 1998 war er riesig. Er wog bestimmt fast 130 Kilogramm. Bälle, die früher abgefangen worden wären, flogen plötzlich als Homeruns über die Zäune. Er schaffte schon als Anfänger in der Liga 49 Homeruns. Doch für den Maris-Rekord brauchte es viele Injektionen."
McGwire räumte erst 2010 öffentlich ein, mehr als ein Jahrzehnt lang Steroide genommen zu haben. Jose Canseco war mit fünf Jahren Verspätung bestätigt worden.
(Übersetzter Auszug aus "Juiced")
Genie und Wahnsinn: Die Geschichte des Zlatan Ibrahimovic ist ein Märchen. Als der schwedische Stürmer mit 20 Jahren zu Ajax Amsterdam wechselte, wurde der Club Meister. Ibrahimovic ging zu Juventus Turin - und wurde Meister. Er ging zu Inter Mailand - und wurde Meister. Er ging nach Barcelona - und wurde Meister. Heute gilt Ibrahimovic als einer der besten Angreifer der Welt, in Schweden ist er mit Abstand der beliebteste Fußballer.
Dass Zlatan Ibrahimovic nicht nur sehr erfolgreich, sondern auch sehr nachtragend ist, bewies er mit seinem Buch...
..."I am Zlatan Ibrahimovic", das im Jahr 2011 auf Schwedisch und Italienisch erschien. Seine Verbalattacke gegen seinen ehemaligen Trainer "Pep" Guardiola vom FC Barcelona wurde europaweit zum Skandal.
"Ich habe ihn angebrüllt: 'Du hast keine Eier in der Hose!' Und wahrscheinlich noch schlimmere Sachen. Ich sagte dann noch: 'Du machst dir vor Mourinho in die Hose. Du kannst zur Hölle fahren!' Ich war total verrückt, wenn ich Guardiola gewesen wäre, hätte ich Angst bekommen."
Die Szene spielte sich laut Ibrahimovic in der Barcelona-Kabine nach dem Champions-League-Aus im Halbfinale 2010 gegen Inter Mailand ab, das damals vom Portugiesen José Mourinho trainiert wurde. Ibrahimovic verließ den spanischen Club nach jenem Jahr und wechselte zum AC Mailand.
(Übersetzter Auszug übernommen aus der schwedischen Zeitung "Aftonbladet")
In seiner eigenen Liga: Dave Meggyesy, rechts, in einem Spiel seiner St. Louis Cardinals, war kein überragender Football-Spieler. Sieben Jahre spielte der Linebacker für die Cardinals in der NFL, eine Durchschnittslaufbahn. Furore machte Meggyesy danach - als Buchautor. 1970, ein Jahr nach seinem Karriereende, erschienen seine Memoiren, über die "Newsweek" urteilte: "Meggyesy pflügt durch die Mythen des American Football, und alles, was er findet, ist furchterregende Unmenschlichkeit."
Das Buch...
..."Out of their League" schilderte schonungslos, wie sehr Gewalt unter den Footballprofis gang und gäbe war und welche Rolle Drogen spielen, auch für ihn selbst. So beschreibt Meggyesy, wie er in seiner letzten Saison 1969 nach Spielen die Zeit verbrachte.
Die ganze Saison '69 rauchte ich eine Menge Drogen, entspannte mich mit Freunden nach Spielen bei einer Haschpfeife oder Gras. Mehr und mehr Spieler in der Liga sind auf Hasch oder Gras, einige nehmen auch Psychopharmaka.
Meggyesys Buch war ein Tabubruch, weil es die hermetische Welt des Profi-Footballs für Jedermann öffnete und entzauberte. Und er bezahlte einen hohen Preis. Als seine Frau eine behinderte Tochter zur Welt brachte, bekam der Verräter hämische Briefe, wie Stacy Meggyesy sich später erinnerte. "Dave hatte in seinem Buch eingeräumt, LSD genommen zu haben - wir hätten es also nicht anders verdient. Es war manchmal brutal."
(Übersetzter Auszug aus "Out of their League"