Neu im Job Was soll ich tragen?
Kostüm oder Anzug? High Heels oder flache Schuhe? Welcher Kleidungsstil von Arbeitnehmern erwartet wird, hängt von der Branche ab. Oder?
Planer bei der Werbeagentur Scholz & Friends, Marco Kohm, 24
"Das, was ich jetzt anhabe, trage ich eigentlich normalerweise immer auf der Arbeit: also Sneakers, Jeans, T-Shirt und Strickjacke. Ich kaufe mir zweimal im Monat neue Kleidung. Das heißt, ich bestelle viel im Internet, weil wir hier oft länger arbeiten. Die Pakete kann ich mir hierher liefern lassen, das ist ganz praktisch. Meine Kollegen ziehen sich im Grunde ähnlich an wie ich. Aber es gibt auch die totalen Styler, die immer sehr hip zur Arbeit kommen; Leute, die nur in Schwarz herumlaufen oder die ganze Zeit im Hemd unterwegs sind. Anzug tragen meist nur die Chefs, und zwar wenn die Kunden mal zu Besuch kommen. Tattoos und Piercings sind total okay hier auch Kappen und Mützen gehen klar. Die kann man den ganzen Tag tragen, auch bei Meetings. Und Jogginghosen sowieso. Mein Kollege trägt ständig eine. Das ist dann aber keine Schlabber-Jogginghose, sondern eher ein Designer-Stück. Ich habe oft auch Oversized-Shirts an, die bis zu den Knien gehen oder im Sommer kurze Hosen. Nur Flipflops würde ich auf der Arbeit nicht unbedingt rumlaufen. Verboten ist hier nichts, solange man einigermaßen ordentlich ins Büro kommt. Wenn jetzt jemand, der auf meiner Hierarchiestufe stehen würde, aber ständig im Anzug zur Arbeit käme, wäre das schon ein bisschen komisch."
Foto: SPIEGEL ONLINE
Schmuckverkäuferin bei Wempe, Olivia Ferris, 22
"Ich habe im August meine Ausbildung im Einzelhandel angefangen. Ich weiß noch, was ich anhatte, als ich mich beworben habe: Blazer, Hose, weiße Bluse. An die Schuhe kann ich mich nicht mehr erinnern, ich weiß nur noch, dass es Absatzschuhe waren. Mir war es schon bewusst, dass man sich elegant kleiden muss, wenn man zum Vorstellungsgespräch kommt. Was ich normalerweise auf der Arbeit anziehe? Das muss auf jeden Fall zu Wempe passen, das muss elegant und professionell sein. Außerdem darf das Dekolleté nicht zu groß sein und die Röcke nicht knapp, denn ab und zu muss ich mich auch mal bücken, um ein Schmuckstück aus einer unteren Schublade herauszuholen. Auf der Arbeit ziehe ich jetzt ganz unterschiedliche Dinge an: Mal Kleider, mal Röcke, mal Kostüme. Meine Haare trage ich hochgesteckt oder offen. Da bin ich ganz frei, Hauptsache die Frisur ist gepflegt. Was nicht ginge, wären pink- oder lilafarbene Haare, sichtbare Tattoos oder Piercings. Dann würden einen die Kunden nicht mehr ernst nehmen, sie erwarten schließlich ein bestimmtes Erscheinungsbild, wenn sie zu einem Edeljuwelier kommen. Dazu gehört natürlich auch der passende Schmuck. Modeschmuck ist bei uns tabu, wir tragen Schmuck, den wir hier selbst verkaufen. Es ist ja immer schöner, dem Kunden auch etwas zu zeigen, als nur darüber zu reden. Ich kann mir aussuchen, was ich tragen möchte. Allerdings sollte es preislich passen, weil ich die Schmuckstücke auch mit nach Hause nehmen darf. Und falls mal was verloren geht, muss ich es mir leisten können, es zu ersetzen. Das teuerste Schmuckstück, das ich je getragen habe, war nicht mehr als 4000 Euro wert. Damit fühle ich mich schon anders, etwas gehobener. Es ist wichtig, das Selbstbewusstsein zu haben, teuren Schmuck zu tragen, sonst kann ich den Kunden ja nicht richtig beraten."
Foto: SPIEGEL ONLINE
Kader Schöffmann, 34, Personal Trainer
"Als Personal Trainer muss ich jeden Tag Sportkleidung tragen: Eine kurze Hose, ein T-Shirt, eine lange Trainingshose und eine Trainingsjacke. In Jeans könnte ich dem Kunden schließlich keine Übungen zeigen. Worauf ich achte? Ich versuche, nie zwei unterschiedliche Marken gleichzeitig anzuziehen. Es wirkt professioneller, wenn man nur eine Markt an hat. Wenn ich also eine Adidas-Hose trage, dann ziehe ich dazu auch immer ein Adidas-Shirt an. Für mich ist das wie eine Uniform, bei der alles zusammenpassen muss. Alles andere könnte ein bisschen chaotisch wirken - wie, wenn ein Polizist zu einer Polizeihose eine Feuerwehrjacke tragen würde. Bei den Schuhen ist das nicht ganz so wichtig. Die sollten schlicht sein. Wie viel Sportkleidung ich habe, weiß ich gar nicht so genau. Zumindest komme ich eine Woche gut damit aus. Ich kaufe mir auch regelmäßig neue Sachen. In einem halben Jahr gebe ich dafür bestimmt 300 bis 400 Euro aus. Wenn ich mal nicht arbeiten muss, dann freue ich mich richtig darauf, keine Sportkleidung tragen zu müssen. Dann bin ich quasi in zivil und achte ganz bewusst darauf, was ich anziehe. Sogar, wenn ich zum Bäcker gehe, trage ich bewusst kein Sportoutfit. Einige Male haben mich meine Kunden auf den ersten Blick gar nicht erkannt, und sagten dann: "Ah, so siehst Du eigentlich aus."
Foto: SPIEGEL ONLINE
Ursula Staab, 31, Anwältin in der Kanzlei Watson, Farley & Williams LLP
"Vor meinem ersten Tag in der Kanzlei war ich extra noch einkaufen. Ich konnte mich im Vorfeld leider bei niemandem über den Dress Code informieren. Auch hielt ich es für keine gute Idee, meine zukünftigen Chefs danach zu fragen. Ich würde jedem raten, am Anfang lieber etwas schicker zur Arbeit zu gehen als zu leger. Es wäre unangenehm, wenn alle ein Kostüm anhätten und man selbst käme in Jeans. Für die erste Zeit in der Kanzlei habe ich mir also einen Hosenanzug und einige Blusen zugelegt. Diese Kombination zusammen mit hohen Schuhen habe ich in den ersten Wochen hauptsächlich getragen. Mir fiel jedoch schnell auf, dass sich der lockere Umgang in unserer Kanzlei auch im Kleidungsstil widerspiegelt. Jetzt ziehe ich oft einen Rock an und dazu ein Oberteil, das nicht allzu lässig ist: manchmal eine Bluse oder ein Shirt, selten einen Blazer. Einen Hosenanzug oder ein Kostüm trage ich nur, wenn ich Mandanten treffe. Statt Absatzschuhen trage ich lieber flache und bequeme Schuhe, die aber auch schick aussehen, zum Beispiel Lackschuhe. Bei Anwältinnen habe ich einen neuen Trend beobachtet: Sie tragen jetzt auch bei Besprechungen mit Mandanten individuellere Sachen und kombinieren zum Beispiel auch mal ein Kleid mit bunten Tüchern. Männer haben da weniger Spielraum, im Kontakt mit Mandanten tragen sie stets Anzug und Krawatte."
Foto: SPIEGEL ONLINE
Florian Hepp, 26, Stellvertretender Verkaufsdirektor im Sofitel
"Ich habe jeden Tag Termine mit Kunden, deswegen muss ich immer auf mein Äußeres achten. Auch bei der Einstellung wird darauf Wert gelegt. Man muss ein Bewusstsein für sein Erscheinungsbild mitbringen sowie eine Leidenschaft für Luxusprodukte. Bewerber müssen einfach einen guten ersten Eindruck machen. Sonst zählen natürlich die Persönlichkeit, die Fach- und Dienstleistungskompetenz sowie kommunikative Fähigkeiten. Wenn man seine Stelle hier im Sofitel antritt, dann erhält man zwei Anzüge. Sie werden auf die Körpergröße abgestimmt und entsprechend angefertigt. Hinzu kommen elf Hemden, Manschettenknöpfe und Krawatten. Die Anzüge werden ausgetauscht, sobald sie Verschleißerscheinungen zeigen. Das ist ungefähr alle drei Jahre der Fall. Waschen muss ich sie auch nicht, das übernimmt die Reinigung des Hotels. Das ist sehr praktisch. Morgens muss ich mir also nie überlegen, was ich anziehe. Das ist zwar nicht immer so abwechslungsreich, aber dafür gefällt mir das Design des Anzugs sehr gut. Das stammt nämlich von einem französischen Modedesigner. Schuhe werden nicht gestellt, da muss sich jeder selbst drum kümmern. Die Vorgabe: Sie müssen schick und schwarz sein. Ich finde, das passt ganz gut zum braunen Farbton, den unser Anzug hat. Die Farbe heißt ganz genau Makassar. Ich habe mal gehört, man soll keine braunen Anzüge nach 18 Uhr tragen: No brown after six. Deswegen versuche ich immer pünktlich um 18 Uhr Feierabend zu machen, damit ich keinen Ärger bekomme."
Foto: SPIEGEL ONLINE
Psychologin Friederike Klostermeyer-Dupont, 50
"In meiner Praxis kleide ich mich recht konventionell und meistens eher unauffällig: eine helle Bluse zu einer Hose oder einem Rock. Der Fokus soll schließlich auf der jeweiligen Problematik des Klienten liegen und nirgendwo sonst. Das heißt auch, dass ich auf körperbetonte Kleidung verzichte. Zudem kann ich mit der Wahl einer gepflegten Kleidung meine Achtung und meinen Respekt für mein Gegenüber zeigen. Kleidung gehört zum "Impression Management" und zur nonverbalen Kommunikation. Es lohnt sich also, sich Gedanken darüber zu machen, welche Botschaft man mit seiner Kleidung übermitteln möchte. Mit einem Sankt-Pauli-Schal um den Hals in der Praxis zu arbeiten, würde natürlich alle St.-Pauli-Fans begeistern, aber eben nur diese. Man sollte dem Gegenüber lieber die Möglichkeit geben, etwas ihm Vertrautes wieder zu entdecken. Vertrauen ist in jedem Beruf eine wichtige Basis, ganz besonders aber im Bereich der Psychologie. Hin und wieder trage ich im Hochsommer leuchtend strahlende Farben. Ich finde es in Ordnung mit der Kleidung die eigene Lebensfreude zu zeigen. Dennoch muss ich berücksichtigen, dass viele Klienten meist aus unerfreulichen Anlässen zu mir kommen. Mit Herzlichkeit und vollkommener Aufmerksamkeit kann ich dem gerecht werden. Genauso halte ich es mit Schmuck: Solange dieser Positives ausstrahlt, ist er in meinen Augen in Ordnung. Ein Totenkopfsymbol an Kette oder Ring wären dagegen für mich ein absolutes "No go". Ebenso wichtig ist aber auch, dass man sich in seiner Kleidung wohlfühlt, und man sich darin wiedererkennt."
Foto: SPIEGEL ONLINE
Caroline Fox, 34, Leiterin eines Kindergartens
"Aufreizende Sachen gehen im Kindergarten überhaupt nicht. Wenn meine Kolleginnen Miniröcke oder Spaghettiträger-Tops tragen würden, wäre ich davon nicht so begeistert. Ich hatte auch mal eine Bekannte, die im Kindergarten ein T-Shirt trug, auf dem ein Teddybär zu sehen war, der erschossen wird. Sie hat ihre Stelle daraufhin verloren. So ein Shirt würde ich auch nicht unbedingt erlauben. Es gibt auch Kindergärten, in denen es nicht gern gesehen wird, wenn man ganz in Schwarz rumläuft, aber das ist bei uns nicht der Fall. Ich selbst mag auch gern dunklere Farben. Schmuck dürfen die Erzieherinnen hier auch tragen. Lange Ohrringe finden Kinder immer besonders spannend, aber man muss eben wissen, dass sie da gern dran ziehen. Bei Bewerbungsgesprächen achte ich in erster Linie darauf, ob jemand ins Team passt, ob es menschlich funktioniert und welche Erfahrung der Kandidat mitbringt. Kleidung ist bei mir nicht so entscheidend. Meist tragen die Bewerber ohnehin etwas Passendes. Da würde niemand im Anzug oder Kostüm kommen. Die Männer tragen schon auch mal Kapuzenpullis und Baggy Pants. So kommen sie dann später auch zur Arbeit. Die Kleidung sollte auf jeden Fall einfach zu waschen sein. Ab und zu kippt einem ein Kind schon mal was auf die Hose. Aber das gehört eben zum Job. "
Foto: SPIEGEL ONLINE
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?