Sozialistischer Heldenkult Bescheiden! Fleißig! Unermüdlich!
"Ruhm und Ehre": Sie strahlt, trägt Blumen, wird beklatscht - die Dame ist eine ausgezeichnete Aktivistin, auf diesem FDGB-Plakat zur Feier des Aktivistentags am 13. Oktober 1951. "Held der Arbeit", "Held der DDR", Aktivist des Fünfjahrplans", Aktivist des Siebenjahrplans", "Aktivist der sozialistischen Arbeit" und "Verdienter Aktivist": Um die Arbeitsproduktivität zu steigern und DDR-Bürger zu Höchstleistungen anzuspornen, ersann der Staat eine ganze Palette an sonderbaren Ehrentiteln.
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Wir steigern das Bruttosozialprodukt! Vorbild der DDR-Aktivistenbewegung war die sogenannte Stachanow-Bewegung, benannt nach dem Bergmann Alexej Stachanow aus dem Donezbecken (Foto). Der sowjetische Aktivist förderte am 31. August 1935 in einer einzigen Schicht angeblich 102 Tonnen Kohle - wofür andere 14 Schichten benötigten. Dauerhaft taugte der später schwer alkoholkranke "Held der sozialistischen Arbeit" Stachanow jedoch nicht zur Vorzeigefigur, 1977 starb er vereinsamt und depressiv.
Superstar mit Friedenstaube: Er gehört zu den bedeutendsten Figuren im sozialistischen Helden-Pantheon - auch im 21. Jahrhundert wird Juri Gagarin, dem ersten Menschen im All, unvermindert gehuldigt, wie dieser russische Wandkalender aus dem Jahr 2012 zeigt.
Der "Rote Kolumbus": Anders als andere Vorzeigefiguren wurde der 1934 geborene Bauerssohn Juri Gagarin (auf diesem privaten Urlaubsfoto von 1965 mit beeindruckendem Kopfschmuck) nicht primär von Parteifunktionären, sondern vor allem von Ärzten für seine Glanztat auserkoren - Gagarin eignete sich schlicht von allen Bewerbern am besten. Am 12. April 1961 umrundete er mit seinem Raumschiff Wostok 1 in 108 Minuten einmal die Erde.
Renitenter Held: Widerspruchslos ließ sich Juri Gagarin (hier eine Plastik von 1963) jedoch nicht vom System instrumentalisieren. So wehrte sich der Kosmonaut unter anderem dagegen, vorbereitete Reden ablesen zu müssen. Auch missfiel ihm die Idealisierung der eigenen Person in der Presse. In einem Brief an das Zentralkomitee der KPdSU kritisierten Gagarin und andere Kosmonauten zudem, dass man ihre Zeit verschwende - indem sie zu Veranstaltungen geschickt würden, die den lokalen Parteigrößen lediglich als Anlass für Saufgelage dienten. Auch bestand Gagarin darauf, dass man ihn ein zweites Mal ins All starten ließ. Was ihm jedoch verwehrt blieb: 1968 stürzte Gagarin bei einem simplen Übungsflug ab und starb.
Unsterblicher Held: In der russischen Industriestadt Samara feiern junge Menschen den 55. Jahrestag des Gagarin-Weltraumfluges (Foto vom 12. April 2016). "Die sozialistische Gesellschaft ist tot - ihre Helden und deren Ideen jedoch haben überlebt", sagt Historikerin Silke Satjukow im einestages-Interview.
Vorzeige-Bergmann: 1905 in einem kleinen Dorf in Westfalen geboren, fuhr Bergmann Adolf Hennecke am 13. Oktober 1948 eine Stunde früher als sonst in den Karl-Liebknecht-Schacht des Lugau-Oelsnitzer Steinkohlereviers ein - und erfüllte seine Arbeitsnorm mit unfassbaren 387 Prozent. Statt der üblichen 6,3 fuhr Hennecke 24,4 Kubikmeter Kohle ein. Allerdings war die Glanztat nicht spontan erfolgt, sondern gründlich vorbereitet worden: Um die stagnierende Kohleförderung in der sowjetischen Besatzungszone anzukurbeln, bauten SED-Funktionäre sowie der Gewerkschaftsbund FDGB Hennecke zum Helden des Aufbaus auf - getreu der 1948 ausgegebenen SED-Parteitagslosung "Mehr produzieren, gerechter verteilen, besser leben!"
"Uns allen zum Nutzen": Plakat zum 25. Jahrestag der "Aktivisten- und Wettbewerbsbewegung". Die spektakuläre Normübererfüllung des Bergmanns Hennecke am 13. Oktober 1948 wurde in der DDR euphorisch gefeiert, Jahr für Jahr wurden am "Tag der Aktivisten" in besonderem Maße für den Sozialismus engagierte Bürger ausgezeichnet. Allein am 13. Oktober 1949 waren dies 25.000 Menschen.
Lichtgestalt wider Willen: Bergmann Adolf Hennecke bei der Gartenarbeit mit seinen Töchtern (Foto von 1948). Der zum Zeitpunkt der Rekordleistung bereits 43 Jahre alte Aktivist mit dem schütteren Haar und den eingefallenen Wangen war nicht die erste Wahl der Funktionäre - eigentlich sollte der deutlich jüngeren Franz Franik zum "deutschen Stachanow" aufgebaut werden. Nachdem Franik jedoch brüsk abgelehnt hatte, sich instrumentalisieren lassen, überredete man Hennecke. Auch der war anfangs nicht begeistert, er fürchtete unter anderem die wütenden Reaktionen seiner Kollegen. Die dann auch nicht ausblieben: Während zahlreiche Fans dem Rekord-Bergmann Gedichte und Liebesbriefe schrieben, beschimpften andere ihn als "Normbrecher", warfen ihm die Fensterscheiben ein und zündeten sein Auto an.
Mein Freund, der Plan: Auch dieser Aktivist hat sich um die DDR-Wirtschaft verdient gemacht, "Siegerbetrieb" prangt in goldenen Lettern auf der roten Fahne. FDGB-Plakat zum 13. Oktober 1951.
Namensgeber: Die Hennecke-Aktivisten-Straße in Warnemünde, aufgenommen im Jahr 1983. Nach den staatlich propagierten Helden wurden nicht nur Straßen, sondern auch Plätze, Schulen und Betriebe benannt - sogar Mondkrater, Ortschaften und Gebirge erhielten die Namen ausgewählter Vorzeigefiguren. Hennecke prägte zudem DDR-typische Redewendungen wie "Es gießt wie Hennecke" oder "Der rennt wie Hennecke".
Eine Textilarbeiterin greift nach den Sternen: Am 16. Juni 1963 startete Walentina Tereschkowa (auf diesem privaten Urlaubsfoto zu sehen mit Kosmonaut Andrian Nikolajew und Schauspielerin Yoshiko Okada, l.) vom Kosmodrom in Baikonur aus als weltweit erste Frau ins All. 49 Mal umrundete die damals 26-jährige Kosmonautin während ihres 71 Stunden langen Flugs die Erde. 1937 in einem Dorf bei Jaroslawl rund 280 Kilometer nordöstlich von Moskau geboren, wurde die gelernte Textilarbeiterin und linientreue KPdSU-Funktionärin aus Tausenden von Bewerberinnen ausgewählt, um nach Juri Gagarin zum zweiten sowjetischen Kosmosstar aufgebaut zu werden. "Neuer Triumph des Kommunismus im All" - so formulierte das SED-Zentralorgan "Neues Deutschland" die Botschaft, die von Tereschkowa ausgehen sollte.
Die Kosmonautin als Filmikone: 1969 wurde der legendäre Start von Walentina Tereschkowa im Dokumentarfilm "Die Sowjets im Weltraum" nachgestellt. Dass es bei dem realen Flug technische Probleme gab, verschwieg Kosmonautin Tereschkowa lange. Ein Fehler im Steuersystem hatte dazu geführt, dass das Wostok-Raumschiff das Landemanöver nicht einleiten konnte. In sieben Kilometer Höhe katapultierte sich Tereschkowa aus der Kapsel und landete mit dem Fallschirm nahe Nowosibirsk. Tereschkowa blieb knapp zwei Jahrzehnte lang die einzige Frau im All, 1982 folgte ihr Swetlana Sawizkaja.
Walja Superstar: Frenetisch jubelte die Bevölkerung Walentina Tereschkowa (M.) zu, als sie am 19. Oktober 1963 Ost-Berlin besuchte. Der Berliner SED-Sekretär Paul Verner verklärte Tereschkowa und Gagarin als "sowjetische Himmelsgeschwister", Walter Ulbricht pries sie als "lebendige Zeugen des russischen Wunders". In Scharen strömten die Menschen herbei und schwenkten rote Fahnen und "Walja"-Tücher. Man finde das "graue Berlin hinter der Mauer in eine Stimmung versetzt, die mit den üblichen krampfhaften Ovationen für sozialistische Staatsgäste nichts gemein hat", urteilte DER SPIEGEL anlässlich der Tereschkowa-Gagarin-Heldentour im Herbst 1963.
Der Widerstandskämpfer: Über 80 Gedenksteine, etwa 15 Denkmäler und mindestens zehn Gedenkstätten wurden zu seinen Ehren errichtet, zahlreiche Straßen, Plätze, Schulen und Betriebe nach ihm benannt - Ernst Thälmann (hier das Denkmal in Berlin) gehörte zu den zentralen Leitbildern der DDR. 1896 in Hamburg geboren, schloss sich Thälmann erst der SPD, dann der USPD und schließlich der Kommunistischen Partei an. Er wurde 1924 KPD-Vorsitzender und dann am 3. März 1933, vier Tage nach dem Reichstagsbrand, von den Nationalsozialisten verhaftet - im August wurde Thälmann 1944 im KZ Buchenwald ermordet.
"Ritter des Pedals": So adelten die Medien den Mechaniker und Radprofi Gustav-Adolf "Täve" Schur - den beliebtesten Sportler der DDR (Foto von 1954). Die Menschen mochten den sympathisch lächelnden, blonden Athleten nicht nur, weil er zweifacher Weltmeister war, sondern auch weil er als Inbegriff der Fairness galt. Der Legende nach verzichtete "Täve" sogar auf den Sieg bei der Weltmeisterschaft 1960. Mit dem Spruch "Hol du dir den Sieg, Kleiner!" soll "Täve" dem DDR-Fahrer Bernhard Eckstein bei dem Rennen am Sachsenring den Vortritt gelassen haben.
Einer für alle: Wie kein Zweiter verkörperte Radsportler "Täve" (hier während der Friedensfahrt Halle-Erfurt 1955) die sozialistische Losung "Vom Ich zum Wir". Die Parteifunktionäre der DDR instrumentalisierten den Heizersohn aus Heyrothsberge als Vorzeigefigur, die exemplarisch für die Überlegenheit des Systems stehen sollte. "Sein Aufstieg", so "Täve"-Biograf Klaus Ullrich, "ist der Aufstieg unseres Staates, an einem tüchtigen, fleißigen Mensch demonstriert, an einem Menschen, der Millionen bewies, was Wille und Fleiß für eine gute Sache vermögen." Um die zahlreichen Fanbriefe zu beantworten, unterhielt "Täve" ebenso wie Adolf Hennecke zeitweise ein eigenes Büro für Öffentlichkeitsarbeit. Dass er 32 Jahre lang linientreuer Abgeordneter in der Volkskammer war und das Staatsdoping im DDR-Spitzensport vehement abstritt, machte ihn umstritten.
Stalins Jeanne d'Arc: "Brandstifterin" steht auf dem Schild, das Soja Kosmodemjanskaja um den Hals gehängt wurde. Gerade einmal 18 Jahre alt war die sowjetische Partisanin, als sie am 29. November 1941 von ihren deutschen Peinigern gefangen, gefoltert und gehängt wurde. Wochenlang lag ihr Leichnam auf dem Dorfplatz von Petrischtschewo, mehrfach sollen sich Betrunkene an ihr vergangen haben. Posthum mit der Auszeichnung "Held der Sowjetunion" geehrt, avancierte Kosmodemjanskaja zur nationalen Märtyrerin - der Schlachtruf "Rache für Soja" sollte Millionen von sowjetischen Soldaten im Kampf gegen die Deutschen motivieren. Nach Öffnung der Archive in den Neunzigerjahren jedoch bekam der Mythos Risse: Forschungen zufolge gehörte Soja gar nicht den Partisanen an, sondern arbeitete für die Rote Armee als Kundschafterin - und wurde von Dorfbewohnern an die Deutschen verraten.
"So wie wir heute arbeiten, werden wir morgen leben": Dieser protestantisch anmutende Slogan wird der Rekordweberin Frida Hockauf zugeschrieben, die wie der Bergmann Adolf Hennecke oder die Näherin Luise Ermisch den Idealtyp des DDR-Arbeits- und Aufbauhelden verkörpert. 1903 in Reichenau bei Zittau geboren, gelang es Hockauf 1953, im VEB Mechanische Weberei Zittau den Plan überzuerfüllen. Das SED-Mitglied wurde von der Partei als Vorzeigestar in Stellung gebracht, um der nach dem Arbeiteraufstand vom 17. Juni 1953 eingebrochenen Aktivistenbewegung neues Leben einzuhauchen. Ähnlich wie Hennecke wurde auch Hockauf für ihr selbstausbeuterisches Heldentum mit Verachtung gestraft: Die Weberin bekam falsche Spulen angeliefert, Kettfäden an ihren Webstühlen wurden zerschnitten.
Höhenflug der Genossen: "Der erste Deutsche im All - ein Bürger unserer DDR!" Frenetisch bejubelt die FDGB-"Tribüne" die Pioniertat von Sigmund Jähn (r.) und Walerie Bykowski. Am 26. August 1978 starteten der DDR-Kosmonaut und sein russischer Kollege an Bord des Raumschiffs Sojus 31 zur Raumstation Saljut 6. "Zum ersten Mal wird im Weltraum deutsch gesprochen, wenn auch mit sächsischem Akzent, was die Sache gleich wieder etwas ins Komische zieht, sodass wir sie nicht ganz so ernst nehmen müssen", spottete die "Süddeutsche Zeitung" damals in einem Kommentar. In der DDR sah man das anders - und bejubelte Jähn ab sofort als Nationalhelden.
Kosmonaut-Festival: Der Band Kraftclub aus Chemnitz ist es zu verdanken, dass seit 2013 das Kosmonaut-Festival am Stausee Oberrabenstein stattfindet - benannt nach dem DDR-Kosmoshelden Sigmund Jähn. Um dem Weltallstar zu huldigen, zwängte sich die Band beim ersten Kosmonaut-Festival-Auftritt in wuchtige Raumfahreranzüge. Eine andere Würdigung wurde Jähn in dem Kinofilm "Goodbye Lenin" von 2003 zuteil - wo er kurzerhand zum Nachfolger von Erich Honecker befördert wurde.
Ehre statt Karriere: Günther Lieske, tätig im Betrieb Stahlgießereien Marten A.G. in Chemnitz-Borna, wurde am 13. Oktober 1950 mit dem Titel "Held der Arbeit" ausgezeichnet. Wie ihm erging es Tausenden DDR-Bürgern: Um die Produktivität anzukurbeln, ehrte der Staat seine verdienstvollsten Arbeitskräfte mit Titeln - auch weil ein beruflicher Aufstieg oder ein besseres Gehalt eher nicht drin waren.
"Uschi freut sich, zum Gelingen des Fünfjahresplans beitragen zu können": Mit diesen Worten beschriftete die DDR-Nachrichtenagentur ADN das Foto vom 6. Dezember 1950. Bei der leicht gequält blickenden "Uschi" handelt es sich um eine junge Frau, die als Lehrling beim VEB Schuhkombinat Weißenfels in Sachsen-Anhalt beschäftigt war. Auch sie, so die propagierte Botschaft, taugte als kleine Heldin, deren Arbeitskraft die Wirtschaft der DDR voranbringen würde.
Der Held von Leipzig: Zum 100. Geburtstag des bulgarischen Kommunisten Georgi Dimitroff ehrte die DDR den "Helden von Leipzig" 1982 mit einer eigenen Briefmarke. Sie zeigt eine Fotomontage von John Heartfield zum Reichstagsbrandprozess 1933 und der Rolle Dimitroffs - vom zu Unrecht Angeklagten zum argumentativen Ankläger gegen das NS-Regime.
Maiparade: So richtig ausgelassen schauen die Damen nicht drein, und das, obwohl der Staat sie doch zu "Aktivisten" gekürt hat - DDR-Leistungsträgerinnen bei der Kundgebung zum 1. Mai 1962 in Ost-Berlin.
"Niemand ist vergessen"! Linke Gruppen demonstrieren am 12. Januar 2014 auf der Frankfurter Allee in Berlin zum Gedenken an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Die beiden Kommunistenführer waren am 15. Januar 1919 von rechten Freikorps-Soldaten in Berlin erschossen worden - und avancierten in der DDR zu zentralen Helden der Revolution. Auch wenn die SED nur wenig von Rosa Luxemburgs berühmtem Diktum "Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden" hielt.