Sohn eines Spätaussiedlers Wie Sergey Getts zum Deutschen wurde
Es ist der zweite Tag der Familie Getts aus Kasachstan in ihrer neuen deutschen Heimat. Im Grenzdurchgangslager Friedland lassen sie sich als Angehörige eines Spätaussiedlers registrieren.
Sergey Getts' Vater kam vor 20 Jahren als Spätaussiedler nach Deutschland. Nun folgt ihm der Sohn nach. Er möchte hier gern als Bäcker arbeiten.
Seine Frau Alfia würde sich freuen über einen Job als Verkäuferin. In Petropawl, wo die Familie bisher wohnte, verkaufte sie Ersatzteile für Autos und Motorenöl.
Sohn Artyom, 13, möchte Ingenieur werden. Er spricht noch kaum Deutsch und kennt Deutschland bisher nur aus dem Urlaub.
Die drei sind in Haus 5 im Lager Friedland bei Göttingen untergekommen. Jeder, der nach dem Bundesvertriebenengesetz Aufnahme in Deutschland finden will, muss hierher kommen.
Am Morgen werden alle Spätaussiedler und ihre Familien auf Tuberkulose geröntgt. Die Wartezeit in der Göttinger Klinik vertreiben sich Alfia und die kleine Aischa mit Zöpfeflechten.
Danach steht der Gang zum Bundesverwaltungsamt an. Sergey Getts hat seine Mappe mit Urkunden und Dokumenten dabei.
Der Termin ist aber nur noch eine Formsache. Denn es ist schon klar, dass die Familie sehr wahrscheinlich in Deutschland bleiben darf. Ein Mitarbeiter BVA gleicht ihre persönlichen Daten ab.
Sergey ist trotzdem angespannt. Er weiß noch nicht, welchem Bundesland er zugewiesen wird. Sein Vater lebt in Baden-Württemberg. Dort würde er gern hin.
Am Nachmittag steht fest: Die Getts' kommen in ein Übergangswohnheim in Reutlingen. Die Sachbearbeiterin zeigt ihnen die Adresse auf dem Registrierschein.
In etwa drei Wochen kann Sergey Getts seinen deutschen Pass bekommen. Seit seiner Ankunft am Flughafen in Stuttgart gilt er offiziell als Deutscher.
Jonathan Tomczyk vom BVA kennt sich bestens aus mit der Geschichte der deutschen Minderheiten in der ehemaligen Sowjetunion. Dass der deutsche Staat sie aufnimmt, soll auch das Leid mindern, das ihre Familien während und nach dem Zweiten Weltkrieg erfahren haben.
Im Lager in Friedland sind auch Asylbewerber untergebracht, die vor aktuellen Kriegen geflohen sind. Ammar Aldiib, 26, kommt aus dem syrischen Homs. Er sieht die Spätaussiedler täglich in der Kantine.
Lagerleiter Heinrich Hörnschemeyer und seine Mitarbeiter sorgen dafür, dass alle Gruppen versorgt und untergebracht sind. Dass das Gesetz sie so unterschiedlich behandelt, sieht er pragmatisch. "Das kann einem persönlich leid tun, aber das hilft nichts, das ist Verwaltungsalltag."