Stephen King Schockschwerenot - der Gruselkönig
Zwillingsgruseln: Zu den bekanntesten Stephen-King-Verfilmungen zählt "Shining" (1980). Als Regisseur ließ der legendär detailversessene Stanley Kubrick den kleinen Danny (Danny Lloyd) so lange so suggestiv durch die Gänge des verfluchten Overlook-Hotels radeln, dass das Erscheinen des Unheimlichen (hier in Gestalt von Lisa und Louise Burns) beinah wie eine Erleichterung wirkte - eine trügerische Erleichterung, versteht sich, wie so oft bei Stephen King.
Verdammte Axt: Die Szene, als Jack Nicholson in der Rolle des wahnsinnigen Hotel-Hausmeisters mit der Axt durch die Tür bricht, zählt zu den wohl packendsten Momenten der Filmgeschichte. Die Geschichte beginnt mit Alkoholismus und Eheproblem im entlegenen Hotel, es entsteht eine Spirale der Gewalt. Die Kubrick-Verfilmung gilt heute als Klassiker des Horrorgenres. Doch Stephen King konnte damit nichts anfangen und schrieb danach das Drehbuch für eine Neuverfilmung.
Vom Fan zur Furie: Ohne jedes übersinnliche Element beschrieb King in "Misery" (1990) die Furcht vor der Situation, einer Unberechenbaren vollkommen ausgeliefert zu sein. Kathy Bates spielte sich in Rob Reiners Verfilmung von 1990 meisterhaft durch die Nuancen der psychotischen Annie. Sie päppelt ihren Lieblingsautor Paul Sheldon nach einem Unfall erst auf - und verkrüppelt ihn sodann, auf dass er sein Werk in ihrem Sinne umschreiben möge.
Hammer-Szene: Gefesselter Starautor, entfesselter Fan - ein Schockmoment entsteht nicht immer überraschend durch das entsetzliche Unerwartete. Wenn Kathy Bates als Annie ausholt, um den von ihr verehrten Schriftsteller noch länger in ihre fragwürdige Obhut zu zwingen, meint man den Aufprall und den Schmerz schon zu spüren, das Splittern des Knöchels zu hören.
Den Zahlen nach drehte Frank Darabont 1994 die beste aller King-Verfilmungen. "Die Verurteilten" (1994) war für sieben Oscars nominiert und belegt immer wieder die Spitzenposition im Nutzer-Ranking der Filmdatenbank IMDB. Drastisch ist in diesem Film kaum etwas, nicht einmal die Schilderung des Gefängnisalltags. An die Stelle des Horrors rücken hier kleine und größere Gesten der Menschlichkeit zwischen den Langzeithäftlingen Andy Dufresne (Tim Robbins, rechts) und Ellis Redding (Morgan Freeman).
Einige Jahre später verfilmte Frank Darabont auch Kings Mehrteiler "The Green Mile", mit ungewöhnlichem Staraufgebot (Tom Hanks, Michael Clarke Duncan und David Morse, von links). Der Film von 1999 fand die Zärtlichkeit im Gigantischen und wagte einen deutlichen politischen Kommentar: Die "grüne Meile" beschreibt den letzten Weg eines Todeskandidaten vor dem Hinrichtungsraum.
Brian De Palma verfilmte 1976 Stephen Kings Romandebüt "Carrie". Neben Stanley Kubrick war er einer der wenigen Regisseure, die einen King-Stoff mit stilistischen Innovationen aufluden. Mit Split Screens und Zeitlupen machte De Palma aus einem Abschlussball, auf dem die telepathisch begabte Carrie (Sissy Spacek) sich für eine unfassbare Demütigung rächt, ein flammendes, blutiges Inferno.
Rot und weiß, Blut und (verlorene) Unschuld - Sissy Spaceks Rachefeldzug in "Carrie" erleuchtete und schockierte in einer ausgeklügelten Farbdramaturgie, die ahnen ließ, dass es weitergehen wird mit dem Gemetzel: Da ist noch was zu besudeln.
Der Gruselkönig: Einige von Kings Hauptwerken der Siebziger- und Achtzigerjahre entstanden mit viel Alkohol (Foto von 1987). "Ich habe jede Nacht einen Kasten Bier getrunken", sagte er dem SPIEGEL über diese Zeit. Später kam Kokain hinzu. Den Roman "Das Monstrum" schrieb King teils mit Watte in den Nasenlöchern, so sehr bluteten sie. Als Kings Frau ihn so entdeckte, stellte sie ihm ein Ultimatum. 1987 ging King in eine Entzugsklinik - und besucht seitdem regelmäßig Treffen der Anonymen Alkoholiker.
Vordergründig geht es in "Stand by Me" (1986) um die Suche nach einer Leiche. Das Kernthema des Films ist jedoch die Schwelle zwischen Kindheit und Jugend: Niemand wird in seinem Leben mehr so gute Freunde haben wie mit zwölf Jahren. Klug, berührend und hemmungslos nostalgisch (Szenenfoto mit Wil Wheaton, Jerry OConnell, Corey Feldman und River Phoenix).
Paul Michael Glaser verfilmte "Running Man" (1987) nach dem Roman "Menschenjagd", den King unter dem Pseudonym Richard Bachman veröffentlich hatte. Die Handlung spielt im Jahr 2017: Ben Richards (Arnold Schwarzenegger) muss vor einer gewaltgeilen Medienöffentlichkeit live in äußerst brutalen Kämpfen sein Leben verteidigen. Den grellen, bizarren Unterhaltungswert des Films übertreffen wenige King-Adaptionen.
In "Der Musterschüler" von 1998 spielt Ian McKellen den Nachbarn von Todd (Brad Renfro), unter dessen harmloser Oberfläche eine sehr dunkle Nazivergangenheit lauert - und ein Aggressionspotenzial, das jederzeit wieder ausbrechen kann und sich womöglich gar als ansteckend erweist.
Ein wenig von Dorian Gray steckt in Arnie Cunningham, das handwerkliche Können von Regisseur John Carpenter hingegen in der Verfilmung von "Christine" (1983). Wie so vielen Jungs bedeutet Arnie sein Auto einiges, womöglich mehr noch als seine Freundin Leigh (Alexandra Paul). Doch der Wagen verändert Arnie und entwickelt gleichzeitig ein Eigenleben.
Vom Oldtimer gejagt: "Christine", ein restauriertes Autowrack vom Typ Plymouth Fury, ist aufs Töten aus, ergreift mehr und mehr Besitz von seinem Besitzer Arnie - und beult sich nach jedem Mord selbst aus.
Geist und Fleisch und deren unheimliche Verschlingung ist das Thema vieler Filme von David Cronenberg. Kings "Dead Zone" war als Stoff also wie gemacht für den kanadischen Regisseur: Als Johnny Smith (Christopher Walken, mit Chapelle Jaffe) nach Jahren aus dem Koma erwacht, hat er hellseherische Fähigkeiten - und bald eröffnet sich ihm dadurch die Möglichkeit, einen Atomkrieg zu verhindern. Doch dafür muss Smith einen Menschen töten.
In "Zimmer 1408" (2007), verfilmt von Mikael Håfström, will ein Schriftsteller zu Recherchezwecken in einem New Yorker Hotelzimmer übernachten, in dem bereits 56 Menschen starben. Mike (John Cusack) schlägt alle Warnungen in den Wind, erlebt eine albtraumhafte Nacht und hat keine Ahnung, wie er entkommen soll.
In der ersten "Es"-Verfilmung von 1990 brillierte Tim Curry, bestens bekannt als Frank'n'furter aus der "Rocky Horror Picture Show", in der Rolle des kinderfressenden Clowns Pennywise. Der Film von Regisseur Tommy Lee Wallace lief als Zweiteiler im Fernsehen.
Kinohit "Es" 2017: Die wenigen, denen Andy Muschiettis Neuverfilmung nicht gefällt, monieren ein Übermaß an allzu einfach gebauten Schockeffekten. Aber mit der Dunkelheit, mit der Suggestion eines unmöglichen Raums geht Muschietti sehr effektiv um.
Pennywise ist zurück und wird diesmal von Bill Skarsgård verkörpert. Er verleiht dem Clown eine deutlich fiesere Note als der exaltierte Tim Curry 27 Jahre zuvor.
"Pass auf, was du dir wünschst", so könnte "Friedhof der Kuscheltiere" (im Original "Pet Sematary", 1989) auch betitelt sein. Als der kleine Gage (Miko Hughes) von einem Lastwagen überrollt wird und stirbt, trifft sein Vater Louis Creed die Entscheidung, seinen Sohn auf einem schmananischen Friedhof zu begraben, der tote Tiere zum Leben erwecken kann. Aber was von dort zurückkehrt, sieht nur noch menschlich aus - und das Fremde im scheinbar Vertrauten mag der größte Horror von allen sein.
Selten bediente sich Stephen King klassischer Archetypen der Horrortradition. Die Vampire aus "Brennen muss Salem" (1979 von Tobe Hooper verfilmt) bettete er zumindest aus ihren osteuropäischen Grüften ins bürgerliche Amerika um - wo das Grauen folgerichtig nicht mit Cape und Krallen anrückte, sondern mit Pyjama und Kindergesicht (Donnie Scribner).
Mr. Pratt (E.G. Marshall) mag ein unsympathischer Hygienefreak sein, doch mit seiner Schabenphobie ist er sicherlich nicht allein. Die Episode "Insektenspray" aus der Anthologie "Die unheimlich verrückte Geisterstunde" (1982), zu der King das Drehbuch verfasste, verarbeitet menschliche Urängste wenig subtil - aber dafür kribbelt's und krabbelt's schon beim Hingucken.
Zum Glück gibt's die Tollwut, einfacher lassen sich Genremonster ja kaum basteln. Doch weitaus schockierender als die Prämisse von "Cujo" (1983) ist der darunter schwelende Subtext, mit dem King viele seiner Kleinstadtgeschichten infiziert: Plötzlich und unerwartet wird aus dem Freund ein Feind, aus dem geliebten Geschöpf die Bestie, die sich nicht mehr abschütteln lässt.
Die domestizierte Alltagswelt verliert ihre Selbstverständlichkeit und wendet sich gegen uns, ihre Herrscher (und Herrscherinnen, wie hier Ellen McElduff). Nach dem Aufbegehren der Maschinenwelt in "Rhea M." (1986) versuchte sich King zwar nie wieder als Regisseur, ein gewisser Camp-Faktor ist dem Film jedoch nicht abzusprechen - genauso wenig wie ein leises, böses Nachklingeln im Ohr, das fiept: "Was wäre, wenn..."
In dem okkulten Kokolores, den Tobe Hooper in "The Mangler" (1995) nach einer Kurzgeschichte von King veranstalten ließ, versteckt sich vielleicht eine fiese Allegorie von der Ausnutzung billiger Arbeitskraft (wie der von Vanessa Pike, Mitte). Mindestens aber die Furcht vor den Geistern, die der Mensch selbst rief.
In dem Horrorfilm besitzt Bill Gartley (Robert Englund) eine alte Wäscherei, in der fast nur Mädchen arbeiten. Und einmal im Jahr fordert eine Wäschemangel das Blut einer 16-jährigen Jungfrau... King arbeitete vor seinem Durchbruch als Schriftsteller übrigens zeitweise in einer Wäscherei.
Der Bestsellerautor: King hat inzwischen mehr als 400 Millionen Bücher verkauft und Dutzende Preise bekommen, darunter den National Book Award. Er ist der unbestrittene König des Horrors, der Angst, des Unwägbaren. "Doctor Sleep", die Fortsetzung von "Shining", stellte er 2013 auch in Deutschland vor (Foto). Darin ist Danny, der Junge auf dem Dreirad, erwachsen geworden, wird weiterhin von bösen Geistern heimgesucht, ertränkt die Visionen in Alkohol und will sein Leben in einer beschaulichen Kleinstadt im Osten der USA in geordnete Bahnen lenken.