Street View analog: In 100 Metern bitte umblättern - DER SPIEGEL
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Street View 1907 Tollkühne Fahrten mit Bilderbüchern

Sehen, wohin man fährt, bevor man fährt? Was Googles Street View 2007 als Weltneuheit vermarktete, war im Grunde ein alter Hut. Schon ein Jahrhundert zuvor war der erste analoge Vorläufer erschienen - hatte allerdings keine große Zukunft.
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Wo soll's denn hingehen? Dieses Büchlein aus dem Jahr 1907 diente der Navigation. Damit sollten Autofahrer von New York nach Albany und Saratoga Springs finden - zu einer Zeit ohne Straßenschilder. Typischer Ausgangspunkt der Reiseroute: ein Hotel. mehr... 

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Sterne und Pfeile markierten in dem Photo-Auto-Guide aus dem amerikanischen Kartenverlag Rand McNally die für die Orientierung wichtigen Gebäude und wiesen die Fahrrichtung.

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Jede Richtungsänderung an einer Kreuzung oder Weggabelung wurde mit einem Foto kenntlich gemacht und in einem kurzen Text unter dem Bild beschrieben.

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Fahren nach Zahlen: Angegeben war außerdem die Entfernung bis zum Aufnahmeort des nächsten Motivs. Das Abgleichen verlangte große Aufmerksamkeit für die Umgebung.

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Hilfreich war dabei ein aufmerksamer Beifahrer. Der Fahrer selbst musste sich ja auf die unvorhersehbaren Straßenverhältnisse konzentrieren.

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Eine gute Orientierungshilfe boten oft Schienen. Die Eisenbahn war als Verkehrsmittel noch gebräuchlicher. Auch in Peekskill, wo sich - wie der Fahrer aus dem Reiseführer erfährt - die Werkstatt von John L. Silleck befindet, die "beste der Stadt" für "Reparaturen und Hilfe aller Art". Das klingt schwer nach Schleichwerbung, war aber zu jener Zeit eine nützliche Information für verwegene Motoristen.

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Befestigte Straßen waren zu dieser Zeit eher selten, viele Wege nach Regenfällen kaum passierbar.

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Reisenotizen: Dann war es gut, alternative Routen zu kennen. Der Reiseführer ließ vorsorglich viel Raum für persönliche Notizen.

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Mit Poughkeepsie war ein größerer Ort erreicht, dort konnte der Fahrer entweder direkt weiter nach Albany rollen oder im Morgan House eine Pause einlegen. 1917 allerdings, zehn Jahre nach Erscheinen dieses Reiseführers, brannte das Hotel ab.

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Bis dahin war es nach Auffassung des Herausgebers "das beste Hotel der Stadt", einfach "alles first class". Und praktisch: Eine Werkstatt mit Service für diverse Marken befand sich direkt nebenan.

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Während sich Vegetation und Straßenverhältnisse binnen kurzer Zeit so verändern konnten, dass sie nicht wiederzuerkennen waren, boten sich...

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...Häuser, Brücken, Kanäle oder Telegrafenmasten als längerfristige Orientierungspunkte an.

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Stuyvesant Falls ... vorbei: Foto-Autoreiseführer enthielten Hinweise auf Sehenswürdigkeiten, Werkstätten und Übernachtungsmöglichkeiten. In manchen Orten indes war nichts dergleichen geboten - der Autotourismus steckte noch in den Anfängen.

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Was gibt's denn hier zu sehen? In Kinderhook erregte der Reiseführerfotograf offenbar so viel Aufmerksamkeit, dass ihn eine Gruppe Männer interessiert beobachtete.

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Menschenleer: Viel Verkehr war auf Überlandstraßen damals noch nicht unterwegs - praktisch für den Reiseführerfotografen: Die Motive boten genügend Platz, um große Pfeile einzuzeichnen.

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Endlich Albany: Die S-Kurve am Ortseingang bot fotografisch eine kleine Herausforderung. In der Stadt selbst führt der Weg zum...

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...Hotel "Ten Eyck", dem angeblich "attraktivsten Hotel im Staat New York", noch dazu brandsicher, wie der Reiseführer betont. Die Herberge ist zugleich Ausgangspunkt...

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...für die Weiterreise zu den beliebten Heilquellen von Saratoga Springs. Laut einer Anzeige aus dem Jahre 1909 brachte der Rand McNally-Verlag mindestens 27 verschiedene Foto-Autoreiseführer heraus.

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Bloß nicht von Weg abkommen: Mit den Jahren wuchsen Zahl und Umfang der Strecken. Allerdings: Es blieb bei vorgegebenen Routen. Wer von der dokumentierten Strecke abwich, musste...

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...sich seinen Weg selbst suchen...

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...oder Passanten auf der Straße fragen. Die konnten mit Glück vielleicht die richtige Richtung weisen - wussten aber vermutlich kaum abzuschätzen, ob der Weg für dieses neuartige Fortbewegungsmittel passierbar war.

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Bitte umblättern: Mit den Jahren wurden Foto-Autoreiseführer immer umfangreicher, einige Exemplare umfassten tausend Seiten...

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...und hatten damit jede Handlichkeit verloren. Nicht auszudenken, was passierte, wenn man versehentlich die Seite verblätterte und nicht mehr genau wusste, wo man war. Irgendwie sah es doch fast überall gleich aus - zumindest auf diesen Schwarzweiß-Fotos.

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Streckenskizze: Außer den Fotos gab es in jedem Routenplaner eine schematische Zeichnung der gesamten Strecke. In ihr waren die Nummern der Fotos eingetragen, außerdem Landmarken wie Flüsse, Brücken und Eisenbahnlinien eingezeichnet.

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Für die Rückfahrt - in diesem Fall von Saratoga Springs über Albany nach New York - gab es einen eigenen Bildteil. Die Fotos waren - entsprechend der Fahrerperspektive - an den gleichen Kreuzungen und Abzweigen aufgenommen, nur eben aus der Gegenrichtung. Vermutlich wurden Hin- und Rückfahrt während des gleichen Stopps fotografiert. Wohl so gelangte zumindest in einer Richtung immer auch der Wagen des Fotografen mit aufs Bild.

Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?