Freud und Leid der Erstsemester "Angst vor der 'S-Bahn-Seuche'"
Fenja, 20, studiert in Hamburg Englisch und Französisch auf Grundschullehramt: "Überrascht, wie frei ich jetzt bin"
"In manchen Seminaren gab es zu wenige Plätze. Deshalb habe ich nicht alle Kurse bekommen, die ich brauche und muss sie dann im nächsten Semester belegen. Ansonsten war der Studienstart super organisiert. Meine Kommilitonen sind alle sehr offen und multikulturell. Ich bin überrascht, wie frei man jetzt ist - in jeder Hinsicht. Man muss sich sein Leben selbst organisieren, indem man sich den Stundenplan zusammenstellt oder den Tag strukturiert. Und ich finde es aufregend, mir neben der Uni ein neues Leben mit neuen Freunden in einer neuen Stadt aufzubauen. Nur vor den Klausuren habe ich ein bisschen Angst und dass ich in den kommenden Semestern zu viel zu tun haben werde, weil ich ja jetzt Veranstaltungen werde nachholen müssen."
Christopher, 24, und Ricarda, 26, studieren Germanistik in Berlin: "Wir haben uns auf der Männerklo kennengelernt"
"Wir sind beide Erstsemester, die vorher etwas anderes gemacht haben. Ricarda hat ihr Pädagogikstudium abgebrochen, ich habe vorher eine Ausbildung zum Zimmermann gemacht. Jetzt studieren wir Germanistik. Eigentlich kennen wir uns aber noch gar nicht lang: Wir haben uns gerade erst getroffen, auf der Männertoilette der Bibliothek, Ricarda hatte sich dorthin verlaufen. Das ist wohl die Art, wie man sich in Berlin kennenlernt. Wir kommen beide nicht aus der Stadt und hoffen, schnell Anschluss zu finden. Die ersten Tage an der Uni waren etwas chaotisch. Mir fehlt zum Beispiel noch der Studentenausweis, deshalb haben mich die Sicherheitsleute gerade aus der Bibliothek geschmissen. Und Ricarda verläuft sich dauernd, manchmal eben auch auf's Männerklo."
Simon, 18, studiert Chemie in Göttingen: "Ich will im Studium fleißiger sein als in der Schule"
"Ich bin seit ein paar Tagen in Göttingen und bisher nicht einmal dazu gekommen, meine Sachen auszupacken. Als ich ankam, ging schon die Einführungswoche los. Da gab es viel zu sehen und zu erledigen. Für die nächsten Tage habe ich mir vorgenommen, ein paar Poster zu kaufen, um mein Zimmer im Wohnheim ein bisschen gemütlicher zu machen. Ich bin froh, dass ich dort einen Platz bekommen habe. Am Wochenende wird in der großen Küche gemeinsam gekocht, und ich bin mir sicher, viele nette Leute kennenzulernen. Was ich mir von meinem Studium erhoffe? Vor allem interessante Praktika - und dass ich nach meinem Bachelorabschluss einen Masterstudienplatz bekomme. Um das zu erreichen, habe ich mir vorgenommen, ein bisschen fleißiger zu sein als in der Schule."
Rosa, 20, studiert Geo-Wissenschaften in Hamburg: "Am ersten Tag gleich ein Trinkspiel"
"Die erste Woche hat mir schon meine größten Ängste vor der Uni genommen. Ich habe schnell nette Leute kennen gelernt, und am ersten Tag wurde sogar gleich getrunken: Die Fachschaft hat eine Erstsemesterbegrüßung organisiert mit einem Geo-Wissenschaften-Quiz. Wer eine Frage richtig beantwortet hat, durfte Bier oder einen Mexikaner trinken. Wer falsch lag, eigentlich auch. Weil ich nur Sekt mag, habe ich zwar mitgespielt, aber nicht mitgetrunken. Die Stimmung wurde schnell sehr locker. Für die nächsten Wochen hoffe ich, dass ich gut mitkomme und nicht überfordert bin. Mir ist es wichtig, neben dem Studium auch noch Zeit für andere Sachen zu haben."
Serena, 21, und Larissa, 20, studieren zusammen an der LMU München Nordamerikastudien mit Nebenfach Jura: "Hoffentlich müssen wir nicht zu viele Bücher kaufen"
"Wir haben uns vor ein paar Tagen bei Starbucks kennengelernt und herausgefunden, dass wir beide genau denselben Stundenplan haben. Im Moment kämpfen wir noch mit dem Kursbelegungssystem, das ist echt kompliziert. Aus Versehen haben wir nämlich auch Kurse für das zweite Semester belegt. Nordamerikastudien gefallen uns bis jetzt sehr gut, sie sind ein bisschen wie Deutsch-Abi, nur auf Englisch. Wir analysieren, interpretieren und lernen die amerikanische Geschichte. Aber es ist blöd, dass wir jeden Tag um 8 Uhr Uni haben, fast wie in der Schule. Hoffentlich müssen wir in den nächsten Wochen nicht allzu viele Bücher kaufen, denn das geht ganz schön ins Geld. Ein Buch kostet allein schon 70 Euro."
Kalvin, 25, studiert Japanologie und Informatik in Hamburg: "Am meisten Angst vor Mathe"
"Die Uni ist beeindruckend, sehr vielfältig und multikulturell. Besonders gefällt mir die Mischung aus alter und neuer Architektur. Weil ich nebenbei als Englischlehrer arbeite, habe ich gleich zu Beginn zwei Vorlesungen verpasst. Ich wusste gar nicht, dass man Veranstaltungen nicht besteht, wenn man zu oft fehlt. Am meisten Angst habe ich vor dem Mathematik-Teil in meinem Informatikstudium. Ich komme aus Südafrika und habe dort auch schon als Informatiker gearbeitet, da hatte ich aber vor allem mit Hardware zu tun. Meine letzte Mathestunde liegt schon etwas zurück. Aber das werde ich schon schaffen."
Lilith, 18, kommt aus Darmstadt und studiert BWL an der LMU München: "Die Leute sind von sehr hochnäsig bis normal"
"Dass ich so viele Vorlesungen habe, hätte ich nicht gedacht. Mit dem gemütlichen Studentenleben wird es erst mal nichts: Ich habe eine 40-Stunden-Woche, die vor allem aus Mathe besteht. Die älteren Semester sagen zwar, dass man nicht überall hingehen muss. Aber ich denke, wenn ich schon am Anfang nicht die Vorlesung besuche, wird das bestimmt nichts. Ich muss jetzt lernen, mich selbst besser zu organisieren, damit in Zukunft nicht mehr alles wie ein riesiger Berg wirkt. Die Leute in meinem Studiengang sind gemischt - von sehr hochnäsig bis normal. Da ich bin froh, dass ich bei einer Kneipentour der Fachschaft schon gute neue Freunde gefunden habe. Die Grüppchen bilden sich schnell, da muss man aufpassen, nicht den Anschluss zu verlieren. Am meisten Angst habe ich davor, in den Prüfungen durchzufallen. Der Druck an der Uni ist definitiv höher als in der Schule."
Lilli, 20, studiert Ethnologie und Kulturanthropologie in Hamburg: "Bei Ethnologie denken viele an Larifari"
"In meinem Studiengang sind nur wenige Leute, man lernt sich also schnell kennen. Bei Ethnologie denken viele an Larifari, aber der Anspruch ist sehr hoch. In den ersten Seminaren wurde schon relativ viel gefordert. Auch mit wenigen Veranstaltungen in der Woche hat man gut zu tun. Ich möchte aber auf jeden Fall noch von Kulturanthropologie zu Soziologie wechseln. In den ersten Veranstaltungen habe ich gemerkt, dass es in Kulturanthropologie viel um Feldforschung geht und weniger um Theorie. Seminare wie ,Die Uni Hamburg als ethnografisches Feld' haben mich etwas abgeschreckt. Ich besuche jetzt erst einmal Soziologie-Veranstaltungen und bewerbe mich dann im nächsten Wintersemester neu."
Marvin, 21, studiert Bibliotheks- und Informationswissenschaften in Berlin: "Muss mich diesem Level anpassen"
"Ich war auf einer total chaotischen Schule hier in Berlin. Deswegen hat es mich beeindruckt, dass es an der Universität alles so gut organisiert ist. Jetzt muss ich mich diesem Level nur noch anpassen. Im Moment brauche ich noch für jeden Raumwechsel meinen Stundenplan - es ist schon ungewohnt, dass nicht alle Seminare in demselben Gebäude sind. Und heute Mittag habe ich mir in der Mensa heiße Suppe über die Hand geschüttet, weil es da so voll und stressig ist. Ich mache mir aber keine Sorgen, bestimmt werde ich mit der Zeit routinierter. Schließlich habe ich gerade erst angefangen."
Mareike, 19, studiert in Göttingen Deutsch und Politik auf Lehramt: "Die richtige Entscheidung"
"Die größte Hürde habe ich schon genommen: Ich habe ein schönes Zimmer in einer WG gefunden. Das war großes Glück, denn es gab viele Bewerber. Weil ich Angst hatte, kein Zimmer zu finden, habe ich schon angefangen zu suchen, bevor ich überhaupt die Zusage für den Studienplatz hatte. Ich habe einfach darauf vertraut, dass es in Göttingen klappt - und das war die richtige Entscheidung. Jetzt freue ich mich auf das Studium und bin gespannt, was auf mich zukommt. Gerade habe ich meinen Stundenplan gebastelt. Bei zwei Fächern kann man nicht ausschließlich nach Interesse gehen, sondern muss schauen, wie sich die Seminare kombinieren lassen. Anfangs fand ich es komisch, dass die meisten Seminare erst um zehn Uhr beginnen, aber ich habe mich schnell daran gewöhnt. Wenn jetzt der Wecker um acht Uhr klingelt, kommt mir das schon ziemlich früh vor."
Dominik, 18, studiert Jura an der LMU München: "Angst vor der 'S-Bahn-Seuche'"
"Ich bin froh, dass ich überhaupt studiere. Fast hätte ich nämlich die Immatrikulation verpasst, weil ich im Urlaub war. Ich wollte schon den Flieger umbuchen, aber es funktionierte dann mit einer Vollmacht. Ich steh auf das Hauptgebäude der Uni - das ist richtig edel. Meine Vorlesungen sind super, wir haben den Dekan im Zivilrecht, ein richtig guter Professor. Aber ich kann nicht verstehen, warum wir Jurastudenten nicht das Audimax bekommen. Viele müssen auf dem Boden sitzen. Ich musste das zum Glück noch nicht, denn ich hab anfangs nicht verstanden, was die akademische Viertelstunde bedeutet und bin immer zu früh gekommen. Sorgen macht mir nur die 'S-Bahn-Seuche': Ich muss jetzt jeden Vormittag mit der S-Bahn nach München reinfahren, die ist meist voller als bei einem Champions-League-Spiel. Viele Freunde haben in der ersten Woche schon eine Erkältung bekommen - daran müssen wir uns wohl gewöhnen."
Kerstin, 26, studiert Grundschulpädagogik in Berlin: "Ich werde das schon irgendwie hinbekommen"
"Im Zweitfach studiere ich Biologie - und ich war schockiert, dass fast alle außer mir in der Schule Bio-Leistungskurs hatten. Aber gut, ich werde das schon irgendwie hinbekommen, schließlich bin ich zum Lernen an die Uni gekommen. Überrascht hat mich, wie verschult die Seminare sind. Wir sind da meistens ein recht kleiner Kreis, 30 Leute, wie in einer Schulklasse. Dabei habe ich die Schule schon lange hinter mir: In den letzten Jahren habe ich zwei Ausbildungen abgeschlossen. Bei der einen war mir die Bezahlung zu schlecht, bei der anderen die Arbeit zu langweilig. Deshalb freue ich mich jetzt, etwas völlig Neues anzufangen, Wissen aufzubauen. Super finde ich, wie durchmischt mein Studiengang ist - da sind frische Abiturienten dabei, aber auch ältere Semester wie ich."
Vitali, 29, studiert BWL in Hamburg: "Ich muss noch besser Deutsch lernen"
"Ich bin überrascht, wie glatt alles gelaufen ist. Auf den ,Welcoming'-Veranstaltungen habe ich nette Leute kennengelernt, und meine Tutoren waren alle total hilfsbereit. Ich komme aus Russland, und die deutsche Sprache ist die größte Herausforderung für mich. Wir arbeiten viel in kleinen Gruppen, und ich muss mich extrem konzentrieren, um alles zu verstehen. Vor allem hoffe ich, dass ich irgendwann in den Vorlesungen mehr mitbekomme. Zusätzlich zu dem eigentlichen Stoff muss ich ja auch erst einmal die Fachbegriffe lernen. Die Klausuren, besonders die mündlichen Prüfungen, machen mir deswegen auch am meisten Angst. Um die zu bestehen, muss ich mein Deutsch noch deutlich verbessern."
Daniela, 19, studiert an der LMU München Geschichte und Englisch auf Lehramt: "Manche Kommilitonen sind Geschichtsfreaks"
"Einige meiner neuen Kommilitonen sind richtige Geschichtsfreaks - die könnten die Vorlesung fast selbst halten. Das hat mich in der ersten Woche erschreckt. Ich war in der Schule nie schlecht in Geschichte, deswegen studiere ich das Fach kombiniert mit Englisch auf Lehramt. Aber jetzt habe ich ein bisschen Angst, dass ich nicht gut mitkomme. Dabei möchte ich im nächsten Jahr noch Chemie dazu wählen, damit ich bessere Chancen im Beruf habe. Für die LMU München habe ich mich erst letzte Woche entschieden, eigentlich war ich schon in Erlangen eingeschrieben. Da ich Zuhause viel Theater spiele, hätte ich dann aber jeden Tag 500 Kilometer pendeln müssen. Ich hatte Bammel, dass ich so kurzfristig nicht mehr alle Kurse belegen kann, aber die Professoren sind sehr hilfsbereit und haben mich nachträglich angemeldet."
Svenja, 19, studiert Turkologie in Göttingen: "Ich lasse alles auf mich zukommen"
"Nachdem ich ein Schuljahr in der Türkei verbracht habe, war klar, dass ich unbedingt Türkisch studieren möchte. Nur zwei Unis bieten dieses Fach an: Mainz und Göttingen. Da Göttingen näher an meiner Heimatstadt liegt, habe ich mich entschieden, hier zu studieren. Ich mag die Stadt, weil sie nicht zu groß ist, aber trotzdem groß genug, um sich ab und an zu verlaufen. Pläne habe ich für das Studium noch keine gemacht, außer, dass ich beschlossen habe, alles auf mich zukommen zu lassen. Mit kurzfristigen Entscheidungen ist mein Leben bisher immer gut gelaufen, das will ich auch an der Uni beibehalten."