Studentenunruhen in Paris "Seid Realisten, verlangt das Unmögliche"
Mai-Unruhen in Paris: Dramatischer und gewalttätiger als in anderen Ländern verliefen die Studentenproteste des Jahres 1968 in Frankreich. Nach Straßenschlachten zwischen Hochschülern und Sicherheitskräften boten die Straßen im Quartier Latin ein Bild der Verwüstung. Dabei hatte alles mit einer banalen Streitfrage begonnen.
Vorspiel: Erst forderten die Studenten an der Universität Nanterre nur freien Zugang zu den Mädchenschlafsälen, dann erhoben sie plötzlich Forderungen nach radikalen Reformen im antiquierten Hochschulsystem. Am 22. März 1968 besetzten sie das Verwaltungsgebäude der Uni. Ihr Wortführer wurde der 23-jährige Soziologiestudent Daniel Cohn-Bendit, Mitglied eines anarchistischen Zirkels, der an diesem Tag mit Maoisten und Trotzkisten die "Bewegung 22. März" ins Leben rief. Es folgten wochenlange Demonstrationen und Vorlesungsstreiks in Nanterre.
Der Protest schwappt über: Nachdem die Universität im Pariser Vorort Nanterre am 2. Mai geschlossen worden war, zogen die Studenten tags darauf zur Sorbonne im Herzen der Hauptstadt und belagerten das Hochschulgebäude, den Mittelpunkt des Studentenviertels Quartier Latin.
Erste Krawalle: Als die Polizei am 3. Mai rund 200 an der Sorbonne demonstrierende Studenten festnahm, kam es zu Zusammenstößen zwischen Jungakademikern und der Ordnungsmacht. Studenten rissen Baumschutzgitter und Pflastersteine aus und setzten sie als Wurfgeschosse gegen Polizisten ein.
Verletzte auf beiden Seiten: Die Unruhen forderten schon am 3. Mai, dem ersten Tag der Straßenschlachten in Paris, Opfer. Demonstrierende Studenten wurden von Polizisten niedergeknüppelt, Pflastersteine trafen Sicherheitskräfte. Hier beugt sich ein Polizist über einen verwundeten Kollegen.
Sicherheitskordon: Nach den gewalttätigen Auseinandersetzungen zogen am 4. Mai Hundertschaften der Republikanischen Garde ("Compagnies Républicaines de Sécurité", CRS) vor der vorläufig geschlossenen Sorbonne auf und umzingelten das Gebäude.
"Anarchistischer Marxist": Am 6. Mai wurde Daniel Cohn-Bendit vor die Disziplinarkommission der Sorbonne zitiert. Auf dem Weg dorthin sang er, umgeben von Polizisten und Kommilitonen, mit erhobener Faust die "Internationale". Vor dem Uni-Gremium erklärte er, er sei ein "anarchistischer Marxist". Die autoritären Organisationsformen der kommunistischen Bewegung lehne er vollkommen ab.
Kampfpause: Mit Knüppeln und Tränengas waren die Ordnungskräfte am 6. Mai in der Rue Saint-Jacques in Paris gegen protestierende Studenten vorgegangen. Einige von ihnen lagen verletzt oder vom Reizgas betäubt auf der Straße, andere versuchten vor den beißenden Rauchschwaden zu fliehen.
"Nacht der Barrikaden": Umgekippte Autos lagen am Morgen des 11. Mai 1968 kreuz und quer auf der Rue Gay-Lussac in Paris. In der Nacht hatten sich Tausende Studenten im Quartier Latin mit der Polizei Straßenschlachten geliefert und mit den Fahrzeugen Barrikaden errichtet.
Bewehrt: Zusätzlich zu ihren schwarzen Helmen trugen die CRS-Gardisten nach den nächtlichen Krawallen am 11. Mai Schutzgitter vor ihren Gesichtern.
Überwältigt: Elf Stunden dauerten die Straßenschlachten in der "Nacht der Barrikaden" im Quartier Latin. Am 11. Mai wurden festgenommene Studenten, mit verschränkten Armen hinter dem Kopf, von CRS-Gardisten durch die Trümmerlandschaft abgeführt.
Solidarisierung: Nach der "Nacht der Barrikaden" schlossen sich Arbeiter den Studentenprotesten an. Am 13. Mai riefen die Gewerkschaften zu einer gemeinsamen Demonstration auf. Studenten marschierten unter einem Transparent "Nieder mit der Unterdrückung".
Frontlinie: Bewaffnete Sicherheitskräfte und protestierende Studenten standen sich auf Tuchfühlung gegenüber.
Ausweitung der Kampfzone: Das brutale Vorgehen der Polizei gegen aufrührerische Studenten löste am 14. Mai neue Unruhen aus. Den Protesten der Hochschüler schlossen sich jetzt auch immer mehr Arbeiter an, die mit ihren Löhnen und Arbeitsbedingungen unzufrieden waren. Der Funke, der in Paris gezündet hatte, sprang nun auf das ganze Land über.
Teach-in: Am 15. Mai versammelten sich demonstrierende Studenten zu einer Generalversammlung im großen Amphitheater der wiedereröffneten Sorbonne, um über das weitere Vorgehen zu beraten. Ein "Teach-in" war 1968 eine populäre Form einer Diskussions- und Informationsveranstaltung.
Politische Losungen: Im Hof der Sorbonne wurde am 18. Mai ein Kleinlaster mit aufgeklebten Parolen geparkt. "Auf die Straße, Bürger" stand auf dem Plakat an der Frontseite, an der Tür "das Paris der Barrikaden ist kein sinnloses Vorhaben" - mit dem Wortspiel "Paris" und "pari".
Revoluzzer-Sprüche: Der Mai 1968 brachte in Paris etliche einprägsame Slogans hervor, etwa: "Seid Realisten, verlangt das Unmögliche" oder "Es ist verboten zu verbieten". Ein Graffito spielte auf die zur Sorbonne gehörende Kapelle an, in der sich das Grabmal des Kardinals Richelieu (1585-1642) befindet: "Wie soll man frei denken im Schatten einer Kapelle?"
Sympathisant: Der Philosoph Jean-Paul Sartre sprach am 21. Mai im überfüllten Amphitheater der Sorbonne aufmunternd zu den Studenten und diskutierte mit Daniel Cohn-Bendit. Dabei zitierte er den Vorwurf "vieler Leute" gegen die Anführer der Rebellion, sie würden "alles zerschlagen, ohne zu wissen, was Sie an die Stelle Ihrer Zerstörungen setzen". Darauf erwiderte Cohn-Bendit, es sei "gerade die Stärke unserer Bewegung, dass sie sich auf eine 'unkontrollierbare Spontaneität' stützt".
Feuer in den Straßen: Revoltierende Studenten häuften am 23. Mai Kartons und Obstkisten auf einer Kreuzung in Paris an und setzten sie in Brand.
Fanal: Fahrzeuge der CRS-Garde standen inmitten brennenden Mülls und aus der Straße herausgerissener Pflastersteine, nachdem es in der Nacht zum 23. Mai im Quartier Latin zu neuen Ausschreitungen gekommen war. Anlass war diesmal die von der Regierung verfügte Ausweisung Daniel Cohn-Bendits aus Frankreich.
Kampfbereit: Mit Helmen, Schilden und Knüppeln warteten Sicherheitskräfte der CRS am 25. Mai in einer Straße des Quartier Latin auf ihren Einsatz.
Brandlöscher: Feuerwehrleute mussten über aufgetürmte Müllberge steigen, um auf den Pariser Straßen Brände zu bekämpfen, die protestierende Studenten gelegt hatten.
Solidarität: Rund 50.000 Studenten und Arbeiter versammelten sich am 27. Mai im Pariser Charlety-Stadion zu einer Kundgebung. Es war die letzte gemeinsame Aktion während der Mai-Unruhen in Frankreich.
Bröckelnde Front: Arbeiter und Angestellte des Citroën-Werks in Nanterre, wo die Studentenunruhen ihren Ausgang genommen hatten, demonstrierten am 29. Mai in Paris. Sie folgten einem Aufruf der kommunistischen Gewerkschaft CGT. Diese hatte sich mit dem Studentenverband UNEF und der unabhängigen Gewerkschaft CFDT überworfen, weil diese die illegale Rückkehr von Daniel Cohn-Bendit nach Frankreich begrüßt hatten.
Schwindender Einfluss: Auch das medizinische Personal französischer Kliniken folgte am 29. Mai einem Aufruf der kommunistischen Gewerkschaft CGT zu einer Demonstration in Paris. Mit der Mai-Revolte setzte jedoch der Niedergang des kommunistischen Einflusses ein, der seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Frankreich beträchtlich gewesen war. CGT und die Kommunistische Partei hatten sich von den Anliegen der Studenten scharf abgegrenzt.
Rückkehr zur Macht: Hilflos agierte Staatspräsident Charles de Gaulle während der Mai-Unruhen. Am 29. Mai verschwand er einen ganzen Tag unauffindbar - er traf sich, wie sich herausstellte, mit französischen Militärs in Baden-Baden, weil er offenbar einen Staatsstreich befürchtete. Am 30. Mai war er wieder kämpferisch da: "Ich werde mich nicht zurückziehen", verkündete der Präsident im Fernsehen. Er löste das Parlament auf und setzte Neuwahlen an.
Demonstration der Gaullisten: Eine Stunde nach de Gaulles Fernsehansprache am 30. Mai marschierten 500.000 Anhänger der konservativen Regierung über die Champs-Elysées zum Triumphbogen. Als Antwort auf die protestierenden Studenten hatte der französische Innenminister Christian Fouchet ("Ich bitte Paris, diese Unterwelt zu erbrechen, die sie entehrt") die Großkundgebung organisiert. Bei der Neuwahl der Nationalversammlung Ende Juni errangen die Gaullisten einen Erdrutschsieg: Sie gewannen 358 von 487 Parlamentssitzen.