Elio Materassi Zwangsarbeiter in Bremen
Infanterist in der Warteschleife: Mit 20 Jahren musste der gelernte Mechaniker Elio Materassi zur Armee. Dieses Foto zeigt den Rekruten 1942 im norditalienischen Castelvetro di Modena. Monatelang wartete der junge Italiener auf seine Versetzung an eine der Weltkriegsfronten. Stattdessen schickten ihn die Deutschen wenig später als Kriegsgefangenen auf eine Reise durch halb Europa und brachten ihn als Zwangsarbeiter fast um.
Bedrückende Berichte: Seine Erlebnisse zwischen 1942 und 1945 schrieb Materassi regelmäßig in ein kleines Heftchen. Die Notizen über seinen Alltag gewähren tiefe Einblicke in das Leben eines Soldaten und Zwangsarbeiters im Zweiten Weltkrieg. 1992 machte Materassi gemeinsam mit zwei anderen ehemaligen Soldaten sein Tagebuch publik: Seine Heimatstadt veröffentlichte den schmalen Band unter dem Titel "Diari di Guerra e di Prigionia" (deutscher Titel: "Krieg und Gefangenschaft. Drei Tagebücher").
Die Gedenkstätte "Baracke Wilhelmine" auf dem ehemaligen Lagergelände und die Landeszentrale für poltische Bildung in Bremen ließen Materassis Tagebuch ins Deutsche übersetzen, Titel: "Vierundvierzig Monate im Leben eines italienischen Soldaten". einestages veröffentlicht erstmals Auszüge daraus.
Höllische Handarbeit: Der Bau der gigantischen U-Boot-Werft "Bunker Valentin" bei Bremen erforderte enormen Aufwand. Doch obwohl modernste Geräte zum Einsatz kamen, erledigten die Gefangenen primitive Sklavenarbeiten: Sie schleppten Zementsäcke und hoben riesige Gruben mit Schaufeln aus. Auf diesem gestellten Bild der NS-Propaganda positionieren Zwangsarbeiter einen Spannbetonbogen für das Dach der Bunkerwerft mit Hilfe von Eisenstangen.
Soldat wie der Vater: Schon Elio Materassis Vater, ein Arbeiter aus Sieci bei Florenz, hatte in der Armee gedient und im Ersten Weltkrieg gekämpft. Elio, hier auf einem Foto von 1942, war aber vor allem der Musik zugeneigt: In Sieci wurde er schon als Jugendlicher zweiter musikalischer Leiter der örtlichen Musikkapelle. Dort spielte er Klarinette, bis er 15 war. In der Armee half ihm seine musikalische Leidenschaft: Ein Oberleutnant wählte ihn für eine Militärkapelle aus, so dass Materassi nur selten an Schießübungen teilnehmen musste.
Nachricht aus Bremen: Elio Materassi durfte als Kriegsgefangener Briefe an seine Eltern schreiben. Die Übermittlung der Post in seinen Heimatort Pontassieve bei Florenz dauerte Wochen. Dieses Schreiben, adressiert an Materassis Vater Tullio, schickte der 22-Jährige am 2. April 1944 ab - der Stempel der Feldpoststelle ist auf den 9. Mai datiert.
Letzte Grüße aus der Freiheit: Wenige Monate nach seinem Besuch in San Remo, wo im Februar 1943 dieses Foto entstand, nahm eine SS-Einheit Materassi gefangen. Fast anderthalb Jahre verbrachte der junge Italiener als Zwangsarbeiter in Gefangenschaft. Von dieser Zeit erzählte er seinem Sohn und seinen Enkeln jahrzehntelang immer wieder. Das Gefangenenlager und den Bunker in Bremen sah Materassi jedoch nie wieder.
Einsatz auf Schiffen: Nicht nur unmittelbar auf der Bunkerbaustelle setzten die Nazis ihre Gefangenen ein. Auf diesem Foto etwa laden Arbeiter am 30. November 1943 Baumaterial vom Frachtschiff "Anna". Zu welchen Tätigkeiten Elio Materassi während seiner 20 Monate in Bremen im Einzelnen gezwungen wurde, lässt sich aus seinem Tagebuch nicht detailliert rekonstruieren. Klar ist aber, dass er für eine deutsche Eisenbinde-Firma arbeiten musste.
Wahnsinn in Beton gegossen: Der gigantische Bunker "Valentin", an dem Elio Materassi arbeitete, sollte in nur anderthalb Jahren fertiggestellt werden. Von 1945 an sollte die bombensicherere Fabrik U-Boote des Typs XXI produzieren und so den "Endsieg" sichern. Im Umland ermöglichte ein gigantischer Komplex aus Gefangenenlagern, Schienen und industriellen Anlagen den rasanten Fortschritt des Projekts. Das Bild zeigt den fast fertiggebauten Bunker am 18. Juni 1945.
Strahlender Soldat: Als dieses Foto 1942 im norditalienischen Vergato entstand, genoss Elio Materassi noch ein weitgehend unbeschwertes Leben als Soldat in der Ausbildung. Nach seiner Zeit in deutschen Kriegsgefangenenlagern verbrachte er den Rest seines Lebens in seinem Heimatort Sieci, aus dem auch seine Eltern stammten. Materassi starb am 9. April 2011.
Soldat gefangen, Porto frei: Während die Deutschen Materassi als Zwangsarbeiter knechteten und dieser bis auf 35 Kilo abmagerte, funktionierte die Bürokratie bis zuletzt einwandfrei. Diesen Feldpostbrief an seine Eltern schrieb Materassi am 21. Mai 1944 (Poststempel 19. Juni). Er enthält neben der Gefangenennummer und Angaben zu seinem Lager auch den Kommentar: "Gebührenfrei!"
Europa im Gefangenenlager: Unter den Arbeitern im Bunker "Valentin" - hier eine Kolonne im Jahr 1944 - waren Menschen aus fast allen Ländern des Kontinents. Osteuropäer und Juden hatten es besonders schwer, wohingegen "Fremdarbeiter" aus den Niederlanden oder Frankreich teilweise sogar Urlaub und einen geringen Lohn bekamen. Elio Materassi gehörte als einer von vermutlich rund tausend Italienern zu den etwas bessergestellten Zwangsarbeitern.
Arbeiten im Mega-Bunker: Vermutlich mehr als 10.000 Menschen zwangen die Nazis ab Herbst 1943 auf der Baustelle des Bunkers "Valentin" zu schweren körperlichen Arbeiten. Die Häftlinge arbeiteten in streng hierarchisch gegliederten Gruppen: KZ-Insassen und Gefangene aus Arbeitslagern waren ebenso im Einsatz wie Kriegsgefangene und Internierte. Einfache Arbeiter wurden von ebenfalls gefangenen Kapos bewacht, an der Spitze jeder Hierarchie standen Deutsche. Dieses mutmaßliche Propagandabild von 1944 zeigt vermutlich gezielt Häftlinge, die wohlgenährt aussehen und keiner Arbeit nachgehen.