Tempodrom Berlin: Ein Träumchen im Schatten der Mauer - DER SPIEGEL
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Berliner Tempodrom Ein Träumchen im Schatten der Mauer

Auf der sandigen Brache des Potsdamer Platzes stand in West-Berlin das Tempodrom. Hier liefen legendäre Konzerte von Nina Hagen bis Bob Dylan. Jetzt erzählt Gründerin Irene Moessinger ihre Geschichte - wie sie von ihrer Erbschaft ein Zirkuszelt kaufte und später Schiffbruch erlitt.
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Fast wie im Märchen: Eine Berliner Krankenschwester macht eine unerwartete Erbschaft und kauft sich davon ein großes Zirkuszelt - fast schon kitschig. Aber die Wahrheit. Die Kreuzberger Anarchistin Irene Moessinger gründete das alternative Kulturzentrum Tempodrom und lebte in einem Zirkuswagen. Als sie später ein festes Haus baute, scheiterte sie.

Foto: Jim Rakete
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Kollektiv geht nie schief: Mit gemeinsamen Kräften bauten Aktivistinnen und Aktivisten im Frühjahr 1980 ein großes grünes Zirkuszelt am Potsdamer Platz in West-Berlin im Schatten der Mauer auf. Die gelernte Krankenschwester Irene Moessinger hatte es dank einer Erbschaft vom Zirkus Busch in Hannover kaufen können.

Foto: Udo Schneider
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Die Tödliche Doris war eine der Bands, die als "geniale Dilletanten" bei der "Großen Untergangs-Show" im Sommer 1981 im Tempodrom sehr schräge Musik machten; von links Dagmar Dimitroff, die 1990 starb, Wolfgang Müller und Nikolaus Utermöhlen, der 1996 starb.

Foto: Horst Blohm
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Avantgarde und Untergrund: Das Tempodrom bot den ersten West-Berliner Punk- und New-Wave-Bands eine Bühne. Einstürzende Neubauten, Tödliche Doris und viele andere traten im Sommer 1981 als "geniale Dilletanten" bei einem Festival im Zelt am Potsdamer Platz auf.

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Das große grüne Zelt fasste rund 2500 Zuschauer oder, wenn es sein musste, auch mehr. Die Tempodrom-Gründer im Frühjahr 1980 vor dem Objekt ihrer Begierde, beim Gruppenbild mit Dame: Gerd Möbius, Norbert Waehl, Irene Moessinger, Holger Klotzbach und Wolfgang Wigands.

Foto: Udo Schneider
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Die feierliche Eröffnung war für den 1. Mai 1980 angesetzt. Irene Moessingers Partner Norbert Waehl mit "Kulturbezugsscheinen", Eintrittskarten für den Ort, der neben dem SO 36 die wichtigste Bühne der West-Berliner Sub- und Alternativkultur der Achtzigerjahre wurde. In dem Zelt mischten sich die Hippiekultur der Siebziger mit Punk und New Wave.

Foto: Udo Schneider
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Avanti Dilettanti: Das Tempodrom biete eine "bunte Mischung aus Zirkus und Theater, Variete und liebenswürdig-unprofessioneller Revue", schrieb der SPIEGEL 1980. Die Betreiber seien "meist Randgruppler" und "neigen allesamt zu Alleingängen. Vor lauter Einfällen kommt die Ausführung zuweilen zu kurz." Das Tempodrom war berlinisch, also skurril und nach einem Jahr schon pleite. Irgendwie ging es trotzdem weiter.

Foto: Peter Gruchot
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Absurdistan: Aus der Entfernung wirkte das Tempodrom-Zelt mit seinen vier hohen Masten wie ein temporärer Nachbau der Hagia Sophia in Istanbul. Im Inneren ging es weit weniger religiös zu als in der einstmals größten Kirche der christlichen Welt. Der Platz an der Mauer war ein surrealer Ort im absurden West-Berlin.

Foto: imago/ Peter Homann
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Junge Anarchisten besetzten Ende 1970 ein leerstehendes ehemaliges Schwesternheim in Berlin-Kreuzberg und nannten es Georg-von-Rauch-Haus, nach einem von einem Polizisten erschossenen linksradikalen Studenten. Sie bewaffneten sich gegen einen angeblich drohenden Polizeieinsatz; die Zweite von links im hellen Pullover ist Irene Moessinger.

Foto: Jutta Matthess
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Herz für Kinder: Moessinger und ihre Crew gründeten nicht nur einen Tempodrom-Kinderzirkus, sondern auch eine Artistenschule für jugendlichen Zirkusnachwuchs.

Foto: privat
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Auf der Straße gefiel es den Tempodrom-Leuten manchmal besser als in Berlin. Also gingen sie auf Tour - Irene Moessinger 1982 in Wien.

Foto: privat
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Harvey and the Headbangers, eine eher abseitige britische Band, trat 1986 im Tempodrom auf, mehrmals aber auch Bob Dylan.

Foto: imago/ BRIGANI-ART
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Königin des deutschen Punkrock: Nina Hagen war von Anfang an eine große Freundin des Tempodrom und tobte immer wieder über die Bühne des Zirkuszelts, hier 1987. Eine Zeitlang wohnte sie in einem Zirkuswagen beim Tempodrom.

Foto: imago/ BRIGANI-ART
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Tschüss Potsdamer Platz: Nach ständigen Beschwerden von Anwohnern wegen Lärmbelästigung durch laute Rockbands musste das Tempodrom 1985 den Potsdamer Platz verlassen und fand einen neuen Standort im Tiergarten neben der Kongresshalle. Die überdimensionale Sektflasche zog selbstverständlich mit um.

Foto: Ledesi
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"Heimatklänge" hieß eine beeindruckende innovative Veranstaltungsreihe im Tempodrom. Aus einem Spektrum, das später "Weltmusik" genannt wurde, traten bei freiem Eintritt im Sommer Musikerinnen und Musiker aus aller Welt auf, auf diesem Foto zum Beispiel 1989 das Paul Stinga Orchester aus Rumänien.

Foto: imago/ BRIGANI-ART
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Cuba si! Bei den Heimatklängen im Tempodrom kamen Mitglieder der jeweiligen West-Berliner Ausländer-Communities ins Tempodrom, um Konzerte von Musikern aus ihren Herkunftsländern zu erleben - wie diese Kubanerinnen.

Foto: privat
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Platz da! Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) fand, dass ein Zelt mit Konzerten und Revuen gleich in der Nähe des neuen Kanzleramts gar nicht gehe. Die Tempodrom-Truppe protestierte und baute den Veranstaltungsort zum "Gallischen Dorf" um, Wildschweinbraten und Zaubertrank inklusive - vergebens, sie mussten erneut mit ihrem Zelt umziehen, diesmal in die Nähe des Ost-Berliner Hauptbahnhofes.

Foto: Andreas Schoelzel
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Elefanten machten sich immer gut: Irene Moessinger und Peter Strieder (SPD), Berliner Senator für Bau und Stadtentwicklung, bei der Grundsteinlegung des Neuen Tempodrom am 21. Mai 2000. Wie schon beim Potsdamer Platz handelte es sich bei der Fläche des einstigen Anhalter Bahnhofs um eine Brache, die durch britisches und amerikanisches Bombardement im Zweiten Weltkrieg entstanden war.

Foto: imago/ PEMAX
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Die alte Freundin des Tempodroms, Sängerin Nina Hagen, blieb Irene Moessingers Projekt treu. Beim Richtfest des permanenten Gebäudes am Anhalter Bahnhof setzte sie sich ans Schlagzeug.

Foto: privat
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Das neue Tempodrom eröffnete feierlich am 8. Dezember 2001, nun als festes Haus aus Beton statt eines temporären Zelts. Auch wenn der runde Saal sich für Konzerte sehr gut eignete, gingen viele Tempodrom-Freunde den Weg vom Utopia am Potsdamer Platz zum etablierten Veranstaltungsort am einstigen Anhalter Bahnhof nicht mit. Als "Café Größenwahn" kritisierte der Grünen-Politiker Wolfgang Wieland das Gebäude mit dem spitzen Betondach.

Foto: MARKUS SCHREIBER/ Associated Press
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Let's dance: Irene Moessinger tanzt mit Berlins Feierbürgermeister Klaus Wowereit (SPD) im Dezember 2001 bei der Eröffnung des neuen Tempodroms.

Foto: MARKUS SCHREIBER/ Associated Press
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Finanzschlamassel: Die Baukosten für das neue Tempodrom hatten sich mehr als verdoppelt, auf deutlich über 30 Millionen Euro, der verantwortliche Senator musste zurücktreten. Irene Moessinger und ihr Partner wurden aus ihrem Bau gedrängt, wegen Untreue angeklagt, aber erster Klasse freigesprochen. Heute ist das Tempodrom ein schöner Konzertsaal und erfolgreicher Veranstaltungsort, von dessen radikalen Anfängen aber nur der Name übrig blieb.

Foto: imago/ United Archives
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