Terroranschlag von Djerba - DER SPIEGEL
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Terroranschlag von Djerba "Hier kommen wir nicht mehr raus"

Es war der erste Anschlag von al-Qaida nach 9/11: Am 11. April 2002 explodierte in Tunesien ein Brandsatz vor einer Synagoge. 21 Menschen starben, darunter 14 Deutsche. Zehn Jahre nach dem Attentat erinnern sich Helfer, Angehörige und Überlebende - die bis heute mit ihren Alpträumen kämpfen.
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Terroranschlag im Urlaubsparadies: Eine deutsche Touristin, die das Attentat auf Djerba überlebte, nahm dieses Foto kurz nach der Explosion auf.

Vorne im Bild sind noch Überreste des Kleinlasters zu sehen, der gegenüber dem Eingang der Synagoge geparkt hatte. Er war mit vermutlich 5000 Litern Flüssiggas beladen; der tunesische Selbstmordattentäter Nizar Ben Mohammed Nawar sprengte sich mit dem Wagen am 11. April 2002 genau in jenem Moment in die Luft, als eine Gruppe Touristen in die Ghriba-Synagoge drängte.

Foto: DPA/ NDR
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Dokumente des Grauens: Ausschnitt aus einer Amateur-Videoaufnahme des deutschen Touristen Helmut Eckert. Seine Kamera lief auch mit, als er und seine Frau in der Synagoge in Panik in den Gebetsraum flüchteten. Das BKA wertete die Aufnahmen aus; später flimmerten sie über viele Fernsehbildschirme. Eckert hatte die Videoaufnahme den Reportern unentgeltlich zur Verfügung gestellt, weil er, wie er sagt, "nicht am Leid anderer verdienen wollte".

Ein anderer Hobbyfilmer aus Hamburg hatte ebenso zufällig Aufnahmen von brennenden Opfern gemacht. Sie waren so schrecklich, dass er sie hingegen aus Respekt vor den Angehörigen niemals der Öffentlichkeit zumuten wollte. Später verfolgten ihn diese Bilder so sehr, dass er das Band schließlich löschte.

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Aufklärung unerwünscht: Um Touristen nicht zu verschrecken, hielt die tunesische Regierung lange an der These von einem tragischen Unfall fest. Die Reste des explodierten Lasters verschwanden auf einem von der Polizei streng gesicherten Schrottplatz, und 28 Stunden nach dem Feuer waren fast alle verrußten Stellen in der Synagoge wieder frisch übermalt.

Schon bald sprach allerdings auch der damalige SPD-Innenminister Otty Schily von "sich verdichtenden Indizien", die für einen Anschlag sprachen - und kritisierte deutlich die Zusammenarbeit mit den tunesischen Behörden.

Foto: AFP
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Nach der Explosion: Verkohlte Sitzbänke in der Ghriba-Synagoge auf der tunesischen Ferieninsel Djerba.

Über das Überleben entschied an jenem Tag der Zufall: Jene Touristen, die am Morgen des 11. April als Erste in die Synagoge gegangen waren, hatten die größten Chancen; viele konnten sich in den Gebetsraum der Synagoge flüchten. In Panik versuchten sie dort, durch die vergitterten Fenster zu entkommen - das misslang zwar, doch in diesem hinteren Teil der Synagoge wurden sie von der Feuerwalze nicht getroffen. Wer jedoch am Morgen etwas später aus dem Reisebus gestiegen war und am Eingangsbereich der Synagoge stand, erlitt schwerste, oft tödliche Verbrennungen.

Foto: AP
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Nach dem Attentat: Mitglieder der tunesischen jüdischen Gemeinde begutachten in der Ghriba-Synagoge die Schäden, die der Anschlag angerichtet hat. Die Synagoge ist die älteste in Nordafrika und daher ein häufiges Besichtigungsziel von Touristen.

Offizielle tunesische Stellen sowie der Vorstand der jüdische Gemeinde hielten noch Tage nach dem Attentat an der Version fest, das Flammeninferno sei durch einen tragischen Unfall ausgelöst worden. Demnach sei ein Tanklaster versehentlich in die Synagoge gerast.

Etliche Indizien und zahlreiche Augenzeugenberichte von deutschen Touristen sprachen allerdings gegen die Unfall-These. So war es etwa nahezu unmöglich, dass ein großer Tanklaster überhaupt mit hoher Geschwindigkeit durch die enge Gasse an dem Touristenziel vorbeigepasst hätte - um dann auch noch zufällig in die Synagoge zu fahren. Stattdessen hatten Überlebende einen kleinen Laster gesehen, der unmittelbar vor der Explosion gegenüber vom Haupteingang der Synagoge geparkt hatte.

Foto: AP
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Großes Medieninteresse: Es war der erste Anschlag nach dem 11. September 2001 und das erste Mal, dass überwiegend Deutsche in den Fokus islamistischer Terroristen gerieten. Das Medieninteresse war dementsprechend gewaltig - hier stellt sich der damalige SPD-Bundesinnenminister Otto Schily den Fragen der Reporter. Schily war unmittelbar nach dem Anschlag nach Tunesien gereist, um sich persönlich über den Stand der Ermittlungen zu informieren.

Foto: AP
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Spurenbeseitigung: Ein Arbeiter reinigt nur einen Tag nach dem Terroranschlag in der Ghriba-Synagoge den Fußboden - sehr zum Ärger von deutschen Ermittlern. Bei dem al-Qaida-Attentat vom 11. April 2002 waren insgesamt 21 Touristen getötet worden, darunter 14 aus Deutschland.

Foto: AP
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Rückkehr: Sanitäter rollen am 13. April 2002 auf dem Hamburger Flughafen einen Verletzten aus einem Rettungswagen zu einem Bundeswehr-Hubschrauber. Mit dem Helikopter wurde der Patient in die nächste Spezialklinik gebracht. Mit dem Medevac-Airbus waren auf dem Airport Fuhlsbüttel insgesamt zehn Djerba-Opfer angekommen, die beim Terroranschlag zwei Tage zuvor schwer verletzt worden waren.

Foto: AP
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Rettungsversuche: Ärzte eilen mit einem zugedeckten Patienten, der zu den Brandopfern von Djerba zählt, durch die Intensivstation des Unfallkrankenhauses Berlin. Die Spezialisten mussten um das Leben von Menschen kämpfen, deren Haut bis zu 90 Prozent verbrannt waren - und die zudem unmittelbar nach dem Anschlag in den tunesischen Krankenhäusern medizinisch oft nur unzureichend versorgt worden waren.

Foto: AP
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Familientragödien: Für die durch das Attentat von Djerba getöteten Jovanka H. und deren Vater zünden Freunde am 23. April 2002 auf dem Rathausplatz in Neustadt (Schleswig-Holstein) während einer Gedenkfeier Kerzen an. Die 15-Jährige war in einem Lübecker Krankenhaus ihren Verletzungen erlegen; zwei ebenfalls verletzte Schwestern überlebten.

Das Attentat zerriss ganze Familien. In einem besonders tragischen Fall überlebte nur ein 16-Jähriger die erlittenen Verbrennungen - sein Bruder, seine Großmutter und seine Mutter starben hingegen in deutschen Krankenhäusern; sein Vater war schon kurz vor dem Anschlag gestorben.

Foto: dpa
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Deutscher Drahtzieher: Sieben Jahre nach dem Djerba-Attentat wurde Christian Ganczarski von einem französischen Schwurgericht wegen Beihilfe zum Mord zu 18 Jahren Haft verurteilt. Der Deutsche war zum Islam übergetreten und nannte sich seitdem Abu Ibrahim. Zwischen 1999 und 2001 war er mindestens sechs Mal nach Afghanistan gereist, Bilder zeigten ihn dort mit Osama bin Laden; in Afghanistan lernte er zudem den späteren Djerba-Attentäter Nizar Ben Mohammed Nawar kennen.

Verurteilt wurde Ganczarski in einem nicht unumstrittenen Prozess allerdings nur wegen eines 112-sekündigen Gesprächs, das Nizar Ben Mohammed Nawar kurz vor dem Anschlag mit ihm geführt hatte - und das deutsche Verfassungsschützer mitgeschnitten hatten. In der scheinbar banal klingenden Plauderei bat der Täter Ganczarski um eine "Dawaa" - das arabische Wort für "Segen". Ganczarski antwortete darauf mit "so Gott will". Die Richter urteilten, der Deutsche habe damit grünes Licht für den Anschlag gegeben.

Ganczarski hingegen bestreitet das bis heute und behauptet, er sei grundsätzlich gegen Selbstmordattentate. In Afghanistan sei er nur aus religiösen Gründen gewesen. "Ich habe mich bei den Opfern schon genug entschuldigt für eine Tat, die ich nicht begangen habe", sagte er während des Prozesses in Paris.

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Ende eines Ausflugs: Am Morgen des 11. April 2002 waren 45 Pauschaltouristen zu einer Kurzreise auf Djerba aufgebrochen. Nach der Besichtigung eines Damms und einer Töpfer-Manufaktur galt der Besuch der Ghriba-Synagoge als Höhepunkt des Ausflugs - doch er endete in einer Katastrophe. Das Foto entstand einen Tag nach dem Attentat.

Später verklagte eine Familie, deren dreijähriger Sohn bei dem Anschlag schwerste Verbrennungen erlitten hatte, die TUI-Tochter 1-2-Fly auf Schadensersatz. Der Reiseveranstalter habe den Urlaubern unterschlagen, dass der Besuch der Synagoge nicht unproblematisch sei; schon vor dem Anschlag seien Reisebusse mit Pflastersteinen angegriffen worden. Die Klage der Familie scheiterte jedoch im Jahr 2005.

Die Überlebenden des Anschlags erhielten allerdings über einen Opferfonds der Bundesregierung und vom tunesischen Hotelverband eine Entschädigung.

Foto: AP
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Friedliches Fest vor der Katastrophe: Jüdische Pilger im Mai 2001 in der Ghriba-Synagoge auf der tunesischen Ferieninsel Djerba, etwa ein Jahr vor dem Anschlag. "Die Wunderbare" heißt der Name der ältesten Synagoge Nordafrikas übersetzt; sie ist nicht nur bei Pilgern beliebt, sondern auch das Besuchsziel von Tausenden Djerba-Urlaubern.

Foto: dpa
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Scheinbare Normalität: Arbeiter pflastern schon acht Tage nach dem Anschlag die Straße neben der Ghriba-Synagoge - trotz der Katastrophe wurden auch 2002 zur jährlichen Wallfahrt im Mai Tausende jüdische Pilger erwartet

Foto: AP
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Walid Nawar: Der Bruder des Djerba-Attentäters Nizar Ben Mohammed Nawar, hier eine Aufnahme vom 22. April 2002, wurde später zu zwölf Jahren Haft verurteilt. Der in Lyon lebende Mann hatte nach Einschätzung eines französischen Gerichts seinen Bruder technisch und logistisch unterstützt - etwa mit gefälschten Papieren und einem Satellitentelefon.

Foto: dpa
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