Thyssenkrupp Abstieg eines Giganten
Thyssenkrupp galt mehr als 200 Jahre lang als Herz der deutschen Wirtschaft. Diese Zeiten sind vorbei. Der Traditionskonzern aus dem Ruhrgebiet ist nun aus dem Dax gefallen, er schwächelt bereits seit Jahren bei Marktkapitalisierung und Börsenumsatz.
Seit 2018 stand Guido Kerkhoff an der Spitze des Konzerns. Nicht einmal mehr sieben Milliarden Euro Börsenwert hat das Unternehmen noch, das weltweit mehr als 160.000 Mitarbeiter beschäftigt. Im Oktober hat Kerkhoff an Martina Merz übergeben müssen.
Im Dax wurde ThyssenKrupp vom Triebwerkshersteller MTU abgelöst. Das Münchener Unternehmen übernimmt damit wohl einen der traditionsreichsten Plätze im Dax, Vorläuferunternehmen Thyssen war Gründungsmitglied.
Alfred Krupp hatte die Gussstahlfabrik seines Vaters im 19. Jahrhundert zu einem der größten Industriekonzerne in Europa aufgebaut. Der heutige Unternehmenschef Kerkhoff sagte erst vor wenigen Wochen in einem SPIEGEL-Gespräch: "Es gibt Wichtigeres, als der Zugehörigkeit zu einem Index nachzutrauern."
Von Alfred Krupp entworfener Dampfhammer "Fritz" 1861: Der Industrielle wurde durch die Produktion von Radreifen für die Eisenbahn groß, die er ohne Nähte herstellte. Drei Reifen finden sich noch heute im Logo Thyssenkrupps wieder.
Friedrich Alfred Krupp - hier 1882 mit seiner damaligen Verlobten und späteren Ehefrau Margarete - führte den Konzern weiter, starb jedoch 1902 unerwartet. Er wurde nur 48 Jahre alt.
Krupp galt im 19. Jahrhundert als strenger, aber auch als fürsorglicher Arbeitgeber. Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts gab es Kranken- und Sterbekassen sowie Pensionskassen. So wurden auch Siedlungen für Beschäftigte gebaut - wie hier die Siedlung Margarethenhöhe in Essen um 1912. Das Viertel wurde nach Friedrich Alfred Krupps Frau Margarethe benannt.
Das Unternehmen verlangte den Mitarbeitern auch etwas ab: uneingeschränkte Loyalität. Die pflegte Krupp selbst auch in die höchste Politik. Zur Beerdigung Alfred Krupps 1902 (im Bild) kam auch Kaiser Wilhelm II.
Das dürfte auch mit diesem ebenfalls enorm wichtigen Unternehmenszweig zu tun haben - der Rüstungsindustrie. Krupps Geschütz "Dicke Bertha", hier eine Darstellung aus dem Ersten Weltkrieg an der Westfront in Belgien 1914, schaffte es bis in den Volksmund.
Ob der Name der Kanone tatsächlich auf Konzernerbin Bertha Krupp von Bohlen und Halbach zurückgeht, ist umstritten. Hier ein Foto von aus dem Jahr 1953 - sie starb 1957 im Alter von 72 Jahren.
Und auch heute steht ThyssenKrupp noch für Rüstung. Die Werften-Tochter Thyssenkrupp Marine Systems (TKMS) verkauft unter anderem U-Boote der Howaldtswerke-Deutsche Werft (HDW).
Berthas Sohn, der letzte Firmen-Patriarch Alfried Krupp von Bohlen und Halbach 1966 auf seiner Segeljacht "Germania: Nach 1945 lag die einstige Waffenschmiede des Dritten Reichs am Boden. Alfried Krupp musste als Kriegsverbrecher und wegen des Einsatzes von Zwangsarbeitern ins Gefängnis.
Ende der Fünfzigerjahre dominierte Krupp schon wieder die deutsche Industrie. Statt Waffen produzierte der Essener Konzern nun vor allem Brücken, Kräne, Lastwagen und Lokomotiven, Schiffe und Turbinen. Und auch wieder Stahl, die Alliierten gaben nach - und die Hütten im Ruhrgebiet liefen wieder.
Das ist auch das Verdienst von Berthold Beitz, der in den Fünfzigerjahren seine Karriere bei Krupp begann. Trotz Westbindung Deutschlands reiste er zu Nikita Chruschtschow nach Moskau. Beitz fing 1952 bei Krupp an und wurde schnell zweiter Mann hinter Alfried Krupp.
Hier ist Beitz 1974 mit der persischen Kaiserin Farah und dem damaligen deutschen Teheran-Botschafter Georg von Lilienfeld zu sehen. Nach Alfrieds Tod verwaltete Beitz den Konzern.
Das hing auch mit Arndt von Bohlen und Halbach zusammen. Indem Alfried Krupps einziger Sohn auf sein Erbe verzichtete, half er der Firma in einer schwierigen Lage. Ihm wurde aber auch nachgesagt, das Jetset-Leben damals sehr genossen zu haben.
Arndt von Bohlen und Halbach mit seiner Frau Henriette Hetti": Die Klatschpresse schrieb viel über die letzte Generation der Krupps. Arndt starb 1986 mit nur 48 Jahren an Krebs.
Beitz setzte fortan auf Gerhard Cromme. Das Stahlgeschäft in den Achtzigerjahren war schwierig - und im Ruhrgebiet herrschte Angst vor Arbeitslosigkeit.
Stahlarbeiter kämpften gegen die Schließung der Hütte in Duisburg-Rheinhausen. Das Bild zeigt Mitarbeiter, die zur Villa Hügel zogen, den Prachtbau der Industriellenfamilie unweit des Essener Baldeney-Sees. Die 269 Räume der Villa sind ein Stück deutsche Geschichte.
In der anhaltenden Stahlkrise versuchte Cromme den doppelt so großen Düsseldorfer Konkurrenten Thyssen zu übernehmen.
Unter den Mitarbeitern führten die Fusionspläne 1997 zu noch größerer Angst vor Arbeitslosigkeit. Protestierend zogen 14.000 Menschen zur Betriebsversammlung in die Rhein-Ruhr-Halle in Duisburg.
Erst 1999 gelang Cromme in einem zweiten Anlauf der Zusammenschluss mit dem von Fritz Thyssen - hier eine Aufnahme des Großindustriellen aus dem Jahr 1948 - geprägten Unternehmen.
Zehn Jahre zuvor hatte Cromme bei Krupp angefangen. 1991 konnte er die Macht des Unternehmens bereits schon einmal durch eine Übernahme ausbauen - der des Dortmunder Hoesch-Konzerns.
Nach der Fusion von Thyssen und Krupp überließ Cromme 2001 dem früheren Thyssen-Manager Ekkehard Schulz allein den Posten als Vorstandschef. Von der Doppelspitze zog er sich in den Aufsichtsratsvorsitz zurück. Es folgten Skandale rund um den Bau eines Stahlwerks in Brasilien sowie Luxusreisen für Gewerkschafter und Journalisten. Dennoch blieb Schulz bis 2010.
Wohl das größte Sorgenkind blieb auch in seiner Zeit die Stahlsparte des Konzerns. Erst im Frühjahr 2019 scheiterte die Stahlfusion mit dem Rivalen Tata Steel Europe. Auch die geplante Aufspaltung in zwei eigenständige, börsennotierte Unternehmen für Werkstoffe und für Industriegüter wurde gekippt.
Berthold Beitz kriegt von all dem nichts mehr mit. Er starb 2013 im Alter von 99 Jahren. Der damalige Bundespräsident Joachim Gauck würdigte den langjährigen Krupp-Stiftungschef mit den Worten: Beitz habe "mit seinem Tun, mit seinem Dasein unser Land besser, schöner und menschlicher gemacht". Im Zweiten Weltkrieg hatte Beitz Hunderte Juden vor dem Tod durch SS-Soldaten gerettet.
Nach Beitz' Tod wurde stärker über eine mögliche Zerschlagung oder über einen Umbau des Konzerns gestritten. Weil Heinrich Hiesinger hierzu die Rückendeckung im Aufsichtsrat fehlte, gab er 2018 nach noch nicht einmal acht Jahren als Vorstandsvorsitzender auf.
Der seit gut einem Jahr amtierende Konzernchef Kerkhoff will Thyssenkrupps Strategie radikal ändern - und Tausende Arbeitsplätze streichen, zahlreiche davon auch in Deutschland. Auch der großzügige und laut Anteilseigner Cevian viel zu teure Campus in Essen steht in der Kritik. Dass Kerkhoff seine Mitarbeiter zuletzt sogar aufrief, beim Büromaterial zu sparen, dürfte die Frage nach dem richtigen Kurs noch verschärfen.
Mit zu den rentabelsten Unternehmensteilen gehört die Aufzugsparte - der Bedarf wächst. Bislang hatte Thyssenkrupp die Sparte teilweise an die Börse bringen wollen. Doch womöglich treibt der Konzern auch einen Verkauf voran.
Durch einen Verkauf könnte Thyssenkrupp viel Geld einnehmen - denn durch den Abstieg aus dem Dax dürfte der Aktienkurs unter Druck geraten.