Tod an der Grenze - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Tod an der Grenze Das ewige Opfer

Jude - Kommunist - Deutscher: Als der Journalist Kurt Lichtenstein zwei Monate nach dem Mauerbau an der innerdeutschen Grenze erschossen wurde, machte ihn die westdeutsche Politik zum "Blutzeugen" der deutschen Teilung. Den Behörden aber blieb das ehemalige KPD-Mitglied bis zuletzt suspekt.
1 / 19

Gedenken und Provokation: Dies war die erste Tafel zur Erinnerung an den Tod von Kurt Lichtenstein. Sie wurde am 18. Oktober 1961 von Studenten der Technischen Hochschule Braunschweig an der Stelle der Straße von Zicherie nach Kaiserwinkel aufgestellt, an der der Journalist niedergeschossen worden war.

Foto:

DPA

2 / 19

Von Kugeln durchsiebt: Bei der Dokumentation des Tatorts fotografierte die niedersächsische Polizei auch das zerschossene Auto Kurt Lichtensteins. In einem roten Ford Taunus war der Journalist am Morgen des 9. Oktober 1961 zu der Recherchereise an die deutsch-deutsche Grenze aufgebrochen. Der Pfeil zeigt die Stelle, von der die Grenzsoldaten das Feuer auf Lichtenstein eröffneten.

Foto: Sammlung Heinrich Steinmetz
3 / 19

Einschussstelle: Kurt Lichtenstein hatte seinen Wagen am Straßenrand zwischen Zicherie und Kaiserwinkel abgestellt und zu Fuß den trockengelegten Graben durchquert, in deren Mitte die Grenze zur DDR verlief. Die Schüsse der ostdeutschen Grenzposten trafen sowohl ihn als auch seinen Wagen auf niedersächsischer Seite.

Foto: Sammlung Heinrich Steinmetz
4 / 19

Schleifspur auf dem Acker: Nachdem DDR-Grenzer Kurt Lichtenstein niedergeschossen hatten, versuchten sie, seine Wunden notdürftig zu versorgen und schleiften ihn schließlich ins Hinterland. Noch am Nachmittag starb der Journalist im Krankenhaus von Klötze in der DDR.

Foto: Sammlung Heinrich Steinmetz
5 / 19

Unsichtbare Grenze: Die Landstraße von Zicherie nach Kaiserwinkel lief im Oktober 1961 direkt an der deutsch-deutschen Grenze entlang. Zu dieser Zeit gab es allerdings nur Warnschilder, die darauf aufmerksam machen sollten, dass man sich in Grenznähe befand. Erst später kamen die Zäune und Minenfelder hinzu.

Foto: Archiv Zunder
6 / 19

Geschwister Lichtenstein: Kurt Lichtenstein mit seiner Schwester Elfriede um 1930. Elfriede Lichtenstein wurde später in Auschwitz ermordet. Bundesdeutsche Behörden lehnten es zu Lichtensteins Lebzeiten ab, ihn für das erlittene Leid der Familie im Holocaust zu entschädigen.

Foto: Archiv Zunder
7 / 19

Im Spanischen Bürgerkrieg: Kurt Lichtenstein hatte, nachdem er 1931 in die KPD eingetreten war, im Spanischen Bürgerkrieg als Freiwiliger bei den Internationalen Brigaden gegen den Putschisten General Francisco Franco gekämpft. Auf dem in dieser Zeit aufgenommenen Bild steht er in der hinteren Reihe (mit Mütze).

Foto: Archiv Zunder
8 / 19

In der Illegalität: Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland arbeitete Kurt Lichtenstein (hinten Mitte) - getarnt als französischer Fremdarbeiter - im thüringischen Suhl für die KPD. Als Jude war er dabei ein hohes Risiko eingegangen.

Foto: Archiv Zunder
9 / 19

Endlich eingestellt: Kurt Lichtenstein 1961 mit Hans Wunderlich, dem damaligen Chefredakteur der "Westfälischen Rundschau". Nach seinem Rausschmiss bei der KPD, für die er auch als Redakteur tätig war, versuchte Lichtenstein jahrelang vergeblich, eine Anstellung als Journalist zu finden. Nachdem er der SPD beigetreten war, nahm ihn das SPD-Blatt.

Foto: Archiv Zunder
10 / 19

Familienvater: Kurt Lichtenstein sitzt im Dezember 1958 mit seinen Töchtern Elfriede und Susanne beim Adventskaffee zusammen. Am Morgen des 9. Oktober 1961 sahen die beiden Mädchen ihren Vater zum letzten Mal.

Foto: Archiv Zunder
11 / 19

Totenfeier ohne Toten: In einem Meer von Blumen und Kränzen stand bei seiner Trauerfeier am 26. Oktober 1961 in Dortmund das Foto des Journalisten Kurt Lichtenstein. Die Asche des Getöteten traf erst Tage später ein - per Post aus Magdeburg.

Foto: dpa
12 / 19

Öffentliche Trauer: Zur Trauerfeier für Kurt Lichtenstein waren nicht nur die Familie, Freunde und Kollegen des Journalisten nach Dortmund gekommen, sondern auch Vertreter von Politik, Wirtschaft und Gewerkschaften. Die Aufnahme zeigt Herbert Wehner, stellvertretender SPD-Vorsitzender (zweiter von links), und Ernst Lemmer (CDU), Bundesminister für gesamtdeutsche Fragen (dritter von links), vor dem Bild des Verstorbenen.

Foto: Archiv Zunder
13 / 19

Warme Worte für die Witwe: Auch Dortmunds Oberbürgermeister Dietrich Keuning (SPD) erschien am 26. Oktober 1961 zur Trauerfeier für Kurt Lichtenstein und sprach der Witwe Gertrud Lichtenstein persönlich sein Beileid aus.

Foto: Archiv Zunder
14 / 19

Gedenken, Teil zwei: Die erste nach Kurt Lichtensteins Tod aufgestellte Gedenktafel wurde bald entfernt und durch diese ersetzt. Das "hinterhältig", das in der ersten Version noch vor dem "ermordet" gestanden hatte, wurde hier weggelassen.

Foto: Archiv Zunder
15 / 19

Die dritte Tafel: 1962 wurde schließlich diese dritte Gedenktafel für den ermordeten Journalisten Kurt Lichtenstein am Ort seines Todes an der Landstraße von Zicherie nach Kaiserwinkel aufgestellt.

Foto: Archiv Zunder
16 / 19

Ein Kreuz für Lichtenstein: In den neunziger Jahren ließ sich der Chef vom Dienst der "Westfälischen Rundschau", Bernd Dagge, an der Gedenkstätte für Kurt Lichtenstein fotografieren. Das Kreuz für den erschossenen Journalisten an der Landstraße von Zicherie nach Kaiserwinkel war 1962 aufgestellt worden.

Foto: Archiv Zunder
17 / 19

Letzte Notizen: Während seiner Recherche Anfang Oktober 1961 entlang der deutsch-deutschen Grenze hatte sich Kurt Lichtenstein die wichtigsten Zahlen notiert: etwa die Länge des Kontrollstreifens, die Zahl der Wachtürme, der gesperrten Eisenbahnlinien, Autobahnen, Bundes- und Landstraßen.

Foto: Archiv Zunder
18 / 19

Bemerkenswert: Was ihm besonders interessant erschien, notierte Journalist Kurt Lichtenstein während seiner Reise in seinem Schreibblock, etwa: "alles deutet darauf hin, daß künftig keine einfachen Soldaten Streifen laufen dürfen". Und auch die Aussage eines Zöllner bezüglich Schmuggelaktivitäten im Grenzraum hielt er fest: "Es ist in den letzten Monaten mächtig ruhig geworden."

Foto: Archiv Zunder
19 / 19

Letzte Station: Kurt Lichtenstein hatte noch viel vor an diesem 12. Oktober 1961, wie aus seinen Notizen hervorgeht. An Nachmittag wollte er offenbar noch nach Helmstedt, Offleben, Schöningen und weiter bis nach Bad Harzburg und Braunlage. Zicherie aber wurde zu seiner letzten Station.

Foto: Archiv Zunder
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?