Top-Spion Sorge "Wenn irgendjemand Hitler vernichtet, dann bin ich das!"
Extrovertierter Agent: In lässiger Pose ließ sich Sowjet-Spion Richard Sorge 1940 in Japan vor einem Warnschild mit der Weisung "Hände weg" ablichten. An Verbote und Etiketten hielt sich der Sohn eines Deutschen und einer Russin zeitlebens nicht: Regelmäßig riskierte er durch unverschämte Sprüche, Affären, Sauf- und Motorradtouren Job und Leben.
DER SPIEGEL
Unternehmen Barbarossa: Am 22. Juni 1941 griff Adolf Hitler mit mehr als drei Millionen deutschen Soldaten sowie 600.000 Kroaten, Finnen, Rumänen, Ungarn, Italienern, Slowaken und Spaniern die Sowjetunion an. Mehrfach hatte Spion Richard Sorge Stalin vor der unter dem Decknamen "Unternehmen Barbarossa" getarnten Invation gewarnt - doch der Diktator ignorierte dessen Depeschen.
Gescheiterter Blitzkrieg: Am 5. Dezember 1941 holte die Rote Armee zum Gegenangriff auf die deutsche Wehrmacht aus. Nachdem 34 für den Winterkampf perfekt ausgerüstete Divisionen aus Sibirien abgezogen worden waren, schlug die Sowjetunion die durch Hunger und Kälte erschöpften deutschen Truppen: Die Strategie des deutschen "Blitzsieges" war gescheitert. Zu verdanken hatte Stalin diesen Triumph unter anderem seinem Spion Richards Sorge, der ihm im September 1941 die Information zugespielt hatte, dass Japan nicht die Sowjetunion in Sibirien angreifen werde.
Kommunistische Leitfigur: Nachdem Richard Sorge 1964 zum "Held der Sowjetunion" erhoben worden war, begann auch in der DDR die Mythifizierung des Top-Agenten. Das Foto zeigt die Enthüllung einer Gedenktafel für Richard Sorge an der Tilsiterstraße in Berlin-Friedrichshain (heute: Richard-Sorge-Straße) durch seinen ehemaligen Funker Max Clausen, rechts, am 6. November 1969.
Signatur im Bundesarchiv: Bild 183-H1106-0026-001
"Trinkt viel Grog": Richard Sorge, "Kundschafter" der Roten Armee, versorgte die Sowjetunion seit 1933 mit Informationen aus Japan. Der Lebemann mit den hohen Wangenknochen und den tiefblauen Augen besaß eine magische Anziehung auf Frauen, nicht selten hatte der Spion mehrere Geliebte auf einmal. Journalist Friedrich Sieburg, der Sorge in Japan kennenlernte, beschrieb ihn einmal so: "Wildes, aber inniges Gesicht, von Ostasien geprägt. Trinkt viel Grog."
Signatur im Bundesarchiv: Bild 183-R0206-307
Begeisterter Patriot: 1895 als Sohn eines deutschen Ingenieurs und einer Russin in Adschibend bei Baku (im heutigen Aserbaidschan) geboren, siedelte die Familie von Richard Sorge 1898 nach Berlin über. Als der Erste Weltkrieg ausbrach, zog Richard Sorge begeistert an die Front. Das Foto zeigt Sorge im Jahr 1915 gemeinsam mit Erich Correns, dem späteren Präsidenten des Nationalrats der Nationalen Front der DDR, im Lazarett Berlin-Lankwitz.
Signatur im Bundesarchiv: Bild 183-Z0519-022
Filmreif: 2003 kam "Richard Sorge - ein Spion aus Leidenschaft" (englischer Titel: "Spy Sorge") in die Kinos, verfilmt wurde das Wirken des Top-Agenten von dem japanischen Regisseur Masahiro Shinoda. Die Rolle Sorges verkörperte der schottische Charakterdarsteller Ian Glen, in die Rolle des deutschen Diplomaten Eugen Ott schlüpfte Ulrich Mühe. Zuvor hatten sich bereits zahlreiche Schriftsteller, Comic-Autoren und Filmemacher an den Stoff gewagt, so auch Veit Harlan, Urheber des antisemitischen Hetzstreifens "Jud Süß".
Wichtigster Mitstreiter: Der japanische Journalist Hotsumi Ozaki arbeitete für die Zeitung "Asahi Shinbun" und als Berater für den Premierminister Konoe Fumimaro. Ihm verdankte Spion Richard Sorge wichtige Insider-Informationen aus japanischen Regierungskreisen. Ozaki wurde am 7. November 1944 unmittelbar vor Sorge gehenkt - als einziger Japaner während des Kriegs wegen Verrats. Während seiner Haftzeit hatte er Briefe an seine Frau und Tochter geschrieben, die nach seinem Tod erfolgreich verlegt wurden. Nach der Veröffentlichung wandelte sich in der Öffentlichkeit sein Image vom Landesverräter zum Anti-Kriegs-Helden.
Jahrzehntelang totgeschwiegen: 1961 beleuchtete die französisch-italienisch-japanische Co-Produktion "Wer sind Sie, Dr. Sorge?" das Wirken des Spions Richard Sorge. Doch erst drei Jahre später, als der Kreml endlich Kritik an Diktator Josef Stalin zuließ, wurde der Kinostreifen auch in der UdSSR gezeigt. In den Jahrzehnten zuvor hatte man Stalins Agenten hartnäckig totgeschwiegen. Das Foto zeigt ein Filmplakat von "Wer sind Sie, Dr. Sorge?" in Moskau.
"Guter" Deutscher: Nachdem die UdSSR Richard Sorge 1964 rehabilitiert hatte, beeilte sich auch die DDR, den Top-Spion als "guten" Deutschen zur kommunistischen Leitfigur zu glorifizieren. Nach Sorge wurden Straßen und Plätze benannt, Ehrenplaketten produziert (Foto Mitte)...
...und Sonderbriefmarken gedruckt. Zudem wurde etwa eine Arbeitsbrigade im "VEB Berliner Bremsenwerk", aber auch ein Schnellboot der DDR-Volksmarine auf den Namen Richard Sorge getauft.
"Herr Sorge saß mit zu Tisch": Im Jahr 1951 beschrieb SPIEGEL-Chefredakteur Rudolf Augstein mit einer 16-teiligen Serie Leben und Werk des Spions Richard Sorge. Titel der Serie: "Herr Sorge saß mit zu Tisch". Das SPIEGEL-Cover vom Juni 1951 ziert Agnes Smedley, eine US-amerikanische Journalistin, die eng mit Sorge zusammenarbeitete - und zeitweise auch das Bett mit ihm teilte.
Vom Freiwilligen zum Kriegsversehrten: 1917 zerfetzte ein Schrapnell beide Beine Richard Sorges, nur mit Mühe konnten die Ärzte ihn retten. Nach der Operation im Militärkrankenhaus von Königsberg (Foto) war sein linkes Bein zwei Zentimeter kürzer als das rechte. Sorge hinkte zeitlebens und wurde im Januar 1918 vorzeitig aus der Armee entlassen. Seine Kriegsverletzung diente Sorge später zur Untermauerung seiner Glaubwürdigkeit: Zahlreiche deutsche Militärs und Beamten brachten dem Weltkriegsveteran ihr ungebrochenes Vertrauen entgegen.
"Stolz auf sein Werk": Am 18. Oktober 1941 spürte die japanische Geheimpolizei den Sowjet-Spion Richard Sorge in Tokio auf, im "Sugamo"-Zuchthaus (Foto) fristete er die letzten Jahre bis zu seinem Tod durch den Strick am 7. November 1944. "Er machte den Eindruck eines Mannes, der stolz ist, ein großes Werk getan zu haben, und der sich nun darauf vorbereitet, den Schauplatz seines Wirkens zu verlassen", gab Karl Hamel, der Dolmetscher von Oberst Josef Meisinger, zu Protokoll. Hamel hatte den Agenten kurz vor dessen Hinrichtung im "Sugamo"-Gefängnis besucht.
Ring aus Zahngold: Hanako Ishii lernte Spion Richard Sorge 1935 in der Tokioer Bar Rheingold kennen, wo sie als Animierdame arbeitete. Nach seiner Hinrichtung spürte die Geliebte des Agenten die sterblichen Überreste Sorges auf und setzte seine Asche auf dem Tama-Friedhof in Tokio bei. Aus dem Zahngold des Toten ließ sie sich einen Ring anfertigen, den sie bis zu ihrem Tod im Jahr 2000 niemals auszog. Das Foto zeigt die Geliebte Sorges im Mai 1986 an dessen Grab.
"Wilde, blutige Rauferei": 1914 meldete sich Richard Sorge freiwillig an die Front. Seinen 19. Geburtstag verbrachte er im Schützengraben am Ufer der Yser, dreimal wurde er schwer verletzt. "Diese wilde, blutige Rauferei hat mich und meine Kameraden zutiefst erschüttert", schrieb er später - die Gräuel des Ersten Weltkriegs ließen Sorge zum glühenden Pazifisten und Kommunisten werden.
Durch die Wand: 1985, im Jahr des 90. Geburtstags von Richard Sorge, wurde in Moskau mit diesem Denkmal an Stalins Meisterspion erinnert. Es zeigt einen Mann mit dämonischem Blick im Regenmantel, der durch eine Wand zu treten scheint.