Taktikanalyse zur Tour de France So gewinnt man eine Sprintetappe
Er ist der Rockstar des Radsports: Peter Sagan vom deutschen Team Bora-hansgrohe. Bei der diesjährigen Tour de France könnte der Slowake zum sechsten Mal in Serie das Grüne Trikot für den besten Sprinter der Frankreich-Rundfahrt gewinnen.
Um den 27-Jährigen herrscht ein regelrechter Hype. Warum? Sein langes Haar, die Vergangenheit als Mountainbiker, seine legendären Bergabfahrten mit maximaler Geschwindigkeit und Zieleinfahren auf dem Hinterrad - es gibt viele Gründe, warum Sagan so populär ist. Außerdem ist er ziemlich erfolgreich.
Ein Einzelkämpfer ist Sagan trotz der großen Show um ihn aber nicht. Er ist ein Teamplayer, denn er beherrscht eine Disziplinwertung, die wie kaum eine andere eine Mannschaftsleistung ist: Es geht um den Sprint. Es gibt vier Phasen, die wichtig für einen Erfolg im Sprint sind. Hier sind sie.
Vor dem Tour-Start muss das Ziel feststehen, das ist die erste Phase: Soll das Grüne Trikot, die Bergwertung oder das Gesamtklassement anvisiert werden? Bei Bora-hansgrohe gehen mit Sagan und dem zweimaligen Bergtrikot-Sieger Rafal Majka gleich zwei Spitzenfahrer mit hohen Zielen (Sprintwertung, Sagan, und eine Top-Ten-Platzierung in der Gesamtwertung, Majka) auf die Rundfahrt.
Für die Teamplanung heißt das: Beide Fahrer, Sagan und Majka, brauchen einen guten Mix aus Helfern, die sowohl im Klettern als auch im schnellen Fahren ihre Stärken haben und sich in den Dienst der Mannschaft stellen.
Im Rennen wird der Top-Fahrer von seinen Teamkollegen umsorgt. Schutz bestimmt die zweite Phase: Windschatten gestatten, Verpflegung und Getränke besorgen - alle Kraft für den König, dem die Etappe so leicht wie möglich gemacht wird. Nicht zu vergessen sind die Mannschaftsbetreuer, die vom Auto oder auf dem Motorrad ihre Truppe nie aus den Augen verlieren dürfen und im Notfall schnell reagieren müssen: Ein platter Reifen, keine schnelle Reparatur, und schon könnten wichtige Punkte verloren sein.
So alleine wie hier ist Sagan selten unterwegs. Fast immer wird der Spitzenfahrer von seinen Teamkollegen begleitet.
So wie hier: An der Spitze des Feldes dirigiert Sagan das Tempo. Oft übernehmen seine Mannschaftskollegen diese Arbeit, damit der Top-Fahrer so erholt wie möglich zum Zielsprint ansetzen kann.
Erschwert wird die Arbeit durch die Bewegungen der Konkurrenz. Kontrolle ist die dritte Phase einer Sprintetappe.
Ein Team muss stets andere Fahrer im Blick behalten, damit keine Fluchtgruppen entstehen und der Top-Fahrer im entscheidenden Moment Sprintpunkte sammeln kann. Bei einem Zielsprint sollte spätestens 15 bis 20 Kilometer vor dem Finish der Sprinter möglichst weit vorne im Feld platziert sein.
Auf den letzten Kilometern bis zum Ziel heißt es Tempo geben, es ist die vierte Phase. Mit jedem gefahrenen Meter erhöht das Team die Geschwindigkeit, bis zu einer Geschwindigkeit von 60 km/h und mehr. Ganz wichtig dabei: In einer fest vereinbarten Reihenfolge wechseln sich die Helfer des Top-Fahrers an der Spitze und im Wind ab.
Gefahr geht von Solisten aus, die sich an das Hinterrad des Top-Fahrers geklemmt haben und im letzten Moment doch noch aus dessen Windschatten herausfahren. Manche Fahrer können mit ihrer Krafteinteilung für die Tour mehr Risiko eingehen und sich völlig verausgaben, weil sie nur auf einen Etappensieg spekulieren, nicht aber auf den Gewinn des Grünen Trikots.
Auf den Metern kurz vor der Ziellinie ist der Top-Fahrer voll auf sich alleine gestellt. Dann entscheiden seine letzten Kraftreserven, ob er die volle Punktezahl für den Etappensieg mitnimmt oder weniger Punkte. Hier triumphierte Sagan auf einer Tour-Etappe 2016 (noch im Trikot der mittlerweile aufgelösten Mannschaft Tinkoff) vor Chris Froome.