Trabi-Geschichte Mumie mit Herzschrittmacher
Beerdigung in Pink: Am 30. April 1991, um 14.30 Uhr, rollte der letzte Trabant in den Sachsenring Automobilwerken Zwickau vom Band. Exakt 3.096.099 Trabant hat die DDR seit 1957 hervorgebracht. Der letzte Plastebomber, ein pinkfarbener "Universal 1.1" mit der Aufschrift "Trabant - Legende auf Rädern" kam ins Automobilmuseum nach Zwickau.
Trabi mit VW-Herz: Im Mai 1990 rollten die ersten Trabant mit dem Viertakt-Otto-Motor unter der Duroplast-Haube vom Band. Als "Trabi-Wolf im Schafspelz" bezeichnete die "Auto-Bild" das Gefährt - kaufen wollte es in der DDR kaum noch einer.
Einer faltet, einer klebt: Am 7. November 1957 rollte der Trabant P 50 erstmals aus der Montagehalle des VEB Automobilwerk Zwickau. Die technischen Daten: 500 Kubikzentimeter Hubraum, 18 PS, 90 Stundenkilometer Spitze. Sofort verulkte man das neue Gefährt - mit einem der unzähligen Trabi-Witze: "Wie viele Arbeiter sind nötig, um den Trabant zu bauen? Zwei. Einer faltet, einer klebt."
Signatur im Bundesarchiv: Bild 183-52061-0001
Treuer Weggefährte: "Trabant", lateinisch für "Begleiter" oder auch "Weggefährte" (russisch: "Sputnik") taufte die DDR-Führung ihr Volksauto - in Anlehnung an den Start des russischen Satelliten Sputnik im Jahr 1957. Auf dem Foto: Ein Mitarbeiter des VEB Automobilwerks Zwickau beim Fertigen des neuen Gefährts.
Signatur im Bundesarchiv: Bild 183-52061-0005
Aus der Not geboren: 1958 führte diese Dame lächelnd vor, wie übersichtlich und leicht die Bedienung des damals neuen Trabant sei. Da in der DDR Blech knapp war, entwickelte Ingenieur Werner Barthel das Duroplast: Baumwollabfälle aus der Sowjetunion, die mit Phenolharz zu Karosserieteilen verpresst wurden.
Signatur: Bild 183-52061-0022
Anachronismus vom Band: 1970 war der mit einem Zweitakter ausgestattete Trabant technisch längst überholt - die Arbeiter im VEB Sachsenring Automobilwerke Zwickau schraubten trotzdem weiter an dem anachronistischen Gefährt. Der Grund: Das Politbüro boykottierte jegliche Versuche der Trabant-Ingenieure, moderne Modelle auf den Markt zu bringen. Die SED-Führung begründete ihre Entscheidung mit dem Hinweis, die Nachfrage nach dem alten Trabant sei doch völlig zufriedenstellend.
"Däng, däng, däng, deräng": Lärmend und stinkend quälte sich eine kilometerlange Trabi-Karawane am 11. November 1989 nach der Öffnung der Grenzen am Grenzübergang Rudolphstein in den Westen. "Die deutsche Einheit hatte ein Geräusch", schrieb damals die "Auto Bild": "Däng, däng, däng, deräng."
Der Mythos lebt weiter: Ein 5,40 Meter langer Trabant auf dem Ausstellungsgelände des 13. Internationalen Trabantfahrer-Treffens 2006 in Zwickau. Der zu DDR-Zeiten gern auch "Gehhilfe", "Mercedes Krenz" oder "überdachte Zündkerze" genannte Wagen hat längst Kultstatus: Mehr als 150 Fanclubs huldigen deutschlandweit der Duroplast-Legende.
"Keine Panik vor Pappe": Als bekennender Trabant-Fahrer sorgt Udo Lindenberg seit Jahren für mediale Freude. "Keine Panik vor Pappe" rief der Rocker 1996 in die Menge, als er kurz vor seinem 50. Geburtstag in Zwickau seinen ersten Trabi geschenkt bekam. Das Foto zeigt ihn im Mai 2006 vor dem Hamburger Hotel "Atlantic" nebst einem goldenen Trabant 444 und dem obligatorischen Eierlikör.
Sinfonie in himmelblau: BRD-Beamte begrüßten nach dem Fall der Mauer die Neuankömmlinge aus dem Osten am Grenzübergang Helmstedt - angereist im himmelblauen Trabant.
Viertakter-Herz für den Trabant: Carl H. Hahn (geboren 1926 in Chemnitz) lenkte zwischen 1982 und 1993 als Vorstandsvorsitzender die Geschicke des VW-Konzerns. Der Industriemanager war wesentlich an der in den achtziger Jahren eingefädelten Kooperation zwischen VW und Ostberlin beteiligt, die zum Einbau von Polo-Viertaktmotoren in den Trabant führte.
Strohfeuer:Mit dem Slogan "Der kleine mit den großen Möglichkeiten" bewarben die Hersteller 1990 den Trabant 1.1 Pick-Up (hier das Cover eines Werbeprospektes) - doch gab es ihn letztlich nur in Form sehr weniger Prototypen.
Kurzer Spaß: Als "Freizeitspaß der neunziger Jahre" pries man in Zwickau den Trabant "1.1 Tramp" an - vergeblich. Kaum einer war bereit, den stolzen Preis von 14.820 Mark für das Auto auszugeben.
Zu spät: Mit dem Spruch "Wann brauchen Sie schon einen 60-Tonner?" versuchten die Werber, den DDR-Bürgern den neuen Trabant 1.1 schmackhaft zu machen. Doch der Ost-Wagen mit dem VW-Motoren hatte keine Chance, als er im Mai 1990 schließlich in Serie ging: Die Ostdeutschen zogen gebrauchte West-Fabrikate vor, zumal der Trabant 1.1 äußerlich kaum von dem alten 601er-Modell zu unterscheiden war.
"Automobile Ausweglosigkeit":Diesen Trabant in leuchtendem Gelb nahm Fotograf Gerhard Kiesling 1989 im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg auf. Als "automobile Ausweglosigkeit" schalt der in Ostberlin geborene Schriftsteller Thomas Brussig das Ost-Gefährt 2007 im SPIEGEL.
Väter des Trabant: Der neue "P70", Vorgänger des Trabant, wurde 1955 in Zwickau vorgestellt und gleich einem Belastungstest unterzogen.
Kurz vor Schluss: Säuberlich reihten sich zu DDR-Zeiten auch gern als "Gehhilfe" verspotteten Trabant-Autos am 26. März 1991 vor den Sachsenring Automobilwerken in Zwickau aneinander. Vier Tage später endete die Produktion: Am 30. April 1991 rollte hier der letzte Trabant vom Band.
Pony statt VW-Motor: Erhard Dannenberg aus Holdorf baute sich eigenhändig eine Kutsche - aus einem Trabant, den er vorne aufgeschnitten hatte. Der neue Motor: Pony Moritz.
Vom Regime verhindert: 30 Jahre lang versuchten Ingenieure aus Zwickau um Chefkonstrukteur Werner Lang, den längst überholten Trabi technisch zu verbessern. So konzipierten sie etwa diesen Trabant P 603 aus Stahlblech mit kurzer Schnauze, unter der ein Vierzylinder-Viertakter mit 850 Kubikzentimetern Hubraum eingebaut wurde. Bis 1969 wurde der Vollheck-Prototyp getestet, 1970 sollte die Serienproduktion anlaufen. Doch das Politbüro um SED-Wirtschaftboss Günther Mittag schmetterte das hoffnungsvolle Modell ab. Es sei kein Geld da, der alte Trabant 601 würde allen Anforderungen genügen.
Das Foto wurde vom August Horch Museum Zwickau zur Verfügung gestellt.
Es ging auch komfortabler: Elegant, komfortabel, auf dem Stand der Technik. Dieses Vorzeige-Cabrio aus den achtziger Jahren war allerdings nur Angehörigen der Regierung vorbehalten. Es wurde vor allem bei Staatsempfängen eingesetzt.
Ich empfehle jedem Autoliebhaber oder Technikfreak einen Besuch im August-Horch-Museum in Zwickau. Keine verstaubten Fabrikhallen, sondern modern und übersichtlich gestaltete Ausstellungsräume mit der automobilen Technik von 1900 bis zur Wende. Dort lassen sich auch alle Baureihen des Trabi von der Entwicklung bis zur Produktionseinstellung bewundern.