Tschernobyl-Tourismus: Strahlung, Selfies, Souvenirs - DER SPIEGEL
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Tschernobyl-Tourismus Strahlung, Selfies, Souvenirs

Blindekuh mit Geigerzähler: Die Strahlenwüste von Tschernobyl ist ein morbides Reiseziel, ein Abenteuerspielplatz fürs Selfie-Publikum. Hier floriert der Schwarze Tourismus - manche nennen es auch "Ruinen-Porno".
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Das Riesenrad von Prypjat gehört zu einem Freizeitpark, der am 1. Mai 1986 eröffnet werden sollte - doch dann kam die Katastrophe von Tschernobyl dazwischen. Heute ist der Park verwaist. Bis auf die Besuchergruppen, die den Reaktor und die Umgebung besichtigen. Die Sperrzone rund um Tschernobyl ist eine Hochburg des Schwarzen Tourismus zu Albtraumstätten.

Foto: DER SPIEGEL/ Hilmar Schmundt
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Alexander Rybak, hier vor dem Riesenrad, ist Touristenführer. Aber diesen Begriff hasst er und nennt sich lieber "Explorer". Er sagt: "Es gibt nicht das eine Tschernobyl. Jeder sieht das, was er mitbringt."

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Letzte Warnung: Nach der Katastrophe an Block 4 hatten die sowjetischen Behörden eine Sperrzone mit einem Radius von 30 Kilometern rund um das Kraftwerksgelände errichtet, vor allem wegen der Belastung durch Cäsium-137 mit einer Halbwertszeit von 30 Jahren. Die ist jetzt vorbei, die Region aber weiterhin stark verstrahlt.

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Ein verlassenes Krankenhaus zählt zu den Attraktionen in der Sperrzone, die von vielen Besuchergruppen angesteuert wird. Oft sind die Touristen aufgekratzt wie bei einem Schulausflug, im Wissen, dass sie hier ganz besondere Selfies schießen können.

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In einer vor 30 Jahren evakuierten Schule liegen Gasmasken auf dem Boden, auf den Tischen vergilbte Lehrbücher, sowjetische Propaganda hängt an den Wänden. An manchen Orten wirkt es, als seien die Relikte aus den letzten Jahrzehnten für die Besucher drapiert.

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Juri Urbanski setzt sich mit der ukrainischen Umweltschutzorganisation Necu, die er leitet, für den Atomausstieg ein. Eine unpopuläre Idee derzeit, denn Kernenergie bedeutet Unabhängigkeit vom verhassten Russland, daher macht sie rund die Hälfte im Energiemix der Ukraine aus. "Die Ukrainer denken leider immer nur einmal im Jahr an Tschernobyl, nämlich zum Jahrestag", sagt Urbanski.

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Und ständig knarzt der Geigerzähler: Die Ruinenstadt Prypjat ist eine Risikolandschaft. Grün ist hier nicht die Farbe der Hoffnung, sondern eher eine Warnfarbe - insbesondere der Boden, Moos, Gras und Laub sind oft stärker belastet als die Umgebung.

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Souvernirs, Souvenirs: Wer vor Ort ein informatives Museum erwartet oder wenigstens einen Buchladen, wird enttäuscht. Ein Restaurant in der Ortschaft Tschernobyl verkauft Erinnerungs-T-Shirts und Postkarten. Alles Weitere ist den Besuchern selbst überlassen. Kein Aufklärungsort, nirgends.

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Das Tschernobyl-Museum in Kiew bietet ein Sammelsurium an Exponaten, darunter diese Porträts, und ist eher ein Ort der Trauer als der Erkenntnis.

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Schnelle Schnappschüsse: Den meisten Besuchern kommt es ohnehin auf das morbide Flair des Ortes an. Für sie wird die Katastrophe, der größte Atomunfall der Geschichte, durch geführte Touren konsumierbar gemacht. Für die Anbieter ist das lukrativ: In der Ukraine verdienen viele Menschen pro Monat kaum mehr, als eine Zonen-Tour kostet.

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Für Alexeij, den "Explorer", ist Tschernobyl ein Stück Familiengeschichte. Seine Familie wurde umgesiedelt, als er ein Kind war, später studierte er Englisch und Literatur. "Herzlichen Glückwunsch, dass Sie den verrücktesten Ort der Welt besuchen", begrüßt er neue Touristen.

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Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?